Chloé Zhao hat nach ihrem Durchbruch mit Nomadland den Sprung in den Mainstream gewagt – und sich an Marvels Eternals in der allgemeinen Wahrnehmung gehörig verhoben. Nun geht es back to the roots – und das mit einigen der aktuell spannendsten Namen im Schauspielzirkus: In Hamnet geht es auf die Spur von Shakespeare mit Jessie Buckley und Paul Mescal. Die ersten Stimmen zum Historiendrama waren vollmundig – zurecht?
Davon erzählt Hamnet
In der Verfilmung des gefeierten Romans von Maggie O’Farrell, die gemeinsam mit Zhao auch das Drehbuch verfasste, wird die Geschichte von William Shakespeares Familie erzählt. Aus Sicht seiner empfindsamen Frau Agnes erlebt man, wie sie sich in den großen Barden verliebt und die beiden ein gemeinsames Leben planen. Als ihr einziger Sohn Hamnet im Alter von elf Jahren durch die Pest ums Leben kommt, droht ihre große Liebe zu ersticken. Mitten in dieser furchtbaren persönlichen Tragödie beginnt Shakespeare in tiefer Verzweiflung und Trauer, „Hamlet“ zu schreiben, eines der großen Dramen der Literaturgeschichte.

Mehr Allegorie als Biopic oder Theateradaption
Nein, Hamnet ist nicht eine weitere Verfilmung des Meisterstücks, was die Synopsis spätestens klargemacht haben sollte. König der Löwen, Sons of Anarchy, The Northman – alles gute bis sehr gute Interpretationen einer Geschichte, die schlicht universellen Charakter hat und die eben ihren Ursprung im Verstand des genialen englischen Dramaturgen William Shakespeare. Ein Genie, das als unerreicht in Bezug auf den Umgang mit der englischen Sprache gilt, dass unantastbar scheint und heute in der historischen Verklärung fast auf eine gottgleiche Ebene gehoben wird.
Doch – man hätte es sich eigentlich denken können – auch hinter dieser Ikone stecken Schicksalsschläge, Bürden und Schattenseiten, die Maggie O’Farrell in ihrem Roman in sehr intimer Weise literarisch ergründet hat und die nun Chloé Zhao in ebenso feinfühliger Manier in ein Leinwand-Gemälde voller Symbolik, Tiefgang und Kraft gebannt hat. Nein, Hamnet ist auch kein Biopic über einen Virtuosen der Wörter, vielmehr steht sogar die Frau an der Seite Shakepeares im Zentrum dieses Dramas. Und es ist auch nicht der Film über die Genese eines Theaterstücks – zumindest nicht in erster Instanz. Zhao macht aus einer ungreifbaren Ikone einen Menschen, erzählt von einem unmöglich zu meisternden Spagat zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und privater Erfüllung, von unausweichlichen Opfern, kurzum: eine Allegorie auf das Menschsein in guten und schweren Tagen, zwischen Selbstaufgabe und Hoffnung.
Berechtigte Oscar-Hoffnungen?
Schon vor der Uraufführung wurde Zhaos neuestes Werk – nach dem Eternals-Knick – direkt in die Riege der Oscar-Anwärter aufgenommen. Und das, wenn man Hamnet gesehen hat, könnte in mehreren Kategorien tatsächlich wahr werden. Allen voran muss man natürlich die beiden Hauptfiguren hierbei besprechen: Jessie Buckley ist in dieser Rolle nicht nur eine Urgewalt, sie ist sogar der eigentliche Star. Ihre Agnes ist ein zutiefst naturverbundener Mensch und steht damit auch mehr als nur sinnbildlich für diese elementare Komponente im Leben des dramaturgischen Genies William Shakespeare. Nicht nur die Szene in der sie Zwillinge auf die Welt bringt, hat eine solche Wucht und Intensität, dass man sich beim Zuschauen in den Kinositz krallt, vor allem ihr Mimikspiel im gesamten Schlussakt im Globe Theatre rechtfertigt jede Lobeshymne dieser Welt. Schon in I’m Thinking of Ending Things war die Britin eine Sensation, aber mit ihrer Darbietung hier macht sie sich bereits in jungen Jahren quasi unsterblich.
Doch auch Paul Mescal liefert in diesem Film komplett ab. Wer durch seinen traurigen Blicke schon in All of Us Strangers nahe an der Tränenschwelle war, wird hier mehrfach kein Halten mehr kennen. Man sieht in jeder Szene seine Theatererfahrung, wie er Sätze voller Kraft, Ausdruck und Mehrdeutigkeit mal voller Inbrunst, mal aber auch ganz beiläufig vorzutragen weiß, ist Schauspiel der ganz oberen Liga.
Und sowohl seine als auch Buckleys Gefühlsausbrüche sind so überzeugend und ansteckend gespielt, dass es ganz tief unter die Haut geht. Zweifelsohne zeigt Hamnet Williams Kampf mit den inneren Dämonen, zeigt den gefeierten Dramaturgen als Mann voller Selbstzweifel, der auch mit Alkoholsucht und einer angedeuteten Bipolarität zu kämpfen hat. Doch er wird nie dekonstruiert oder entmystifiziert, nur eben vermenschlicht, was ihn tatsächlich am Ende des Tages eigentlich nur noch bewundernswerter macht.
So viel wird in Hamnet über Blicke erzählt – und das, obwohl Shakespeare ja als Meister des Wortes in die Geschichte eingegangen ist. Es ist schon bezeichnend, wie gut es Zhao gelingt, hier auch aktiv der Stille Bedeutung zu verleihen und nahezu jedes Bild genau so lange stehen zu lassen, wie es zum Wirken braucht.
Auch in der zweiten Reihe!
Dazu kommen dann aber noch weitere Schauspielleistungen, die sich ins Gedächtnis brennen. Auch wenn Emily Watson diesmal nicht allzu viele Szenen hat, immer wenn man sie sieht, dann hat das genau die mütterliche Bedeutungsschwere, die intendiert ist. Eine Überraschung ist ihre Performance nicht, weil man es schlicht gewohnt ist.

