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    Startseite » Wild Horse Nine
    Drama Filme Komödie

    Wild Horse Nine

    Luca Mattysvon Luca Mattys26. September 2026Keine Kommentare7 min Lesezeit
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    John Malkovich und Sam Rockwell © 2026 Searchlight Pictures. All Rights Reserved.
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    Zwei schrullige Freunde, eine einsame Insel, eine geheime Mission – auf den ersten Blick sieht Martin McDonaghs Wild Horse Nine aus wie ein Best of seiner bisherigen Hits. Warum dieser Film so viel mehr ist, erfahrt ihr in unserer Kritik!

    Darum geht’s in Wild Horse Nine

    Kurz vor dem Militär-Putsch in Chile im Jahr 1973 werden die CIA-Agenten Chris (John Malkovich) und Lee (Sam Rockwell) von ihrem Büroleiter MJ (Steve Buscemi) von Santiago auf die Osterinsel entsandt. Vor dem Hintergrund der ikonischen Skulpturen der Insel ringen die langjährigen Partner mit ihrer dunklen Vergangenheit und aktuellen Verschwörungen. Dabei droht Chris’ neu gefundene Freundschaft mit zwei rebellischen Studentinnen (Mariana di Girolamo und Ailín Salas) die Reise aller in dieses abgelegene Paradies völlig aus dem Ruder laufen zu lassen.

    Key-Art © 2026 Searchlight Pictures. All Rights Reserved.

    Alles ist verbunden

    Der britisch-irische Dramatiker McDonagh scheute noch nie den Griff zur Interkonnektivität. Schon als zeitgenössische Kritiken sein Spielfilmdebüt Brügge sehen … und sterben? nicht als das Meisterwerk erkannten, das es zweifelsohne ist, und als einen weiteren der in den 2000ern populär gewordenen Tarantino- oder Ritchie-Klone abtaten, drehte er als Nachfolger 7 Psychos, um diese Rezeption filmisch zu verarbeiten. The Banshees of Inisherin lieh sich nicht nur den Titel eines seiner unveröffentlichten Theaterstücke, sondern brachte auch den Hauptcast seines größten Kultklassikers wieder zusammen und errichtete auf der Basis der Vorerfahrungen des Publikums eine Erzählung über zerbrochene Freundschaft. Diverse Themen, Elemente und Formulierungen ziehen sich wie ein roter Faden durch McDonaghs Filmografie. Die Selbstreferenz ist nie ein Nebeneffekt seines Werkes; sein neuer Film handelt auch immer ein wenig von seinem letzten.

    Dementsprechend wundert es nicht, dass Wild Horse Nine das zuletzt in The Banshees of Inisherin etablierte Insel-Setting wieder aufgreift. Erneut ergründet der Regisseur die Dynamik einer Freundschaft zwischen zwei Männern – einer in die Jahre gekommen, der andere jünger – auf engstem Raume. Fast muten der anstrengende Chris und der strenge, aber liebevolle Lee an wie eine vertauschte Version der irischen Brügge-Touristen Ken und Ray. McDonagh spielt durch diese Reminiszenzen an seinen Werdegang aber keine Nostalgie-Karte aus oder verfällt in selbstgerechtes Schwelgen in alten Erfolgen. Vielmehr kommentiert ein erwachsen gewordener Meister seines Fachs die eigene Kunst durch die Linse vier bis 18 vergangener Jahre.

    Mariana di Girolamo und John Malkovich © 2026 Searchlight Pictures. All Rights Reserved.

    Die Unwiederbringlichkeit der Unschuld

    Durch diese Eigenanalyse offenbart er eine Bewegung weg von den Thesen über Schuld und Sühne, die er als 38-jähriger Mann in seinem Debüt formulierte. Dort wirft ein desillusionierter Grobian einen Blick auf das Weltgerichtstriptychon von Hieronymus Bosch, ein Gemälde, das das jüngste Gericht darstellt. Der sonst so teilnahmslose Schuft ist zutiefst bewegt von dem Bild. Insbesondere das Konzept des Fegefeuers lässt ihn nicht mehr los; hier landen die komplizierten Persönlichkeiten, nicht zutiefst böse, nicht wirklich gut, wie er es selbst ist. Ob ein Quäker, der den Tod seiner Tochter nicht rächen konnte, oder ein ungehobelter Polizist, für den es vielleicht zu spät ist, das Richtige zu tun – die ersten drei Spielfilme McDonaghs liebten es, ihre Figuren an den Rand des moralischen Horizonts zu rücken und zu fragen, ob noch eine Rückkehr möglich ist.

