Channing Tatum steigt aufs Dach: In Roofman wird der 22 Jump Street-Star zum Räuber mit skurriler Zuflucht – nach wahrer Geschichte. Wie ist der neue Film vom Regisseur von The Place Beyond the Pines?
Darum geht’s in Der Hochstapler – Roofman
Der einstige Army Ranger Jeffrey Manchester (Channing Tatum) schlägt nach seiner Entlassung eine kriminelle Karriere ein und beginnt, Fastfood-Restaurants auszurauben, um finanziell über die Runden zu kommen und seine Familie zu ernähren. Bei seinen Raubzügen verschafft er sich Zugang über die Dächer, was ihm bald den Spitznamen „Roofman“ einbringt. Nach einer langen Erfolgsserie mit über 40 Einbrüchen wird er schließlich festgenommen und landet im Gefängnis. Dort tüftelt er prompt an einem Plan zu fliehen. Die Flucht glückt und er findet ein mehr als ungewöhnliches Versteck: ein Spielzeug-Geschäft. Während er gemeinsam mit seinem guten Freund Steve (LaKeith Stanfield) daran arbeitet, das Land so schnell wie möglich zu verlassen, verliebt er sich unverhofft in die alleinerziehende Leigh (Kirsten Dunst). Ein Spiel auf Zeit beginnt, während seine Vergangenheit droht, ihn einzuholen…

Lasst euch nicht täuschen!
Es ist schon erstaunlich, dass auch 2025 noch so viele fundamentale Vermarktungsfehler gemacht werden. Ein perfektes Beispiel dürfte in Verbindung mit diesem Film vorliegen. Denn wer das Postermotiv und die Gestaltung sieht, der wird vermutlich komplett falschen Erwartungen erliegen, wo sich Roofman tonal einordnet. Sieht das knallgelbe Plakat aus, als dürfte man mit einem weiteren „based on a true story“-Film à la Dumb Money rechnen, so wird man überrascht sein, dass der neue Film von Derek Cianfrance wesentlich näher dran ist an den Werken eines Sean Baker (Anora) als an einer Adam-McKay-Komödie (Don’t Look Up).
Mit Sicherheit trägt zu dieser Irreführung auch das „alte“ Image von Channing Tatum bei, der nun mal sein Bestes gegeben hat, beispielsweise in den Jump Street Filmen oder anderen Comedies, um nicht allzu ernstgenommen zu werden. Doch wer a) seine Performances in Magic Mike gesehen hat oder b) die letzten Auftritte des US-Amerikaners mitverfolgt hat, der wird schon vor Roofman gewusst haben, dass sich Tatum inzwischen mehr als profiliert hat, um auch als Charakterdarsteller zu überzeugen.
Der Regisseur steht für tiefmenschliche Dramen
Zum Glück aber hat sich schon vor dem Deutschlandstart von Roofman herumgesprochen, was für eine Art von filmischer Aufarbeitung einer wahren Story hier nun gemacht wurde – und vor allem, wie gelungen das Charakterdrama des Blue Valentine-Regisseurs ist. Alles andere hätte in Hinblick auf die Filmografie von Derek Cianfrance ja auch verwundert, denn eine richtige Komödie traut man dem Macher von Place Beyond the Pines wahrlich nicht zu.
Gefahr der Romantisierung
Die Gefahr bei einer Geschichte über einen Kriminellen, der jedoch ein guter Kerl sein soll und daher als Sympathieträger funktioniert, ist natürlich die Romantisierung von Straftaten. Zweifelsohne kommt Jeffrey Manchester hier als außerordentlich warmherziger Typ, Familienmensch und Opfer des Sozialsystems rüber, der quasi fast schon keine andere Wahl mehr hatte, als zum Kapitalverbrecher zu werden.
Und auch wenn man ganz leicht hier dem Charme des Protagonisten erliegt, so bleibt alle Zeit klar und deutlich, dass hier zwar moralisch verständliche, juristisch aber verurteilungswürdige Taten begangen wurden. Entgegen der bonbonbunten Bebilderung auf dem Key-Art, ist hier nämlich kein flacher Humor drin, sondern wenn es mal lustig wird, dann entweder wegen der Absurdität der Ereignisse oder der Darbietung Tatums.
Jede Figur hat ihr Päckchen zu tragen
Selbst die Figur von Peter Dinklage, von der man bei ihrer Einführung meint, sie wäre hier ein klischeehafter, platter Antagonist in einem Film, der keinen Antagonisten braucht, entlarvt sich im Verlauf als vielschichtiger und durch kleine Akzententuierungen irgendwie auch tragisch. Denn das ist die wohl unweigerliche Aussage, die in diesem Drama steckt: anno 2025 scheint das Leben in den USA es mit niemandem wirklich gut zu meinen.
