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    Irradiés

    Stefan Jankevon Stefan Janke29. Februar 2020Keine Kommentare6 min Lesezeit
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    Die Geister wachen über die zerstörte Welt
    Die Geister wachen über die Erinnerungen in Irradiés © Rithy Panh
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    Nur eine einzige Dokumentation ist bei der diesjährigen Berlinale für den Goldenen Bären nominiert und daher im Wettbewerb vertreten. Der Kambodschaner Rithy Panh inszenierte mit Irradiés einen Film der sich mit den Untaten des Menschen auseinandersetzt und eine brennende Welt aufzeigt. Wie gelungen dieser dokumentarische Streifen geworden ist, erfahrt ihr im Folgenden.

    Bild aus Irradiés
    Irradiés © Rithy Panh

    Worum geht es in Irradiés?

    Irradiés ist eine Dokumentation über das Leid der Menschheit, welches sie sich selbst immer und immer wieder antut. Dabei geht es weniger um soziale oder psychologische Schäden, als vielmehr direkt körperliche. Seien es die Verbrechen der NS-Zeit, die Gräueltaten der Diktatoren in Asien, die Bomben von Hiroshima und Nagasaki oder ähnliche Massaker solchen Ausmaßes. Dabei geht der Film zunächst auf die Merkmale menschenunwürdigen Umgangs miteinander ein, zeichnet anschließend die Reichweite der menschlichen Gewalt nach und schließt zum Ende mit Erinnerungen und Nachwirkungen. Dadurch nimmt sich der Film die Freiheit, weniger ein ganz spezifisches Gebiet mit Fakten, Daten und Visualisierungen darzustellen, wie es für eine Dokumentation sonst üblich ist. Man kann ihn eher als leicht philosophischen Exkurs über die grauenvollste Seite des Menschheit deuten. Es werden nämlich nicht nur Archivaufnahmen verwendet, sondern auch künstlerische Impressionen von weiß bemalten Darstellern nachgespielt und immer wieder als Kontrast und erzählerisches Mittel eingespannt.

    Das Erinnern

    Gleich zu Beginn macht der Regisseur Rithy Panh aus Kambodscha klar, was sein Anliegen mit dieser Dokumentation ist. Sehr detailliert und in aller Ruhe baut ein Künstler den Innenraum einer Wohnung im Modell nach und legt anschließend ein altes Familienfoto fast schon andächtig in die Mitte. Es geht um Erinnerung und Andenken an das Schrecken. Rithy Panh richtet sich mit Irradiés ganz klar gegen das Vergessen, was das Schlimmste sei, was den Menschen passieren könne. Auf der Pressekonferenz gab er bekannt, dass er der Ansicht sei, dass schlimme menschliche Tragödien, wie Krieg, Anschläge und Hinrichtungen jeden Tag stattfinden würden und sich die Geschichte auf diese Weise ständig wiederhole. Was fehle, sei die Erinnerung, wie grauenvoll das menschliche Leid ist. Gegen solch ein gesellschaftliches Vergessen richtet sich sein Streifen und leistet dabei bemerkenswerte Arbeit.

    Künstler bauen kleine Modelle echter Wohnhäuser nach in Irradiés
    Der Nachbau von exakten Modellen in Irradiés © Rithy Panh

    Krieg und Schrecken als Triptychon

    Gerade den Aspekt des Sich-Wiederholenden setzt Panh ungemein ansprechend in Szene. Nicht nur schneidet er kreuz und quer zwischen Aufnahmen verschiedenster Menschheitskatastrophen, um absichtlich allgemein und abstrakt zu bleiben. Rithy Panh verwendet dabei auch einen stilistischen Kniff, der wirklich überaus eindrucksvoll funktioniert. In großen Teilen des Streifens lässt er die Leinwand zum Triptychon werden. Die Einteilung in drei Segmente hat dabei sowohl rhythmisierenden Charakter als auch den Zweck, den Wiederholungsaspekt zu unterstreichen. Zumeist ist nämlich in allen drei Bildbereichen exakt das Gleiche zu sehen. Die Aufnahme von Menschenmassen auf einer Demonstration der Nationalsozialisten oder Bilder von Leichenbergen wirken dadurch noch monumentaler und gewalttätiger. Das Ausmaß des Schreckens wirkt über den eigentlichen Bildausschnitt hinaus, was auch der Realität entspricht und daher immer bewusst mitgedacht werden sollte. Die Verwendung dieses Mittels ist wirklich meisterhaft gelungen, und es ergeben sich eindrucksvolle Bewegtbildcollagen, die sich tief ins Gedächtnis des Publikums einbrennen.