    Erst in The Banshees of Inisherin erfolgte ein Bruch mit diesen Archetypen. Hier entrückt der begnadete Geschichtenerzähler den gutgläubigen Farmer Pádraic Súilleabháin seiner Welt der Routine und zieht ihn in einen Strudel von Verlust und Gewalt. Am anderen Ende heraus kommt ein bitter enttäuschter Mann, der die Hoffnung auf eine Rückkehr aufgegeben hat. „Some things, there’s no moving on from“, sagt er als Abschied zu seinem entfremdeten Freund Colm. „And I think that’s a good thing.“ Nicht nur akzeptiert er die Unwiederbringlichkeit der Unschuld. Er heißt sie willkommen.

    Eine neue Chance

    Vorhang auf für CIA-Agenten Chris Carlisle. Die Anzahl seiner bestätigten Morde schätzt Kumpel Lee auf 68; wenn der Abspann zu laufen beginnt, soll diese Zahl nicht mehr aktuell sein. Im Angesicht seines nahenden Lebensabends blickt der Präzisionsschütze auf seine Laufbahn nicht wohlwollend zurück. Doch was geschehen ist, ist geschehen. Was den gealterten Chris vielleicht ebenso von dem jugendlich-naiven Ray aus Brügge sehen … und sterben? unterscheidet wie Martin McDonagh im Jahr 2008 vom heutigen, ist Perspektive. Einer von beiden kann auf die Straße vor sich blicken, der andere in den Rückspiegel. Ray bleiben nach knapp 30 Jahren noch endlose Gelegenheiten, seine Seele zu retten. Chris dagegen weiß, dass er dies selbst nicht mehr tun kann. Über die Laufzeit von Wild Horse Nine muss er lernen, das Potenzial zur Rettung in der jungen Monica zu erkennen – der nächsten Generation, die die Chance hat, es besser zu machen.

    Mariana di Girolamo und Ailín Salas © 2026 Searchlight Pictures. All Rights Reserved.

    Einen bitteren Beigeschmack erhält diese Ebene, wenn man sich den tatsächlichen historischen Kontext ins Gedächtnis ruft. Augusto Pinochets Junta-Putsch glückte; wie von Chris in einer Schlüsselszene prophezeit wurden etliche reale Monicas gefangen genommen und getötet. Obgleich der Diktator das Präsidentschaftsamt nicht bis zu seinem Lebensende ausführte, genoss er lange Jahre diplomatische Immunität und starb im hohen Alter von 91. Seit Anfang 2026 wird das Land von der rechtskonservativen Partido Republicano unter José Antonio Kast regiert.

    Auch andernorts greift der Faschismus um sich. Wild Horse Nine selbst wurde in den USA koproduziert. Dort regiert Donald Trump noch voraussichtlich bis 2029 mit harter faschistischer Hand. Durch ein Lächeln im Gesicht von Schauspielerin Mariana di Girolamo während ihrer finalen Szene formuliert McDonagh seine aufrührerische These: Hoffnung ist möglich, und sie liegt im Aufstand.

    Malkovich, der Phönix

    Eine so final ausformulierte Figur wie Chris wäre nie umsetzbar ohne einen brillanten Schauspieler, der sich ihrer annimmt. Die Entscheidung für John Malkovich war nicht risikolos, fiel dieser doch zuletzt eher durch halbgar hingeklatschte Performances auf. McDonagh selbst ist herausragende Schauspielregie nicht fremd. Keiner seiner letzten beiden Filme erhielt bei den Oscars weniger als drei Nominierungen für Mitglieder des Casts. Mit Ausnahme des eher auf sein Ensemble fokussierten 7 Psychos lieferten die Hauptrollen jedes seiner Werke Bestleistungen und gehören zu den glänzendsten Kinodarbietungen aller Zeiten.

    Malkovich bildet hier keine Ausnahme. Erste Kritiken handelten Chris Carlisle als Anwärter auf die Spitze seines Schaffens; sie übertreiben kein bisschen. Bis ins Detail erweckt der aus der Asche entstiegene Malkovich Chris‘ hassens- und liebenswerte Seiten zum Leben, frustriert die Zuschauer:innen, doch zieht sie auch in seinen Bann. Schon sein uncharakteristisch sanfter Dank an Freund Lee dafür, dass er ihn mit auf die Reise genommen hat, ist besser gespielt als ganze Filmografien mancher seiner Kollegen. Als logische Konsequenz gab es den Preis für den besten Darsteller in Venedig, mindestens eine Oscar-Nominierung dürfte folgen.

    Wie auch Schuld und Sühne ist Freundschaft seit Brügge sehen … und sterben? untrennbar mit McDonaghs Œuvre verknüpft. Man denke an die zwei begnadeten gemeinsamen Darstellungen von Colin Farrell und Brendan Gleeson, die erst in Belgien untrennbar zusammenwachsen und sich dann auf Inisherin entlieben durften. Auch Rockwell selbst brillierte unter diesem Regisseur bereits in ungewöhnlichen Freundschaftsdynamiken mit Farrell, aber auch Woody Harrelson, Christopher Walken und Frances McDormand. Stets trug er diese durch seine unerreichte Leinwandpräsenz und seine charismatische Chemie mit so gut wie allen Szenenpartner:innen entscheidend mit. Sein Lee ist der Schlüssel zur Nachsicht, die das Publikum Chris gegenüber entwickelt. Ohne seinen gelegentlich gereizten, doch zutiefst zärtlichen Blick auf seinen Kompagnon könnten auch wir uns nie für diesen erweichen.

