Mit Freaks Out gelang dem Regisseur Gabriele Mainetti ein veritabler Festival- und Kritiker-Hit. Nun kommt das Nachfolgeprojekt in die deutschen Kinos. Ist auch Kung Fu in Rome ein Ausrufezeichen aus Italien?
Darum geht’s in Kung Fu in Rome
Yun ist weg! Die Suche nach ihrer Schwester führt die Chinesin Mei nach Italien in die Ewige Stadt, ins Casino „Città Proibita“. Das unehrenhafte Etablissement ist in der Hand chinesischer Gangster, die sich bei der Vermisstensuche wenig kooperativ zeigen. Schwerer Fehler, denn Mei wurde ihr Leben lang nach allen Regeln der Kunst in Kung Fu ausgebildet. Rücksichtslos fräst sie sich alsbald durch Roms Unterwelt – und trifft auf den bei einem Mobster verschuldeten, herzensguten Pastakoch Marcello. Auch seine Familie scheint in Yuns Verschwinden verstrickt zu sein.

Ein Titel, der in die Irre leitet
Gabriele Mainetti hat 2021 mit Freaks Out einen nahezu epischen Genre-Mix aus Kriegsfilm, Außenseitertum-Allegorie, Historiendrama und Fantasy-Blockbuster abgeliefert – in dem Ganzen angemessener Überlänge und mit einem fantastischen Ensemble rund um den deutschen Exportschlager Franz Rogowski. Mit traumwandlerischer Sicherheit tarierte der italienische Filmemacher dabei die Genreübergänge neu aus und hatte überdies noch erstaunlich viel zu sagen für einen Genrefilm, in dem es um ausgestoßene Schausteller und Zirkuskünstler geht, irgendwo zwischen Zauberer von Oz und Guardians of the Galaxy, wie der Regisseur sein Werk selbst am liebsten einordnet.
Schon Freaks Out las sich aber in der Vermarktung viel zu sehr nach B-Movie, als dass man den meisterhaften Angang seitens des deutschen Verleih richtig zu promoten wusste. Ähnlich ist es nun wieder bei Mainettis drittem Spielfilm, der in Deutschland als Kung Fu in Rome verkauft wird, während der italienische Originaltitel übersetzt eigentlich „Die verbotene Stadt“ lauten würde – und damit wesentlich besser die Mehrdimensionalität des Stoffes umreißt.
Ja, es geht in diesem Action-Drama schon ziemlich zentral um die asiatische Kampfkunst vor der Kulisse der italienischen Weltstadt mit Kolosseum und Circus Maximus, aber das noch spannendere Verkaufsargument wäre neben diesem Culture Clash in meinen Augen doch die untergründige Parallelgesellschaft, die in diesem Film zum Leben erweckt wird.
Treffen sich eine Kung Fu-Kämpferin und ein Mafia-Schuldner…
Was wie der Beginn eines antiquierten Witzes klingt, ist die doch erfrischend unverbrauchte Devise dieses Streifens. Die Story per se hat in Kung Fu in Rome schon eindeutig B-Movie-Flair, wobei man dies in diesem Fall erfreulicherweise als Hommage an das altehrwürdige Action-Kino aus Hongkong verbuchen kann. Überhaupt merkt hier zu jeder Sekunde, dass Mainetti selbst ein gigantischer Filmfan ist, der sich von vielen Strömungen inspirieren lässt, aber es exzellent versteht, bekannte Tropes neu zu verknüpfen und daraus ein überraschend funktionales Mash-up zu basteln.
Ich würde sogar noch weitergehen und Mainetti zusätzlich unterstellen, auch im aktuellen Seriengeschehen am Puls der Zeit zu sein, denn viele Szenen könnten genauso gut aus der Cinemax-Serie Warrior, die wiederum auf eine Idee von Bruce Lee zurückgeht, stammen. Dort findet das Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Kulturen zwischen den asiatischen Immigranten in San Francisco um die Jahrhundertwende von 19. auf 20. Jahrhundert statt, während hier eben die Welten einer Exil-Chinesin und eines jungen Mannes, der sich in mafiöse Machenschaften hat verstrickten lassen, clashen.
