Nachdem Demi Moore sich mit ihrer mutigen Performance in The Substance in die erste Reihe der Award-Favoriten katapultierte, schickt sich Kollegin Nicole Kidman mit einer mutmaßlich ebenfalls ungewohnten Rolle in Babygirl an, ebenfalls die Kritiker zum Staunen zu versetzen. Zurecht?

Die Inhaltsangabe von Babygirl
Romy Miller (Nicole Kidman) ist Gründerin und CEO eines Unternehmens, das gerade an der Börse durchstartet. Privat ist sie glücklich verheiratet mit einem renommierten Theaterregisseur (Antonio Banderas) und Mutter zweier Töchter. Unter den neuen Praktikanten in Romys Firma ist auch Samuel (Harris Dickinson), der sich selbstbewusst über alle Regeln hinwegsetzt, Romys Dominanz herausfordert und unterdrückte Leidenschaften in ihr entfacht. Sie beginnen eine Affäre, die bald alle Grenzen sprengt. Romy kann nicht mehr zurück, verliert zunehmend die Kontrolle und setzt damit alles aufs Spiel.
Kontrollaufgabe
Eine Frau, die im beruflichen Kontext alles unter Kontrolle hat. Als CEO eines fortschrittlichen Robotik-Unternehmens bekleidet sie eine Führungsposition mit innovativen Ideen, zahlreichen Mitarbeitern und medialer Präsenz. Vor der Kamera vermarktet sie sich als Frau, die es geschafft hat. Ein Vorbild für andere, die im hegemonialen System Karriere machen möchten. Für Außenstehende wirkt die Businessfrau unerreichbar, unantastbar; ihre Machtposition wird bewusst performativ inszeniert.
Auch das Privatleben von Romy wirkt makellos: Mit ihrem Ehemann Jacob, einem gefragten Theaterregisseur, und ihren zwei Kindern wohnt sie in einer luxuriösen Penthouse-Wohnung. Das größte Problem ihrer intakten Familie scheint, dass ihre rebellische Teenager-Tochter nicht die passende Garderobe für das alljährliche Familienfoto wählt. Alles, was nicht ihrer Kontrolle unterliegt, führt zu Verunsicherung. Doch diese dominante Denkweise würde die Frau mittleren Alters in ihren lüsternen Träumen gerne abgeben.
Sexuelle Begierde als Trugschluss
Regisseurin Halina Reijn prangert an, dass Sex im Mainstream-Kino lange nicht stattgefunden hat. In ihrem dritten Spielfilm möchte sie Wahrhaftigkeit dieses Begehrens offenlegen. Sexuelle Sehnsucht lässt sich nicht ausschließlich anhand von menschlicher Logik abhandeln. Fetische entstehen durch das Verborgene, Nichtmessbare, das Abseits des alltäglichen Lebens. Inspiration fand Haijn in Erotik-Klassikern wie Basic Instinct von Paul Verhoeven; der niederländische Filmemacher gilt als Vorreiter obszöner Provokationen und versteckter Begierde in Hollywood. Doch Haijn vermag es nicht, Verhoevens resoluten Erzählungen nahezukommen.
Babygirl startet mit mutmaßlich leidenschaftlichem Geschlechtsverkehr eines Ehepaars, doch der Schein trügt. Es wird offenbart, dass sich Romy auf ihrem Mann aufgrund von Routine räkelt, als wäre die nächtliche Liaison ein Eintrag im Terminkalender. Sie hat Sehnsüchte und Fetische, die ihr der langjährige Partner nicht erfüllen kann oder möchte. Als sie den jungen Praktikanten Samuel kennenlernt, blickt dieser augenblicklich hinter die selbstsichere Fassade und startet das verruchte Machtspiel, worauf sich Romy aufgrund ihres Status und der aufgebauten Dominanz nicht gleich einlassen kann. Ihre Entscheidung ist jedoch längst gefallen. Das alltägliche Gefüge soll aufgebrochen werden. Als sie in einer Schlüsselszene die von Samuel georderte Milch trinkt, wirkt es, als würde sie sich der Affäre endgültig hingeben.
