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    Der Fremde

    Jan Wernervon Jan Werner11. Januar 2026Keine Kommentare4 min Lesezeit
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    © Foz - Gaumont - France 2 Cinema
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    Mit seiner meisterlichen Neuinterpretation von Albert Camus’ gleichnamigem Literaturklassiker Der Fremde gelingt François Ozon ein virtuoses Werk von zeitloser Relevanz. Was macht diesen Film so besonders?

    Darum geht’s in Der Fremde

    Meursault, ein stiller, unauffälliger Angestellter Anfang dreißig, nimmt ohne sichtbare Gefühlsregung an der Beerdigung seiner Mutter teil. Am nächsten Tag beginnt er eine Affäre mit seiner früheren Kollegin Marie und kehrt in seinen gewohnten Alltag zurück. Dieser wird jedoch bald durch seinen Nachbarn Raymond gestört, der Meursault in seine zwielichtigen Machenschaften hineinzieht – bis es an einem glühend heißen Tag am Strand zu einem schicksalhaften Ereignis kommt.

    Key-Art © Foz – Gaumont – France 2 Cinema

    Der Anti-Film im Blockbuster-Winter

    Es ist immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich Projekte in ein und demselben Medium, die gleichzeitig ein Publikum erreichen wollen, sein können. Ausgerechnet rund um Weihnachten, wenn traditionell die großen Studios die brachialsten Geschütze aus ihrem Blockbuster-Köcher loslassen, landet dann eben auch so ein künstlerisches Werk wie Der Fremde in einem der freien Säle neben all den massentauglichen Streifen.

    Kino zwischen Cameron und Camus lautet also die Devise zum Jahreswechsel auf 2026, 3D-HFR-HDR-Reizüberflutung mit den buntesten Bildern, die man auf die Leinwand zaubern kann, gegen eine Verfilmung von einem philosophischen Roman aus dem 20. Jahrhundert in monochromer Fotografie – aber dabei nicht minder ästhetisch, für das cinephile Publikum wahrscheinlich sogar wesentlich schöner anzusehen.

    Brauchen Antihelden die Schwarzweißoptik?

    Vorletztes Jahr machte bei Netflix ebenfalls eine Literaturverfilmung in ihren bestechend-betörenden schwarzweißen Bildern Schlagzeilen: Die Patricia Highsmith-Neuadaption Ripley mutet auf den ersten Blick doch ziemlich ähnlich an wie nun Ozons Der Fremde. Und inhaltlich geht es auch in beiden Geschichten um psychologisch auffällige Männerfiguren, wobei die beiden doch grundsätzlich an anderen Stellen eines Problemspektrum einzuordnen sind. Denn während Ripley ein notorischer Aufschneider, Lügner und Narzisst ist, ist Meursaults eher, dass er nicht mal zu eigenen Gunsten Lügen kann (?).

    Ozon schafft es die Essenz von Camus zeitlosem Gedankenspiel in Bezug auf die moralischen Grundsätze ebenso zeitlos einzufangen und dass, obwohl oder gerade weil er sich bewusst für eine werktreue zeitliche und geographische Verortung und gegen eine Abstraktion ins Hier und Heute entscheidet. Hierbei passt dann auch die schwarzweiße Visualisierung perfekt in die Konzeption der Adaption, weil man damit nochmal unterstreicht, keine Mode nachrennen zu wollen, sondern schlicht den Geist der universellen Geschichte aufrecht halten will.

    Inhaltlich zeitlos, darstellerisch virtuos

    Selbstverständlich spielten sowohl in der Vorlage als auch nun im Film die politischen Ebenen des französischen Kolonialismus in Nordafrika eine prägende Rolle. Der moralphilosophische Überbau in Hinblick auf das Verhalten – oder besser Nichtverhalten – des Protagonisten ist jedoch essentiell als Gedankenexperiment davon auch loszulösen und theoretisch ins heute übersetzbar.

    Dass es aber hier so gut gelingt, die Fragen schon während der Sichtung und noch lange nach dem Verlassen des Kinosaals dem Publikum mitzugeben, liegt dann zu einem großen Teil an der herausragenden Darstellerleistung von Benjamin Voisin, der hier wirklich eine sensationelle One Man Show abliefert. Meursault wandelt mit einer derartigen Gleichgültigkeit – die ihm ja schließlich auch zum Verhängnis wird – durch die Welt, dass es extrem schwerfällt, sich irgendwie in ihn hineinzuversetzen. Das zu spielen ist eine große Challenge. Doch Voisin schafft es genau die richtige Ausstrahlung zu entwickeln, dass man trotz der streckenweisen Verachtung für seine Figur zwischen all den Kopfschüttlern sich einer gewissen Faszination für den Antihelden der Geschichte nicht erwehren kann.

    Über weite Strecken sind es vor allem seine leeren Blicke in seinen großen Augen, die perfekt die Gefühlskälte ausdrücken vermögen, aber immer wieder doch auch ein Stück menschlicher Regung andeuten. Besonders wenn er vor dem Spiegel steht und Meursault selbst versucht sich irgendwie zu verstehen, geht das Schauspiel wirklich unter die Haut.

    Benjamin Voisin als Meursault © Foz – Gaumont – France 2 Cinema

    Voisin muss über die zweistündige Laufzeit auch gar nicht oft oder ausufernd sprechen, aber die minimalistisch-nihilistischen Sätze seiner Aussagen vor Gericht, die schwer zu verdauenden Gespräche mit Marie, die bedingungslose Liebe für ihn empfindet und dann vor allem sein doch unerwartet emotionaler Ausbruch im sensationellen Dialog mit einem Geistlichen kurz vor seiner bevorstehenden Hinrichtung, bleiben durch die Performance wohl über viele Tage vor Augen und lange im Gedächtnis.

    Wie auch das moralphilosophische Standardwerk des französischen Religionskritikers Camus ist die Ozon-Interpretation von Der Fremde eine intellektuelle Herausforderung, ein Weckruf zum Hinterfragen bestimmter moralischer Instanzen und vor allem eine ausgezeichnete Diskussionsgrundlage, was man von der „Konkurrenz“, die derzeit in den Sälen neben Vorstellungen dieses Films läuft, nicht behaupten kann.

    © Foz – Gaumont – France 2 Cinema

    Unser Fazit zu Der Fremde

    4.0 Stark

    Nicht unberechtigt hat Der Fremde in Venedig die Kritiker begeistert. Dank einer herausragenden Soloshow von Benjamin Voisin, einer zeitlosen, aber dennoch sehr ästhetischen Bebilderung und einer herausragenden Übertragung der moralischen Konflikte der Vorlage in eine filmisch packende Dramaturgie ist dieser Schwarzweißfilm ein kleines Highlight von François Ozon.

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    Jan Werner

    Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

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