Xavier Gens versucht mit Frontier(s), Versatzstücke aus klassischen Horrorfilmen zu einem radikalen Schocker zu kombinieren.
Frontier(s) – Nachfolger im Geiste zu High Tension?
2003 warf Alexandre Aja dem geneigten Genrefreund mit High Tension einen erbarmungslosen Terrorbrocken zum Fraß vor, der als so goutierbar aufgenommen wurde, dass er die Anrichtung weiterer schmackhafter Gerichte aus der französischen cuisine des „New Wave Of French Terror“ entfachte. Allerdings wird bekanntlich nie so heiß gegessen, wie gekocht wird, weshalb der erste Nachfolger im Geiste bis 2007 abkühlte: Xavier Gens machte sich mit Frontier(s) daran, in der Tradition von Ajas düsterem Thriller fortzufahren.
Aja verließ sich jedoch mehr auf sein eigenes Gespür und das seiner Crew, sieht man von der Ähnlichkeit zu Dean Koontz‘ Intensity einmal ab. Das hatte einen wunderbar altmodischen Film zum Ergebnis, der sich mit seiner Dialogarmut und feinen Details deutlich gegen mainstreamige Erwartungen stellte. Auch Gens ließ sich im Prinzip von klassischen Tugenden inspirieren: Die Nähe zu Tobe Hoopers Terrorklassiker The Texas Chainsaw Massacre ist nicht zu übersehen. Gleichzeitig beugte er sich den mittlerweile gängigen Genrekonventionen, die Filme wie Saw oder Hostel zwar bluttriefend, aber zunehmend vorhersehbar etabliert hatten – auch wenn Gens bescheinigt, eben nicht von jenen Werken inspiriert worden zu sein, da er das Drehbuch nach eigener Aussage bereits 2002 fertigstellte.
Der inhaltliche Rahmen
Dabei beginnt Frontier(s) für einen Horrorfilm überraschend differenziert: Während der Unruhen in den Pariser Banlieues erbeutet eine Jugendgruppe ein kleines Vermögen und möchte sich mit diesem Absetzen. Unterschlupf finden die Jugendlichen im Hinterland in einem schmucklosen Hotel mit zwielichtigen Betreibern…
Der Auftakt des Films gestaltet sich dabei tatsächlich recht interessant. Bezugnehmend auf die 2005 in Paris stattgefundenen Krawalle findet Gens einen überaus brisanten Einstieg. Gemein dabei: Der Zuschauer wird gezwungen, sich auf die Seite der Gewalttäter zu schlagen. Anstelle sich fortlaufend auf den politisch-gesellschaftlichen Rahmen zu stützen, wird dieser zugunsten ausgetretener Genrepfade alsbald fallen gelassen. Hinzu kommt, dass die Protagonisten relativ zeitig voneinander getrennt werden und ehe man sich versieht, steckt man drin im generischen Folter-Schocker. Was Aja einige Jahre zuvor erfolgversprechend mit High Tension gelang, wurde von Gens also direkt wieder zu Grabe getragen?
Mehr vom Gleichen
Mitnichten, handwerklich überzeugt auch Frontier(s) für ein Erstlingswerk ebenfalls mit Professionalität. Aber ihm fehlt leider der Funken Individualität, der ihn als erinnerungswürdig im Gedächtnis behalten lässt. Stattdessen werden bekannte Muster abgeklopft: das plötzliche Verschwinden eines Freundes, die Entdeckung von Unappetitlichem oder die Etablierung des Final Girl.
Nun mag zelebrierte Gewalt im Genre auch nicht zwingend als individuell gelten, aber Frontier(s) konnte sich mit Hilfe dieser einen gewissen Ruf erspielen. Denn so sollte dessen amerikanische Premiere eigentlich im Rahmen des After Dark Horrorfest, den sogenannten „8 Films to Die For“, stattfinden. Durch das NC-17-Rating der MPAA wurde das Screening allerdings ausgelagert.
