In Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet, kommt Óliver Laxes Wüstenrave Sirãt nun in die deutschen Kinos. Hat sein experimenteller Roadmovie das Potenzial, ein breites Publikum zu begeistern?
Darum geht’s in Sirãt
Ein Vater (Sergi López) und sein Sohn kommen auf einem abgelegenen Rave inmitten der Berge Südmarokkos an. Sie sind auf der Suche nach Mar, ihrer Tochter und Schwester, die vor Monaten auf einer dieser niemals endenden, schlaflosen Partys verschwunden ist. Umgeben von elektronischer Musik und einem rohen, ungewohnten Gefühl von Freiheit, zeigen sie immer wieder ihr Foto herum. Die Hoffnung schwindet, doch sie geben die Suche nicht auf und folgen einer Gruppe von Ravern zu einer letzten Party in der Wüste. Je tiefer sie in die glühende Wildnis vordringen, desto mehr zwingt sie die Reise, sich ihren eigenen Grenzen zu stellen.
Eskapismus in Krisenzeiten

Bevor man sich auf Sirãt einlässt, sollte man wissen, dass Regisseur Laxe keine einfache Sinnsuche von Ravern erzählt. Die Handlung ist weit mehr als die Suche einer Familie nach ihrer Tochter oder das Freiheitsstreben ungleicher Rave-Liebhaber:innen. Verschwiegen wird zunächst, dass der Wüstenrave mitten in einem Kriegsgebiet stattfindet. Schon zu Beginn des Films tauchen Soldaten auf und lösen einen ersten Rave auf. Erst danach lernen wir die Gruppe der verbliebenen Protagonist:innen kennen, die sich auf den Weg zu einem letzten Rave machen.
Damit greift der Film ein zentrales Thema auf, das sich durch die gesamte Laufzeit zieht. Das Setting begründet nicht nur die Beweggründe und die Daseinsberechtigung aller Beteiligten, sondern entwirft auch das Bild einer düsteren Welt am Abgrund. In subtilen Momenten ist vom Ende der Welt, vom Krieg und vom Niedergang der Zivilisation die Rede. So begegnen wir Menschen, die in den Wüstenbergen Marokkos Zuflucht vor einer grausamen Realität suchen. Es ist Eskapismus, Protest, Sinnsuche und das Streben nach Freiheit, das Fremde in Einigkeit verbindet.
Sorcerer in der Wüste
Als die Gruppe um Vater Luis, Sohn Esteban sowie die Raver Tonin, Stef, Bigui und Jade zu einem letzten Rave aufbricht, verwandelt sich ihre Reise durch unterschiedliche Landstriche in einen Fiebertraum. Knappe Vorräte, drückende Hitze und liegengebliebene Fahrzeuge machen den Weg beschwerlich. Laxe spart seine Darsteller:innen nicht und lotst sie durch die trockenen Landschaften Marokkos und Saragossas.
An manchen Stellen erinnert das an William Friedkins Sorcerer, der ebenfalls eine Gruppe durch unbekanntes Terrain hetzte und den surrealen Trip mit einem markanten Sounddesign unterstrich. Es würde nicht überraschen, wenn auch in Sirãt die Drehbedingungen extrem herausfordernd waren. Der Kampf mit der Natur wird hier zu einer zentralen Bewährungsprobe.
Der Filmtitel bezieht sich auf eine Brücke, dünn wie ein Haar und scharf wie ein Messer, die man überqueren muss, um ins Paradies zu gelangen. Was sich jedoch auf dem Weg durch die Wüstenlandschaft ereignet, gleicht der Hölle, die es zu durchqueren gilt, bevor man den Himmel erreichen kann.

Eine Aneinanderreihung von Tiefschlägen
Ab der Hälfte des Films, nachdem die Figuren, ihre Charakterzüge, ihre Dynamiken und die ersten Gefahren etabliert sind, offenbart Laxe die besondere Stärke seines Werks: Die Kameraarbeit von Stammkameramann Mauro Herce besticht durch originelle Fahrten bei Tag und Nacht, die den Eindruck erwecken, immer tiefer in die Hölle, in den Schlund der Welt hinabzugleiten. Sounddesign und Musikauswahl verstärken diese Wirkung und tragen die Zuschauer:innen noch weiter hinein.
Was als Tauchgang in die innersten Sinne des Menschen beginnt, entlädt sich zum Finale in einer Salve hypnotischer Klänge, die das Gesehene unauslöschlich im Gedächtnis verankern. Abgerundet wird dies durch ein subtil gearbeitetes, metaphorisch aufgeladenes Drehbuch, das dem Publikum keine Verschnaufpause gönnt und immer wieder mit unerwarteten Schlägen in Magengegend und Erzählstruktur überrascht.
© Pandora Film
Unser Fazit zu Sirãt
Óliver Laxe sorgte in Cannes für Überraschung und Irritatio: und wird auch in den Kinos dieser Welt beides hervorrufen. Vermarkten lässt sich Sirãt nur schwer; es gibt keine klare Zielgruppenbeschreibung. Sein Kassenerfolg bleibt daher ebenso rätselhaft wie viele der Symbole, die Laxe in seinem Werk verwendet.
Doch der Gang ins Kino lohnt sich. Vor allem wegen der audiovisuell fesselnden Inszenierung, die mit Sounddesign und Kamerafahrten das Publikum förmlich in die Leinwand zieht. Die Geschichte schlägt unvorhersehbare Haken, überrascht immer wieder und entfaltet in ihren stärksten Momenten eine Wucht, die lange nachwirkt.