    Paranoia und Landschaften

    Als Hintergrund, vor dem sich all jenes persönliche Drama abspielen kann, wäre wohl keiner besser geeignet als die Osterinseln. Das verschlafene Inisherin, wo noch jede:r jede:n kennt, weicht einem militärisch überwachten Touristenort, an dem überall spionierende Augen lauern oder sich Freund:innen als Feind:innen entpuppen könnten. Kameramann Ben Davis, seit 7 Psychos fester Teil von McDonaghs Stammpersonal, hält die zu gleichen Teilen malerische und paranoide Magie des Ortes in abwechslungsreichen und wunderbar kolorierten Einstellungen fest. Die Wechselwirkung zwischen Setting und Charakterdynamik definiert Wild Horse Nine nicht weniger, als Brügges Traumweltlichkeit, Los Angeles‘ Erfolgsdruck, Missouris Kleinbürger:innentum und die Isolation der Aran Islands für vergangene Projekte des Filmemachers richtungsweisend waren.

    Mit der prallen und hinreißenden Farbpalette der Bilder fügt dieser seinem visuellen Stil indes eine weitere Note hinzu. Hier sehen wir keine Stagnation, sondern eine stetige Weiterentwicklung in puncto Formgefühl. McDonaghs Geschick für Blocking und Einstellungsdesign wird immer weiter durch ein ästhetisches Auge ergänzt. Hierzu tragen auch die augenblicklich einprägsamen Kostümentwürfe von Eimer Ní Mhaoldomhnaigh bei, die ideal auf jede Figur zugeschnitten sind. Die greifbare Ikonografie, welche so entsteht, ebnet schon jetzt den Weg für einen zukünftigen Klassiker.

    © 2026 Searchlight Pictures. All Rights Reserved.

    Fazit zu Wild Horse Nine

    5.0 Meisterwerk

    Schmal ist der Grat zwischen Selbstreferenz und Selbstgerechtigkeit. Immer wieder machen Kunstschaffende den Fehler, es beim deutenden Zeigefinger zu belassen, anstatt auf ihren zuvor ausgearbeiteten Werken aufzubauen. Und auch Martin McDonaghs neuestes Werk könnte sich, bis es seine Karten final ausspielt, gelegentlich anfühlen wie ergründetes Terrain. Spätestens wenn sich in den finalen 15 Minuten jedoch die Spannung entlädt und der Film längst vergessene Handlungsstränge, sorgsam gepflanzte Dialog-Samen und zuvor etablierte Ideen mit der Ausgelassenheit eines verrückten Wissenschaftlers aus dem Hut zaubert, wird klar, dass hier ein Meister auf seinem Fachgebiet operiert. Kein Drehbuchautor, tot oder lebendig, kann diesem Stift in Höchstform das Wasser reichen. Wild Horse Nine lässt diese Höchstform, sobald er sie erst gepackt hat, nicht mehr los. Die Zahnräder greifen hier so präzise und geschmiert ineinander, dass es beinahe wie Schummelei anmutet. Regie, Schauspiel und Präsentation werden dem Skript dabei mühelos gerecht und kulminieren in ein quasi perfektes Paket. Trotz klarer Referenzpunkte ist hier schlussendlich nichts altbekannt außer der reinen Qualität dieses Projekts. Der beste Film des Jahres.

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    Luca Mattys

    Filmverrückter aus Leidenschaft, Oscar-Trivia-Lexikon auf zwei Beinen und vermutlich der Hauptgeldgeber aller Düsseldorfer Kinos. Jeden Dienstagmittag bastelt Luca sich gewissenhaft sein Wochenprogramm zusammen und gibt renommierten Klassikern dabei dieselbe Chance wie hoffnungslosem Müll. Für ihn gibt es keinen schöneren Ort auf der Erde als das Innere eines Kinosaals. Seit inzwischen zwei Jahren schreibt er Kritiken für Filmtoast und schaut auch ab und zu mal frech im Podcast vorbei, wenn niemand ihn aufhält. Wenn er nicht gerade über die diversen Gründe philosophiert, warum "Brügge sehen … und sterben?" der beste Film aller Zeiten ist, oder sich über die Sieger:innen der vergangenen Preissaison echauffiert, versucht er, seine DVD-Sammlung abzugrasen, von der noch immer ein schockierender Anteil originalverpackt ist.

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