Man kann sich vorstellen, dass Indie-Schmiede A24 keine klassischen Romanzen liefert, aber Pillion ist dann gleich die extreme Antwort darauf. Wie gut ist der Film von Regisseur Harry Lighton?
Darum geht es in Pillion
Als der schüchterne Colin in einer Bar auf den charismatischen Ray trifft, ist es sofort um ihn geschehen. Dass der attraktive Biker ausgerechnet ihn zu seinem neuen Gefährten erwählt, kann er kaum fassen. Ray fordert absolute Unterwerfung, zu der Colin nur allzu gern bereit ist. Er putzt, kocht, kauft ein und schläft anstandslos auf dem Bettvorleger. Im Gegenzug öffnet ihm Ray die Tür zu einer aufregenden Welt wilder Abenteuer und sexueller Ekstase. Während sich seine Eltern zunehmend Sorgen machen, genießt Colin sein neues Leben in vollen Zügen. Doch langsam erwacht in ihm eine leise Sehnsucht nach etwas, das Ray ihm vielleicht niemals geben kann.

Von schüchternen Sängern und BDSM-Bikern
Pillion ist schon auf dem Papier eine der schrägsten Konstellationen, die man sich wohl zusammenreimen kann: Der Schauspieler, der einst als dicker Cousin Dudley Dursley von und in Harry Potter zur Hassfigur einer ganzen Kindergeneration avancierte und sich dann inzwischen zu einer echten Größe der britischen Schauspielerei gemausert hat, verliebt sich als schwule Politesse und Hobbychorsänger in einen Biker einer BDSM-Bande, der von niemand geringeren gespielt wird als von Calvin Klein-Modell, Tarzan-Beau und Northman-Sexsymbol Alexander Skarsgård.
Was jedoch wahlweise wie eine SNL-Parodie auf Sons of Anarchy, ein überkonstruiertes Pop-Märchen oder ein zum Scheitern vorverurteiltes Experiment klingt, entpuppt sich im Verlauf als eine der aufrichtigsten, verschroben-nahbarsten, unaufgeregtesten und gleichzeitig urkomischsten Liebesgeschichten der letzten Jahre. Denn trotz all der Fallstricke, die in dieser Zusammenstellung lauern, gelingt Regisseur Harry Lighton das Kunststück seine Geschichte, vor allem aber das Milieu und die Charaktere so ernst zu nehmen, dass man sich als Zuschauer mit einer nahezu diebischen Freude diese unwahrscheinliche Lovestory ansieht.
Von Unterwerfung, Geborgenheit
Es dauert hier kaum zehn Minuten und schon kommt es zum ersten Blowjob des schüchternen Sängers für den scheinbar unerreichbaren und gut aussehenden Biker. Und bereits dieser erste explizite Moment wird hier roh, ungeschönt und fast schon unangenehm anzusehen gezeigt, sodass man von Beginn an weiß, dass hier auf der Ebene des Gezeigten kaum Hemmungen gelten. Das ist in Pillion jedoch auch gleichzeitig das Erfolgsrezept, was aus der skurrilen Ausgangslage einen im Endeffekt faszinierenden Film macht: Hier wird nichts kaschiert, hier wird aber auch nicht, wie so oft in romantischen Filmen, etwas dramaturgisch verschleppt oder Geheimnisse künstlich aufgeblasen, hier wird sich voll und ganz auf eine möglichst hohe Authentizität beschränkt, wobei der Spagat zwischen Milieu-und Charakterstudie sehr gut gelingt.
Da ist dann eben auf der einen Seite Colin, der bereit ist, der aufrichtigen Liebe wegen, sich komplett auf die extremen Situationen, die vermeintlich entwürdigenden Wünsche und die komplette Unterwerfung einzulassen. Und auf der anderen Seite ist da Ray, der zwar sichtlich diese Unterwürfigkeit ausnutzt, aber der gleichzeitig auch zu jeder Zeit eine Form aufrechter Zuneigung durchscheinen lässt, sodass man ihn nicht für das verschobene Kräfteverhältnis in dieser aufkeimenden Liebschaft verurteilen will.
… und echter Liebe
Denn bei aller Skurrilität einzelner Szenen in Pillion, die zum Teil natürlich schreiend witzig anzusehen sind, hat man nicht den Eindruck, dass sich hier jemand über diverse Fetische lustig macht. Harry Lighton kreiert vielmehr einen filmgewordenen Safe Place für Andersartigsein, zeigt dabei, wie die beiden Figuren sich durch die außergewöhnliche Affäre weiterentwickeln und trifft dabei ausnahmslos schlüssige Drehbuchentscheidungen. Getragen wird das Ganze natürlich von der ebenfalls schwer greifbaren, aber wiederum glaubhaften Chemie zwischen Melling und Skarsgård, die mitunter die Sexszenen des Jahres abliefern, ohne dass es zu einer Lachnummer verkommt, was hier wirklich schnell hätte passieren können.

Wenn dann auch noch die Musikauswahl mit beispielsweise Robyn’s „Dancing on my own“ so exzellent in die Handlung passt und dieses filmische Kleinod auf der audiovisuellen Ebene ebenfalls zu einem Vergnügen macht, dann versteht man direkt, wieso A24 sich diesen doch augenscheinlich schwer vermarktbaren Streifen gesichert hat: Ein Herz für die Diversität unserer Gesellschaft verbindet das Unternehmen mehr als augenscheinlich mit dem noch unerfahrenen, aber ambitionierten Filmemacher.
© Weltkino
Unser Fazit zu Pillion
Pillion ist zugleich die unwahrscheinlichste, schrulligste, expliziteste und glaubhafteste Lovestory, die man die letzten Jahre mit so großen Namen an Bord sehen konnte. Natürlich muss man sich auf den genauso schrägen Humor und die ein oder andere unangenehme Szene einlassen können, aber dann bekommt man von Harry Lighton eine Romanze serviert, die auf sämtlichen Ebenen aus dem Mainstream herausbricht.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

