Nachdem Dennis Hopper mit seiner ersten Regiearbeit Easy Rider einen immensen Erfolg verbuchen konnte, wurden ihm von Universal Pictures eine Million Dollar und unbegrenzte künstlerische Freiheit für sein nächstes Werk zugestanden: The Last Movie.
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Kansas (Dennis Hopper) arbeitet als Stuntman im Filmgeschäft. Nachdem die Dreharbeiten in Peru an einem Western abgeschlossen sind, entscheidet er sich, in dem kleinen Drehort zu bleiben und fortan ein schlichtes Dasein zu führen. Die Bevölkerung, welche die Filmproduktion als Statisten unterstützte, beginnt, die erlebten Dreharbeiten zu imitieren und Kansas dabei auf zunehmend gefährlichere Weise einzuspannen.

New Hollywood
The Last Movie ist wohl das, was man guten Gewissens als Anti-Film bezeichnen kann. Kein Wunder, wird die zweite Regietätigkeit von Dennis Hopper doch dem Kino des New Hollywood zugerechnet. Zwei Jahre zuvor hatte Hopper den ikonischen Kultfilm Easy Rider gedreht. Dessen enormer finanzieller Erfolg ebnete den Weg für Werke, die die standardisierten und auf Kommerz ausgerichteten Ansprüche durchbrachen. Junge, motivierte Filmemacher und Darsteller ersetzten die mittlerweile in die Jahre gekommenen Platzhirsche – und brachten dazu gänzlich neuartige Filme zu Stande.
Filme der Ära des New Hollywood zeichneten sich durch eine Anti-Haltung aus und legten die Finger in tiefe Wunden der amerikanischen Gesellschaft: Generationenkonflikte, Kriege oder auch bisher gängige Rollenklischees. Damit trafen sie den Zeitgeist und gaben einer jungen amerikanischen Generation Auftrieb. Außerdem änderte sich das Arbeitsverständnis und orientierte sich mehr an der europäischen Art und Weise des Filmdrehs. Die Regisseure wollten in die Schaffensphase rund um die Produktion mehr eingebunden werden und ihre Werke mehr als nur mit der Filmklappe dirigieren.
Vor allem zog es sie heraus aus den Studios und hinaus in die Welt. Mittels dokumentarischen Drehstils entstand eine authentische Ästhetik geschaffen, die gleichzeitig oft von extremen Stilmitteln konterkariert wurde.

The Last Movie – Sich selbsterfüllende Prophezeiung
Die endgültige Fassung von The Last Movie versprüht in nahezu jeder Sekunde diese unbändige und wilde Kraft der New Hollywood-Ära. Der Film strotzt vor irritierenden Einfällen und unterwandert sämtliche Erwartungen, die normalerweise an das Medium Film gestellt werden.
Die augenscheinlich nicht sonderlich komplizierte Handlung wird beispielsweise dadurch undurchsichtiger, dass Hopper sämtliche Handlungsebenen miteinander verschwimmen lässt. Um den Schnitt ranken sich, wie um die Dreharbeiten im Allgemeinen, zahlreiche Mythen. Hopper, der den Schnitt in seinem privaten Schneideraum vornahm, schaffte es bis Ende 1970 nicht, eine zufriedenstellende Schnittfassung vorzulegen. Ursache dafür: Andauernde Alkohol- und Drogenexzesse. Der Legende nach stellte die zu diesem Zeitpunkt einzig brauchbare Fassung von The Last Movie die Handlung nach konventionell angeordneter Dramaturgie dar. Hopper wurde von seinem Freund Alejandro Jodorowski, der für seine surrealen Experimentalwerke wie El Topo oder Montana Sacra – Der heilige Berg berühmt ist, deshalb angeblich sogar verlacht.
Einem Essay, welches der Business Insider zu The Last Movie verfasst hat, meldet sich Jodorowski sogar noch deutlicher zu Wort: „With the help of an assistant, I sat in f[r]ont of an editing machine and in two days edited the entire movie[…]“.
Hopper jedoch überzeugte die, durch Jodorowski, angefertigte Fassung nicht, nahm sich aber seines Ratschlages an und schuf letztendlich die heute bekannte Fassung. Jodorowski wiederum ist in der Internet Movie Database als uncredited consultig editor angeführt. Er sieht seinen Schnitt auch heute noch als die bessere Version an, welche, so hofft er, irgendwann das Licht der Welt erblicken wird.
Hoppers Version war aber immer noch weit ab von dem, was als massentauglich angesehen werden konnte. Der Filme floppte in den Kinos und wurde von Universal Pictures aus dem Spielplan gestrichen – Hopper sollte bis 1980 keine weitere Regiearbeit antreten.

