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Testacalda posiert, geflutet von rötlichen Licht, mit einem Schlagstock - Lost City - Das Gesetz der Straße

Lost City – Das Gesetz der Straße

Das endzeitlich angehauchte Lost City – Das Gesetz der Straße macht sich auf, in Italiens Kinolandschaft frischen Wind jenseits des Mafia-Miefs zu machen. Ob das gelingt, erfahrt ihr in unserer Review!

LOST CITY - DAS GESETZ DER STRASSE Trailer German Deutsch (2023)

TitelLost City – Das Gesetz der Straße (OT: Mondocane)
Jahr2021
LandItalien
RegieAlessandro Celli
DrehbuchAlessandro Celli, Antonio Leotti
GenreSci-Fi, Krimi, Drama
DarstellerDennis Protopapa, Giuliano Soprano, Alessandro Borghi, Barbara Ronchi, Federica Torchetti, Ludovica Nasti
Länge116 Minuten
FSKab 16 Jahren freigegeben
VerleihLighthouse Entertainment
Aus einem bewölkten Himmel eines roten Sonnenuntergangs schälen sich die Figuren des Films, der ruhig da sitzende Testacalda, der mit einer Waffe zielende Christian mit einem Motorradhelm sowie die unsicher dreinblickenden Pietro und Sabrina heraus, unter ihnen die Stadt und das Meer, wo fliehende Menschen und eine Explosion zu sehen sind - Lost City - Das Gesetz der Straße
Das BD-Cover von Lost City – Das Gesetz der Straße © Lighthouse Entertainment

Die Handlung von Lost City – Das Gesetz der Straße

In einer nahen Zukunft ist das süditalienische Tarent zu einer Geisterstadt verkommen. Die beiden Waisenjungen Pietro (Giuliano Soprano) und Christian (Dennis Protopapa) leben hier bei einem Fischer. Doch ihr großer Traum ist es, in die Bande des berüchtigten Testacalda (Alessandro Borghi) aufgenommen zu werden. Nach einem Gefallen, die die beiden einem Mitglied der Bande erweisen, bietet sich für Pietro die Gelegenheit, aufgenommen zu werden. Allerdings kann Christian, der unter epilleptischen Anfällen leidet, nicht berücksichtigt werden, weshalb er ablehnt.

Wenig später stirbt ihr Ziehvater und sie sehen keine andere Möglichkeit, als Testacalda erneut um eine Aufnahme in seinen Reihen zu bitten. Ihnen wird auch tatsächlich der Beitritt auf Probe gewährt. Während Christian, den Testacalda alsbald in Mondocane umtauft, sich schnell in der Bande zurechtfindet, hadert Pietro mit den Gewalttaten, die sie begehen.

Als die beiden Freund bei einem kurzen Ausflug in die abgeriegelte Siedlung jenseits der Bucht das Waisenmädchen Sabrina (Ludovica Nasti) kennenlernt, verliebt sich Pietro in sie. Er denkt darüber nach, das kriminelle Leben hinter sich zu lassen und über den Hafen nach Afrika zu fliehen. Immer mehr entfremden sich die Freunde und eine Konfrontation scheint unausweichlich…

Alte Geschichte, nicht wirklich neu verpackt

Es ist  ja immer erfrischend, einem dem Genre nahen Film aus Italien zu sehen, der nicht im Mafia-Milieu angesiedelt ist. Auf den ersten Blick erscheint Lost City – Das Gesetz der Straße mit seinem leichten SF- und Endzeit-Flair eine willkommenen Abwechslung. Zumindest so lange, bis man sich gewahr wird, dass diese Geschichte von zwei Freunden, die sich aufgrund moralischer Gegensätze entzweien schon oftmals gesehen hat. Und dass dieser Topos auch gerne in Mafiafilmen Verwendung findet. Dann fällt es einen auch wie Schuppen vor den Augen. Der charismatische Bandenchef Testacalda könnte genausogut ein Gangsterboss sein, und ein Mädchen, in das sich einer der beiden Freunde verliebt, findet sich auch fast immer in solchen Geschichten.

Christian und Pietro schlendern am Meer entlang - Lost City - Das Gesetz der Straße
Das Meer gab den beiden Freunden ein Auskommen und ein Zuhause © Lighthouse Entertainment

Das ist nun an sich erstmal nichts Schlechtes. Diese Themen und Topoi sind erprobt, wenn sie ineinander greifen, funktioniert solch eine Geschichte quasi von selbst. Was das angeht, gibt sich das Skript von Lost City – Das Gesetz der Straße auch keine Blöße. Die entsprechenden Punkte werden pflichtbewusst abgearbeitet, die Handlung befindet sich in einem fortwährenden Fluss. Langeweile kommt von daher schon mal keine auf, auch wenn sich gerade in der zweiten Hälfte des Films hier und da Längen einschleichen. Die Frage ist jetzt nur, ob Regisseur und Co-Autor auch etwas anzubieten hat, was sein Werk aus der Masse heraushebt, ein Alleinstellungsmerkmal, eine singuläre Qualität. Und genau hier gerät alles dann mehr als ein wenig ins Stolpern.

