Die Kritiken überschlagen sich – hat Paul Thomas Anderson mit One Battle After Another sein nächstes Meisterwerk erschaffen?
Davon handelt One Battle After Another
Vor 16 Jahren sprengte die Widerstandsgruppe „French 75“ die Grenzen des Unmöglichen: Auf einen Schlag befreiten sie 200 Häftlinge aus den Fängen des skrupellosen United States Immigration and Customs Enforcement (ICE). Danach verschwanden die Widerständler spurlos, allen voran Bob Ferguson, der nur als Ghetto Pat bekannt war. Dabei lernte er auch seine Freundin Perfidia Bevery Hills kennen. Heute lebt der alleinerziehende Vater in ständiger Paranoia. Er fürchtet, dass der einstige ICE-Colonel Steven J. Lockjaw noch immer hinter ihm her ist. Seine Angst ist nicht unbegründet: Lockjaw ist längst völlig abgedriftet und Teil der rassistischen Miliz „Christian Adventurer Club“. Sein Hass richtet sich nun auf Bobs Tochter Willa.

Blockbuster eines Kunstfilmers
Mit spekulativen 170 Millionen Euro durfte Paul Thomas Anderson, der bisher nicht für finanziell ergiebige Filme bekannt war, einen echten Blockbuster drehen. Dafür sucht er sich einen Stoff aus, der lose auf Thomas Pynchons Vineland beruht. Insbesondere die Vater-Tochter-Beziehung hat in dem Roman eine besondere Bedeutung, doch Anderson verlegt die Erzählung rund um aktuelle politische Ereignisse.
Und operiert damit durchaus auf unbekanntem Terrain; nur ein Film seiner bisherigen neun Werke gilt als zeitgenössisches Werk (Punch Drunk Love), ansonsten sucht sich der Autorenfilmer stets eine historische Periode für seine anspruchsvollen Erzählungen heraus. One Battle After Another ist zweifelsohne ein Film über die USA, dessen Verunsicherung man sich aktuell in Echtzeit erleben kann.
Gegen das Patriarchat auflehnen
Ein Film über eine linke Widerstandsgruppe, die sich gegen das Patriarchat auflehnt – bestückt mit gänzlich unterschiedlichen Mitgliedern und Mitgliederinnen. Dort lernen sich Bob, genannt Ghetto Pat, und die furiose Perfidia Beverly Hills kennen. Bereits die abstrusen wie ikonischen Namen symbolisieren jenen Wahnsinn, der uns in satten 160 Minuten auf der Leinwand erwartet.
Dabei verliert der Film keine Zeit und wirft den Zuschauer in die schweißtreibenden Operationen der Vereinigung. One Battle After Another ist ein Actionfilm und beherrscht sein Handwerk auf eindrucksvolle Weise. So widmet sich die erste Hälfte dem Aufstieg und Fall der „French 75“, gefilmt in voller Inbrunst, als würden sich die Schlachtrufe und Parolen auf der Leinwand breit machen. So sieht man die minutiös geplanten Schachzüge, versprüht gleichzeitig eine große Portion Sexappeal und gibt all den Mitgliedern hinreichend Zeit ihre Anliegen zu kommunizieren. Wenn Junglepussy (gespielt von der gleichnamigen Rapperin) in einer Bank einen ausschweifenden, energischen Monolog hält, dann verbinden zwischen Genie und Wahnsinn.
Niemals eindeutig und mit diebischer Freude
Es ist jene diebische Freude, die One Battle After Another nicht nur von anderen Blockbustern dieser Größenordnung unterscheidet. Anderson gilt als Meister darin, Genres aufzubrechen und sie als vage Rahmen zu nehmen, um seine virtuos konzipierten Geschichten vor allem visuell zu erzählen. Changiert dabei zwischen Ernsthaftigkeit und diebischer Freude, ist in seinen Ausführungen niemals eindeutig und spielt mit den Erwartungshaltungen des Zuschauers. One Battle After Another ist gewissermaßen Blockbuster und Anti-Blockbuster zugleich.

