Statt um die Zukunft der ganzen Welt geht es für Cillian Murphy in Steve „nur“ um die Zukunft einer Schule. Doch das Drama – und die Darbietung des Oscar-Preisträgers – ist ebenfalls alles andere als alltäglich.
Darum geht’s in Steve
Steve zeichnet einen entscheidenden Tag im Leben des Schulleiters Steve (Cillian Murphy) und seiner Schützlinge an einer Schule für schwierige Fälle nach. Während Steve verzweifelt versucht, die Integrität seiner Schule zu schützen, die von der Schließung bedroht ist, geht es mit seiner eigenen Psyche bergab. Parallel zu Steves Kämpfen lernen wir Shy (Jay Lycurgo) kennen. Er ist ein verwirrter Teenager, der zwischen seiner Vergangenheit und dem, was vor ihm liegt, gefangen ist und versucht, seine innere Zerbrechlichkeit mit seinem Drang nach Selbstzerstörung und Gewalt in Einklang zu bringen.

Von Oppenheimer zum Oberlehrer
Schon viele weltbekannte Darsteller schlüpften vor der Kamera in die Pädagogenrolle, um den unterrepräsentierten Alltagshelden ein filmisches Denkmal zu setzen. Man denkt natürlich an Robin Williams auf dem Pult stehend in Club der toten Dichter, an Dangerous Minds mit Michelle Pfeiffer, an Elias M’Barek in der Kultkomödie Fack Ju Göhte oder an jüngste Beispiele wie Das Lehrerzimmer mit Leonie Benesch, Der Lehrer, der uns das Meer versprach oder den mexikanischen Radical – eine Klasse für sich. Der Stoff geht hier nie aus, ist die Schulzeit doch in unser aller Lebenslauf ein elementarer Bestandteil – und wie diese Phase bewertet wird, hängt zu einem großen Teil vom Lehrkörper ab.
Nun ist es nach seiner Oscar-Performance eine der ersten Rolle von Cillian Murphy, die in zurück in die Schule führt. Doch der Ire spielt nicht einfach einen typischen Leinwand-Pädagogen, der sich wahlweise gegen systematische Missstände, Problemfälle auf der Schulbank, ein unfähiges Kollegium oder eine der unzähligen anderen typischen Schulfilm-Issues durchsetzen muss. Nein, Murphy muss direkt als Schulleiter ran und damit quasi alle bekannten Probleme des realen und fiktionalen Schullebens meistern – in der ersten Reihe, fast in Echtzeit und Mockumentary-Style und nicht an einer normalen Schule, sondern in einer Art Besserungsanstalt.
Was überdies an Steve besonders interessant ist, ist die Tatsache, dass der Netflix-Film zwar auf einem Roman – Shy von Max Porter – basiert. Doch während dieses Buch, das 2023 veröffentlicht wurde, die Perspektive der Titelfigur Shy einnimmt, einem Schüler, der nun auch in der Verfilmung eine bedeutende Rolle hat, hat der Autor, der nun auch das Verfilmungs-Skript lieferte, den Blickwinkel auf den nun titelgebenden Schulleiter verschoben, womit man natürlich eine ganz andere Art von innerem Kampf gezeigt bekommt.
Murphy als Don Quixote der Pädagogik
Das Drama spielt im Jahr 1995 und eben an einer ziemlich sozial-rückständigen Anstalt – Problemschule wäre noch geschönt. Entsprechend ist es weniger ein Lehrer- als vielmehr ein Sozialdrama, das immer wieder durch die Einblicke in die Einzelschicksale der jungen Menschen Erinnerungen an Short Term 12 weckt. Und hier kommt dann eben der von Murphy gespielte Schulleiter ins Spiel, der selbst alles andere als psychisch stabil ist und trotz eigentlich Nicht-Eignung für diese Form von Arbeitsumfeld gegen alle Widerstände kämpft.
Diesen Kampf vermittelt der Oppenheimer-Star mit einer derartigen Überzeugungskraft, dass insbesondere die Szenen, die die Fake-Dokumentation abbilden, tatsächlich wie eine echte Doku wirken: Man nimmt Murphy die Performance vollkommen ab. Doch der größte Name im Cast ist nicht das einzige darstellerische Ausrufezeichen, glänzt hier doch der gesamte Schulapparat mit seinen aufopferungsvollen Lehrern und fragilen Schülern. Die Machart von Steve ist schon etwas gewöhnungsbedürftig, aber passt irgendwie gut zur abgebildeten Zeit und dem Gefühl, hier einer Art Implosion beizuwohnen.

Leider will der emotionale Funke durch den eigenwilligen Inszenierungsansatz nicht in jedem tiefgehenden Moment aufs Publikum überspringen. Der zeitlich kompakte, dringliche Erzählstil ähnelt dann den Hektik-Erfolgen im Haute Cousine-Milieu der letzten Jahre, wobei bei Yes, Chef! mit einer ähnlich labilen Hauptfigur deren Trauma noch schärfer herausgearbeitet wurde und bei The Bear das Kaputtsein im Figurenensemble noch mehr Hoffnungsschimmer zulässt. Die Figur Steve ist hier schon ziemlich niederschmetternd angelegt, sodass es schwer fällt, den handwerklich interessant und gut gemachten Streifen mit Vergnügen zu schauen.
© Netflix
Unser Fazit zu Steve
Cillian Murphy ist über jeden Zweifel erhaben: Der Mann kann einfach spielen! Doch die Rolle ist als Titelfigur wirklich nicht einfach zu verkaufen. Murphy macht das beste draus, Emily Watson, Tracy Ullman und Newcomer Jay Lycurgo sind ebenfalls fantastisch. Doch die Stimmung ist niederschmetternd, der Mockumentary-Anstrich macht es zusätzlich schwer, beim Schauen Faszination und Vergnügen zu entwickeln. So ist Steve am Ende eine Empfehlung, weil die Botschaft und Kritik, die transportiert wird, extrem wichtig ist, aber nicht, weil man hier 90 Minuten Vergnügen serviert bekommt.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