Fantastische Action, Dolce Vita und leichte Melancholie
Natürlich weidet sich der Plot förmlich in Klischees, sowohl in Bezug auf die chinesischen Aspekte als auch in der Darstellung des Mafia-Italiens. Doch das hat bei Mainetti selbstredend Methode und ist keineswegs nur zum Selbstzweck so plakativ. Das Spiel mit den Stereotypen an der Oberfläche führt einem vor Augen, wie man jahrzehntelang durch Film und Fernsehen mit überhöhten Darstellungen der Subkulturen geprägt wurde, sodass sich irgendwann solche Verhältnisse wie Tatsachen eingebrannt haben. Wenn dann hier die Mafiosi komplett übertreiben, was die Gestik beim Sprechen angeht, dann mag das wie in einer Parodie wirken, ist aber streng genommen nur die Reproduktion dessen, was man medial jahrzehntelang als Vorurteile gegenüber einer ganzen Nation verunglimpft hat. Dadurch, dass Mainetti dies im Jahr 2025 nochmals durchkaut, entlarvt er ein Stück weit – und ganz nebenbei – bis heute weit verbreitete Irrtümer.
Die ganz große Kunst ist, dass wie schon in Freaks Out auch hier wieder die Botschaften beiläufig vermittelt werden, das Unterhaltungsprodukt als solches jedoch schlicht einwandfrei funktioniert. Die Action in Kung Fu in Rome ist den augenscheinlichen fernöstlichen Vorbildern als Hommage mehr als würdig, kann locker mit 95 Prozent aller aktueller Hollywood-Actionfilme mithalten – und macht einfach einen Heidenspaß! Wer beispielsweise im vergangenen Jahr City of Darkness für sein Reminiszenz-Kino gefeiert hat, wird auch hier voll und ganz abgeholt werden.

Kung Fu in Rome wildert jedoch nicht nur in den Gefilden des asiatischen Actionkinos, sondern startet auch mit einer weiblichen Protagonistin auf Vergeltungsmission einen Frontalangriff auf eine Vielzahl von Filmen, die in den letzten Jahren hier mal mehr, mal weniger Erfolg hatten. Mit Kate, Jolt, Anna und Co. kann jedoch dieser Neuling locker mithalten, allein weil man sich eben nicht nur auf große Namen sondern das große Ganze verlässt. Zudem gelingt hier doch mit der Zusammenführung der unterschiedlichen Unterwelten ein kohärentes World Building, während das Drumherum in ähnlich gelagerten Hollywood-Filmen zumeist nur eine dürftige Fassade war, um ein paar solide Actionszenen miteinander zu verbinden. Hier ist der rote Faden klar erkennbar – und äußerst robust!
Letztlich muss ich also resümieren, dass unter den Female-lead-Action-Flicks in den letzten Jahren wenige diesem hier das Wasser reichen können, wobei selbstredend die Bezeichnung „female lead“ dem Mainetti-Projekt auch gar nicht gerecht wird. So einen Spaß mit einer schlagkräftigen weiblichen Hauptrolle hatte ich in diesem Jahr nur noch mit Ballerina – unter ganz anderen Voraussetzungen, versteht sich.
© DCM 2025
Unser Fazit zu Kung Fu in Rome
Seit John Wick 2 wurde in Rom nicht mehr so spektakulär geschnetzelt! Mit seinem Nachfolgefilm zu Freaks Out wendet sich Gabriele Mainetti komplett von seinem bisherigen Schaffen ab - und bleibt sich doch treu. Denn auch Kung Fu in Rome ist eine vielschichtige Story im B-Movie-Outfit, mit tollen Schauwerten, funktionierenden Anspielungen und einem akzeptablen Pacing. Einzige Empfehlung, die man dem Regisseur doch mitgeben darf: zwanzig Minuten raffen, dann hält man auch die etwas ungeduldigeren Zuschauerinnen und Zuschauer ununterbrochen bei Laune!
Kung Fu in Rome wird in Deutschland ab dem 11. September 2025 in den Kinos zu sehen sein.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

