Noch immer ist die HBO-Serie Industry hierzulande nicht da angekommen, wo sie eigentlich qua ihrer Qualität sein müsste. Doch die inzwischen vierte Staffel versucht weiter den Status zu zementieren, sodass endgültig kein Weg mehr an der Thriller-Serie vorbeiführt.
Darum geht es in der vierten Staffel von Industry
Harper (Myha’la) und Yasmin (Marisa Abela) stehen an der Spitze ihres Spiels und leben das Leben, das sie als Pierpoint-Absolventen haben, und werden in ein weltweites Katz-und-Maus-Spiel hineingezogen, als ein neuer Fintech-Unternehmer in die Londoner Szene stürmt. Während Yasmin ihre Beziehung mit dem Tech-Gründer Sir Henry Muck (Kit Harington) austariert und Harper in die Umlaufbahn der rätselhaften Führungskraft Whitney Halberstram (Max Minghella) hineingezogen wird, beginnt sich ihre schwierige Freundschaft unter dem Druck von Geld, Macht und dem Wunsch, an der Spitze zu sein, zusehends zu verkomplizieren.

Der steile Aufstieg einer Serie über steile Aufstiege
Zugegeben hat es bei Industry – wie jedoch auch bei einigen anderen Serien – anfangs etwas Anlaufzeit gebraucht, ehe diese Produktion sich so richtig gefunden hat. War die erste Staffel noch teils etwas ungelenk zwischen „Grey’s Anatomy mit jungen Bankern“, „Wannabe-Succession–Successor“ und „Brit-Billions“ unterwegs, so hat sich im Verlauf der inzwischen drei Staffeln mehr und mehr eine eigene Tonalität, reichlich herausragend geschriebene, jedoch durch die Bank weg verachtungswürdige Charaktere und eine extrem dicht gestrickte und atemlos spannende Thrillerserie im Londoner Finanzdistrikt etabliert, die nun in eine vierte Runde gehen darf.
Rein qualitativ in Bezug auf die Dialoge hat das Business-Drama längst zu Succession aufgeschlossen, nicht zuletzt, weil hier wie da Folge für Folge neue verbale Eskalationsstufen erklommen werden, die im Minutentakt mit köstlichen Fluch-Neologismen überraschen und einem immer wieder schockierend beweisen scheinen zu wollen, wie kreativ man gegebenenfalls – mit entsprechendem Sprachtalent – man sein Gegenüber theoretisch beleidigen kann. Das hatte Billions ja in Teilen auch immer in seinem Konzept, aber dort waren die Schimpftiraden mehr auf die Pointe hin geschrieben, mehr um Süffisanz bemüht und zwischen den Zeilen stets augenzwinkernd zu verstehen. In Industry hingegen gehen die messerscharfen Sentenzen wirklich dahin, wo es wehtut – und so ist diese Serie in der Schonungslosigkeit der Entlarvung der abgründigen Persönlichkeiten der Finanzelite tatsächlich eine einmalige Sache, bei der trotzdem – oder gerade deswegen – der Spaß nie zu kurz kommt.
Sex, Money, Drugs and Crime
Und um den dritten angesprochenen Vergleich auch noch aufzulösen: Verglichen mit dem Grad an Nacktheit und Sex ist Grey’s Anatomy keusch wie ein Chorknabe. Denn in Industry wird seit jeher ziemlich offensiv mit Sexualität operiert, weil nahezu alle der aufstrebenden Banker nicht davor zurückschrecken, ihre Körper in allen Belangen einzusetzen, um Ziele zu erreichen – oder zu manipulieren. Das wird nun auch in der vierten Staffel wieder exzessiv vorangetrieben, wobei dies nie ausschließlich dem Selbstzweck oder der Provokation dient, sondern – und das ist ein Element, was diese Serie so grandios macht – immer extrem aussagekräftig für die jeweiligen Charaktere ist. Wenn beispielsweise Harper dann einen Strap-on-Dildo sichtlich glücklich benutzen darf, dann wird damit natürlich vortrefflich unterstrichen, was davon für eine Machtstellung ausgeht und wie eben mehr diese Machtposition als die sexuelle Fantasie die vom Ehrgeiz zerfressene Harper anmacht.
Doch es wird hier nicht nur ausufernd gef***t, sondern auch gekokst und anderer Substanzen gefrönt als gäbe es kein Morgen. Die Parties sind in dieser Serie oftmals fast schon Orgien, wirken gleichzeitig aber selten wirklich einladend und zeichnen auch nur am Bild der abgehobenen Finanzelite weiter. Während man bei Billions stets also etwas neidisch auf das Jetset-Leben der Protagonisten geschaut hat, schafft es Industry auf eine sehr spannende Weise zwar die Privilegien und Reichtümer zu zeigen, aber es in Regelmäßig so zu kontrastieren, dass einem beim Zuschauen direkt die Lust auf Luxus wieder vergeht, weil man sieht, dass dies a) nicht glücklich zu machen scheint und b) nie ohne „Nebenwirkungen“ einhergeht.
