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Anthracite

Eine neue Krimi-Miniserie aus Frankreich startet bei Netflix: Anthracite erzählt in sechs Folgen von einem Massenselbstmord, der eine kleine Gemeinde über Jahrzehnte beschäftigte. Überzeugt der Thriller durch Spannung?

ANTHRACITE | Le mystère de la secte des écrins Bande-annonce officielle 2 VF | Netflix France

TitelAnthracite
Jahr2024
LandFrankreich
Regietba
DrehbuchFanny Robert, Maxime Berthemy, Mehdi Ouahab, Sophie Lebarbier
GenreSerien
DarstellerHatik, Camille Lou, Noémie Schmidt, Nicolas Godart, Raphaël Ferret, Jean-Marc Barr, Stefano Cassetti, Kad Merad, Marianne Basler, Vincent Rottiers, Léo Legrand, Roxane Arnal
Länge6 Folgen mit je ca. 45 Minuten
Altersempfehlungab 12 Jahren freigegeben
StreamingdienstNetflix
Ermittlerin Giovanna außer Fassung © Netflix

Anthracite – Die offizielle Handlungsangabe

Der Massenselbstmord einer Sekte in einem kleinen Dorf in den Alpen sorgte 1994 für Schlagzeilen. Als 30 Jahre später eine Frau nach den Ritualen der rätselhaften Gemeinschaft ermordet wird, ist es mit der Ruhe im Dorf vorbei. Jaro Gatsi ist der ideale Sündenbock. Es dauert nicht lange, bis der junge Straftäter, der in den Bergen sein Leben wieder in den Griff bekommen will, des Mordes beschuldigt wird. Jaro will unbedingt seine Unschuld beweisen. Dabei bekommt er überraschend Hilfe von Ida, die ein exzentrischer Nerd ist und nach ihrem verschwundenen Vater sucht. Die beiden merken schnell, dass es kein Zufall ist, dass sie in den Fall verwickelt sind. Die Antworten, nach denen sie suchen, verbergen sich in den Geheimnissen ihrer eigenen Vergangenheit.

Mystery und Vorverurteilung im Alpendorf

Die Ausgangslage ist auch in diesem Krimi mal wieder nicht wirklich neu: ein tragisches Ereignis prägt eine Dorfgemeinschaft so stark, dass auch Jahrzehnte später noch die Erinnerung omnipräsent ist – und dann passiert ein neues Verbrechen und reißt die alten Wunden komplett wieder auf. So weit, so konventionell. Doch Anthracite hat einige Ansätze, die Würze in diese Standard-Kost bringen: Denn ziemlich progressiv spielt die Geschichte mit den Entwicklungen, die sich seit dem verheerenden Ereignis in den 90ern Bahn gebrochen haben – und was damals wie heute in der Gesellschaft an Vorurteilen vorherrscht.

Neben diesen soziokulturellen Einflüssen sind es dann auch die unterschiedlichen Genre-Versatzstücke, die Varianz ins Krimi-Segment bringen. Denn immer wieder – bedingt durch die Grausamkeit des Falls – gibt es Horror-Einschübe, die als Kontrast zur idyllischen Alpenlandschaften gut funktionieren. Auch das ist ein regelmäßig gewählter Ansatz in Krimis: Natur vs. die Gräuel zu denen Menschen fähig sein können. Damit schlägt ein weiterer Thriller den True-Detective-Weg ein, aber hier wie da steht und fällt es dann explizit doch mit dem Kriminalfall und den Figuren.

Etwas gewollt poppig

Und bei den Figuren kommt man schon zum ersten Knackpunkt. Denn hier geht Anthracite an die Grenze zum Quatschigen, indem man eine total klischeehafte und übertriebene Nerd-Hobby-Ermittlerin zur Protagonistin macht und diese dem sympathischen, unschuldig Verdächtigen an die Seite stellt und aus dieser Konstellation dann auch noch Comic-Relief-Momente ziehen will. Das steht im ersten Moment im krassen Kontrast zur Seriosität des Falls und der sonstigen Inszenierung. Auch die Polizisten sind nicht so übertrieben gezeichnet, sondern agieren durchaus realistisch. Bis zu einem gewissen Grad gibt es aber eine Erklärung für die Extrovertiertheit von Ida, die man als Zuschauer:in schlucken muss, um nicht komplett aus der Handlung herausgeworfen zu werden. Darstellerisch kann man Noémie Schmidt nichts vorwerfen, denn die Verrücktheit bringt sie sogar noch recht sympathisch rüber.

In einigen Szenen werden sich Kenner an den französischen Krimi The Night of the 12th aus dem vergangenen Jahr erinnert fühlen, denn auch dort war das alpine Frankreich die Kulisse für einen extrem packenden Kriminalfall mit exzellent aufgelegten Darstellenden. Doch in der Inszenierung ist die neue Netflix-Serie dann doch poppiger, wählt die krassen Bilder teils zum Selbstzweck und wird dadurch eher zum Unterhaltungsprodukt anstatt zu einer markerschütternden quasi-dokumentarischen Nacherzählung, die aufgrund ihrer Plausibilität und Lebensnähe ein mulmiges Gefühl erzeugt und lange im Gedächtnis bleibt. Anthracite ist bewusst reißerischer, erinnert an Black Spot, die Harlan-Coben-Adaptionen bei Netflix oder Krimi-Hits wie Der Kastanienmann. Man kann also mit Fug und Recht sagen, dass die Miniserie eine typische Netflix-Story ist – und dementsprechend für ein Gros der Abonnenten wie auf den Leib geschneidert daherkommt.

Jaro ist ein schnell ausgemachter Verdächtiger. Anthrazite
Jaro ist ein schnell ausgemachter Verdächtiger © Netflix

Ritualmorde und die Vergangenheit, die einen immer einholt

Ein bisschen Die purpurnen Flüsse, Katla und ein Hauch von Totenfrau – bei Anthracite werden viele Erinnerungen geweckt, wenn man schon (zu) viel gesehen hat. Man kann der Geschichte aber losgelöst betrachtet nicht ihren Reiz absprechen, denn die Genre-Tropes, die hier verwurstelt werden, funktionieren teils auch noch beim hundertsten Mal. Was man hingegen der französischen Produktion schon vorwerfen kann, ist an gewissen Stellen zu viel zu wollen und in die sechs Folgen ein paar Nebenschauplätze und Beteiligte zu viel zu quetschen. Auch tonal sind einige Unausgewogenheiten nicht von der Hand zu weisen. Dementsprechend stellen sich die Macher ein Stück weit selbst ein Bein, indem sie zu viel wollen. Der eigentlich abgedroschenste der Story-Parts rund um die Ritualmorde und die Verbindung zu den Protagonisten wäre ohne den zusätzlichen Ballast besser zum Tragen gekommen.

Unser Fazit zu Anthracite

Anthracite ist grundsolide, vielleicht sogar überdurchschnittlich spannende Thriller-Kost aus Frankreich mit hohem Tempo vor schöner Kulisse. Dass der Fall per se nicht so originell ist, ist für Genrefans wahrscheinlich kein Problem, denn welcher Krimi ist das heute schon noch?! An den Akteuren werden sich die Geister scheiden, aber kann man sich auf das übertriebenes einlassen, dann wird man auch bis zum Ende mit ihnen mitfiebern

Anthracite läuft seit dem 10. April 2024 bei Netflix!

Unsere Wertung:

 

 

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Zuletzt aktualisiert am 1. Januar 2024 um 20:21 . Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.
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© Netflix

Jan Werner

Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen.

Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern.

Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

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