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    Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden

    Jonas Hellrungvon Jonas Hellrung9. Januar 2021Keine Kommentare7 min Lesezeit
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    Emilio sitzt auf seinem Sofa, über ihm hängt ein riesiges Bild von einem Hund
    Hundeliebhaber Emilio (Quim Gutiérrez) hat den einen oder anderen Abgrund zu bieten. © David Herranz
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    Den Preis für den wohl sperrigsten Titel des Jahres hat Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden wohl schon sicher in der Tasche. Doch kann die absurde Erzählung im Matrjoschka-Stil auch noch anderweitig überzeugen?

    [su_youtube URL=“https://www.youtube.com/watch?v=SmCiaqZgYIY“]

    Ángels nach oben blickendes Gesicht wird in der Mitte geteilt, im Inneren seines Kopfes liegt ein Berg an Müllbeuteln
    Offizielles Poster zu Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden © Neue Visionen Filmverleih

    Worum geht’s in Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden?

    Nachdem sie ihren Mann aufgrund eines mehr als verstörenden Zwischenfalls in eine psychiatrische Klinik einweisen muss, macht sich die noch immer verwirrte Verlegerin Helga mit dem Zug auf den Heimweg. Dort wird sie vom sympathischen, aber etwas exzentrisch wirkenden Ángel angesprochen. Dieser stellt sich ihr als Psychiater aus eben jener Klinik vor, aus der sie gerade kommt. Ohne mit der Wimper zu zucken besteht er darauf, der verdutzten Helga seine Lebensgeschichte zu erzählen, um die Fahrt etwas interessanter zu gestalten.

    Doch das stellt sich als gar nicht mal so einfache Angelegenheit heraus. Denn schnell verliert sich Ángel in einer Vielzahl ineinander verschachtelter Geschichten, die zunächst eher wenig miteinander zu tun zu haben scheinen. Doch je mehr Helga hört, desto mehr verliert sie sich in den Erzählungen und reflektiert ihren eigenen Werdegang, der sie in genau diesen Zug geführt hat. Und so viel sei gesagt: Trotz der zunächst etwas langweilig wirkenden Ausgangssituationen können Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden mit einigen bizarren Überraschungen aufwarten.

    Helga sitzt in einem Zug und schaut verstört in die Kamera
    Die Verlegerin Helga Pato (Pilar Castro) kennt sich mit Geschichten in jeder Hinsicht aus. Die Lebensgeschichte eines Fremdem, der sie im Zug anspricht, wird dennoch einiges aus den Fugen bringen. © David Herranz

    Ein Spiel in drei Akten

    Anhand der Inhaltsangabe kann man sich vielleicht auch schon die Struktur von Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden herleiten, denn der Film ist tatsächlich in drei verschiedene Teile gegliedert. Diese Geschichten wirken auf den ersten Blick völlig voneinander losgelöst und sind dermaßen ineinander verschachtelt, dass aufmerksames Zuschauen schon mal zu Kopfrauchen führen kann. Allein die erste Geschichte findet auf vier verschiedenen Ebenen statt, in der Figuren innerhalb der jeweiligen Erzählung wieder eine Geschichte starten, die Figuren darin dann wieder und immer so weiter. Doch die Verwirrung des Zuschauers ist keinesfalls willkürlich gewählt. Denn auch wir sollen uns verlieren in den verrückten Geschichten des Ángel Sanagustin und uns fragen: „Worauf will er denn jetzt eigentlich hinaus?“

    Und diese Frage ist gar nicht mal so leicht zu beantworten, allein schon weil uns ein Ankerpunkt fehlt. Wir werden immer wieder mit neuen Hauptfiguren, neuen zeitlichen und lokalen Schauplätzen und auch immer verrückter und verstörender werdenden Sachverhalten konfrontiert. Dabei hilft auch die Frame-Story nicht wirklich. Denn auch diese befindet sich im fliegenden Wechsel und fordert dem Zuschauer nur noch mehr Hirnschmalz ab. Auch wenn es vermutlich so beabsichtigt war, leidet Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden unter seiner eigenen verwirrenden Handlung. Die bleibt zwar stets interessant, hat aber auch einige unnötige Längen und wird irgendwann derart kompliziert, dass man durchaus mal kurz abschalten möchte. Außerdem wird man das Gefühl nicht los, dass der Streifen gerne mal den Schock über die tatsächliche Substanz der Handlung stellt. Der ist dann aber immerhin sehr gut inszeniert, was zumindest teilweise kompensiert.

    Ángel steht vor einem riesigen Berg an Müllsäcken und liest einen Brief in Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden
    Psychiater Ángel Sanagustin (Ernesto Alterio) ist mit den Müllbergen, die sein Alltagsleben produziert, etwas überfordert. © David Herranz

    Nichts für schwache Nerven

    Ich hatte bereits erwähnt, dass es in den Geschichten des Psychiaters gerne einmal ein wenig verrückter zugeht. Und darüber sollte sich auch jeder bewusst sein, der sich diesen Film zu Gemüte führen will. Wäre Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden in einigen Szenen noch etwas expliziter, stünde wohl eher die 18 auf der Verpackung, statt die tatsächlich vergebene Freigabe ab 16 Jahren. Von psychischer Folter über brutale Mordsequenzen und Kinderporno-Ringe bis hin zu Sodomie ist wirklich eine ganze Menge harter Tobak vertreten, auf den man in jedem Fall gefasst sein sollte.

