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Arizona Colt

Auch wenn der Titel nach einem billigen Heftroman klingt – Arizona Colt ist alles andere als Dutzendware vom Grabbeltisch. Der Italowestern gehört zur gehobenen Mittelklasse des Genres und besticht neben seinem Humor mit deutlicher Brutalität. Sehenswert? Hier erfahrt Ihr mehr.

Arizona Colt ≣ 1966 ≣ Trailer ≣ German | Deutsch

TitelArizona Colt
Jahr1966
LandItalien, Frankreich
RegieMichele Lupo
DrehbuchErnesto Gastaldi, Luciano Martino
GenreWestern
DarstellerGiuliano Gemma, Corinne Marchand, Fernando Sancho, Roberto Camardiel, Giovanni (Nello) Pazzafini, Rosalba Neri, Gérard Lartigau, Tom Felleghy, Andrea Bosic
Länge111 Minuten
FSKab 18 Jahren freigegeben
VerleihExplosive Media
Das Cover des Mediabooks zu Arizona Colt zeigt das gezeichnete Filmplakat mit Guiliano Gemma in der Rolle des Titelhelden.
Das Cover des Mediabooks zu Arizona Colt. © Explosive Media

Die Handlung von Arizona Colt

Der Falschspieler und Glücksritter Arizona Colt (Giuliano Gemma) wird bei einem Überfall auf ein Gefängnis in Mexiko durch die Bande von Gordon Watch (Fernando Sancho) befreit. Der Desperado will durch die Häftlinge seine Bande verstärken. Doch Arizona Colt hat wenig Lust dazu. Was ihm nicht gerade die Freundschaft des brutalen Gangsters einbringt. Watch plant, die Bank in dem Grenzstädtchen Blackstone Hill auszurauben. Deshalb schickt er seinen Vize Clay (Nello Pazzafini) als Spion in den Ort. Der hatte zuvor schon ein Sträußchen mit Arizona auszufechten, dem er nun wiederbegegnet. Doch Arizona verrät ihn nicht. Er kocht sein eigenes Süppchen.

Nach einem Schäferstündchen mit Dolores (Rosalba Neri), einer Tochter des Saloonbesitzers, erkennt diese allerdings anhand einer Bandentätowierung Clays Herkunft. Was zu einem finalen Ende des Liebesakts führt. Beim wenig später erfolgenden Banküberfall wird Clay von den Bürgern als Mörder wiedererkannt. Arizona will sich nun als Kopfgeldjäger verdingen, fordert aber neben der Prämie auch eine Liebesnacht mit der Schwester der Ermordeten, Jane (Corinne Marchand). Moral hin und Amoral her – trotz heftigen Nasenrümpfens stimmen alle Beteiligten dem Deal zu. Arizona kann zwar Clay erledigen, wird aber von Gordon Watch in Hände und Beine geschossen. Schwer verletzt bleibt er liegen. Doch das mittlerweile von Bedenken geplagte Bandenmitglied Whiskey (Roberto Carmadiel) rettet und pflegt ihn für das Showdown gesund.

Leichte Tonart mit heftiger Brutalität

Wie sich an dieser knappen Inhaltangabe schon erkennen lässt, passiert in Arizona Colt für einen Italowestern eine ganze Menge. Die Drehbuchautoren Luciano Martino und vor allem Ernesto Gastaldi konnten sich in diesem Streifen so richtig austoben und die Klischees des Genres kräftig auswalzen und variieren. Dabei kommt der Film trotz seiner eher leichten Tonart mit vielen witzigen Sprüchen und Einfällen selbst für das Genre erstaunlich brutal daher. Die Überfälle der Bande werden zu regelrechten Massakern, Folter und Prügeleien werden kräftig ausgekostet und Verletzungen sind nicht einfach nur rote Flecke, sondern sehen mit ausgezahnten Wundrändern fies realistisch aus. Man merkt, dass diese italienisch-französische Coproduktion ein höheres Budget hatte, als die große Masse der Italowestern. Wofür auch schon die ungewöhnliche Laufzeit von fast zwei Stunden spricht.

Arizona Colt, gespielt von Guiliano Gemma, sitzt mit drei Bürgern von Blackstone Hill am Pokertisch und spielt mit gezinkten Karten.
Spiel mit gezinkten Karten: Arizona Colt (Guiliano Gemma) am Pokertisch in Blackstone Hill. © Explosive Media

Man könnte einwenden, der Film wandere etwas unentschlossen auf dem Grat zwischen Komödie und harter Westernkost. Doch eigentlich macht das nichts, solange der Streifen Spaß macht. In der Tat hatte der bereits 1989 mit nur 56 Jahren Jahren viel zu früh verstorbene Regisseur Michele Lupo seine größten Erfolge mit Komödien. Etwa mit der gelungenen Westernparodie Ben und Charlie, in der 1972 ebenfalls Guiliano Gemma neben Man-Eater George Eastman zu sehen ist. Vor allem aber auch mit fünf Bud-Spencer-Kloppern wie Sie nannten ihn Mücke, Der Große mit seinem außerirdischen Kleinen oder Eine Faust geht nach Westen.