Neues Personal im Finanzzirkus
Bevor wir uns noch den Hauptfiguren der Serie, deren Weg wir von Beginn an begleiten, zuwenden, schauen wir aber zunächst, wer nun Staffel 4 neu hinzugekommen ist. Denn nachdem ein paar Figuren nach der dritten Staffel ausgestiegen sind, braucht eine solche Show natürlich adäquaten Ersatz – und hat diesen in diesem Fall in den Figuren von Max Minghella (The Handmaid’s Tale), Kiernan Shipka (Mad Men) und Charlie Heaton (Stranger Things) gefunden. Shipka und Heaton werden direkt zusammen eingeführt – in einer richtig starken Auftaktszene der Staffel. Und Minghella ist als Tender-Chef eine exzellente Wahl, schafft er es auf eigenen Beinen zu stehen, ohne direkt wieder als Abziehbild eines real existierenden Techmoguls (Musk, Bezos, Zuckerberg,…) abgestempelt zu werden. Natürlich kann man in seiner Rolle Charakterzüge der allzu bekannten Milliardäre wiedererkennen, aber die Rolle ist weitaus ambivalenter gezeichnet und facettenreicher gespielt, um darauf reduziert zu werden.
Zu den Rollen von Shipka und Heaton und deren Relevanz sollte aus Spoilergründen nicht zu viel gesagt werden. Lediglich kann man den Casting-Leuten schon bescheinigen, erneut ein Händchen bewiesen zu haben, denn längst hat sich die Don Draper-Tochter von dieser Rolle emanzipiert und ist hier nun in einer ziemlich spannenden Funktion dabei, die sie auch qualitativ voll auszufüllen weiß. Und Charlie Heaton spielt einen Journalisten und damit einen Charakter, der nicht direkt in der Finanzbubble korrumpiert wurde, was natürlich als frische Perspektive in einer vierten Staffel schon mal ein guter Kniff ist. Wie jedoch seine individuelle Geschichte dann ihren Lauf nimmt, muss jeder selbst sehen…

Die alten Rivalitäten geraten endgültig aus der Umlaufbahn des Vertretbaren
Von den Hauptfiguren des Serienbeginns sind inzwischen nur noch eine knappe Handvoll übrig geblieben, doch deren Entwicklungen nahmen zuletzt entscheidende Wendungen, sodass Harper, Rishi, Yasmin und Eric weiterhin im Zentrum stehen – und längst nicht auserzählt sind. Spannend war zum einen schon immer deren Binnenverhältnis, aber natürlich auch die veränderten Dynamiken durch neue Allianzen, Affären und Feindschaften. Darüber, wie gut die vier Schauspielenden jeweils mit ihren Rollen verschmelzen und zu multidimensionalen Charakteren geworden sind, braucht man nun nach vier Staffeln eigentlich nichts mehr sagen. Doch die individuellen Entwicklungen sind hier ausnahmslos wieder fesselnd geschrieben, konsequent und von Staffel zu Staffel tragischer.
Rishis Downfall der dritten Staffel nimmt weiter einen erschreckenden Verlauf, Harper hat zwar zu Beginn eine extrem machtvolle Position, doch ihre nimmerzufriedene Art steht ihrem Glück einmal mehr im Wege, sodass sie wieder verheerende Entscheidungen für sich und andere trifft. Yasmin hingegen macht nach der persönlichen Tragödie, die das Highlight der dritten Staffel war ein Stück weit Schritte in Richtung Besserung – doch dadurch nimmt die Konkurrenzsituation zwischen ihr und Harper eine neue Dimension der Eskalation an. Und Eric wirkt in dieser Staffel in seiner neuen Rolle plötzlich wie der vernünftigste Mensch in einem Raum voller Borderliner. Kurzum: Allein die Protagonisten halten das Interessen, aber sind längst nicht alle spannenden Handlungsträger in dieser extrem starken vierten Staffel.
Erwähnung finden muss abschließend noch Kit Harrington, dem seit dem Ende von Game of Thrones sein Jon Snow lange Zeit im Wege zu stehen schien. Doch bereits in der dritten Staffel von Industry hat er den Cast direkt bereichert, schafft es aber nun nochmal mit der Komponente enormer psychischer Probleme an Profil zu gewinnen und sich neben den Hauptfiguren als eine der spannendsten Figuren zu etablieren.
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Unser Fazit zu Industry - Staffel 4
Industry ist in Staffel 4 weiterhin ein seltenes Beispiel einer Serie, die von Staffel zu Staffel NOCH besser wird. Der Thriller-Aspekt ist höher denn je, weiterhin braucht man einen Übersetzer, um bei all dem Finanzjargon tatsächlich zu checken, über was eigentlich gestritten wird, die politisch inkorrekten Beleidigungen schneiden tiefer ins Fleisch denn je und gleichzeitig hat auch diese Staffel wieder einige WTF-Momente, bei denen einem die Entscheidung zwischen Schockstarre und Lachanfall wahrlich schwergemacht wird. Die Fußspuren von Succession waren riesig, aber langsam hat sich herauskristallisiert, dass wenn eine Serie hier reinpasst, dann ist es die ebenfalls von HBO entwickelte Finanzsektor-Thrillerserie mit den genauso hassens- und liebenswerten Figuren wie bei den Roys.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