In Sachen Grafik zeigte sich Gens‘ Film seinem „Vorgänger“ Frontier(s) durchaus ebenbürtig, was sich allein darin zeigt, dass beide Werke nicht einmal mit dem Segen der SPIO ungeschnitten den Heimkino-Sektor betreten durften. Doch selbst die gezeigte Gewalt ist, trotz aller Drastik, selten überraschend. Der Überlebenskampf wird mit dem nötigen Ernst ausgefochten, trieft aber dennoch vor Klischees. Auch wenn die eigentümlichen Hinterwäldler sich hier als Altnazis entpuppen, bleiben sie dennoch Hinterwäldler. Es kommt das Gefühl auf, Gens hat zwar eigene Ideen entwickelt, diese aber auf Nummer sicher gehend lieber dem klassischen, gebräuchlichen und damit eben schon unlängst bekannten Konventionen geopfert. Schade, denn wie man vor längerer Zeit einmal auf Arte bei „Durch die Nacht mit…“ sehen konnte, ist Gens ein passionierter, bodenständiger und motivierter Kopf.
Überflügelt von seinen Brüdern im Geiste
Vielleicht tut man Gens‘ Werk mit all dieser Kritik sogar zu viel Unrecht. Vielleicht lässt sich die Enttäuschung, die Frontier(s) hervorruft, mit einem simplen Sprichwort begründen: zur falschen Zeit am falschen Ort. 2007 war der Markt bereits überschwemmt mit faden Torture-Porns. Einerseits ließen die erfolgreichen Franchises um John Kramer oder finstere Absteigen in Osteuropa die Kassen klingeln, andererseits ermüdeten die im Zuge des Erfolgs dieser beiden Reihen flott heruntergekurbelten Nachahmungstäter mit Einfallslosigkeit und immer während identischer Inszenierung. Wäre Frontier(s) nicht auf einen solch übersättigten Markt geworfen worden, wäre die Rezeption mit Sicherheit wohlwollender ausgefallen. Die Folgefilme Inside und Martyrs konnten das Publikum einerseits mit schnörkellosen Gewalteskapaden begeistern, andererseits aber auch eine ähnlich dichte und hilflose Atmosphäre wie Aja bei High Tension beschwören.
© Tiberius Film
Tobi ist bereits gute 7 Jahre an Bord und teilt so fast 20% seiner Lebenszeit mit Filmtoast. Wie es ursprünglich dazu kam ist so simpel wie naheliegend. Tobi hatte unregelmäßig auf Seiten wie Schnittberichte Reviews zu Filmen verfasst und kam über diverse facebooksche Filmgruppen und –diskussionen in Berührung mit dem damaligen Team von Filmtoast (die Älteren erinnern sich: noch unter dem Namen Movicfreakz) und wurde daraufhin Teil dessen.
Thematisch ist er aufgeschlossen, seine feste Heimat hat er jedoch im Horrorfilm gefunden, da für ihn kein anderes Genre solch eine breite Variation an Themen und Spielarten zulässt. Kontroverser Ekelschocker, verstörender Psychothriller oder Elevated Horror – fast alles ist gern gesehen, auch wenn er zugeben muss, dass er einen Sweet Spot für blutrünstig erzählte Geschichten besitzt.
Tobi geht zum Lachen jedoch nicht (nur) in den blutverschmierten Keller, sein Herz schlägt unter anderem bei Helge Schneider, dänischem schwarzen Humor oder den Disyneyfilmen seiner Kindheit höher.
Kinogänge vollzieht er am liebsten im städtischen Programmkino, zum Leidwesen seiner filmisch weniger affinen Freunde, meidet er große Kinoketten wie der Teufel das Weihwasser. Am liebsten geht er seiner Filmleidenschaft jedoch in den eigenen vier Wänden nach, um den viel zitierten Pile of Shame seiner physischen Filmsammlung abzuarbeiten.
Tobi lebt in Sachsen-Anhalt, ist beruflich in einer stationären außerklinischen Intensivpflege verankert und hat mit der Begeisterung zum Film und dem Schreiben darüber den für sich perfekten Ausgleich zum oftmals stressigen Arbeitsalltag gefunden.