    Blüten treiben auf dem Wasser in Irradiés
    Blüten als Zeichen des Gedenkens in Irradiés © Rithy Panh

    Verstörende Bilder

    Man muss Personen mit schwachen Nerven ausdrücklich davor warnen, diesen Film anzuschauen, denn die Bilder und Aufnahmen, die hier in aller Nachdrücklichkeit auf die Leinwand gebannt werden, sind in ihrer Grausamkeit kaum zu ertragen. Man sieht Leichenberge, Verstümmelungen von Erwachsenen und Kindern, abgemagerte und schwer kranke Menschen und hört währenddessen Aussagen von Politikern, die behaupten, genau diesen Effekt erreichen zu wollen. Mehrfach muss man beim Schauen schwer schlucken, weil man zwar weiß, wie grausam Menschen untereinander sein können, so bildlich auf der Leinwand hat man es allerdings selten gesehen. Das Gezeigte schockiert und provoziert. Nun könnte man Irradiés natürlich vorwerfen, das Gezeigte zu wenig in einen Kontext zu betten, doch genau davon möchte der Regisseur Abstand nehmen. Angesicht solcher Grausamkeiten erübrigt sich jedweder Kontext. Die Bilder sprechen für sich.

    Nicht zuletzt ist es auch das Medium Film selbst, das den Schrecken der Dokumentation so real werden lässt. In vergangenen Zeiten konnte man möglicherweise noch behaupten, nichts von der Bestialität gewusst zu haben, zu der die Menschen zum Beispiel im Krieg imstande sind. Im Angesicht solcher Aufzeichnungen, die durch die technischen Möglichkeiten des Filmes möglich sind, kann es jedoch keine Ausrede mehr geben. Fast schon mahnend und mit erhobenem Zeigefinger kommt Irradiés daher und erschafft ein Manifest für die Menschlichkeit, indem er ihre fürchterlichste Seite unwiderlegbar klar präsentiert. Dazu trägt auch der Einsatz zurückhaltender und dadurch gelungener Musik und auch die Verwendung zweier Stimmen bei, die leicht philosophische Gedanken zum Gezeigten äußern. Eine solche Herangehensweise läuft natürlich Gefahr zu plakativ und rührselig zu werden, doch diesem Vorwurf geht Panh geschickt aus dem Weg, angesichts der deutlichen Drastik seines Films.

    Passfotos in Irradiés
    Gedenkfotos in Irradiés © Rithy Panh

    Pantomimisches Kommentieren

    Da man als Zuschauer oder Zuschauerin auch etwas ruhigere und stimmungsvollere Momente benötigt, um das Gezeigte zu verarbeiten, inszeniert Regisseur Rithty Panh Kabuki-Pantomimen, die aus Fenstern starren oder sich fragend umschauen. Lange wird nicht ganz ersichtlich in welchem Kontext sie stehen, doch spätestens zu Schluss wird klar, wen Irradiés hier einzufangen versucht. Es sind die Geister der Verblichenen und der Überlebenden. Sie haben die Irradiationen überstanden und wirken wie Zeugnisse aus dem Jenseits, die weiterhin auf Erden wandeln. In Anbetracht der immer noch anhaltenden Brutalität der Menschen, schauen sie sich fragend um und können ihren Augen nicht trauen. Doch auch sie sind machtlos gegen die menschliche Zerstörungswut. Erst in den letzten Minuten kann der Streifen einen vielleicht etwas zu romantisch gedachten Hoffnungsschimmer präsentieren und verdeutlicht die Macht der Erinnerungen und der Mahnungen.

    Die Geister wachen über die zerstörte Welt in Irradiés
    Die Geister wachen über die Erinnerungen in Irradiés © Rithy Panh

    Unser Fazit zu Irradiés

    Irradiés ist ein eindrucksvolles Werk von Regisseur Rithy Panh. Dessen Familie wurde von dem Regime der Roten Khmer ermordet und er selbst musste nach Frankreich fliehen. Die beiden Erzähler (Überlebende des Atombombenangriffs) führen das Publikum durch eine wahrlich bemerkenswerte Bildgewalt, die eindrucksvoller kaum ausfallen könnte und durch die starken pantomimischen Darstellungen wirkungsvoll ergänzt wird. Der aus der Kontextlosigkeit des Schrecklichen eventuell schlussfolgerbaren Gleichsetzung von Holocaust, den Taten der Roten Khmer oder der Atombombenangriffe, kann man entgegenhalten, dass sie, wenn auch unterschiedlich gerichtet und entstanden, doch in einem Punkt tatsächlich gleich sind: Sie sind unmenschlich. Jegliche Rechtfertigungsversuche würden diese von Panh aufgestellten These möglicherweise schmälern. Dabei ist sie doch gerade in Zeiten, in denen man auch hier in Deutschland davon spricht, die Erinnerungskultur einzuschränken, so besonders wichtig. Irradiés ist mutig und durchaus einen Blick wert, wenn man nicht zu viele Hintergrundinformationen verlangt, sondern Verbrechen als das betrachtet, was sie wirklich sind.

    Der Film feierte am 28. Februar Premiere auf der diesjährigen Berlinale und ist ab diesem Zeitpunkt im Wettbewerb des Festivals zu sehen. Ein deutscher Kinostarttermin ist noch nicht bekannt.


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