Kokuho – Meister des Kabuki hat in Japan 13 Millionen Menschen in die Kinos gelockt, wurde bei etlichen Preisverleihungen bedacht und kommt nun auch regulär in die deutschen Kinos. Sollte man sich das Epos ansehen?
Darum geht’s in Kokuho
Nagasaki, 1964 – Nach dem Tod seines Vaters, dem Anführer einer Yakuza-Bande, wird der 14-jährige Kikuo von einem berühmten Kabuki-Schauspieler unter seine Fittiche genommen. Zusammen mit dem einzigen Sohn des Schauspielers, Shunsuke, beschließt er, sich dieser traditionellen Theaterform zu widmen. Über Jahrzehnte hinweg wachsen und entwickeln sich die beiden jungen Männer gemeinsam weiter. Von der Schauspielschule bis zu den größten Bühnen, inmitten von Skandalen und Ruhm, Brüderlichkeit und Verrat… Jedoch kann nur einer von ihnen zum größten Meister der Kabuki-Kunst werden.
Ein außergewöhnliches Schauspiel
Es gibt etlichen Kulturphänomene, die von Japan aus weltweit für das fernöstliche Land quasi sinnbildlich stehen. Viele denken im Kontext mit dem Inselstaat vermutlich ad hoc an die Samurai-Kämpfer, an Sushi, an Sumoringen, an Anime und Manga, an die Yakuza und vielleicht auch an Pokémon und Godzilla. Doch eine weitere Kunstform ist mindestens genauso gut als Paradebeispiel der japanischen Kultur geeignet, aber ungleich komplexer zu verstehen und daher schwerer dem westlichen Publikum greifbar zu machen: das traditionelle Kabuki-Theater.
Genau deswegen versucht Kokuho einen doch universellen Ansatz in seiner Dramaturgie, um das Thema „mainstreamiger“ zu machen. Mit Erfolg, hat der japanische Thriller doch nicht nur im heimischen Markt die Massen in die Kinos gelockt, sondern auch international bereits einige Meriten verdienen können. Dieser Ansatz ist nämlich die Verbindung des thematischen Mikrokosmos Kabuki mit dem Element des Eintauchens in fremde Kulturkreise und auf der anderen Seite einer klassischen Rivalengeschichte, die in anderen Kontexten ebenfalls so erzählt werden könnte und funktionieren würde. Man muss also kein Vorwissen mitbringen, wenngleich ein grundsätzliches Interesse an dem außergewöhnlichen Kulturereignis schon vorhanden sein sollte.
Erinnerungen an Pachinko – und Goodfellas und Co.
Nicht von ungefähr wird sich der ein oder andere, der die Apple TV-Serie Pachinko gesehen hat, in Kokuho immer wieder daran erinnert fühlen, steckt doch mit Sang-il Lee ein Regisseur hinter dieser Romanverfilmung, der auch an der Umsetzung des Apple TV-Epos mitgewirkt hat. Analog zum Generationenroman Pachinko deckt auch dieser Film nun innerhalb seiner fast drei Stunden mehrere Jahrzehnte an Geschichte über die Entwicklung des Verhältnisses der beiden Hauptcharaktere ab, was dem Ganzen doch einen gewissen epischen Charakter verleiht, der aber mühelos auf sämtlichen künstlerischen Ebenen unterstrichen werden kann.
Episch ist dieser Film dann in vielerlei Hinsicht – angefangen natürlich bei der Laufzeit. Doch insbesondere der zeitliche Horizont erinnert an die großen amerikanischen Gangster-Epen und auch hier überspannen die Jahrzehnte nicht nur unterschiedliche Altersstufen der Figuren sondern vor allem auch mehrere Genres. Nach dem tragischen Einstieg mit dem Tod des Vaters von Kikuo entspinnt sich dessen Erwachsenwerden als die typische Mischung aus Fish out of Water-Story, weil der eigentliche Gangstersohn quasi die Entdeckerrolle des Zuschauers spiegelt und die Welt des Kabuki erstmal kennenlernen muss. Coming-of-Age trifft auf bild- und rauschhafte Exposition, bei der zum Glück aber genau diese optischen und sinnlichen Eindrücke für sich sprechen dürfen und nicht alles ausbuchstabiert werden muss.
