Nach langer Krankheit und diversen nie finalisierten Projekten kehrt der legendäre russische Regisseur Andrey Zvyagintsev mit seiner Politparabel Minotaurus endlich ins Kino zurück. In unserer Kritik sagen wir euch, warum sich der Kinobesuch lohnt!
Minotaurus – Darum geht’s
Im Jahr 2022, kurz vor der Verschärfung des russisch-ukrainischen Krieges, steht die Firma von Unternehmer Gleb (Dmitriy Mazurov) vor einem großen Umbruch. Veränderungen werden spürbar im ganzen Land; wie diese genau aussehen werden, ist unklar. Hochrangige Personen verlangen von Gleb eine Liste von Mitarbeiter:innen, die von ihm als entbehrlich eingeschätzt werden. Zu allem Überfluss beschleicht ihn der Verdacht, dass seine Frau Galina (Iris Lebedeva) eine Affäre haben könnte. Klammheimlich lässt er sie beschatten und wartet auf eine Wahrheit, die er vielleicht nicht ertragen kann.

Ein letzter Swipe vorm Krieg
Die Meisterhaftigkeit in Zvyagintsevs Skript – und ein meisterhaftes Skript ist es zweifellos – zeigt sich wie viele Spezialitäten seiner Kunst nicht auf den ersten Blick. Die von ihm und Co-Autoren Simon Liashenko erschaffenen Figuren folgen in ihrer Zeichnung bekannten Tropen; der Ehemann, der eine Affäre vermutet, die entfremdete Frau, der Schnüffler. Dies sind allesamt längst etablierte Konzepte, deren Dynamik und Verhalten schnell verständlich und leicht zu erahnen sind. Umso entscheidender ist die begnadete Dichte, mit der diese Stereotypen und die Welt um sie herum geformt werden. Von winzigen Verhaltensentscheidungen, die den Mitgliedern von Glebs Familie Legitimität und Charakter verleihen, bis hin zur Zeichnung des modernen Russlands, in dem sie überhaupt erst existieren können, malen Zvyagintsev und Liashenko ein greifbares Porträt voll mit Unmengen kluger Beobachtungen.
So können bisweilen scheinbar unbedeutende Bilder eine ungeheure Aussagekraft entwickeln. Der ironisch-tragische Kontrast eines Soldaten, der Doomscrolling an seinem Handy betreibt, während eben jene Rede gehalten wird, die seinen Einzug in den Krieg legitimieren soll, unterstreicht Zvyagintsevs Zeichnung eines kaputtes Land in einer kaputten Welt. Gleichgültig werden in Minotaurus Freundschaften verraten, Existenzen zerstört und sogar buchstäbliche Leben ausgelöscht. Status entscheidet über das eigene Bestehen, die Polizei handelt nach Auftrag. Vor diesem Hintergrund spielt sich ein scheinbar banales Ehedrama ab. Dieses dient bei näherer Betrachtung als Nährboden für eine fruchtbare Diskussion über die Dynamiken des russisch-ukrainischen Kriegs. Assoziationen mit Jonathan Glazers brillantem Holocaust-Drama The Zone of Interest, das legitimierbare Distanz zu Gewalt zu ihrem eigentlichen Futter erklärt, werden unweigerlich wach.

Wie ein Blick in ein Leben
Zvyagintsevs größte Qualität in der Realisierung von Minotaurus liegt jedoch nicht bloß in der Konzeption von repräsentativen Bildern. Auch ihre makellosen Ausgestaltung gelingt fehlerlos. Wer ein Faible für die technische Komponente der Filmkunst hegt und sich auf die Arbeit der Gewerke versteht, dürfte die Brillanz des Projekts erst vollends wertschätzen können. Der Regisseur demonstriert eine begnadete Kontrolle über sämtliche Mittel der visuellen Geschichtenerzählung.
Die Ausstattung und das Szenenbild etwa sind nicht nur schick anzusehen. Sie schenken den Figuren, die sich durch den physischen Raum bewegen, auch Persönlichkeit und Historie. Das Haus von Gleb und Galina ist eben jenes, das sich ein Paar in ihrer Position aufbauen würde. Auch die Wohnung einer später auftauchenden Figur, die in langen Einzeleinstellungen genauestens kartografiert wird, erweckt einen augenblicklich authentischen Eindruck. Dabei macht das Set nie großspurig auf sich aufmerksam. In Kombination mit dem durch die Bank exzellenten Schauspiel kann so eine nahezu perfekte Illusion erschaffen werden, fast so, als beobachte man eine Aufbereitung wahrer Leben.
Bildgewaltig statt „bildgewaltig“
Auch das Design der Einstellungen selber und die Kollaboration zwischen Setting und Kameraarbeit stechen als atemberaubend hervor. Wenige Filme, die derartig dialogbasiert sind wie Minotaurus und im Grunde kaum Action oder Bewegung beinhalten, können solch spektakuläre Aufnahmen vorweisen. Jeder Shot ist liebevoll konstruiert und die Zeit, die er auf der Leinwand stehengelassen wird, voll und ganz wert. Die wohlbedachten Winkel und Einstellungsgrößen erschaffen auch dort einprägsame Bilder, wo die Drehbuchseite sie nicht bedacht haben kann. Wenn herablaufender Regen an einer abschüssigen Straße hypnotische Muster auf den Weg zeichnet, dann beweist der Einbezug dieser Laune der Natur Zvyagintsevs Auge für Details.

