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    Ein Goldfisch an der Leine

    Andreas Krasseltvon Andreas Krasselt9. Januar 2021Keine Kommentare7 min Lesezeit
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    Abigail, gespielt von Paula Prentiss, und Roger, gespielt von Rock Hudson, stehen sich dicht gegenüber knietief im Wasser. Beide tragen Angelhosen, Abigail hat ihre Arme auf Rogers Schultern gelegt.
    Wo ist der Fisch: Abigail (Paula Prentiss) will Roger (Rock Hudson) das Angeln beibringen. © Universal Pictures
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    Howard Hawks hat mit Leoparden küsst man nicht 1938 quasi die Blaupause für eine gelungene Screwballkomödie gedreht, mit Ein Goldfisch an der Leine lieferte er  dann 1964 seine letzte Komödie ab. Ob auch diese das Zeug zum Klassiker hat, erfahrt Ihr in unserer Rezension.

    Das Cover der Blu-ray von Ein Goldfisch an der Leine zeigt Rock Hudson als Roger Willoughby und Paula Prentiss als Abigail Page nebeneinander sitzend. Hudson hat eine Angelrute über die Schulter gelegt und studiert seinen eigenen Angelratgeber, während Prentiss skeptisch zur anderen Seite blickt. Im Hintergund versinkt ein Ruderboot.
    Das Cover der Blu-ray von Ein Goldfisch an der Leine. © Universal Pictures

    Darum geht’s in Ein Goldfisch an der Leine

    Roger Willoughby (Rock Hudson) ist Profi im Angelsport – zumindest in der Theorie. Als Verfasser von entsprechenden Ratgebern hat der Verkäufer von Angelausrüstungen eine riesige Fangemeinde. Nur mit der Praxis hapert’s. Denn Willoughby hat in seinem Leben noch nie einen Fisch gefangen. Zudem ekelt er sich vor den glitschig-schuppigen Wasserbewohnern.

    Als ihn sein Chef Cadwalader (John McGiver) auf Anraten der PR-Expertin Abigail Page (Paula Prentiss) dazu nötigt, an einem Angelwettbewerb teilzunehmen, ist er mit seinem Anglerlatein am Ende. Da sich die hübsche Abigail aber – wie sollte es anders sein – in den tollpatschigen Roger verguckt, will sie ihm mit ihrer „Easy“ genannten Partnerin Isolde (Maria Perschy) das Fischen beibringen. Komplikationen kündigen sich an, als Rogers Verlobte Tex (Charlene Holt) diesen Angelversuchen zu nahe kommt…


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    Ein Doris-Day-Film ohne Doris Day

    Bei einer US-Komödie mit Rock Hudson denkt man schnell auch an Doris Day. Schließlich hatte der sich erst spät zu seiner Homosexualität bekennende Hollywood-Beau mit der blonden Diva drei nicht nur erfolgreiche, sondern auch ungemein witzige Filme wie etwa Bettgeflüster abgeliefert. Ein Goldfisch an der Leine ist aber leider ein Doris-Day-Film ohne Doris Day. Aber er ist ein Howard-Hawks-Film.

    Abigail, gespielt von Paula Prentiss, und Roger, gespielt von Rock Hudson, stehen in Pyjamas nebeneinander in Rogers Bungalow und unterhalten sich.
    Pyjamaparty: Abigail (Paula Prentiss) und Roger (Rock Hudson) kommen sich beim nächtlichen Plausch näher. © Universal Pictures

    Howard Hawks war eben nicht nur ein Meister des klassischen Western- (Rio Bravo), Thriller- (Tote schlafen fest, Scarface) oder Abenteuergenres (Hatari). Mit Leoparden küsst man nicht schuf er DIE klassische Screwball-Komödie schlechthin. In den 60ern trat der 1896 geborene Regisseur und Produzent erheblich kürzer, wobei er allerdings mit den Western El Dorado und Rio Lobo, beide mit John Wayne in der Hauptrolle, noch zwei bemerkenswerte Alterswerke schuf. Ein Goldfisch an der Leine entstand im Anschluss an seinen Erfolgsstreifen Hatari (ebenfalls mit Wayne). Und die Messlatte liegt daher auch bei dieser Komödie recht hoch.

    Ein Goldfisch an der Leine startet temporeich

    Und es geht gleich flott los. Zu schwungvoller Easy-Listening-Mucke von Altmeister Henry Mancini (Hatari, Frühstück bei Tiffany) fährt Willoughby durch die Straßen San Franciscos zu seiner Arbeitsstelle. Hinter ihm, dicht an seiner Stoßstange klebend, ein quietschgelber Kleinwagen, am Steuer eine Frau mit auffallender Brille. Als Willoughby rückwärts auf seinen Stammparkplatz fahren will, kommt ihm die freche Brünette zuvor. „Ich wollte hier parken“, sagt der Düpierte. „Mag sein, aber jetzt bin ich schon hier“, lautet die selbstbewusste Antwort.