Das trifft dann auch auf die wirklich herzliche und glaubhaft gespielte Beziehung zwischen Leigh (Kirsten Dunst) und Jeffrey a.k.a. „John Zorin“ zu: Man hat von Sekunde eins an das Gefühl, dass hier die Chemie stimmt, weiß gleichzeitig aber natürlich, worauf es zwangsläufig hinauslaufen wird. Roofman ist einer dieser Filme, die es schaffen, ihr Publikum zu manipulieren bis man die traurige Realität fast vergisst. Doch wenn diese dann die Akteure einholt, schlägt es umso härter ins Kontor.

Ein Spielzeugladen als selbstgewähltes Exil
Die Geschichte, die hier verfilmt wurde, ist einerseits schon fast zu verrückt, um wahr zu sein. Andererseits ist sie ein Blick in eine Vergangenheit, die auf der einen Seite – obwohl es nur gut 20 Jahre sind – erschreckend weit weg wirkt, und auf der anderen aber in Bezug auf die Entlarvung der sozioökonomischen Missstände und der Kulturgrabenkämpfe in den USA genauso erschreckend auch heute noch Aktualität besitzt. Toys ‚R‘ Us war damals für Kinder ein richtiger Sehnsuchtsort, „analoge“ Spielwaren hatten noch einen ganz anderen Stellenwert und der Einzelhandel per se auch eine größere Bedeutung. Längst ist die Kette ein Opfer des Onlinehandels geworden, in den USA grassiert ein regelrechtes Mall-Sterben. Doch um die Jahrtausendwende war das Spielzeugmekka durchaus ein Konsum-Symbol – und dadurch eben genau die Art von Ort, die dem Ex-Soldaten zu Beginn des Films nicht zugänglich war. Jeffrey kann nicht mal ein Kinderrad für seine Tochter zum Geburtstag kaufen.
Es mag also zwar wie ein Zufall verkauft werden, aber mit Sicherheit ist es keiner, dass der dann flüchtige Sträfling ausgerechnet in einer Filiale von Toys ‚R‘ Us landet. Damit bekommt die ganze Begebenheit erst so richtig ihren Stellvertretungscharakter.
Starkes Schauspiel in symbolhafter Story
Roofman überzeugt auf vielen Ebenen: So ist es dem beherzt-ehrlichen Spiel von Channing Tatum zu verdanken, dass man dessen (scheinbar) ausweglose Situation nachempfinden kann und tatsächlich mit einem Einbrecher mitfiebert. Dann wiederum sind die Nebencharaktere allesamt ambivalent geschrieben und fantastisch gespielt, angefangen bei Kirsten Dunst, über LaKeith Stanfield bis hin zu Ben Mendelsohn, der sogar mit dieser leicht lachhaften Frisur noch seine Erhabenheit ausstrahlen kann.
Letztlich ist es aber auch der tonale Spagat, der hier aufgeht und die zwei Stunden zu einer starken Seherfahrung macht. Sogar wenn man entweder vorher recherchiert, wie die wahre Story endete oder es sich eigentlich auch ohne dieses Vorwissen erschließen kann, ist Roofman durchaus spannend und hat eine gute Zuspitzung im finalen Akt. Dabei hat der Film aber einige Momente der Menschlichkeit, die fantastisch gespielt sind und daher zu Herzen gehen, obwohl es sich dabei eigentlich nur um alltägliche Gesten oder profane Begegnungen handelt. Das Drama schafft es diese Momente gut herauszuarbeiten, zu inszenieren und deren Aussagen zu betonen – ohne dabei auf die Tränendrüse zu drücken oder, wie geschrieben, die eigentlich kriminellen Aktionen schönzufärben.
Last but not least hat der Film aber auch einige helle Momente und urkomische Bilder und Szenen, die genauso wie die ernsten Töne im Gedächtnis bleiben. Die Kunst ist, dass der eine Pol nicht leidet, wenn der andere in den Vordergrund rückt. Oder: Wenn Peter Dinklage Don’t Speak-singend auf einen nackten Channing Tatum stößt, dann lacht man natürlich auf – aber im nächsten Moment wird einem direkt die Konsequenz der Situation bewusst und das Lachen weicht der Melancholie.
© Leonine Studios
Unser Fazit zu Der Hochstaple - Roofman
Wer es noch nicht geglaubt hat, hat nun den Beweis: Channing Tatum kann mehr als Striptease und flache Witze! Roofman ist die Verfilmung einer wahren Geschichte, die zwar absurd klingt, aber der eine unglaubliche Tragik innewohnt, die der Film exzellent herauszuarbeiten vermag. Inklusive Herzlichkeit, Witz und einem erschaudernden Blick auf den Status Quo in den Vereinigten Staaten, der sich seit Jahren eher zum Schlechteren zu entwickeln scheint.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

