Dass im Elitesport Horror-artige Bedingungen vorherrschen, muss man gar nicht erst in Metaphern verstecken. Trotzdem versucht es die deutsche Produktion Bloody Tennis durch eine Genre-Film-typische Überhöhung und wandelt auf Spuren von Coralie Fargeat und Co. Heißt es nun „Spiel, Satz, Sieg“ oder droht ein Erstrundenaus?
Darum geht’s in Bloody Tennis
Nachdem Sophie aus Detroit an einer elitären Tennisakademie aufgenommen wird, die tief im Süden Europas verborgen liegt, sieht sie sich nicht nur gnadenloser Konkurrenz in der Form fanatischer junger Spielerinnen gegenüber, sondern auch den zunehmend unheimlichen Einflüssen der Schule selbst. Als die Grenzen zwischen Ehrgeiz und Moral, Realität und Alptraum verschwimmen, wird Sophie langsam klar, dass der Weg zum Ruhm nur weiterführt, wenn sie bereit ist, einen Teil von sich selbst hinter sich zu lassen.
Bloody Tennis ist ein hypnotischer Fiebertraum aus Spitzensport und groteskem Humor in einer Welt voller brutaler Ambitionen, blutsaugender Egel und bizarrer Rituale.

Sportlich bis aufs Blut
Was will Bloody Tennis eigentlich sein, ist wohl die Frage, die über dieser Besprechung schwebt und sich tatsächlich gar nicht so leicht beantworten lässt. Die Vorbilder, die sich Bunker-Regisseur Nikias Chryssos für seinen neuen Streich nimmt, sind recht offensichtlich, werden aber in kaum einer Façon erreicht, weil die Mischung aus dem Zusammengetragenen irgendwie nicht zur Einheit wird. Sehr viel vom Metapher-Horror und den Body-Horror-Einschüben der französischen Kolleginnen Coralie Fargeat (The Substance) und Julia Ducournau (Raw, Alpha, Titane) will Chryssos in seinen Sport-Horror-Streifen packen, missversteht aber eindeutig, dass deren Stärke nicht darin liegt, die Message in Richtung des Publikums zu brüllen, sondern sie langsam einzuflößen.
Vielmehr haftet dem Ganzen durch das Coming-of-Age-Element des Sportschulsettings eine gewisse Soap-Artigkeit an, die an die spanische Netflix-Serie Elite und vergleichbare Jugend-Stoffe erinnert. Das liegt an der extrem klischeehaft überzeichneten Charakterzeichnung, die sich nahezu auf das gesamte Ensemble niederschlägt und die Atmosphäre von Beginn an komplett unglaubwürdig und (unfreiwillig?) grotesk macht. Das liegt aber auch an der Inszenierung, die sich viel zu sehr an den Vorbildern abmüht und dabei jede organische Eigenart vermissen lässt, die grundsätzlich in der Prämisse vorhanden gewesen wäre.
Provokant? Banal.
Bloody Tennis will viel. Zu viel, wahrscheinlich. Schon mit der Foreshadowing-Einleitung soll Neugier auf das gemacht werden, was dann an Martyrium für die nichts ahnende Protagonistin auf der durch und durch toxischen Tennis-Akademie wartet. Doch während oft in vergleichbaren Geschichten erstmal den Neulingen ein falsches Bild vermittelt wird und sich erst peu á peu entblättert, dass hinter der Fassade Grauenhaftes lauert, wird hier schon direkt mit dem Erstgespräch unmissverständlich klargestellt, dass hier sowohl seltsame Vorgänge am Laufen sind und auch überhaupt kein Grund mehr mitgeliefert, wieso sich die Protagonistin Sophie überhaupt dafür entscheidet, hier zu bleiben und nicht sofort wieder Reißaus zu nehmen. Das macht die ganze Story schon im Auftakt so unglaubhaft, dass man schwer überhaupt noch an den Charakteren interessiert bleibt.
Dazu sind dann die Trainer und Leiter vor Ort so übertrieben böse gezeichnet und gespielt, dass es ebenfalls eine gewisse karikatureske Anmutung bekommt. Doch als Farce oder kritische Abhandlung mit dem Leistungsdruck im Nachwuchssport funktioniert Bloody Tennis ebenfalls nicht, weil hierfür die Metaphern zu plump, die Bilder zu direkt und vor allem die Dialoge zu phrasenartig und bedeutungsschwanger geschrieben sind.
Inszenierung rettet vor Zu-Null-Niederlage
Dass man sich Bloody Tennis trotzdem noch anschauen und dabei solide unterhalten werden kann, liegt zum einen an der doch bemerkenswert souveränen Vorstellung der jungen Dänin Sandra Guldberg Kampp, die die körperliche Tortur und vor allem die moralische Korruption für den Erfolg stark rüberbringt – wenngleich das mit den knackenden Gelenken schon etwas übertrieben wirkt. Und auch die poppige, leicht campy Bildsprache und der Sound zeugen vom Talent für atmosphärische Inszenierung, dass Chryssos eindeutig besitzt, nur hier eben nicht einzubringen schafft, ohne mit Fehlern an anderer Stelle sich selbst ein Bein zu stellen.

Mehr Him als Raw
Die gesamte Story ist letztlich zu dünn, die Zuspitzung erfolgt holprig und abgesehen von der Hauptfigur gibt es kaum Anknüpfungspunkte im Cast. Auch Systemsprenger-Star Helena Zengel wird verschenkt, wenngleich nicht gar so uninspiriert eingesetzt wie Pusher-Legende Zlatko Burić. Letztlich erinnert der Film mehr an eine auf den Tennissport übertragene Adaption von Otfried Preußlers Krabat, als an eine smarte Allegorie auf die moderne Leistungsgesellschaft, wie es eben die gefeierten Französinnen Fargeat und Ducournau aus dieser Devise möglicherweise rausholen würden.
Kurzum krankt damit auch Bloody Tennis an den gleichen Stellen wie der im vergangenen Jahr zurecht gefloppte Football-Horrorfilm Him. Eine gute Idee reicht eben nicht, wenn das Skript so lückenhaft und halbgar ist und die Umsetzung so vorhersehbar. Wie bei Him versucht man das mit grafischer Brutalität zu übertünchen, aber jeder weiß, dass „Style over Substance“ speziell im Horror-Segment lange ausgedient hat.
© augenschein Filmproduktion – Port au Prince Pictures
Unser Fazit zu Bloody Tennis
Der ein oder andere Aufschlag geht ins Feld und die berüchtigte 0:6-0:6-Brille kann Bloody Tennis dank seiner hochwertigen Bilder und einer überzeugenden Hauptfigur verhindern. Letztlich aber kommt Regisseur Chryssos mit seiner überambitionierten Genre-Film-Idee nicht über die zweite Runde des Grand Slams hinaus und hat mit einem Turniersieg rein gar nichts zu tun.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

