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Edmond leitet unter Beobachtung seiner Geldgeber die Proben zu Cyrano de Bergerac.

Vorhang auf für Cyrano

In Vorhang auf für Cyrano nimmt sich Regisseur Alexis Michalik augenzwinkernd der Entstehung eines der beliebtesten Theaterstücke aller Zeiten an: Cyrano de Bergerac. Springt der Funke dabei auch auf den Zuschauer über?

TitelVorhang auf für Cyrano (OT: Edmond)
Jahr2018
LandBelgien, Frankreich
RegieAlexis Michalik
DrehbuchAlexis Michalik
GenreHistorienfilm, Komödie, Romanze
DarstellerThomas Solivérès, Olivier Gourmet, Mathilde Seigner, Tom Leeb, Lucie Boujenah, Clémentiné Célarié, Igor Gotesman, Jean-Michel Martial
Länge112 Minuten
FSKab 0 Jahren freigegeben
VerleihProkino
Edmond Rostand, dessen Schatten den langnasigen Cyrano zeigt, auf dem Cover des Films.
Das DVD-Cover zu Vorhang auf für Cyrano © Prokino

Vorhang auf für Cyrano!

Paris, 1897: Der erfolglose Dramaturg Edmond Rostand (Tomas Solivérès) steckt seit zwei Jahren in einer Schaffenskrise, denn seine bisherigen, in hoffnungslos veralteter Versform verfassten Stücke floppten. Ein Licht am Ende des Tunnels erscheint in Form eines Treffens mit dem berühmten Komiker Constant Coquelin (Olivier Gourmet), zu dem ihm eine Gönnerin verhilft. Da er ohne eine Idee oder gar ein Stück dasteht, entwickelt er mit dem Kneipier Monsieur Honoré (Jean-Michel Martial) die Idee einer Geschichte über einen hässlichen, aber genialen Dichter, dessen Antlitz eine übermäßig lange und spitze Nase ziert. Da dies aber nicht ausreicht, um Coquelin bei ihrem Treffen für sich einzunehmen, beginnt er die Fortführung des Stückes während ihres Gesprächs zu improvisieren. Doch damit weckt er unversehens zu hohe Erwartungen in seinem begeisterten Gegenüber. Der will es nun schon in drei Wochen auf die Bühne bringen.

Als er am Abend seinem Freund Léonidas (Tom Leeb) bei seinen unbeholfenen Annäherungsversuchen an die schöne Schneiderin Jeanne (Lucie Boujenah) mit seiner Dichtkunst unter die Arme greift, kommt ihm die zündende Idee. Er bezirzt Jeanne fortan unter dem Namen des Freundes mit poetischen Briefen. Aus dem sich entwickelnden täglichen Dialog zieht er die Inspiration für das Stück. Am Theater laufen auch die Vorbereitungen schnell an. Coquelin holt zwei zwielichtige Finanziers ins Boot und kann die Diva Maria Legault (Mathilde Seigner) für die weibliche Hauptrolle gewinnen. Die Zeit jedoch ist knapp, die Geschichte hat längst kein Ende und es werden noch viele Stolpersteine zu überwinden sein, bis Cyrano De Bergerac uraufgeführt werden kann…

Aus Liebe zu Dichtung und Spiel

Nach eigener Aussage inspirierte der Film Shakespeare in Love, Oscar-Abräumer 1999, Regisseur und Autor Alexis Michalik zu dieser Liebeserklärung an das Theater. Gleichzeitig huldigt er damit dem bewegten Bild auf der großen Leinwand. Denn seine Aufarbeitung der Entstehung des immens populären Stückes Cyrano de Bergerac erweist sich als großes Kino, ein cineastischer Ohren- und Augenschmaus. Dabei widmete sich der Autor des Theaterstückes, Edmond Rostand, in diesem 1897 eigentlich schon als veraltet geltenden Versdrama. Man sieht also, die Liebe zur Materie zieht sich in Vorhang auf für Cyrano durch quasi alle Ebenen. Dies ist ein Kniff, der den Film schon von Grund auf sympathisch dastehen lässt.

Edmond und Freund Leonidas betrachten gespannt Cyrano.
Thomas Solivérès und Tom Leeb als Edmond und Léonidas in Vorhang auf für Cyrano © Prokino

Handwerkskunst und Stolpersteine

Die Produktion schöpft dabei aus dem Vollen, lotet die Möglichkeiten des klassischen wie modernen Kinos aus. Er setzt auf zeitgenössische Bauten und Kostüme, ein lebendiges Sound-Design und orchestrale Begleitung. Außerdem weiß er auch mit technisch ausgefeilten Kamerafahrten und einem dynamischen Schnitt, der immer der Situation angepasst ist, das Geschehen ins rechte Licht zu rücken. Damit gelingt es dem Film überzeugend, das Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts sehr detailliert zum Leben zu erwecken.