Arizona Colt zeugt von solidem Handwerk

Lupos bester Western ist meiner Ansicht nach allerdings ein ziemlich düsterer Vertreter aus der Endphase des Genres: Der Mann aus Virginia von 1977, erneut mit Gemma, zeichnet ein hoffnungslos-morbides Bild der USA kurz nach dem Bürgerkrieg. Lupo war einer der solidesten Handwerker des italienischen Kinos. Sicher kein Meisterregisseur wie Sergio Leone und wohl auch nicht so ambitioniert wie Sergio Corbucci in seinen besten Filmen oder Lucio Fulci. Aber wo Lupo Regie führte, darf man sich als Zuschauer in jedem Fall über gelungene Unterhaltung freuen. So auch in Arizona Colt.

Der Film enthält alles, was einen guten Italowestern auszeichnet. Auf der visuellen Ebene sind dies natürlich in erster Linie die fantastischen Landschaften rund um das spanische Almeria, die von Kameramann Guglielmo Mancori sehr schön eingefangen wurden. Überhaupt ist die gesamte Bildgestaltung von Arizona Colt sehenswert. Viele Gesichter in Großaufnahmen, Szenen, die nur durch Blicke bestimmt werden, Tableaus mit Details im Vordergrund, während sich im Hintergrund des Bildes der Raum entfaltet, oft von akkurat im Raum gestaffelten Gestalten fast plastisch definiert. Viel Wert wurde auch auf die Kostüme gelegt, wie etwa die knallrote Fantasieuniformjacke Gordon Watchs oder die bunte Spielerweste, die der Held am Anfang trägt, bevor er mit Clay die Kleidung wechselt. Wobei es bei diesem Klamottentausch zu einem der vielen ironischen Verweise kommt, wenn sich der Held in hellblauer und der Bösewicht in rosafarbener Unterwäsche gegenüberstehen.

Verlässliche Standards und ein wenig mehr

Verweise auf andere Genre-Ikonen finden sich haufenweise. Wenn das Massaker in Blackstone Hill beginnt, hebt sich die Abdeckung eines Planwagens und offenbart eine Gruppe wild schießender Banditen – was deutlich an den Beginn von Für eine Handvoll Dollar erinnert. Auch eine goldene Taschenuhr spielt eine Rolle, immer wieder gern benutztes Requisit. Hier dient sie dazu, die sadistische Note von Gordon Watch zu illustrieren, dessen Name sich nicht von ungefähr auf diese Uhr bezieht. Die hatte seinem Vater gehört. Und als der ihm sagte, Gordon würde sie erhalten, wenn er gestorben sei, hatte das Prunkstück fünf Sekunden später den Besitzer gewechselt. Arizonas Figur erinnert stark an den ebenfalls von Gemma kreierten Ringo-Charakter in Eine Pistole für Ringo. Arizona Colt bietet also verlässliche Genrestandards und geht noch darüber hinaus.

Der Italowestern als katholisches Genre

Das gilt insbesondere auch für die übliche Passionsgeschichte des Helden. Die wird hier noch einmal besonders zelebriert, wenn Watch Arizona in Hände und Beine schießt, was an die Stigmata von Jesus erinnert. Hier zeigt der Italowestern einmal mehr seine katholischen Wurzeln. Der Held wird gekreuzigt und erlebt danach seine Auferstehung, passenderweise in einer Kirchenruine. Auch das Finale beim Sargtischler bietet spektakuläre Kulissen, die aus einem Horrorfilm stammen könnten. Und es zeigt sich einmal mehr, dass die italienischen Ausstatter des englischen nicht mächtig waren. Steht auf einem Sargdeckel doch der Name Jhon (!).

Das Gefängnis an der mexikanischen Grenze, das zu Beginn von Arizona Colt von den Banditen überfallen wird.
Typisch Italowestern: In diesem Gefängnis geht gleich der Rummel los. © Explosive Media

Guiliano Gemma war wie geschaffen für den Part des leichtfüßigen Glücksritters, der gerne auch immer mal einen lockeren Spruch auf den Lippen hatte. Sein blendendes Aussehen trug ihm auch den Spitznamen Angelface ein. Er war einer der akrobatischsten Darsteller des italienischen Kinos. Ursprünglich Stuntman arbeitete er sich zunächst mit einigen Sandalenfilmen und dann eben mit Western zum Starruhm hoch. In den frühen Filmen, die sich noch stark an den US-Western orientierten, gab er meist den edlen Helden mit sauberer Seele und ebensolchen Klamotten. Im Vergleich etwa mit einem Django von Franco Nero kam er mir immer vor, wie ein italienischer Audie Murphy. Doch daneben erweiterte er das Spektrum früh mit etwas düsteren Charakteren.