Natürlich geht es um gesellschaftspolitische Debatten, um das vorherrschende Patriarchat in seiner gänzlichen Abstrusität und um ausschweifende Kulturkämpfe. Der Film verhandelt diese Themen, ohne forciert auf Antworten oder Erklärungen einzugehen. Er ordnet sich keinem Spektrum unter, da die Grenzen zwischen Standpunkt und Willkür offengelegt sind. In der von Leonardo DiCaprio porträtierten Figur eines alternden Revoluzzers, dauerbekifft und zurückgezogen lebend, kanalisiert sich jene Verunsicherung und Paranoia der Vereinigten Staaten. Zuvor war er es nämlich noch, der mit seiner Geliebten die Revolution angestrebt hat. Nun holen die Machenschaften auch die nächste Generation, in Form seiner Tochter Willa, ein. Unheil droht dabei standesgemäß von weißen, sehr alten Männern – namentlich der „Christian Adventurer Club“.
One Battle After Another verhandelt großspurige Themen, bleibt dabei aber zärtlich und genügsam. Spielend leicht wechselt der Film zwischen dem Mikro- und Makrokosmus hin- und her. In der zweiten Hälfte wird eine Vater-Tochter-Beziehung dargestellt, die mit Verlust und Vertrauen belastet ist. Immer wieder scheint aber auch der kulturelle Hintergrund der USA durch. Eine unsichere Welt mit selbstsicheren Machthabern, in der gesellschaftliche Strukturen sichtbar werden und für den Kampf aufgerufen werden muss. Aber eben auch die zwischenmenschliche Beziehung fördert.
Bob und seine Tochter werden dabei auf eine abstruse Abwärtsspirale geschickt, die gleichzeitig durchweg Freude bereitet und man einfach nicht möchte, dass dieses fast dreistündige Abenteuer zu Ende geht. Auf ihrem Roadtrip stoßen sie auf alte Weggefährten, wie „French 75“-Mitglied Deandra (Regina Hall), oder den tiefenentspannten Sensei Sergio (Benicio del Toro).
Cast und Crew auf Kurs: Meisterwerk
Paul Thomas Anderson, der vielleicht beste amerikanische Regisseur des 21. Jahrhunderts, erzählt diese aberwitzige Umwege nehmende Geschichte in hervorragenden Bildern. Bilder, die nicht nichtig-prätentiös eingesetzt werden, sondern sich dem runden Eindruck angleichen. Gemeinsam mit Co-Kamermann Michael Baumann greift er auf das beinahe in Vergessenheit geratene Vista-Vision-Format zurück. Und hält damit u.a. eine eindrucksvoll gefilmte Verfolgungsjagd fest, in dessen Ausrichtung sich die Höhen & Tiefen und das Sichtbare & Unsichtbare des Erlebten visualisieren. Sie schaffen eine Reihe von ikonischen Bildern, ohne diese zu erzwingen.

Dass Star-Schauspieler Leonardo DiCaprio, der sich seine nächsten Filme immer genau aussucht, unbedingt mit Anderson zusammenarbeiten wollte, ist kaum verwunderlich. Er glänzt in einem sowieso schon bombastischen Cast als verschrobener Kiffer und taumelt energisch-verpeilt mit Bademantel & Sonnenbrille durch jegliche Räumlichkeit. Auch Newcomerin Chase Infiniti und Multitalent Teyana Taylor können ihren gänzlich unterschiedlichen, und doch ähnlichen Frauenfigur die nötige Willenskraft verleihen. Von der Kritik wird insbesondere Sean Penn gelobt, der den bizarren ICE-Colonel mit roher Körperkraft und fast schon cartoon’esker Mimik verkörpert. Allein für den Anblick seines stocksteifen Ganges lohnt sich der Gang ins Kino.
„The Revolution Will Not Be Televised“ ertönt es in One Battle After Another. Der von Gil Scott-Heron produzierte Song der Black Liberation Army steht sinnbildlich für die Zeit, die der Film beschreibt. Die Zusammenkunft von Minderheiten, die sich gegen das System stellen. Kämpferisch und wenig versöhnlich. Dem Patriarchat zum Fraß vorgeworfen werden, aber zurückbeißen. Paul Thomas Anderson mag nicht die Revolution anzetteln, aber zumindest versucht er, sie durch einen millionenschweren Blockbuster auszurufen. All die gesellschaftspolitischen Themen verhandelt One Battle After Another, ohne auch nur eine Minute versteift zu sein. Kein Schwarz-Weiß-Denken, das sich in unsere gesellschaftlichen Debatten geschlichen hat. Eine Vater-Tochter-Geschichte im Gewand eines linken Actionfilmes – mit Herz, Humor und dem nötigen Handwerk.
© Warner Bros. Pic.
Unser Fazit zu One Battle After Another
Herausragend gefilmt, durchweg unterhaltsam und grandios gespielt. Paul Thomas Anderson muss man als Phänomen ansehen. Auch im Blockbuster-Format zieht der Autorenfilmer alle Trümpfe, wirkt dabei niemals verbissen und schafft eine aberwitzige Leichtigkeit in einem komplex konzipierten Film. One Battle After Another könnte schon bald als das amerikanische Meisterwerk unserer Zeit gelten und sollte dem Regisseur endlich den ersten Oscar einbringen.