In einer Zeit, in der Opulenz und Größe oft mit begnadeter Kameraarbeit verwechselt werden, sind dies die Filme, die dieses Prädikat tatsächlich verdient haben. Jede beliebige Aufnahme aus Minotaurus ist unendlich beeindruckender als alles, was auf Feuilletonseiten als „bildgewaltig“ aufgeblasene Epen wie Die Odyssee oder Der Astronaut 2026 zu bieten hatten.
Eine Frage der Perspektive
Nicht nur visuell leistet Zvyagintsev technisch fantastische Arbeit. Dieser Film klingt ebenfalls großartig, insbesondere dann, wenn man sein geschätztes Produktionsbudget von 7,5 Millionen Dollar berücksichtigt. Neben den wertig aufgenommenen Soundeffekten glänzt auch das Mixing der einzelnen Spuren und das Spiel mit Perspektive. Man achte beim Kinobesuch – bestenfalls im größtmöglichen Saal, der Minotaurus zeigt – auf die Position der Kamera und die Lautstärke der Dialog- und Effektaufnahmen. Nimmt das Gehörte die Perspektive des Gesagten ein oder steht beides im direkten Kontrast zueinander? Hören wir mehr, als es die Kamera würde, oder hören wir weniger? Detailverliebte Arbeit auf einer solchen Ebene offenbart das Level inszenatorischer Exzellenz, das Zvyagintsev an den Tag legt. Genau diese müsste eigentlich von Kritik- und Branchenpreisverleihungen honoriert werden.
Schlussendlich sei noch die spärlich verwendete, aber nachdrückliche Musikuntermalung des Komponisten-Brüderpaars Evgueni und Sacha Galperine hervorgehoben. Auch diese weckt durch ihren fast buchumschlagartigen Gebrauch Vergleiche zu Mica Levis Score zu The Zone of Interest, ohne je wie eine Kopie zu erscheinen.
© Mubi
Unser Fazit zu Minotaurus
In jeder Facette zu greifen ist das Genie dieses Films nach einer Erstsichtung vermutlich nicht. Der Gedanke, einen dialoglastigen 135-Minüter zu sehen, dessen Magie wohl erst beim zweiten Mal vollends wirken kann, mag in den Augen mancher ein Respekt einflößender Gedanke sein. An dieser Stelle sei Minotaurus jedoch jeder Person wärmstens empfohlen, die das Medium Film als Geschichtenerzählung durch Bild und Ton begreift. Trotz seitenfüllender Dialogpassagen versteht Andrey Zvyagintsev, dass das Wort allein nicht die größte Macht haben darf. Er kreiert ein Werk, das sich nicht bloß wie ein kleines Wunder anfühlt, weil sein Regisseur noch vor fünf Jahren ums Überleben kämpfen musste. Minotaurus ist einer der wichtigsten Filme des Jahres – weniger als politischer Mahnfinger als durch seine Erinnerung daran, was Kino und nur Kino möglich machen kann.
Filmverrückter aus Leidenschaft, Oscar-Trivia-Lexikon auf zwei Beinen und vermutlich der Hauptgeldgeber aller Düsseldorfer Kinos. Jeden Dienstagmittag bastelt Luca sich gewissenhaft sein Wochenprogramm zusammen und gibt renommierten Klassikern dabei dieselbe Chance wie hoffnungslosem Müll. Für ihn gibt es keinen schöneren Ort auf der Erde als das Innere eines Kinosaals. Seit inzwischen zwei Jahren schreibt er Kritiken für Filmtoast und schaut auch ab und zu mal frech im Podcast vorbei, wenn niemand ihn aufhält. Wenn er nicht gerade über die diversen Gründe philosophiert, warum "Brügge sehen … und sterben?" der beste Film aller Zeiten ist, oder sich über die Sieger:innen der vergangenen Preissaison echauffiert, versucht er, seine DVD-Sammlung abzugrasen, von der noch immer ein schockierender Anteil originalverpackt ist.