Von Arizona Colt zum Charakterdarsteller

Schon in dem vermeintlichen Ringo-Sequel Ringo kommt zurück, wie der Vorgänger von 1965, der eigentlich eine Italowesternversion der Rückkehr des Odysseus ist, wirkt er um einiges desillusionierter. In späteren Rollen wie dem erwähnten Der Mann aus Virginia oder auch Lucio Fulcis Silbersattel verstärkte sich das. Als schauspielerisches Schwergewicht erwies er sich spätestens 1976 mit dem Drama Die Tatarenwüste und auch 1982 mit Dario Argentos Tenebrae. Später, als das italienische Kino in Agonie verfiel, arbeitete er verstärkt fürs Fernsehen aber auch als durchaus anerkannter Bildhauer. Er starb 2013 bei einem Autounfall – für den athletischen ehemaligen Stuntman ein besonders tragischer Tod.

Whiskey, gespielt von Roberto Carmadiel, trinkt an der Theke des Saloons von Blackstone Hill gleich aus zwei Flaschen auf einmal. Saloonbesitzer Pedro, gespielt von Andrea Bosic, steht staunend daneben.
Prost: Whiskey reicht eine Flasche nicht aus, weshalb er im Original auch Doppel-Whiskey heißt. Saloonbesitzer Pedro (Andrea Bosic) staunt. © Explosive Media

Ein Schwergewicht ganz anderer Art ist Fernando Sancho. Der füllige Spanier war der Inbegriff des mexikanischen Banditen, auch wenn er gelegentlich als humorvoller Sidekick des Helden besetzt wurde. Mit ähnlichen Rollen ist er gefühlt fast in jedem zweiten Italowestern zu sehen. In Arizona Colt gibt er den zynisch-sadistischen Schurken mit ganz besonderer Inbrunst, was ihm vermutlich viel Spaß gemacht haben dürfte. Etliche weitere aus dem Italowestern bekannte Gesichter sind in den Nebenrollen zu sehen. Insbesondere Roberto Carmadiel als trunksüchtiger Whiskey (im Original sinnvoller Weise Doppel-Whiskey) sorgt für gute Laune, und auch Nello Pazzafini als trotteliger Clay ist immer wieder gern zu sehen. Für extreme Trash-Fans vielleicht interessant: In einigen Szenen ist der Stuntman Giovanni Scarciofolo als Cowboy zu sehen. Unter dem Pseudonym Jeff Cameron gab er etwas später in etlichen Italowestern des Trash-Regisseurs Demofilo Fidani die Hauptrolle. Wohlgemerkt: Er gab sie, von schauspielen konnte dabei nicht die Rede sein.

Dramatische Musik vom Meisterkomponisten

Eine der wichtigsten Zutaten zu einem guten Western-Spaghetti-Gericht ist natürlich die Filmmusik. Die stammt bei Arizona Colt von Francesco De Masi, nach Ennio Morricone der wohl wichtigste Komponist des italienischen Genrekinos. Allerdings war De Masi stärker als Morricone von amerikanischen Vorbildern beeinflusst. Dennoch hat er etliche ausgezeichnete genretypische Scores komponiert. Am bekanntesten ist er aber wohl für die Musik von McQuade, der Wolf mit Chuck Norris und der eingängigen Pfeifmelodie. In Arizona Colt bietet er ebenfalls angenehm zu hörende Genrekost, die sich stark darum bemüht, die jeweiligen Filmszenen inhaltlich zu unterstreichen. Mitunter fällt diese Spaghettisoße aber doch etwas zu dick aus.

Unser Fazit zu Arizona Colt

Mit Michele Lupos Arizona Colt liegt ein durchaus sehenswerter Italowestern in einer hervorragenden Veröffentlichung vor. Der Film bietet alles, was einen guten Italowestern der gehobenen Mittelklasse auszeichnet. Er zeigt einen moralisch ambivalenten Helden und auserlesene Brutalitäten, mildert diese aber sogleich mit einer gewissen Leichtigkeit sowie vielen humorvollen Szenen und Sprüchen auf. Der Text des Booklets von Leonhard Elias Lemke ist informativ, hätte aber noch mal gegengelesen werden sollen. Etliche Druckfehler stören, und die Verwechslung von Sartana mit Sabata an einer Stelle ist ärgerlich (@Leonhard: Ich bin gerne bei zukünftigen Texten bereit, Korrektur zu lesen, kostenfrei, weil so etwas dem Auge des Redakteurs einfach weh tut). Ansonsten ist das Mediabook von Explosive Media einmal wieder eine rundum gelungene Sache mit nur wenigen, wohl unvermeidlichen Bildfehlern beim abschließenden Massaker. Einen kleinen ersten Einblick bietet das Unboxing-Video auf unserem Youtube-Channel. Der Film selbst ist für Fans des Italowesterns eigentlich ein Muss. Wer noch keine große Berührung mit diesem Genre hatte, darf aber auch gerne einen Blick riskieren.

Arizona Colt ist als Mediabook mit jeweils einer Blu-ray und DVD am 10. November 2022 erschienen. Es gibt zwei Covervarianten. Das Bonusmaterial enthält neben einem deutschsprachigen Audio-Kommentar auch ein etwa 45-minütiges Interview mit dem Drehbuchautor Ernesto Gastaldi.

Unsere Wertung:

 

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Zuletzt aktualisiert am 10. November 2022 um 18:09 . Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.
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