Der Film im Film
Die zusätzlichen Handlungsebenen verkomplizieren The Last Movie auf angenehme Art und Weise und geben ihm einen kritischen Anstrich. Der anfängliche Aufhänger für die Handlung, der Hollywood-Dreh in einem kleinen peruanischen Bergdorf, mutiert zu einem gefährlichen Selbstläufer, der nur noch schwerlich gestoppt werden kann. Hopper thematisiert damit, wie die Traumfabrik mit all ihren glamourösen Stars und der Technik, schlichtweg einer bizarren Parallelwelt, in rurale Gebiete eindringt und diese förmlich unterwirft.
Hopper leistet sich hier den Luxus, The Last Movie zu einem systemkritischen oder vielmehr hollywoodkritischen Film emporsteigen zu lassen. Hollywood (und damit der zivilisierte Westen) bringt den Fortschritt in die schroffe, ungezähmte Wildnis. Der Dreh wird harsch und schnell abgehandelt, das einzige Interesse gilt dem zukünftigen Profit. Lebensraum und Bewohner werden von der Filmmaschine überrollt und nach abgeschlossenem Dreh mit all den erbauten Kulissen alleingelassen.
Der simple Western, augenscheinlich nur eine groß angelegte Choreografie unzähliger Erschießungsszenen, wird von den Dorfbewohnern jedoch fehlgedeutet. Beim Dreh noch als Statisten eingespannt, beginnen diese nun ihrerseits einen Film zu drehen. Die Verlogenheit („We fake everything!“ – Kansas) Hollywoods ist ihnen dabei fremd, so dass Prügelszenen beispielsweise einfach mit echter körperlicher Gewalt vor der Kamera ausgetragen werden.
In Ermangelung technischen Equipments wie Kameras und Studioleuchten werden diese aus Holz nachgebaut. Die dem Verfall preisgegebenen Kulissen des Filmdrehs werden kurzerhand in die Infrastruktur des Dorfes übernommen. Die Peruaner besuchen für den Gottesdient lieber die Filmkirche, denn ihre echte Dorfkirche.

Wieder im Blick der Öffentlichkeit
Obwohl The Last Movie den Kritikerpreis beim Venice Film Festival gewann, floppte er wie weiter oben bereits erwähnt bei seinen Kinoscreenings in den USA. Der Film verschwand bedauerlicherweise in der Versenkung und wurde nur noch vereinzelt aufgeführt, nachdem Hopper in den 2000er Jahren die Rechte von Universal zurückkaufte. Auch bis zu seinem Tod ließ ihn der Film nicht los – geplant waren umfangreiche Veröffentlichungen für das Heimkino. Ironischerweise ist The Last Movie damit ein Werk, welches umfangreich beredet, gern auch verrufen wird – wirklich gesehen haben ihn bisher aber nur wenige.
Deshalb ist es umso erfreulicher, dass Rapid Eye Movies The Last Movie in der Zeit vom 27.12.2018 bis 14.02.2019 zur Wiederaufführung in einer neu restaurierten 4K-Fassung in ausgewählte Kinos bringt. Ein Release für den Heimkinomarkt ist nach bisherigen Informationen für die Mitte des nächsten Jahres geplant.
„Freedom’s just another word for nothing to lose.“
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© Rapid Eye Movies
Tobi ist bereits gute 7 Jahre an Bord und teilt so fast 20% seiner Lebenszeit mit Filmtoast. Wie es ursprünglich dazu kam ist so simpel wie naheliegend. Tobi hatte unregelmäßig auf Seiten wie Schnittberichte Reviews zu Filmen verfasst und kam über diverse facebooksche Filmgruppen und –diskussionen in Berührung mit dem damaligen Team von Filmtoast (die Älteren erinnern sich: noch unter dem Namen Movicfreakz) und wurde daraufhin Teil dessen.
Thematisch ist er aufgeschlossen, seine feste Heimat hat er jedoch im Horrorfilm gefunden, da für ihn kein anderes Genre solch eine breite Variation an Themen und Spielarten zulässt. Kontroverser Ekelschocker, verstörender Psychothriller oder Elevated Horror – fast alles ist gern gesehen, auch wenn er zugeben muss, dass er einen Sweet Spot für blutrünstig erzählte Geschichten besitzt.
Tobi geht zum Lachen jedoch nicht (nur) in den blutverschmierten Keller, sein Herz schlägt unter anderem bei Helge Schneider, dänischem schwarzen Humor oder den Disyneyfilmen seiner Kindheit höher.
Kinogänge vollzieht er am liebsten im städtischen Programmkino, zum Leidwesen seiner filmisch weniger affinen Freunde, meidet er große Kinoketten wie der Teufel das Weihwasser. Am liebsten geht er seiner Filmleidenschaft jedoch in den eigenen vier Wänden nach, um den viel zitierten Pile of Shame seiner physischen Filmsammlung abzuarbeiten.
Tobi lebt in Sachsen-Anhalt, ist beruflich in einer stationären außerklinischen Intensivpflege verankert und hat mit der Begeisterung zum Film und dem Schreiben darüber den für sich perfekten Ausgleich zum oftmals stressigen Arbeitsalltag gefunden.