In diese liebevolle Umgebung bettet Michalik seinen Vorhang auf für Cyrano als leichtfüßige, herzerwärmende, aber auch eher seichte Komödie. Für den jungen Autor und Dichter Edmond Rostand gilt es zwar, auf dem Weg zum Erfolg einige Widrigkeiten zu überwinden, doch reicht schon meist seine Spontanität und seine Hingabe, um die Leute um ihn herum zu begeistern und den Glauben in ihn zu stärken. Dadurch setzt er, meist unbewusst, Kettenreaktionen in Gang, die am Ende die Brücken bilden, über die er zum Triumph marschiert. Hier liegen dann leider auch die Stolpersteine im Handlungsgerüst, es ergeben sich Zufälle, die der Zuschauer schlucken muss. Dies fällt aber leicht, denn davon abgesehen funktioniert der Film wie eine gut geölte Maschine.

Cyrano de Bergerac in voller Montur, mit Umhang und großem Hut.
Olivier Gourmet als Constant Coquelin in Vorhang auf für Cyrano © Prokino

Ein großartiges Ensemble in Vorhang auf für Cyrano

Ähnlich des Casts des Theaterstücks im Film ist dieser selbst hervorragend und passend besetzt. Hauptdarsteller Thomas Solivérès bringt unbekümmerten Enthusiasmus in die Rolle ein. Er hat schon jung beim Theater angefangen und war letztes Jahr in der Titelrolle der Comic-Verfilmung Spirou é Fantasiou zu sehen. Olivier Gourmet, als Coquelin zu sehen, ist dagegen lange ein gestandener Filmschauspieler. Der Belgier wurde für seine Leistungen schon mehrfach ausgezeichnet, u.a. in Cannes 2002 für Der Sohn von den Regie-Brüdern Jean-Pierre & Luc Dardenne. Etwas dick auf trägt Mathilde Seigner als Diva, was aber durchaus passt. Sie ist die jüngere Schwester von Roman Polanskis Ehefrau Emanuelle Seigner. Tom Leeb als Freund Leonidas und Lucie Boujenah sind unverbrauchte, junge Gesichter. Letztere könnte einigen jetzt durch die Horror-Serie Marianne auf Netflix bekannt sein.

Etwas bitter stößt die Rolle von Jean-Michel Martial auf, der den farbigen Kneipier Monsieur Honoré gibt. An sich ist der Charakter wie auch der Darsteller sehr sympathisch. Auf der anderen Seite lässt schon sein Name (honoré heißt in diesem Zusammenhang wohl soviel wie „der Ehre halber“) leider darauf schließen, dass er tatsächlich als eine Art Quoten-Farbiger fungiert. Man muss dem Film aber zugute halten, dass er dies, eben durch die Namensgebung, selbst transportiert. Und damit kommen wir auch gleich zum nächsten Punkt der Tagesordnung, in dem es um die wenigen Negativ-Aspekte des Films geht.

Edmond leitet unter Beobachtung seiner Geldgeber die Proben zu Cyrano de Bergerac.
Dem Dramaturgen sitzen die Geldgeber im Nacken in Vorhang auf für Cyrano © Prokino

Zuckersüße Verklärung und andere Freiheiten

Vorhang auf für Cyrano gestaltet sich als altmodisches, großes Kino, im Guten wie im Schlechten. Die Geschichte gibt sich im hohen Maße romantisierend und nimmt sich allerlei Freiheiten. Gerade angesprochen hatte ich schon die Rolle von Monsieur Honoré. Der farbige Kneipier ist dabei natürlich nur ein Zugeständnis an das Publikum, das heutzutage nicht mehr nur aus privilegierten Weißen besteht. Und tatsächlich sitzt in seinem Gasthaus im Film ausschließlich weiße Kundschaft. Ich finde es trotzdem etwas unglücklich, in dieser Weise auf frühere Missstände hinzuweisen. Aber es ist schwieriges Terrain, wenn man es denn beschreitet. Deswegen kehrt ein Kinomagier wie Steven Spielberg so etwas meist nonchalant unter den sprichwörtlichen Teppich.

Eine andere Sache wäre dann der Umstand, dass der Widerstand, deren sich der Protagonist und seine Mitstreiter erwehren müssen, teils lächerlich gering erscheint. Michalik versucht, diesem in Form eines Antagonisten kurzzeitig ein Gesicht zu verleihen. Er selbst spielt Edmonds Konkurrenten im Film, Georges Feydou, einen berühmten französischen Dramatiker. Doch lässt er die Figur auf halber Strecke wieder fallen, um sich auf die Schwierigkeiten in der Vorbereitung des Stückes zu konzentrieren.

