Edgar Allan Poe gilt nicht nur prägend für die Literatur, ebenso großen Einfluss hat sein literarisches Schaffen auf die Filmwelt. Unzählige Verfilmungen oder wenigstens Anlehnungen seiner Werke sind bereits entstanden. Christopher Hatton fügt der Liste mit Raven’s Hollow einen weiteren Titel hinzu: schaurige Gruselmär oder eher fürchterliche Umsetzung?

Die Handlung von Raven’s Hollow
Eine Gruppe von Kadetten, unter ihnen der spätere Autor Edgar Allan Poe (William Mosely), findet mitten im Nirgendwo einen verstümmelten Mann. Im nahe gelegenen Örtchen Raven’s Hollow erhoffen sie sich Antworten, doch sie stoßen stattdessen auf eine Wand des Schweigens und unverhohlenem Argwohn.
Die jungen Männer verbringen die Nacht im Gasthof von Wirtin Elizabet Ingram (Kate Dickie) und Tochter Charlotte (Melanie Zanetti) und erfahren dabei vom vermeintlichen „Raven“, der für die mysteriösen Vorgänge im Dorf verantwortlich sein soll…

Sleepy Hollow light
Ein spärlich besiedeltes Dörfchen im amerikanischen Hinterland, verschwiegene Bewohner, mysteriöse Todesfälle und eine lokale Schreckgestalt – herzlich willkommen in Sleepy Hollow!
Doch haltet ein, wir folgen der nebligen Landstraße noch eine Kreuzung weiter und landen stattdessen in Raven’s Hollow. Die Ähnlichkeit beider Ortschaften ergibt sich jedoch nicht aus nachbarschaftlicher Nähe allein! Hier wie da sorgen nasskaltes Wetter, träge wabernde Nebel und finster drein blickende Bewohner für ein wohliges Ambiente, welches zum Lustwandeln in düsteren Wäldern und Auen einlädt.
Spaß bei Seite: es sollte deutlich geworden sein, dass Raven’s Hollow überdeutlich in die inszenatorischen Fußstapfen eines Sleepy Hollow tritt. Und daran ist nichts verwerflich. Denn zum Einen: welcher Film erfindet heute das Rad noch neu? Zum Anderen: es gibt deutlich schlechtere Vorbilder als Tim Burtons atmosphärische Mär vom kopflosen Reiter.
In seinen stärksten Momenten kommt Raven’s Hollow nahe an sein offensichtliches Vorbild heran. Nebelschwaden und karge Landschaften sorgen für wohlige Schauer und die teils grotesk-brutalen Morde strahlen eine morbide Faszination aus. Noch dazu bietet er mit E. A. Poe als Hauptfigur und der fiktiven Vorgeschichte zu seinem Gedicht „The Raven“ ausreichend individuelle Alleinstellungsmerkmale. Ob Fans des Autors zwangsläufig auch ihren Gefallen am Film finden, bleibt fraglich. Die Sprachwahl der Darsteller passt aber jedenfalls im Originalton und es finden sich einige Anspielungen auf Poes Werk.
Leidliche Spannung
Doch diese starken Momente sind leider rar gesät. Der Auftakt mitsamt Ankunft im Dorf gestaltet sich noch durchaus spannend. Je länger der Film läuft, umso mehr flacht dessen Spannungskurve hingegen ab. Das „Wer?“ und auch das „Weshalb?“, generell der Handlungsablauf, können dann leider nicht so sehr überraschen, wie es von den Drehbuchautoren sicherlich beabsichtigt war.
Hauptdarsteller William Moseley als Edgar Allan Poe gibt sich sichtlich Mühe, doch leider wirkt seine Interpretation eines abgeklärten, fast schon kühl und routiniert ermittelnden Poes merkwürdig befremdlich und scheint so gar nicht zu dem unsteten Freigeist zu passen, als der er gemeinhin gilt.
Ebenfalls ungereimt wirkt so mancher Effekt, der aus der sonst passablen Gestaltung von Land und Leuten ungehemmt herausreißt. Trauriger Höhepunkt sind sicherlich, so viel Spoiler sei erlaubt, die Auftritte des „Raven“. Dessen Erscheinung lässt erschauern, jedoch aus den völlig falschen Gründen: Polygonarm, kantig und grauslich animiert sorgt er für Entsetzen im technischen Sinne und erinnert mehr an vergangene Hardwaregenerationen. Dass es auch anders geht, zeigen die Tatorte, die teils herrlich morbide und handgemacht angerichtet sind.
Unser Fazit zu Raven’s Hollow
Raven’s Hollow gelingt es nur zeitweise, eine ebenso märchenhafte, wie unheimliche Atmosphäre zu verströmen, wie Genreprimus Sleepy Hollow. Der Film krankt dann jedoch ausgerechnet an seiner Hauptfigur, den teils lächerlichen Effekten und seiner platten Handlung. Fans von E. A. Poe und folkloristisch angehauchten Schauergeschichten können aber durchaus einen Blick riskieren.
Raven’s Hollow feierte seine deutsche Premiere auf dem letztjährigen Fantasy Filmfest. Laut Eintragung in der IMDb sicherte sich für den deutschen Markt Lighthouse Entertainment die Rechte. Über eine bevorstehende Veröffentlichung auf dem VOD- und Heimkinosektor ist bisher nichts bekannt.
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© Canoe Film
Tobi ist bereits gute 7 Jahre an Bord und teilt so fast 20% seiner Lebenszeit mit Filmtoast. Wie es ursprünglich dazu kam ist so simpel wie naheliegend. Tobi hatte unregelmäßig auf Seiten wie Schnittberichte Reviews zu Filmen verfasst und kam über diverse facebooksche Filmgruppen und –diskussionen in Berührung mit dem damaligen Team von Filmtoast (die Älteren erinnern sich: noch unter dem Namen Movicfreakz) und wurde daraufhin Teil dessen.
Thematisch ist er aufgeschlossen, seine feste Heimat hat er jedoch im Horrorfilm gefunden, da für ihn kein anderes Genre solch eine breite Variation an Themen und Spielarten zulässt. Kontroverser Ekelschocker, verstörender Psychothriller oder Elevated Horror – fast alles ist gern gesehen, auch wenn er zugeben muss, dass er einen Sweet Spot für blutrünstig erzählte Geschichten besitzt.
Tobi geht zum Lachen jedoch nicht (nur) in den blutverschmierten Keller, sein Herz schlägt unter anderem bei Helge Schneider, dänischem schwarzen Humor oder den Disyneyfilmen seiner Kindheit höher.
Kinogänge vollzieht er am liebsten im städtischen Programmkino, zum Leidwesen seiner filmisch weniger affinen Freunde, meidet er große Kinoketten wie der Teufel das Weihwasser. Am liebsten geht er seiner Filmleidenschaft jedoch in den eigenen vier Wänden nach, um den viel zitierten Pile of Shame seiner physischen Filmsammlung abzuarbeiten.
Tobi lebt in Sachsen-Anhalt, ist beruflich in einer stationären außerklinischen Intensivpflege verankert und hat mit der Begeisterung zum Film und dem Schreiben darüber den für sich perfekten Ausgleich zum oftmals stressigen Arbeitsalltag gefunden.