    Untermalt wird diese bizarre und sich ständig ändernde Atmosphäre durch eine ziemlich gelungene Inszenierung. Diese lässt uns als Zuschauer nie an der Verrücktheit des Gezeigten zweifeln. So ist etwa die Fish-Eye-Optik fast allgegenwärtig, die das Bild etwas verzerrt und irgendwie merkwürdig wirken lässt. Und auch die häufigen Einspieler und schnellen Schnitte á la Guy Ritchie prasseln nur so auf uns ein und geben uns kaum eine Verschnaufpause, das gerade Gesehene erstmal verdauen zu können. Allerdings weiß der Film auch einmal auf die Bremse zu drücken, was die Inszenierung angeht. Gelegentlich haben einige Charaktere nämlich auch längere Monologe, in denen die Kamera ohne Pause auf den Hauptakteuren bleibt. Und um solche Szenen umzusetzen, bedarf es natürlich besonders einer Zutat: guten Schauspielern.

    Emilio sitzt auf seinem Sofa, über ihm hängt ein riesiges Bild von einem Hund in Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden.
    Hundeliebhaber Emilio (Quim Gutiérrez) hat den einen oder anderen Abgrund zu bieten. © David Herranz

    Brilliant verkörperte Absurditäten

    Und die hat Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden wirklich zu Hauf. Keiner der Darsteller verkörpert seine oder ihre Figur unglaubwürdig und so wird jeder einzelne noch so schrullige Charakter in der bizarren Welt des Films zum Leben erweckt. Beispielsweise unser Geschichtenerzähler Ángel, verkörpert von Ernesto Alterio. Durch seinen wahnsinnigen Blick kann man sich nie sicher sein, ob Ángel uns in seinen Geschichten hinters Licht führen will oder einfach nur voller kindlicher Begeisterung über seine Erfahrungen mit psychisch kranken Patienten spricht. Ebenso Luis Tosar, den Fans des spanischen Kinos womöglich schon aus Geheimtipps wie Anrufer unbekannt oder Sleep Tight kennen dürften. Und auch Pilar Castro, die sowohl in der Rahmenhandlung als auch in einer der drei Geschichten eine tragende Rolle spielt, kann vollends überzeugen. Gerade im Mittelteil wird ihrer Figur unfassbar viel abverlangt und sie lässt uns mit jeder einzelnen Mimik und Gestik daran teilhaben.

    Da jede der zahlreichen kleinen Geschichten eine eigene Hauptfigur hat, haben sämtliche Darsteller eine schwierige Rolle: Weil der Fokus in diesem Moment nur auf ihnen liegt, muss die Verkörperung der bizarren Charaktere auf den Punkt stimmen. Nur so können sie uns vollends in Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden entführen. Zwar kann es aufgrund der schieren Bandbreite an Figuren, Emotionen und Schicksalsschlägen manchmal für den Zuschauer schwierig sein, die Mimik und Gestik in ihrem vollen Umfang zu würdigen. Dennoch können alle Darsteller auf ganzer Länge überzeugen.

    Martin sitzt verwahrlost und verstört am Esstisch vor seinem Abendessen in Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden
    Verschlungene Geschichten zum Abendbrot: Mord und Prostitution fügen sich nur widerstrebend ins bürgerliche Setting ein. © Neue Visionen Filmverleih

    Unser Fazit zu Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden

    Mit Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden erwartet uns ein Ausnahmefilm aus einem Land, dessen Filmkultur bei uns noch eher wenig verbreitet ist. Als wäre das noch nicht genug, kann der wilde Genre-Mix mit fantastischen Schauspielern und wahnsinnig abgefahrenen Figuren aufwarten, die sich in noch abgefahreneren Situationen wiederfinden. Diese sind zwar aufgrund der extremen Themenwahl und der gelegentlichen Explizität des Gezeigten nichts für jedermann. Wer solche Bilder und Gedankenspiele aber abkann, darf sich hier auf eine ganze Menge harten Tobak gefasst machen. Leider verliert sich der Film immer mal wieder in seinen Absurditäten und es kann schwierig sein, dem Geschehen zu folgen oder gar nachzuvollziehen, worauf er denn überhaupt hinaus will. Das ändert aber wenig an dem mehr als gekonnt umgesetzten experimentellen Ansatz und der fantastisch kreativen Kamera. Klare Empfehlung für Zuschauer mit einem starken Magen, die genug von der üblichen Film-Stangenware haben.

    Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden ist ab dem 18.12.2020 auf DVD und als Video on Demand verfügbar!


    © Neue Visionen Filmverleih

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