Dann müssen wir natürlich noch auf die Stereotypen zu sprechen kommen, derer sich das Drehbuch bedient. Um sein Stück zu finanzieren, muss sich Edmond dubiosen Geldgebern zuwenden, zwei Bordellbesitzern, die ihrer verehrten Diva Maria Legault eine Bühne bieten wollen. Sie sind zumindest zwielichtig und außerdem Bordellbesitzer. Und natürlich sind sie keine Franzosen, sondern kommen aus Osteuropa. Dazu sind ihre Dirnen wirkliche Freudenmädchen, die dann auch mal ins Theater gelotst werden, um den Saal zur Premiere zu füllen. Zudem streift Coquelins Sohn Jean, der übrigens im Finale mittels eines Blowjobs zu Höchstleistungen gebracht wird, schon das Klischee des comic reliefs.

Edmond vor dem Gasthaus seines Freundes Honorè.
Edmond ist noch ratlos in Vorhang auf für Cyrano © Prokino

Ein kurzer Exkurs zu Cyrano de Bergerac und seiner kulturellen Bedeutung

Der echte Edmond Rostand (1868-1918) feierte schon mit Les Romantiques, seinem ersten Drei-Akter, einen großen Erfolg. Trotzdem standen viele seiner Komödie Cyrano de Bergerac wegen der von ihm verwendeten Versform skeptisch gegenüber. Tatsächlich wurde die Premiere dennoch ein voller Erfolg, und das Stück trat seinen Siegeszug durch die Welt und die Kulturgeschichte an. Bereits 1898 spielte Richard Mansfield – er wurde zwischenzeitlich als möglicher Jack the Ripper verdächtigt, nur mal nebenbei – den ersten Cyrano auf dem amerikanischen Kontinent. Das Stück ist ein Klassiker und wird bis heute auf verschiedensten Bühnen aufgeführt. 1925 kam die erste Adaption als Stummfilm ins Kino. Die Geschichte wurde seither gut ein Dutzend Mal als Film aufgegriffen. Die bekannteste Variation dürfte dabei Roxanne (1987) sein, in der der Komiker Steve Martin eine lange Nase verpasst bekam. Eine französische Version mit Gerard Depardieu in der Hauptrolle folge 1990.

Schneiderin Jeanne blickt vom Balkon gebannt auf die Proben zu Cyrano de Bergerac.
Lucie Boujenah ist die unerreichbare Muse in Vorhang auf für Cyrano © Prokino

Vorhang auf für Cyrano, pure Kino-Magie

Schlussendlich überwiegen die großartige Inszenierung, das clevere Drehbuch und die spielfreudigen Charaktere. Als großes Ganzes funktioniert Vorhang auf für Cyrano nämlich wunderbar, und lässt den Zuschauer an der Faszination für und der Liebe zu Theater und Kino lebhaft teilhaben. Zwar droht die Geschichte an wenigen Stellen, von sich selbst trunken, etwas ins Lächerlich zu kippen, doch wird dies immer wieder durch die Leichtfüßigkeit, mit der sich der Dichter und Dramaturg Edmond hier durch die Vorproduktion mogelt, locker aufgefangen. Alexis Michalik lässt einem seine Begeisterung und auch die seiner vielen Mitstreiter spüren, was in den auf der DVD beiliegenden Dokumentationen noch verdeutlicht wird. Es ist merklich ein Herzensprojekt, eine Liebeserklärung an das Theater wie ans Kino, die nicht mit magischen Momenten geizt.

Vorhang auf für Cyrano ist sicherlich nicht perfekt und muss mühevoll einige eigene Stolpersteinen überwinden, sei aber jeden Fan großen, altmodischen Kinos ans Herz gelegt. Alexis Michalik gelang eine beschwingte, teils enorm witzige, aber auch etwas seichte Komödie, die zu begeistern vermag. Es ist schade, dass ihm außerhalb des französischen Sprachraums kaum die Aufmerksamkeit zukommt, die ihm gebührt.

Die DVD von Prokino ist seit dem 22. August im Handel erhältlich!

Unsere Wertung:

 

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1 Bewertung
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© Prokino

Thomas Hortian

Thomas, Jahrgang '76. Ich bin schon von kleinauf Filmfan, klapperte ab frühester Kindheit die drei Programme ab, weil meine Mutter keinen Videorekorder im Haus wollte. Ich war und bin aufgeschlossen für alles, aber mit den Jahren haben sich natürlich Vorlieben herausgebildet. Ich steh auf japanische Regisseure wie Kitano, Sabu, Miike und ganz doll Tsukamoto. Außerdem fahre ich voll auf klassische Horrorfilme der Hammer Films ab und bin Sammler italienischer Exploitation im Bereich des Giallo und Poliziesco.

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