Der Rahmen ist grau und sinnentleert

Die Welt, in der Lost City – Das Gesetz der Straße spielt, soll in einer unbestimmten, aber nahen Zukunft liegen. Soweit, so ungenau. Das Skript hält sich, was Zeitangaben wie auch Entwicklungen angeht, sehr bedeckt. Es etabliert keine Erzählung, gibt keinen Kontext zu erkennen, sondern nur Bruchstücke dessen. Die Geschichte der beiden Jungen, die hier im Zentrum der Handlung stehen, bekommt keinen vernünftigen Rahmen. Tarent, eine in unserer Gegenwart florierende süditalienische Metropole ist zur Geisterstadt verkommen. Nur der Industriehafen und die abgeschirmten Luxuswohnanlagen, durch die Bucht von den Ruinen getrennt, existieren noch. In diesen Ruinen regieren die beiden sich bekriegenden Banden, außerdem hausen dort verwaiste Kinder, die regelmäßig gefangen und in an Fabriken angeschlossene Waisenhäuser gesteckt werden.

Warum das so ist, scheint nicht so wichtig. Wie man die guten und die üblen Gegenden genau voneinander trennt, eigentlich auch nicht. Bei ihrem Ausflügen und Beutezügen in die wohlhabende Ortschaft werden die beiden Jungs und auch die Bande kaum behelligt. Es wurde zwar eine lange Mauer um die Geisterstadt gezogen, aber die scheint nur symbolischer Natur zu sein. Die Polizei wird ab und zu mal dort hereingeschickt, um Kinder einzufangen. Ansonsten hat sie nicht gerade eine beeindruckende Präsenz. Werden diese Kinder als billige Arbeitskräfte missbraucht? Vermutlich, aber mehr als Andeutungen gibt das Drehbuch schlicht nicht her. Denn die Fabriken werden genauso als einzige Bleibe und einziger Startpunkt in ein normales Leben für die verwaiste, nächste Generation dargestellt.

Sowieso bleiben zu viele Fragen offen, wie dieser Mikrokosmos in Tarent überhaupt funktioniert. Es wird eigentlich kaum auf die Konkurrenz der beiden Banden eingegangen, diese Auseinandersetzung bleibt rein funktionell. Sie wird einzig genutzt, um einige Ereignisse um unsere Charaktere darin einzubinden. Auch bleibt unklar, wie die Banden und die Streuner hier überleben. Es gibt keinen offiziellen Handel, auch keinen Schwarzmarkt. Wie machen sie ihr Diebesgut zu Geld oder woher bekommen sie ihre Lebensmittel und andere Dinge des Lebens?

Ein eng gestecktes Geflecht

Wenn das Setting, schon nicht viel hergibt, richtet sich das Hauptaugenmerk automatisch auf die Charaktere. Wie schon angemerkt, entwickelt sich die Geschichte um Pietro und Christian archetypisch. Die Beziehung zwischen Christian und Testacalda, der für das zuerst ungewollte Straßenkind schließlich schon etwas wie väterliche Gefühle zu entwickeln scheint, bringt ein bisschen Dynamik in das Figurengeflecht. Allerdings kennt diese dann auch nur eine Richtung, Überraschungen bleiben vollkommen aus.

Pietro seinerseits entwickelt Gefühle für Sabrina, eine aufkeimende erste Liebe. Dabei verstellt er sich ihr gegenüber, verschweigt seine Mitgliedschaft in Testacaldas Bande. Sabrina wiederum befindet sich in loser Obhut der Polizistin Katia. Diese wird auf Sabrina aufmerksam, weil sie Zeugin eines Brandes war, den Pietro und Christian gelegt haben – es ist der in der Inhaltsangabe erwähnte Gefallen für ein Mitglied der Bande.

Christian und Pietro sitzen abends Arm in Arm bei den anderen Kids der Gang - Lost City - Das Gesetz der Straße
Noch scheinen die beiden Freunde unzertrennlich © Lighthouse Entertainment

Selbst die sich kontrastrierenden Bilder vom offenen Meer und umzäunter Geisterstadt geben nicht mehr abseits der symbolischen Aussagekraft her. Pietros Bestreben zu fliehen, ist wieder eng mit dem Hafen und dem Meer verknüpft. Es ist dort, wo sie aufgewachsen sind, damit verknüpft er so etwas wie Freiheit. Hier werden auch die unterschiedlichen Vaterfiguren deutlich. Da ist einmal der alte Fischer, den Pietro vermisst. Der hat die beiden aber wohl auch sexuell missbraucht. Dagegen drillt Testacalda seinen Ziehsohn Christian als seine rechte Hand, zieht ihn quasi auf die dunkle Seite. Tiefergehend werden diese Beziehungen nicht beleuchtet.

