In Knocking treibt das titelgebende Klopfen eine Frau in den Wahnsinn – folgt ihr das Publikum in den Abgrund?

Die Handlung von Knocking
Da wollte ich am Vorabend des Films bereits meine Einleitung vorschreiben, um in dieser über die simple, aber generelle Effektivität von Home Invasion-Thrillern referieren, da ich Knocking vorab unter Verdacht stellte, auf den Pfaden eben jenes Subgenres zu wandeln. Doch tatsächlich sollte sich meine zweite Vermutung bewahrheiten: Knocking ist mehr Psychodrama, denn Horrorfilm.
Molly (Cecilia Milocco) wird die Möglichkeit eingeräumt, die geschlossene psychiatrische Einrichtung zu verlassen und in einem kleinen Apartment ein neues Leben zu beginnen. Doch bereits in ihrer ersten Nacht hält sie ein mysteriöses Klopfen wach. Die Nachbarn wollen von dieser Geräuschkulisse weder gehört haben, noch davon wissen. Und selbst die Polizei schenkt Molly keinen Glauben. Also geht sie selber auf Spurensuche und gerät immer tiefer in etwas hinein, aus dem es keinen Ausweg geben wird…

Knackningar – Die Ursache allen Leidens
So düster der Film auch ist, das schwedische Wort für „das Klopfen“ und der Originaltitel des Films sind einfach zu putzig. Deshalb sei es hier noch einmal niedergeschrieben: Knackningar. Vor allem aus dem Mund der Muttersprachler fehlt diesem Wort jeder Schrecken, den die Protagonistin Molly durchleiden muss.
Denn Molly muss in Knocking vieles durchleiden. Zwar wird ihr psychischer Hintergrund nie konkret angesprochen, doch eines wird deutlich genug. Ereignisse in ihrer Vergangenheit sorgten dafür, dass sie eine längere Zeit unter stationärer, psychiatrischer Betreuung stand und auch gegenwärtig auf die Einnahme von Medikamenten angewiesen ist. Mit dieser Stigmatisierung erscheint sie nicht nur Nachbarn, sondern sogar der Polizei wenig glaubhaft.
Besonders bedrückend: Als Zuschauer erlebt man die Geschehnisse konsequent aus der Sicht Mollys. Dabei fällt der eigentliche Handlungsbogen sehr minimalistisch aus. Sie wird entweder vom Klopfen oder Schreien in ihrer karg eingerichteten Wohnung heimgesucht oder ist im Haus auf der Suche nach dem Ursprung für die Geschehnisse. Durch einige scheinbare Rückblenden baumelt dem Zuschauer hin und wieder eine Karotte vor der Nase, die ihn anspornt, den Gründen für ihren Zustand auf die Spur zu kommen. Doch letztendlich findet sich wenig klassische Suspense.
Umso mehr sind es die schummerig ausgeleuchtete Wohnung, Mollys immer verzweifelter werdende Suche und ihr völlig überfordertes Umfeld, was zu wohligem Unbehagen beim Publikum führt.

Die Leidenden
Da Knocking sich eben eher als kammerspielartiges Psychodrama präsentiert, steht und fällt er bei seinem Minimalismus mit seinen Darstellern. Und Cecilia Milocco spielt die psychisch labile Molly herausragend. Dankenswerter Weise schreibt ihr das Drehbuch keine überzeichnete Klischee-Psycho-Tante auf den Leib, sondern gibt ihr reichlich Raum für die realistische Darstellung einer leidenen Person, deren anfängliche Skepsis immer weitere Kreise zieht und letzten Endes all ihr Handeln und Denken beherrscht.
In einer Szene, sie kehrt nach einer frustrierenden Erfahrung nach Haus zurück, sitzt sie weinend in ihrem Apartment. Man wünscht sich förmlich, dass dieses Weinen ihre Erkenntnis darstellt, sich nicht ohne externe Hilfe aus diesem Strudel befreien zu können. Doch der Sog ist zu mächtig, als dass sie sich, ausgemergelt von ihrem Kampf, dagegen erwehren könnte.
Neben der starken Performance sind es auch diverse Spielereien mit Kamerawinkeln oder -objektiven, die Molly’s Beklemmung optisch Ausdruck verleihen. Entweder sorgt ein Weitwinkelobjektiv für leicht verzerrte und unwirkliche Aufnahmen oder ein an Cecilia Milocco befestigter Kamera-Rig fängt jedes Zucken ihrer Mimik ein, wenn diese völlig ihrer Psychose verfällt – intensive Bilder sind garantiert.
Fazit zu Knocking
Knocking ist so beklemmend wie tragisch. Überraschend sensibel und realistisch wird hier eine Psychose filmisch aufgearbeitet, was vor allem der brillanten Hauptdarstellerin zu verdanken ist. Allerdings muss man sich auf den sehr minimalistischen Spannungsbogen einlassen können und darf keinen klassischen Horror- oder Psychothriller erwarten.
Vorerst zu sehen auf dem Fantasy Filmfest 2021!
[su_table]
| [atkp_product id=’42373′][/atkp_product] | [atkp_product id=’57445′][/atkp_product] |
[/su_table]
© Bankside Films
Tobi ist bereits gute 7 Jahre an Bord und teilt so fast 20% seiner Lebenszeit mit Filmtoast. Wie es ursprünglich dazu kam ist so simpel wie naheliegend. Tobi hatte unregelmäßig auf Seiten wie Schnittberichte Reviews zu Filmen verfasst und kam über diverse facebooksche Filmgruppen und –diskussionen in Berührung mit dem damaligen Team von Filmtoast (die Älteren erinnern sich: noch unter dem Namen Movicfreakz) und wurde daraufhin Teil dessen.
Thematisch ist er aufgeschlossen, seine feste Heimat hat er jedoch im Horrorfilm gefunden, da für ihn kein anderes Genre solch eine breite Variation an Themen und Spielarten zulässt. Kontroverser Ekelschocker, verstörender Psychothriller oder Elevated Horror – fast alles ist gern gesehen, auch wenn er zugeben muss, dass er einen Sweet Spot für blutrünstig erzählte Geschichten besitzt.
Tobi geht zum Lachen jedoch nicht (nur) in den blutverschmierten Keller, sein Herz schlägt unter anderem bei Helge Schneider, dänischem schwarzen Humor oder den Disyneyfilmen seiner Kindheit höher.
Kinogänge vollzieht er am liebsten im städtischen Programmkino, zum Leidwesen seiner filmisch weniger affinen Freunde, meidet er große Kinoketten wie der Teufel das Weihwasser. Am liebsten geht er seiner Filmleidenschaft jedoch in den eigenen vier Wänden nach, um den viel zitierten Pile of Shame seiner physischen Filmsammlung abzuarbeiten.
Tobi lebt in Sachsen-Anhalt, ist beruflich in einer stationären außerklinischen Intensivpflege verankert und hat mit der Begeisterung zum Film und dem Schreiben darüber den für sich perfekten Ausgleich zum oftmals stressigen Arbeitsalltag gefunden.