Was jedoch die Kinderdarstellerinnen und -darsteller hier in den Rollen der Shakespeare-Kinder abliefern ist schlicht überwältigend. Eine Schlüsselszene von Hamnet gehört den beiden Zwillingen Judith und der Titelfigur, gespielt von Olivia Lynes und Jacobi Jupe. Wie die beiden Kinder diesen Moment – den ich hier nicht vorwegnehmen möchte – herüberbringen, ist ein Filmmoment für die Ewigkeit.
Geadelt wird diese Szene dann sogar noch mit Nachhall, wenn Jessie Buckley auf das, was da passiert, in einer Art und Weise emotional reagiert, dass man im Kinosaal eine Stecknadel hätte fallen hören, so still und ehrfürchtig war das Publikum in der Vorstellung, in der ich den Film genießen durfte.
Die grüne Kraft der Natur
Auffällig ist von Beginn an in Bezug auf die Bildgestaltung, wie wichtig hier Farbsymbolik ist, was heutzutage längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Aber in Hamnet hat die Farbwahl jedes Gewands Bedeutung, sodass es natürlich kein Zufall ist, dass Agnes immer knallrote Kleider trägt, wenn sie in ihrem Element, dem Wald, ist. In teils stillebenartigen Aufnahmen fängt die Kamera die Ruhe der Natur ein, wobei immer etwas leicht Mystisches in den Fotografien aus nächster Nähe oder fernster Distanz liegt. Fast könnte man meinen, dass hier die angesprochenen Geister des Waldes tatsächlich mit anwesend sind.
Und drinnen die Enge
Die Innenräume hingegen werden einengend, fast gefängnisartig eingefangen. Mehrfach haben die Szenen in den Zimmern eine überwiegend statische Kamera, die dann nur ganz dezent gedreht wird, um zu betonen, dass in diesen engen Räumen keinerlei Platz für Kamerafahrten ist. Und dann wiederum gibt es Weitwinkelbilder, die gemeinhin für Freiheit stehen – und hier dann auch im Finalakt bei der Uraufführung der Tragödie von Hamlet zum Einsatz kommen. Damit wird auch visuell nochmals die Kraft und Bedeutung dieses Momentes des Freiwerdens unterstrichen.
Gemäldeartige Bilder hat dieser Film zu Dutzenden, was damit perfekt zur Virtuosität des großen Shakespeare passt, die Kostüme sind fantastisch und da auch die Max Richter Musik hier in den entscheidenden Momenten – obwohl sie teils schon zuhauf für ähnliche emotionale Trigger herhalten musste – wieder ihre Wirkung voll entfalten kann. Ist dieses Drama am Ende auf allen Ebenen höchste Kunst.

Ein Finale mit einem unerwarteten Star
Die dramatische Familiengeschichte kulminiert in der Fast-Entzweiung von William und Agnes, die dann überredet von ihrem Bruder mit nach London zur Hamlet-Premiere reist, wo sie tatsächlich zum ersten Mal sieht, was ihre Gatte mit seinem Wirken zu bewegen im Stande ist. In dieser Vorführung gipfelt Hamnet emotional für alle Beteiligten. Und damit auch für eine Figur, die erst hierfür noch eingeführt wird: Denn der Hamlet-Darsteller wird gespielt von Noah Jupe. Richtig! Vom Bruder des Darstellers, der den viel zu früh verstorbenen Shakespeare-Sohn Hamnet spielt, was natürlich auf mehreren Ebenen ein Geniestreich ist. Zum einen ist Noah inzwischen durch A Quiet Place und andere Rollen ein etabliertes Gesicht im Schauspielzirkus und auch ein gestandener Schauspieler, der diese Rolle qualitativ auch tragen kann.
Zum anderen aber ist diese vermeintlich kleine Entscheidung wegen der optischen Nähe der Jupe-Brüder so wichtig für die inhaltliche Ebene, weil es so noch glaubhafter wird, wie Agnes von der Darbietung aufgewühlt und überwältigt wird. Und so wirken dann die finalen Bilder mit einer schier ungreifbaren Wucht, wenn das ganze Theaterpublikum zum einen mit Agnes den Schmerz und die Befreiung zu teilen scheint und zum anderen Williams Opfer mit der Anerkennung seines Schaffens honoriert. Und wenn dann nachdem der Applaus abebbt auch Paul Mescal in der stillen Kammer seinen Emotionen freien Lauf lässt, dann ist das einer dieser Schlussakkorde, nach dem man selbst wenn man es wollte, den Kinosaal nicht verlassen kann, ehe der ganze Abspann durchgelaufen ist.
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Unser Fazit zu Hamnet
Hamnet ist die triumphale Rückkehr von Chloé Zhao auf der Bühne der Hoffnungsträger der Regiezunft. Emotional, bildgewaltig, intim und getragen von der darstellerischen Urgewalt von zwei der besten Stars unserer Zeit: Jessie Buckley und Paul Mescal. Es ist Reise der Gefühle, auf die man sich einlassen können muss, aber wer sich für diese Form von Theaterkunst, von Naturalismus und Schicksalhaftigkeit begeistern kann, wird diesem Film jede Auszeichnung der Welt gönnen.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