Kultureller Symbolismus
Milch steht für die Schöpfung, für die Reinheit. Kulturhistorisch symbolisiert es kindliche Unschuld, also all das, wonach sich die Frau sehnt und ihre eigentlichen Persona untergräbt. Es ist löblich, dass die Fetischisierung und Aufbrechen sexueller Tabus nicht im Vordergrund steht; mit Erotikfilmen wie Fifty Shades of Grey hat sich das US-Kino schon an biederen BDSM-Fantasien versucht. Babygirl zeichnet Sexszenen, die für den Zuschauer unbeholfen und ironisch wirken, doch für die Charaktere den gewünschten Zweck erfüllen. Allerdings spiegelt sich die angeführte Symbolik und der Hang nach realistischer Verortung des sexuellen Treibens nie in der Inszenierung wider. Orientierungslos taumelt die Kamera umher und verläuft sich im Spiel mit Unschärfen. Raumgebundenheit wird mit Intimität verwechselt. Abbildungen ohne Anbindungen entstehen.

Was möchten die erfahrene Ehefrau und der triebhafte Jüngling voneinander? Beides sind Charaktere mit versteckten Komplexen, die Zuneigung nur durch ihre gesellschaftlich geprägten Vorstellungen von anrüchiger Intimität ausdrücken können. Babygirl weiß filmisch mit diesen versteckten Sehnsüchten der Charakter wenig anzufangen. Sie werden durch repetitive Montagen und bizarre Machtspiele geeilt, während Haijn ihnen nur selten Momente genuiner Menschlichkeit schenkt.
Zweckmäßiges Oberflächenkino
Oberflächenkino, das nicht weitergedacht wird und die angedeutet komplexen Gefühlsleben der Sinnsuchenden im System verenden lässt. Zudem wirkt die addierte Schönheitsideal-Thematik ungelenk – und im Genrefilm The Substance wurde dies zuletzt ohnehin spannender und provokativer verhandelt. Viele sehen in der von Nicole Kidmans porträtierten Protagonistin die Reminiszenz der Alice Harford aus Eyes Wide Shut. Zwar verschreibt sich Kidman der Rolle abermals vollumfänglich, ihre Aufopferung verkommt allerdings zu der veranschaulichten Emphase, die von der Inszenierung nicht ersetzt werden kann. Wenn Kidman vor der von Harris Dickinson gespielten Figur kniet und Süßigkeiten aus seiner Hand frisst, dann existiert dieses Bild nur aus sich heraus.
Haijns Erstversuch in Übersee Bodies Bodies Bodies ist thematisch fernab, besticht eher als medialer Gimmick-Thriller, doch die ironisierte Narration verläuft in beiden Filmen analog. Anhand einzelner Szenen und konzeptioneller Figuren soll sich an ein zuvor auserkorenes Publikum angebiedert werden. Ein bewusstes Antizipieren einer viralen Vermarktung hat sich in das Kino aufstrebender Filmemacher geschleust.
Inhaltlich ließe sich Babygirl mit dem Debütfilm der niederländischen Autorenfilmerin vergleichen. In Instinct – Gefährliche Begierde verliebt sich eine Kriminalpsychologin in einen manipulativen Sexualstraftäter. Eine Frau gibt sich in die Hände eines sozial „untergeordneten“ Mannes. Inwiefern das zeitgenössische Kino diese Art von filmischen Machtspielen braucht, kann jeder für sich entscheiden.
© Constantin Filmverleih
Unser Fazit zu Babygirl
Halina Reijns löblicher Ansatz, einen aufgeladenen Erwachsenenfilm zu drehen, funktioniert inhaltlich aufgrund des Gedankens, dass sich menschliche Gefilde und sexuelle Interessen nicht immer auf logischer Ebene ergeben. Leider entwickelt sich Babygirl schnell als konfus gefilmte Aneinanderreihung von charakterlosen Szenen, in der die Hauptdarsteller zum Mittel für das zweckgebundene Einzelbild degradiert werden.
