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    Jabberwocky

    Tobias Theißvon Tobias Theiß20. Dezember 2020Keine Kommentare6 min Lesezeit
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    Michael Palin als Dennis in Jabberwocky
    Dennis (Michael Palin) | Jabberwocky © capelight pictures
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    Kurz nach Die Ritter der Kokosnuss wütet sich Terry Gilliam erneut mit Michael Palin durch das Mittelalter. Pate hierbei war niemand Geringeres als Lewis Carrol mit seinem gleichnamigen Unsinnsgedicht Jabberwocky.

    [su_youtube URL=“https://youtu.be/2Mfjg56WOF4″]

    Das Mediabook-Cover von Jabberwocky von Capelight Pictures zeigt das titelgebende Ungeheuer über der Stadt. Ihm gegenüber steht eine Frau, die ein Schwert zum Schlag ausholt.
    Das Cover des deutschen Mediabooks | Jabberwocky © capelight pictures

    Die Handlung von Jabberwocky

    Dennis (Michael Palin) zieht es nach seines Vaters Tod eher unfreiwillig in die verheißungsvolle mittelalterliche Großstadt: ganz im Sinne der Zunft seines verstorbenen Vaters erhofft er sich, dort als Küfer einer gut bezahlten Arbeit nachzugehen. Mit seinen erworbenen Reichtümern möchte er sodann zu seiner Angebeteten Griselda (Annette Badland) zurückkehren und um ihre Hand anhalten…

    Die Arbeitssuche gestaltet sich indes schwieriger als vermutet und zu allem Überfloss plagt ein Ungeheuer namens Jabberwocky das ärmliche Volk außerhalb der schützenden städtischen Mauern. König Bruno (Max Wall) veranstaltet ein Ritterturnier – der Sieger soll nicht nur die halbe Hand der Prinzessin (Deborah Fallender) und das gesamte Königreich (oder so ähnlich) als Lohn erhalten, sondern darf als obendrauf strahlender Held gegen die Bestie zu Felde ziehen…

    Michael Palin als Dennis mit Warren Mitchell als Mr. Fishfinger im Gespräch im Fischhandel. An einem Holzverschlag hängen diverse Utensilien wie ein Fass oder ein Helm.
    Dennis (Michael Palin) verhandelt mit Mr. Fishfinger (Warren Mitchell). | Jabberwocky © capelight pictures

    Im Schatten der Pythons?

    Bereits 1975 wütete sich die britische Komikertruppe durch ein matschiges Mittelalter. Damals noch unter der geteilten Regie von Terry Gilliam und Terry Jones. Da Gilliam jedoch auch eine individuelle Regiearbeit auf die Beine stellen wollte, deren Realisation nicht stets von den kreativen Ideen seiner pythonischen Mitstreiter zerfasert werden sollte, entschied er sich, ohne die Beteiligung des klassischen Monthy Python-Ensembles zu arbeiten. Einzige Bindeglieder stellen hier Hauptdarsteller Michael Palin und die pre-title Nebenrolle von Terry Jones dar.

    Dass sich neben Gilliam nur noch Charles Alverson für das Drehbuch auszeichnete, merkt man dem Film deutlich an. Bei den großen Filmen der Pythons zeichneten stets alle sechs Mitglieder für das Writing verantwortlich – was bei dieser Anzahl an Vollblutkomikern unstrittig mit zu den besten Gagparaden der Filmgeschichte führte. Davon ab wirken die drei Filme Die Ritter der Kokosnuß, Das Leben des Brian und Der Sinn des Lebens aber nur wie eine Aneinanderreihung von Sketchen, die sich bisweilen überhaupt nicht für ihre Figuren und deren Handlungen interessieren. Das tut der Qualität eben dieser Sketche keinerlei Abbruch, aus dramaturgischer Sicht kann dieses Vorgehen aber natürlich diskutiert werden.

    Das ganze Gegenteil lässt sich von Jabberwocky behaupten. Gilliam und Alverson erdachten sich einen Plot, dem vergleichsweise strikt gefolgt wird. Im direkten Vergleich zeigt sich so ein Endprodukt, welches sich offensichtlicher an gängigen filmischen Gepflogenheiten orientiert als der bloßen Nummernrevue.