    Abigail, gespielt von Paula Prentiss, Roger, gespielt von Rock Hudson, und Easy, gespielt von Maria Perschy, sitzen in Ein Goldfisch an der Leine gemeinsam an einem mit Essen beladenen Tisch.
    Konflikt am Tisch: Abigail, Roger und Easy (Maria Perschy) beim gemeinsamen Dinner. © Universal Pictures

    Ein klassischer Konfrontationsstart, mit dem sich Abigail Page schwungvoll vorstellt, um sogleich mit ihrer Partnerin Easy in dem Geschäftshaus zu verschwinden. Nicht ohne Willoughby den Tipp zu geben, er könne ihren Wagen ja wegschieben. Was folgt, ist der erste einer Reihe gelungener Slapstickmomente. Verzweifelt versucht der großgewachsene Mann über das Schiebedach in den winzigen Pkw zu klettern, was zu absurd-akrobatischen Verrenkungen führt, die in einen typischen Screwball-Dialog mit einem herbeikommenden Polizisten gipfeln.

    Der Kampf der Geschlechter

    Hawks war Spezialist für selbstbewusste Frauengestalten. Man mag in ihm darin einen Befürworter der Emanzipation erkennen. Immerhin zeigt er mit viel Ironie die Schwierigkeiten des normalen Mannes, sich gegenüber selbstbewussten Frauen durchzusetzen. Damit nimmt er das Dilemma des „neuen Mannes“ vorweg. Wobei er allerdings nicht die männliche Perspektive verlässt. Es geht halt darum, sich durchzusetzen, gleichberechtigte Kooperation sieht anders aus. In seinem Kampf der Geschlechter einen verhalten feministischen Appell zu vermuten, wäre daher übertrieben. Zu stark wirkt die folgende Infantilisierung Abigails als emotional unberechenbares Wesen.

    Und wenn sie Willoughby im späteren Verlauf anbietet: „Ich begleite Sie nach Hause“, worauf er antwortet: „Ich hasse dominante Frauen. Ich begleite Sie nach Hause!“ ist das zwar ein weiterer ironisch gebrochener Kommentar auf das männlich-angeknackste Selbstbewusstsein. Es bleibt jedoch in seinem Bild der Geschlechterrollen seiner Zeit verhaftet. Das bringt Indianer John Screaming Eagle (Norman Alden) vielleicht am deutlichsten rüber: „Eine Squaw weiß nie, was sie will, bis Sie es ihr sagen.“

    Abigail, gespielt von Paula Prentiss, gipst den Arm von Roger, gespielt von Rock Hudson, ein.
    Vermeidungshaltung: Abigail gipst Rogers Arm ein, damit er nicht am Wettbewerb teilnehmen muss. © Universal Pictures

    Die Zuspitzung auf das Rollenklischee „trotteliger Mann – selbstbewusst, starke Frau“ dient in Ein Goldfisch an der Leine somit vor allem der Vorbereitung wirkungsvollen Slapsticks. Und davon könnte der Film durchaus mehr vertragen. Nach dem gelungenen Start flachen Tempo und Gagdichte zunächst ab. Erst in der zweiten Hälfte wird es wieder turbulenter. Zwei Stunden Laufzeit haben daher nicht zur Qualität beigetragen, hier wäre weniger mehr gewesen.

    Mancher Witz hat zu lange Barteln

    Natürlich gibt es auch schon in der ersten Hälfte gelungene Szenen und witzige Einzeiler. Wenn etwa Willoughby erklärt, warum er als Nicht-Angler Utensilien für diesen Sport verkauft und Bücher schreibt: „Muss einer, der Vögel verkauft, auch fliegen können?“ Die mit Abstand amüsanteste Nebenfigur ist Screaming Eagle, der nie um einen guten Spruch des großen Häuptlings Konfuzius verlegen ist. Konfuzius, ein Indianer? Ein chinesische Indianer halt. Ansonsten tappt Ein Goldfisch an der Leine allzu oft in die Kiste der Slapstickklischees. Wenn Tollpatsch Willoughby mit seinen Füßen in zwei Eimer tritt oder mit der Aufbauanleitung eines Campingzeltes kämpft, sind das Gags aus der Mottenkiste. Der Witz hat einen langen Bart, oder in diesem Fall halt ziemlich lange Barteln.

    Roger liegt in seinem bis oben fest verschlossenen Schlafsack und blickt ratlos vor sich hin.
    Zwangslage: Roger hängt in seinem Schlafsack fest. © Universal Pictures

    Dennoch gibt es auch wirklich witzige Momente. Wenn ein Bär auf einem Mofa davondüst etwa. Oder wenn Willoughby, weiter mit den Tücken der Objekte kämpfend, in seinem klemmenden Schlafsack durch sein Zimmer hüpft, von der selbstaufblasbaren Anglerhose kopfüber unter Wasser gedrückt wird oder, mit seinem eigenen Buch in der Hand, ins Wasser watet und der Fisch samt Angel davonschwimmt.

