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Poor Things

Fünf Jahre nach The Favourite schlagen Regisseur Yorgos Lanthimos und Emma Stone erneut Wellen in Venedig. Was ist dran am Hype um den Goldenen Löwen-Preisträger Poor Things?

POOR THINGS Trailer German Deutsch (2024)

TitelPoor Things
Jahr2023
LandIrland, Großbritannien, USA
RegieYorgos Lanthimos
DrehbuchTony McNamara
GenreLiebesfilm, Science-Fiction, Komödie
DarstellerEmma Stone, Mark Ruffalo, Willem Dafoe, Ramy Youssef, Christopher Abbott, Jerrod Carmichael
Länge141 Minuten
FSKab 16 Jahren freigegeben
VerleihWalt Disney Germany
Das Cover von Poor Things © Walt Disney Germany

Die Handlung von Poor Things

Der brillante Arzt Godwin Baxter (Willem Dafoe) entdeckt die Leiche einer schwangeren Frau (Emma Stone) in der Themse. Darauf versessen, das Leben des ungeborenen Kindes zu retten, verpflanzt der Wissenschaftler das Gehirn des Babys in den Schädel seiner Mutter. Das Ergebnis: Bella, ein Kleinkind im Körper einer Erwachsenen. Baxter hält das Experiment vor der Welt geheim; nur wenige Menschen, darunter sein Protegé Max McCandles (Ramy Youssef), der sich unsterblich in sie verliebt, wissen von Bella. Doch bald erfährt auch der schleimige Anwalt und Aufschneider Duncan Wedderburn (Mark Ruffalo) von ihrer Existenz. Kurzerhand verführt er das Mädchen und nimmt es mit auf eine ausschweifende Europareise. Dort lernt Bella die Welt, aber auch sich selbst kennen, und wird der Männer um sie herum, die sie einzuschränken versuchen, schnell überdrüssig.

Eine willkommene Kursabweichung

Seit seinem Sprung in die englische Sprache scheint Yorgos Lanthimos nicht mehr aufzuhalten zu sein. Der griechische Exzentriker lässt sich weder von Genrekonventionen noch Stilrichtlinien bremsen. Bei allen wichtigen europäischen Filmfestivals ist er Dauergast, nach dem Erfolg von The Favourite nun wohl auch bei sämtlichen internationalen Preisverleihungen von Rang und Namen. Seine Eigenarten, allen voran trockenste und scheinbar ungefilterte Dialoge und verspielte Kameraarbeit, mögen nicht überall Anklang finden. Aber Fakt ist: Einen neuen Lanthimos erkennen auch Lai:innen auf den ersten Blick.

Bald schon ist Bella genervt vom besitzergreifenden Duncan. © Walt Disney Germany

Doch obwohl Poor Things diesen oberflächlichen Attributen treu bleibt – die kindliche Bella Baxter ist in ihren unverblümten Verhaltensweisen quasi die archetypische Lanthimos-Figur –, bezeichnet er einen neuen Pfad für seinen Regisseur. Denn die von diesem zu erwartende zutiefst scharfzüngige Satire, gepackt in befremdliche und sogar bedrohliche Absurdität, tritt in Tony McNamaras vortrefflichem Drehbuch voller denkwürdiger Dialogzeilen zugunsten eines lebensbejahenden Optimismus in den Hintergrund. Noch immer werden gesellschaftliche Normen bissig dekonstruiert, anders als etwa in The Killing of a Sacred Deer jedoch nicht durch einen Kontrollverlust, sondern den Kontrollgewinn der Hauptfigur. Wo The Lobsters David noch daran scheiterte, die Grenzen des Systems, das ihn einengte, zu begreifen (geschweige denn zu überkommen), erreicht Bella ihre Autonomie durch Neugier und Begeisterungsfähigkeit.

Schon früh auf ihrer Reise zeigt uns der Film den Versuch ihres Ausbruchs in Form einer Tanzszene, in der ihr schmieriger Begleiter stets die Führung übernimmt und doch immer wieder verliert. Diese Szene steht stellvertretend für Poor Things: Einen Freigeist einsperren zu wollen ist zwecklos. Genauso gut könnte man einen Deckel auf einen Topf brodelnden Wassers stellen und hoffen, dass es nicht überkocht.

Ein Königreich für Emma Stone

Jede Vorschusslorbeere, jede Venedig-Besprechung, jede Preisnominierung trifft den Nagel auf den Kopf: Poor Things ist Emma Stone, Emma Stone ist Poor Things. Inzwischen gilt sie zurecht als Lanthimos‘ Muse und Oscar-Mitfavoritin. Die The Favourite-Alumna definiert ihre Hauptfigur derartig messerscharf und charakterstark, dass man vor Freude auf die Knie fallen möchte. Langsam und gewissenhaft entwickeln sich Bella Baxters Verhaltensweisen mit fortschreitender Laufzeit. Stones Detailverliebtheit schlägt sich dabei schon in szenenweise leicht angepassten Nuancen in ihrem Sprachduktus und Bewegungsapparat nieder. Manche Unterschiede sind derartig subtil, dass sie überhaupt dann erst deutlich werden, wenn man beim Anschauen von Minute eins direkt zu Minute 30 springt. Geschickt dekonstruiert Stone jedwede Erwartungen an sich und ihre Schauspiel-Persona und verzichtet dabei auf oscargierige Egotrips. Sie tritt damit in die Fußstapfen der besten Filmdarbietung des vergangenen Jahres, Colin Farrells Pádraic in The Banshees of Inisherin, und liefert eine ebenso fehlerfreie Tour de Force.