    Max Wall ist in Jabberwocky als König Bruno der Fragwürdige umringt von zwei Wachen und einem Berater. Er lauscht aufmerksam den Worten eines Bürgers, der vor ihm kniet.
    König Bruno der Fragwürdige (Max Wall) tagt am Hofe. | Jabberwocky © capelight pictures

    Düster und zynisch

    Gilliams eigenes Solo-Debüt als Regisseur pfeift aber mitnichten auf Humor, dieser steht aber einfach nicht so offensiv im Fokus wie in den reinen Python-Werken. Die Gag-Dichte ist deutlich reduziert, dafür in der Summe aber zynischer und akzentuierter. Trotzdem finden sich noch immer reichlich skurrile Dialoge und Situationen, die zum herzlichen Schmunzeln einladen. Beispielsweise wenn Dennis völlig entgeistert seinen Wunsch äußert, auch endlich mal „weit“ verreisen zu können: die Stadt in 2 Meilen Entfernung ist ein Ziel seiner Träume. Oder wenn der wenig seriöse Fischhändler Fishfinger (Warren Mitchell) im Gespräch mit Dennis seinen Allerwertesten aus dem Holzverschlag hängt und nebenbei dem großen Geschäft (nicht dem finanziellen) nachgeht.

    Fernab dieser humoristischen Einschübe zeichnet Gilliam ein düsteres und schmutziges Mittelalter. Schlamm, Nässe und Kälte kriechen förmlich aus dem Bildschirm. Die Ausstattung ist einerseits überzeugend, aber keineswegs opulent – ohne deshalb billig zu erscheinen. Viel mehr verbreiten die spärliche Beleuchtung, die zerlumpten Kleider und das meist wenig graziöse Sterben ein authentisches Bild des düsteren Mittelalters. Passend dazu präsentiert Gilliam eine Gesellschaft, in der die Oberen von der Angst und dem Unwissen der Niederen profitieren.

    Herrschende und Mächtige sind egoistisch bis grausam und bar jeder vernunftbringenden Stimme. Besonders bezeichnend stehen hierfür die Verlustängste der Kaufmänner oder das zermürbende Ritterturnier, an dessen Ende ob des Kosten-Nutzen-Faktors jeder Betriebswirt haareraufend das Weite suchen wird.

    Findigen Monthy Python and the Holy Grail-Jüngern wird indes sicherlich nicht entgehen, dass dessen mehrfach genutzte Kulisse Doune Castle auch bei Jabberwocky zum Einsatz kommt.

    Deborah Fallender steht als Prinzessin in Jabberwocky in der Dunkelheit. Neben einem Kleid trägt sie einen extravaganten Hut.
    Die holde Prinzessin (Deborah Fallender). | Jabberwocky © capelight pictures

    Der Stoff, aus dem Helden sind

    Jabberwocky inszeniert seine Hauptfigur als schillernden Helden, der das titelgebende Monster frei von Furcht erschlägt und somit seinen verdienten Ruhm und Reichtum einfährt – denkste!

    Dennis ist einfach nur ein Taugenichts und Tagträumer, der von einem Fettnäpfchen ins nächste tritt und von Missgeschick zu Missgeschick schlittert. Michael Palin verkörpert diesen naiven Tölpel herzallerliebst, auch wenn tatsächliches Mitfiebern eher schwerfällt.

    Jabberwocky parodiert schlussendlich die verkitschte Vorstellung vom ehrbaren Ritter und gütigen Herrschern, indem er einen Dussel zum Helden wider Willen auserkoren hat, der in seinem Hang zur Optimierung alles nur noch schlimmer macht. Da ist es nur logisch, so viel Spoiler sei erlaubt, wenn Dennis nach seinem zweifelhaften Sieg über das Ungetüm, die Hand der Prinzessin nur missmutig annimmt und sich stattdessen an seine dralle Liebe zurücksehnt.

