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    Startseite » The Believer
    Filme

    The Believer

    Tobias Theißvon Tobias Theiß25. Juni 2019Keine Kommentare5 min Lesezeit
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    Danny hadert mit seiner Ideologie... | THE BELIEVER © Capelight Pictures
    Danny hadert mit seiner Ideologie... | THE BELIEVER © Capelight Pictures
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    Henry Bean hat 2001 mit The Believer einen verstörenden Film geschaffen, der vielmehr durch seinen bloßen Inhalt polarisiert, als durch plakative Gewalt und Brutalität. Außerdem darf Ryan Gosling zeigen, was er schon vor über 15 Jahren auf dem (Schauspieler)Kasten hatte.

    [su_youtube URL=“https://www.youtube.com/watch?v=syMInEyUGxg“]

    Das Cover des deutschen Mediabooks. | THE BELIEVER © Capelight Pictures
    Das Cover des deutschen Mediabooks. | THE BELIEVER © Capelight Pictures

    Danny Bilant ist schon als Schüler in der Jeschiwa durch scharfes, kritisches Denken besonders auffällig. Jahre später sticht er noch immer aus der Masse seiner Glaubensgemeinschaft hervor: Danny ist praktizierender Jude…und Neonazi.

    So unwahrscheinlich dieses Paradoxon klingen mag, so sehr entspricht es der Wirklichkeit. Der Film um die fiktive Figur des Danny Bilant orientiert sich grob an der Lebensgeschichte von Dan Burros. Dan wuchs in einer jüdischen Familie auf, erhielt seine Bar Mitzwa und bestach schon zu Schulzeiten mit überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten. Politisch engagierte und radikalisierte er sich zusehends und wurde zu einer lokalen Größe einer Untergruppierung des Ku-Klux-Klans. Im Oktober 1965 wurde seine jüdische Herkunft in der New York Times publiziert, woraufhin er Suizid beging.

    Danny hadert mit seiner Ideologie... | THE BELIEVER © Capelight Pictures
    Danny hadert mit seiner Ideologie… | THE BELIEVER © Capelight Pictures

    Darsteller

    Die Hauptrolle in The Believer wird vom heutigen Hollywoodstar Ryan Gosling (Drive, Blade Runner 2049, The Place Beyond The Pines) verkörpert, der zu diesem Zeitpunkt seine Brötchen noch als Darsteller in Fernsehserien (u. a. Young Hercules) verdiente. Sein Spiel als Danny Balint brilliert jedoch schon mit kleinen Nuancen und Gesten. Dem Drehbuch ist mit dieser Figur eine paradoxe Figur entsprungen, deren innere Zerrissenheit von Gosling nachvollziehbar verkörpert wird. Auch wenn seine radikalen Ansichten und Zwiespalt wohl nur den wenigsten Zuschauern Projektionsfläche bieten, schafft er es, Danny eine magnetisierende Aura ausstrahlen zu lassen.

    Neben Gosling wirken eine Reihe weitere klangvolle Namen mit: Summer Phoenix (Faculty), Theresa Russel (Wild Things, Spider-Man 3) und Billy Zane (Zurück in die Zukunft I & II, Titanic, Twin Peaks). Neben Goslings zurückgenommenen, aber gerade deshalb enorm überzeugenden Spiel verblassen die anderen Darsteller tatsächlich etwas. Allen voran Billy Zane bleibt denkbar fade und könnte hier Javier Bardem den Rang des Darstellers mit den miesesten Filmfrisuren ohne große Mühe streitig machen.

    Theresa Russel hingegen überzeugt als skrupellose neonazistische Intellektuelle, bekommt aber leider zu wenig Screentime, um sich vollends entfalten zu können. Gleiches gilt für ihre Filmtochter Summer Phoenix, die Danny sprichwörtlich den Kopf verdreht. Sie vertritt die gleichen Standpunkte wie ihre Mutter, ist aber eine willige Schülerin. Aufmerksam und interessiert lässt sie sich von Danny im jüdischen Brauchtum lehren.

    ...gewaltbereiter Neonazi... | THE BELIEVER © Capelight Pictures
    …gewaltbereiter Neonazi… | THE BELIEVER © Capelight Pictures

    Jüdischer Selbsthass

    Die wohl prominentesten Vertreter aus der Genre-Nische der Neonazi-Filme stellen mit Sicherheit American History X und Romper Stomper dar. Während Ersterer sich vor allem auf seine enorme emotionale Schlagkraft verlässt, setzt Letzterer auf rohe Körperlichkeit. Beide nähern sich dem Thema auf ihre eigene Weise verklärt. Platt formuliert, drückt  American History X auf die Tränendrüse, wohingegen Romper Stomper einen auf kernigen Schläger macht. The Believer nähert sich seinen Figuren hingegen bedacht.