Jahrelang kannte Bella nichts außer die Praxis von Godwin. © Walt Disney Germany

Ihr unterstellt ist ein Cast, der sich bis in die letzte Nebenrolle nicht zu verstecken braucht. Insbesondere Mark Ruffalos Duncan Wedderburn, eine der einprägsamsten Figuren des Jahres und die Antwort auf die Frage, wie Ryan Goslings Ken als viktorianischer Schnurrbart-Dandy aussehen könnte, ist gleichermaßen magnetisch wie erbärmlich. Sein aufgeplusterter Pfauengang und die pompös-schicke Edelfassade dröseln im Verlauf der Handlung kontinuierlich auf und entblößen das fragile Ego darunter. Lanthimos-typisch werden Privileg, Stand und soziale Rollenbilder elegant entzaubert und der Lächerlichkeit preisgegeben. Der oberflächlich charismatische Anwalt stößt sich an Bella Baxters Wissensdurst und Forscherinnengeist die Hörner ab. So interessiert er an ihrer blauäugigen Naivität zu Beginn der Handlung ist, so überfordert ist er mit deren Resultat. In dieser für ihn völlig untypischen Rolle ist Ruffalo genial besetzt und glänzt schauspielerisch als männliche Galionsfigur des Films.

Durch Kinderaugen

Wie nicht anders vom Meister hinter The Favourite und The Killing of a Sacred Deer zu erwarten ist Poor Things selbstverständlich eine absolute Machtdemonstration in puncto Bildgestaltung. Lanthimos hebt sein längst bewiesenes Gespür für Farbeinsatz, Framing und Kamerabewegung auf ein neues Level und erschafft ein unbeschreibliches und einmaliges Erlebnis. Immer wenn man glaubt, ein visuelles Szenenkonzept durchschaut zu haben, zaubert Kameramann Robbie Ryan ein neues Ass aus dem Ärmel. Beinahe absurd extreme Weitwinkel-Einstellungen mit präzisen Schwenks, die das Publikum die Welt des Films aus der Sicht eines Kindes (oder aber eines Tieres?) sehen lassen, sind hier an der Tagesordnung. Doch wenn es die Szene erfordert, wechselt die Aufnahme – wieso auch nicht? – unvermittelt zur Handkamera. Das Ergebnis ist ein konstant zauberhaftes und dynamisches Gesamtwerk, das trotz klar erkennbarem roten Faden nie langweilig oder vorhersehbar wirkt.

Auf Reisen lernt Bella neue Länder kennen. © Walt Disney Germany

Eine besondere Erwähnung gebührt an dieser Stelle auch Szenenbildner:innen Shona Heath, James Price und Zsuzsa Mihalek für das Design der atemberaubenden Ausstattung. Die viktorianisch anmutenden Hintergründe Londons, stilvoll in Schwarzweiß eingefangen, werden durch die liebevoll konzipierten Steampunk-Elemente wunderbar ergänzt. So erschafft der Film eine eigene wundersame Welt, die sich wie seine Protagonistin keiner Ära, keinem Stil, keinem Zwang unterordnen will. Und auch wir Zuschauenden werden zu Bella Baxter, wenn wir in einer vermarvelten Kinosteppe urplötzlich Sphären entdecken, die sich anfühlen, als hätte man zum ersten Mal im Leben das Haus verlassen. Yorgos Lanthimos bringt uns das Staunen zurück. Ebenfalls brillant: Jerskin Fendrix‘ unkonventionelle Filmmusik, die sich jeglicher Vergleiche und Vorbilder entzieht. Poor Things‘ ungebändigt zur Schau gestellte Kreativität dürfte so manchen Filmliebhaber:innen Tränen in die Augen zaubern. Einen formal derart zu Ende gedachten Film gab es lange nicht mehr.

Unser Fazit zu Poor Things

Schon vor der Corona-Pandemie wurde unheilschwanger über den Niedergang des Kinos geunkt. Heute beweisen neben der langsamen Implosion des Superhelden-Zeitalters wohl vor allem Werke wie dieses das Gegenteil. Poor Things ist eine Offenbarung; nicht nur der beste Film, der im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde, sondern ein Ausrufezeichen des Regisseurs, der erneut eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass er zu der absoluten Weltspitze gehört. Lanthimos denkt trotz aller Bezüge auf Vergangenes Film und Filmkunst völlig neu; seine Bilder sind kinoreif, originell, nie dagewesen. Damit darf er sich neben den koreanischen Meistern Bong und Park und nur einer Handvoll anderer zur erlesenen Riege wahrer Visionär:innen des 21. Jahrhunderts zählen. Wer heute Poor Things verpasst, steht in 50 Jahren auf der falschen Seite der Kinogeschichte.

Poor Things erschien am 18. Januar 2024 in den deutschen Kinos!

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Unsere Wertung:

 

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Zuletzt aktualisiert am 17. Januar 2024 um 14:57 . Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.
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Zuletzt aktualisiert am 10. November 2022 um 0:00 . Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.

© Walt Disney Germany

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