Gelebte Faszination
Die Neugier, die in dieser Anfangsphase in den Augen des jungen Kikuo-Darstellers funkelt, ist dabei extrem ansteckend, sodass man analog zum Protagonisten peu à peu die Faszination für diese spezielle Kunstform begreift und sogar übernimmt. Das Eintauchen wird noch verstärkt, indem Kokuho auf der audiovisuellen Ebene sämtliche Register zieht: knallige Farben, die Hintergrundgeräusche werden laut hochgeregelt, sodass man sich mittendrin wähnt, wenn das Zirpen von außen auch die Innenräume flutet und die Kameraarbeit ist darüber hinaus dem Epos nur allzu angemessen, spielt sie exzellent mit Tiefenschärfe und Ausleuchtung im Wechsel von Tag und Nacht, von Drinnen und Draußen, von Kindlichkeit und Ernst.
Dafür aber nimmt sich dieses Werk auch gehörig Zeit, zelebriert nahezu das entschleunigende Elemente des traditionellen Theaters, was zwar einerseits der Faktor ist, der diesen Film erst zu einem Epos macht, aber andererseits jeden Zuschauer, der gerne von einem spektakulären Moment zum nächsten manövriert wird, in seiner Euphorie ausbremsen kann. Im seriellen Erzählen fallen diese Tempoverschleppung erstaunlicherweise weniger ins Gewicht, hat man dort immer wieder episodische Spannungsbögen, die den großen Bogen gefühlt verkürzen. Doch hier ist Geduld und Konzentration gefragt. Kokuho ist eindeutig für den dunklen Kinosaal, für den Cineasten, der in eine Welt vollends einzutauchen bereit ist, gedacht, kein Fall für Second-Screen-Watching.

Großes Schauspiel, viel Drama, Produktionswerte höchster Kategorie
Soya Kurokawa, später: Ryo Yoshizawa verleihen der Hauptfigur Kikuo ein ausdrucksstarkes Gesicht, spielen den Entdeckeraspekt genauso überzeugend wie die immer wieder durchscheinende Unsicherheit. Auch unter der weißen Maskierung in voller Kabuki-Montur gelingt es Yoshizawa die Zuschauer emotional mitzunehmen und in einigen Szenen zu berühren. Darstellerisch aber hat Kokuho natürlich auch noch mehr zu bieten, allen voran der größte Name im Cast, Ken Watanabe (Inception, Tokyo Vice) ist einmal mehr eine absolute Naturgewalt, wobei er hier in den entscheidenden Szenen dankenswerterweise den jungen Mitspielern die Bühne zu überlassen weiß. Denn nur so können dann die Kabuki-Auftritte, die eindeutig das Aushängeschild des japanischen Epos sind, ihre volle Wirkung entfalten, ihre Kraft vermitteln, die Faszination greifbar machen.
Und das gelingt natürlich insbesondere dann auch bei dem Teil im Publikum, das eine Affinität für aufwendigstes Kostümbild, sensationelle Ausstattung und Detailliebe mitbringt. Die Anmut, die Perfektion, das Fingerspitzengefühl, um nicht zur Farce zu werden, zeichnen die Kabuki-Kunst aus – und Kokuho weiß dem ein absolut würdiges Denkmal zu setzen, ohne dabei aber auch die typischen Schattenseite einer solchen Subgesellschaft zu verheimlichen. So entsteht eben mehr als eine opulente Modenschau, die von teils dissonanter Musik untermalt wird: Dieser Film reiht sich unter die ganz großen Charakterdramen im Bereich der Leinwandepen ein, weil sämtliche Gewerke Hand in Hand auf höchstem Niveau ihren Job erfüllen.
© SHUICHI YOSHIDA/ASP/2025 „KOKUHO“ Film Partners
Unser Fazit zu Kokuho - Meister des Kabuki
Kokuho auf die sensationelle Ausstattung, das einmalig schöne Kostümbild und den Einblick in ein Kunstfeld, das vor allem im Westen kaum Bekanntheit genießt, zu reduzieren, wäre zu kurz gegriffen. Denn das japanische Filmepos schafft es zusätzlich eine Coming-of-Age-Geschichte mit einer Milieustudie zu kombinieren, bietet jungen Darstellenden eine Bühne, um greifbar zärtliche Momente abzuliefern und ist in seiner Dramaturgie trotz der vielleicht doch anstrengenden Laufzeit noch spannend mitzuverfolgen. Kurzum: Wer Pachinko mag, gern tief in fernöstliche Kulturphänomene eintaucht oder auch einfach neugierig ist, der bekommt eines der schönsten Leinwanderlebnisse geboten, das in diesem Jahr dort zu sehen sein wird.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.