    Es ist unstrittig, dass die Handlungsprämisse (antisemitischer Jude möchte möglichst viele Juden ermorden) alles andere als subtil ist. Die Art und Weise, wie Regisseur Henry Bean (selbst Jude und im Film in der Nebenrolle des jüdischen Geschäftsmannes Ilio Manzetti zu sehen) das Thema jedoch angeht, verdient großen Respekt. The Believer gewährt immer wieder den Blick auf jüdische Rituale und Gebräuche und gestaltet sich deshalb angenehm nüchtern – auch wenn sicherlich nicht jedem Zuschauer sofort klar ist, worum es sich bei Kaddisch, Tallit und dergleichen handeln mag.

    Danny steht stellvertretend für ein tatsächliches Dilemma im jüdischen Glauben: Jüdischer Selbsthass.

    „Die zu allen Zeiten existierende Stigmatisierung des Jüdischen als das „Andersartige“ und „Fremde“ führte und führt innerhalb der jüdischen Gesellschaft zur partiellen Verinnerlichung dieser Zuschreibungen und zur selbstgewählten Ab- bzw. Ausgrenzung.„

    (In: Handbuch jüdische Kulturgeschichte)

    Danny vereinigt diesen krassen Gegensatz in jeder Sekunde. Im einen Moment fantasiert er über Massenmord an jüdischen Glaubensgenossen, bei einem Anschlag auf eine Synagoge ermahnt er seine faschistischen Kameraden auf’s Schärfste, die Tora nur nicht zu berühren.

    ...oder praktizierender Jude? | THE BELIEVER © Capelight Pictures
    …oder praktizierender Jude? | THE BELIEVER © Capelight Pictures

    Re-Release unter neuem alten Titel – The Believer

    Die inhaltliche Brisanz wird von Bean nicht mit Gewalteskapaden oder Überemotionalisierung geschaffen, sondern durch seine Dialoge. Danny wird als intelligenter Mann zum Aushängeschild der faschistischen Organisation, der er beitritt. Als geschickter Redner akquiriert er Spenden oder überzeugt immer mehr Menschen, der Vereinigung beizutreten. Dabei sind es seine hasserfüllten Ansichten, die gleichermaßen fesseln und abstoßen. Sein ambivalenter, von steter Unruhe und fehlender Identifikation getriebener Charakter erweckt beinahe schon Mitleid. Man möchte Danny aus seinem Irrweg befreien und nicht tatenlos zusehen, wie der Hass schlussendlich nur einen Ausweg kennt.

    Einer der vielen Höhepunkte des Films ist das Zusammentreffen zwischen den Neonazis und Holocaust-Überlebenden. Dort wird dem Zuschauer Dannys Wut auf die, in seinen Augen historisch begründete, Unterwürfigkeit und angenommene Opferrolle der Juden offengelegt. Er kann nicht verstehen, wie sich (s)ein Volk von allen anderen dominieren lässt.

    Inside A Skinhead, so der erste deutsche Titel, wurde jetzt fast exakt zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung erneut von Capelight Pictures veröffentlicht. Dieses Mal nicht am 12.6. sondern am 21.6. und unter dem deutlich passenderen Originaltitel The Believer. Das zugehörige Mediabook überzeugt mit schlichtem, in matt gehaltenen Cover und einem informativen Essay rund um Film und dessen Entstehung.


    © Capelight Pictures

    Tobias Theiß

    Tobi ist bereits gute 7 Jahre an Bord und teilt so fast 20% seiner Lebenszeit mit Filmtoast. Wie es ursprünglich dazu kam ist so simpel wie naheliegend. Tobi hatte unregelmäßig auf Seiten wie Schnittberichte Reviews zu Filmen verfasst und kam über diverse facebooksche Filmgruppen und –diskussionen in Berührung mit dem damaligen Team von Filmtoast (die Älteren erinnern sich: noch unter dem Namen Movicfreakz) und wurde daraufhin Teil dessen.
    Thematisch ist er aufgeschlossen, seine feste Heimat hat er jedoch im Horrorfilm gefunden, da für ihn kein anderes Genre solch eine breite Variation an Themen und Spielarten zulässt. Kontroverser Ekelschocker, verstörender Psychothriller oder Elevated Horror – fast alles ist gern gesehen, auch wenn er zugeben muss, dass er einen Sweet Spot für blutrünstig erzählte Geschichten besitzt.
    Tobi geht zum Lachen jedoch nicht (nur) in den blutverschmierten Keller, sein Herz schlägt unter anderem bei Helge Schneider, dänischem schwarzen Humor oder den Disyneyfilmen seiner Kindheit höher.
    Kinogänge vollzieht er am liebsten im städtischen Programmkino, zum Leidwesen seiner filmisch weniger affinen Freunde, meidet er große Kinoketten wie der Teufel das Weihwasser. Am liebsten geht er seiner Filmleidenschaft jedoch in den eigenen vier Wänden nach, um den viel zitierten Pile of Shame seiner physischen Filmsammlung abzuarbeiten.
    Tobi lebt in Sachsen-Anhalt, ist beruflich in einer stationären außerklinischen Intensivpflege verankert und hat mit der Begeisterung zum Film und dem Schreiben darüber den für sich perfekten Ausgleich zum oftmals stressigen Arbeitsalltag gefunden.

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