Das Beziehungsgeflecht ist also eng gestrickt, was die Erzählung auf der einen Seite angenehm strafft, aber auf der anderen Seite wieder verhindert, dass das Skript noch eine überraschende Wendung aus dem Hut zaubern könnte. Zudem bleiben auch einige lose Enden unaufgelöst. Lost City – Das Gesetz der Straße bleibt auf dieser Ebene gnadenlos im soliden, aber unaufregenden Mittelmaß stecken.

Während die Kür stottert, wird die Pflicht mühelos erfüllt

Technisch lässt sich den Machern indes kaum etwas vorwerfen. Die Inszenierung fällt, genau wie die Erzählung, sehr straff aus. Kameraführung und Bildgestaltung fallen äußerst gefällig aus, das schmeichelt durchaus den Augen. Wenn es tatsächlich mal zu etwas Action kommt, die hier eher rar gesät ist, kommt auch durchaus Schwung in die Sache. Nur der Schnitt verfällt dann leider auch ein wenig der Hektik, was der Übersicht ein wenig abträglich ist. Kommt aber nicht oft vor, stört deshalb auch kaum. Im Endeffekt bietet Lost City – Das Gesetz der Straße damit recht angenehme, wenn auch wenig mitreißende, vorbeiziehende zwei Stunden Film.

Das ist vor allem den beiden Hauptdarstellern Dennis Protopapa und Giuliano Soprano, und dem eigentlichen Star des Films, Alessandro Borghi, zu verdanken. Die Jugendlichen kommen jederzeit sehr natürlich rüber, sie verbindet auch eine gewisse Chemie. Die Attraktion von Lost City – Das Gesetz der Straße stellt dennoch der charismatische wie auch skrupellose Testacalda dar. Borghi mag mit seinem „Pornobalken“ anfangs ein wenig irritieren, liefert aber wieder mal eine erstklassige Performance ab. Er verleiht dem eigentlich relativ klischeehaft gestalteten Bösewicht mit zwei Gesichtern an einigen Stellen der Geschichte richtiggehend Ambilvalenz, ringt der Figur interessante Nuancen ab.

Nachts feiern die bewaffneten Kiddies einen Sieg über ihre Gegner - Lost City - Das Gesetz der Straße
Horden von verwaisten Kindern bevölkern zeitweise die Geisterstadt © Lighthouse Entertainment

Auch der Rest des Cast kann durchgehend überzeugen, tragen ihren Teil dazu bei, dass das Ganze grundsätzlich schon funktioniert. Diese halbe Miete haben Alessandro Celli und seine Mitstreiter also durchaus auf dem Konto, nur wäre es schön gewesen, wenn das Langfilm-Debüt des Regisseurs und Autors darüber hinausgehend noch Mehrwert geboten hätte.

Unser Fazit zu Lost City – Das Gesetz der Straße

An sich ist Alessandro Celli mit Lost City – Das Gesetz der Straße grundsätzlich ein ordentlicher Film gelungen. Doch leider verpufft der frisch anmutende Ansatz wegen fehlender Vertiefung. Es fällt schwer, in diese genauso unangenehme wie auch unausgefüllte Zukunftsvision einzutauchen. Wesentliche Zutaten fehlen, das Salz in der Suppe sozusagen. Das Formelle, die Grundlagen beherrscht der Filmemacher zweifellos sehr gut, jetzt müsste er sich, bzw. sein Werk, nur noch richtig interessant ausgestalten. Ein Empfehlung ist in diesem Fall aber nur bedingt drin, wer sich von der Besprechung angesprochen fühlt, sollte vielleicht aber mal reinschauen.

Lost City – Das Gesetz der Straße ist bereits seit dem 28. Juli 2023 auf DVD und Blu-ray im Handel erhältlich!

Unsere Wertung:

 

 

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Zuletzt aktualisiert am 18. Juli 2023 um 19:18 . Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.
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© Lighthouse Entertainment

Thomas Hortian

Thomas, Jahrgang '76. Ich bin schon von kleinauf Filmfan, klapperte ab frühester Kindheit die drei Programme ab, weil meine Mutter keinen Videorekorder im Haus wollte. Ich war und bin aufgeschlossen für alles, aber mit den Jahren haben sich natürlich Vorlieben herausgebildet. Ich steh auf japanische Regisseure wie Kitano, Sabu, Miike und ganz doll Tsukamoto. Außerdem fahre ich voll auf klassische Horrorfilme der Hammer Films ab und bin Sammler italienischer Exploitation im Bereich des Giallo und Poliziesco.

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