Richard Linklater lässt eine ganze Generation junger Wilder wieder lebendig werden: beneidenswert lässig, unverschämt mutig und angetrieben vom unbedingten Willen, alles neu und anders zu machen. Seine Weltpremiere feierte Nouvelle Vague beim Filmfestival von Cannes – unter großem Applaus von Kritik, Publikum und von Fans wie Quentin Tarantino. Aber wie finden wir den Schwarzweißfilm?
Darum geht’s in Nouvelle Vague
Paris, Ende der 1950er-Jahre: Der 28-jährige Jean-Luc Godard hat als Einziger in seinem Freundeskreis noch keinen eigenen Film gemacht. Mit einem verrückten Team, einem amerikanischen Filmstar und wenig Geld gelingt ihm schließlich unter abenteuerlichen Umständen mit AUSSER ATEM ein Meisterwerk, das in die Filmgeschichte eingehen und das Kino für immer verändern wird.

20 Drehtage voller Chaos
Linklater strukturiert seinen Film um die zwanzig Drehtage von Außer Atem und verdeutlicht dabei Godards chaotische Sprunghaftigkeit: die bewusst fehlende Vorbereitung, die minimale Anzahl an Takes bei vielen Szenen und das Konzept der Subversion als radikale Form des Filmemachens. Godard wird dabei als zielstrebig, aber auch zeitweise planlos präsentiert, stetig im Clinch mit der Produktion oder seiner Hauptdarstellerin Jean Seberg, die aus Hollywood gänzlich andere Strukturen gewohnt ist. Jean-Paul Belmondo hingegen nahm die Situation gelassen, da er von dem Projekt und dem nicht vorhandenen Skript ohnehin wenig erwartete.
Der Regisseur versucht dem Publikum begreiflich zu machen, wie Godards radikale Brüche zustande kamen und wie sie aus einer unwissenden Außenseiterperspektive innerhalb des damaligen Status quo wirkten. Godard erscheint hier keineswegs als allwissendes Genie, sondern als Provokateur, der sich bewusst selbst inszeniert. Guillaume Marbeck verleiht ihm in seiner lakonischen Haltung die Züge einer fragmentierten, arroganten Version eines Pseudo-Intellektuellen. An vielen Stellen bleibt jedoch schwer greifbar, welchen Punkt Linklater mit seiner Mischung aus Bewunderung und Kritik eigentlich setzen möchte. Nouvelle Vague schwankt zwischen Romantik und Chaos, ohne den Finger wirklich in die Wunde zu legen, bleibt aber eher plakativ.
Eine unromantische Liebeserklärung
Die größte Schwäche ist Linklaters mangelnde Ambition, mehr sein zu wollen als eine bloße Aneinanderreihung filmhistorisch bedeutsamer Momente. Die gewählte Schwarzweiß-Ästhetik – eine offensichtliche Reminiszenz an die Ära der Nouvelle Vague – wirkt dabei seltsam forciert, fast wie ein Gedicht ohne Inhalt. Inhaltsleer erscheint das Werk vor allem deshalb, weil es zu viele Einstellungen darauf verschwendet, die großen Namen jener Epoche lediglich als Statisten einzublenden: Wir sehen Truffaut, Chabrol, Resnais, Bresson, Varda und Demy. Doch die wenigsten von ihnen erhalten eine tiefere Bedeutung oder auch nur einen einzigen Satz. Sie bleiben bloße Staffage ohne Funktion, deren einzige Daseinsberechtigung darin besteht, dass sie zu dieser Zeit real existiert haben.
Dies unterstreicht den Ansatz einer Re-Ästhetisierung einer vergangenen Epoche, die hier jedoch nur wie eine blasse Erinnerung daherkommt. Über das reine Nacherzählen geht der Film nicht hinaus. Stattdessen wirkt alles wie der langatmig inszenierte Aufbau einer Pointe, die man bereits meilenweit gegen den Wind riechen konnte.

Dennoch spiegelt Linklater die zeitgenössische Wahrnehmung wider: Niemand hatte auch nur im Entferntesten daran geglaubt, dass Außer Atem tatsächlich ein guter Film werden würde. Und doch verneigt sich das internationale Publikum bis heute, wider Erwarten (oder eben gerade deshalb), vor einer Subversion, die zu ihrer Entstehung ebenso verhasst wie missverstanden war.
© Plaion Pictures
Unser Fazit zu Nouvelle Vague
Richard Linklater belässt es bei einer eindimensionalen Annäherung. Sowohl inhaltlich als auch inszenatorisch spiegelt sich kaum etwas vom Mut der damaligen Ära in der Umsetzung wider. Das Ergebnis ist zäh und gewöhnlich, weit davon entfernt, mehr auszusagen, als es die Filmgeschichte ohnehin schon getan hat. Produktive, neue Impulse sucht man hier vergeblich. Godard selbst hätte diesen Film gehasst. Nicht, weil er ihn zum Thema macht, sondern aufgrund der fehlenden Aussage über den damaligen Zeitgeist und die fortwährende Krise, in der das Medium Film bis heute gefangen ist.