    Erotische Doppeldeutigkeiten

    Vieles davon ist erotisch aufgeladen. Die prüden 50er Jahre waren 1964 längst überwunden, und sexuelle Doppeldeutigkeiten en vogue. Hawks ist dabei nicht so elegant wie etwa Alfred Hitchcock mit seinem in den Tunnel einfahrenden Zug am Ende von Der unsichtbare Dritte, einem deutlichen Verweis auf den Geschlechtsakt. Mag sein, dass Hawks Hitchcock auch ironisch kommentieren  wollte, als er den ersten Kuss zwischen Willoughby und Abigail mit der stummfilmartigen Szene zweier kollidierender Züge zusammenschneidet. Manches ist arg holzhammerartig, aber dennoch lustig. Wenn sich ein Fisch in die Anglerhosen verirrt, verursacht das bei Abigail ein Kitzeln, während Willoughby offenbar befürchtet, der Hering könnte dort nach einem Würmchen schnappen.

    Abigail, gespielt von Paula Prentiss, und Roger, gespielt von Rock Hudson, stehen in Ein Goldfisch an der Leine gemeinsam vor einem Ruderboot, Abigail ist mit einem Bein bereits hineingetreten.
    Gewagtes Spiel: Abigail und Roger wollen gemeinsam Boot fahren. © Universal Pictures

    Die Schauspieler sind ein interessanter Mix aus altgedienten Comedy-Routiniers wie John McGiver (Frühstück bei Tiffany, Mr. Hobbs mach Ferien) und relativ unverbrauchten Gesichtern wie Paula Prentiss oder Maria Perschy. Die Österreicherin Perschy hatte in Ein Goldfisch an der Leine ihre erste größere internationale Rolle. Sie erinnert in Stimmlage und Sprechweise stark an Romy Schneider und synchronisert sich in der deutschen Fassung selbst. Paula Prentiss hingegen spielt stark überdreht, was in Verbindung mit ihrer ständig ins Falsett kippenden Synchronstimme äußerst nervtötend wirkt. Hier empfiehlt sich eindeutig mal wieder die Originalfassung. Letztlich ist es aber in erster Linie Rock Hudson, der den trotteligen Willoughby mit Charme und Augenzwinkern eindringlich verkörpert und damit den Film über manche Hürde rettet. Man würde ihm halt nur eine Doris Day an die Seite wünschen.

    Mein Fazit zu Ein Goldfisch an der Leine

    In den 60er Jahren ging die große Zeit der US-Komödie allmählich zu Ende. Mag sein, dass die Amerikaner angesichts des Kalten Krieges, den Morden an den Kennedy-Brüdern und des beginnenden Vietnamkrieges einfach nicht mehr viel zu lachen hatten. Auch wenn mehrere Kritiker den seinerzeit nur mäßig erfolgreichen Ein Goldfisch an der Leine zu einem Klassiker hochjubeln, fehlt ihm die Klasse früherer Hawks-Werke. Neben vieler gelungener Gags gibt es zu viel flachen und altbackenen Humor. Zusammen mit der vorhersehbaren Handlung führt das bei der zweistündigen Laufzeit zu leichten Ermüdungserscheinungen. An einem lauen Sonntagnachmittag kann man sich damit anständig vergnügen, mehr aber auch nicht. Immerhin kommt die Blu-ray mit einem gestochen scharfen Bild daher, das auch schon Freude macht.

    Ein Goldfisch an der Leine erscheint am 14. Januar 2021 erstmals auf Blu-ray!


    © Universal Pictures Germany

    Andreas Krasselt

    Andreas lebt im Raum Hannover. Er ist Journalist und fest angestellter Redakteur bei einer Tageszeitung – und nebenbei Musiker in einer Bluesrock-Band. Bei Filmtoast schreibt er seit 2019 Rezensionen. Filmfan ist er, seit er im zarten Alten von sechs Jahren von seiner Mutter jeden Sonntag in die Kindervorstellung des Stadtteilkinos abgeschoben wurde (so was gab es damals noch). Lieblingsgenre: Western, insbesondere die italienische Variante. Daher ganz klar der Lieblingsfilm: Spiel mir das Lied vom Tod, den er mit 12 schon dreimal im Kino gesehen hatte. Aber es gibt kaum ein Genre, dem er nichts abgewinnen kann. Weitere Favorites: Der Tod in Venedig, Im Zeichen des Bösen, 2001 sowie Leichen pflastern seinen Weg. Tja, und sein Guilty-Pleasure-Favorite ist Predator 2 von dem total unterschätzen Stephen Hopkins. Filme guckt er zwar gerne im Kino, ist aus Zeitmangel aber auf das Heimkino gewechselt, weshalb seine private Filmsammlung auch mehr als 1000 Titel umfasst.

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