    Das Fantasy-Abenteuer erinnert mit seiner Figur aus den unteren Reihen der Gesellschaft an Gilliams spätere Werke wie 12 Monkeys, König der Fischer oder auch seinem Kurzfilm The Crimson Permanent Assurance. Das Aufbegehren gegen die unterdrückenden Umstände ist in Gilliams Vision des Mittelalters jedoch nicht zwingend von Erfolg gekrönt. Gewissermaßen zeigt der Film ein Happy End, jedoch keines für die Hauptfigur zufriedenstellendes.

    Unser Fazit zu Jabberwocky

    Nicht nur aufgrund einiger beteiligter Namen wird Jabberwocky immer wieder mit reinen Monthy Python-Filmen verglichen: der Alternativtitel Monthy Python’s Jabberwocky tut sein Übriges. Somit steht er leider oft zu Unrecht im Schatten seiner filmischen Stiefgeschwister.

    In Terry Gilliams erster eigener Regiearbeit finden sich logischerweise Elemente, die sich auch bei Werken des Komiker-Sextetts wiederfinden, aber in erster Linie vollführt Gilliam die ersten Schwünge seiner späteren Handschrift. Bezeichnend sind die für ihn typischen verschrobenen und extraordinären Figuren und eine systemkritische Handlung. Im Mittelteil schwächelt Gilliams Film zwar etwas und verliert die Dramaturgie außer Augen, seine einprägsame Inszenierung hebt ihn aber gekonnt von klischeebeladener Mittelalterromantik ab.

    Wer also in Erfahrung bringen möchte, wie die Karriere Gilliams begann, kommt um Jabberwocky nicht herum. Hier gibt Gilliam bereits einen Vorgeschmack, was in den nächsten Jahrzehnten an Bildgewalt und Skurrilität von ihm zu erwarten sein würde.

    Das von Capelight Pictures veröffentliche Mediabook wartet mit lesenswertem Booklet, spannenden Extras sowie restauriertem Bild auf und wird obendrein von John Tenniels originalem Abbild aus Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln geziert.

    Jabberwocky erscheint am 18.12.2020 über Capelight Pictures im Mediabook mit Blu-ray und DVD. 


    © Capelight Pictures

    Tobias Theiß

    Tobi ist bereits gute 7 Jahre an Bord und teilt so fast 20% seiner Lebenszeit mit Filmtoast. Wie es ursprünglich dazu kam ist so simpel wie naheliegend. Tobi hatte unregelmäßig auf Seiten wie Schnittberichte Reviews zu Filmen verfasst und kam über diverse facebooksche Filmgruppen und –diskussionen in Berührung mit dem damaligen Team von Filmtoast (die Älteren erinnern sich: noch unter dem Namen Movicfreakz) und wurde daraufhin Teil dessen.
    Thematisch ist er aufgeschlossen, seine feste Heimat hat er jedoch im Horrorfilm gefunden, da für ihn kein anderes Genre solch eine breite Variation an Themen und Spielarten zulässt. Kontroverser Ekelschocker, verstörender Psychothriller oder Elevated Horror – fast alles ist gern gesehen, auch wenn er zugeben muss, dass er einen Sweet Spot für blutrünstig erzählte Geschichten besitzt.
    Tobi geht zum Lachen jedoch nicht (nur) in den blutverschmierten Keller, sein Herz schlägt unter anderem bei Helge Schneider, dänischem schwarzen Humor oder den Disyneyfilmen seiner Kindheit höher.
    Kinogänge vollzieht er am liebsten im städtischen Programmkino, zum Leidwesen seiner filmisch weniger affinen Freunde, meidet er große Kinoketten wie der Teufel das Weihwasser. Am liebsten geht er seiner Filmleidenschaft jedoch in den eigenen vier Wänden nach, um den viel zitierten Pile of Shame seiner physischen Filmsammlung abzuarbeiten.
    Tobi lebt in Sachsen-Anhalt, ist beruflich in einer stationären außerklinischen Intensivpflege verankert und hat mit der Begeisterung zum Film und dem Schreiben darüber den für sich perfekten Ausgleich zum oftmals stressigen Arbeitsalltag gefunden.

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