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Balram steht mit einem Smartphone in der Hand vor einem neonbeleuchteten Büro. Er trägt dunkle Kleidung während Leute im Hintergrund helle Hemden tragen.

Der weiße Tiger

Mit Der weiße Tiger rechnet Netflix sich Chancen aus, das indische Kino abseits von Bollywood-typischen Produktionen auch international bekannter zu machen. Doch ob sich das Drama dafür eignet?

Der weiße Tiger | Offizieller Trailer | Netflix

TitelDer Weiße Tiger (OT: The White Tiger)
Jahr2020
LandIndien
RegieRamin Bahrani
DrehbuchRamin Bahrani, Aravind Adiga
GenreDrama
DarstellerPriyanka Chopra, Rajkummar Rao, Adarsh Gourav, Mahesh Manjrekar, Swaarop Sampat, Vijay Maurya
Länge125 Minuten
FSKab 12 Jahren freigegeben
VerleihNetflix
Das Poster von Der weiße Tiger zeigt schwarzweiß vor türkisem Hintergrund die drei Protagonisten. In der Mitte sieht man Balram (Adarsh Gourav).
Das englischsprachige Plakat des Films © Netflix

Der weiße Tiger  – Entkomme dem Hühnerkäfig

Balram Halwai (Adarsh Gourav) erzählt mit schwarzem Humor von seinem unglaublichen Aufstieg vom armen Dorfbewohner zum erfolgreichen Unternehmer im modernen Indien. Der gerissene und ehrgeizige junge Held verschafft sich einen Job als Chauffeur bei Ashok (Rajkummar Rao) und Pinky (Priyanka Chopra), die gerade aus Amerika zurückgekehrt sind. Die Gesellschaft hat Balram für eine Sache bestimmt, nämlich Dienstbote zu sein. Also sorgt er dafür, dass er für seine reichen Herrschaften unentbehrlich wird. Aber nach einer Nacht des Verrats wird ihm bewusst, zu welch unlauteren Mitteln sie bereit sind, um ihn in die Falle zu locken und sich selbst zu retten. Als es so aussieht, als würde Balram alles verlieren, lehnt er sich gegen ein abgekartetes und ungleiches System auf und macht sich selbst zum Herrn.

Der weiße Tiger ist eine Verfilmung des 2008 mit einem Man Booker Prize ausgezeichneten gleichnamigen Romans, der es auch auf die Bestsellerliste der New York Times schaffte.

Der weiße Tiger entzaubert das Slumdog-Märchen

Das neonfarbene Plakat, mit dem Netflix sein indisches Original bewirbt, weckt womöglich falsche Erwartungen. Der weiße Tiger ist deutlich näher am düsteren Berlinale-Highlight des letzten Jahres, Berlin Alexanderplatzdran als am Kultfilm von Danny Boyle. Balram ist zugleich Protagonist und Ich-Erzähler, der uns erst eine Kurzfassung seiner Kindheit im ländlichen, sehr ärmlichen indischen Hinterland präsentiert. Die Zuschauerschaft erfährt schon anfangs, dass der Erzähler es irgendwie geschafft hat, den widrigen Voraussetzungen zu trotzen und ein Unternehmen aufzubauen. Im selben Atemzug macht er aber auch gleich deutlich, dass dieser Weg nichts märchenhaftes an sich hat.

Balram (Adarsh Gourav) sitzt seiner Herrin (Priyanka Chopra) auf einem noblem weißen Sofa gegenüber. Im Hintergrund sieht man eine gemustert tapezierte Wand mit drei Bildern in goldenem Rahmen.
Diener und Herrin im Zwiegespräch © Netflix

Schon als Kind muss Balram viele Tiefschläge hinnehmen, bei denen Menschen anderer Prägung sich vermutlich niemals solange weiter den Regeln des Systems untergeordnet hätten. Doch was in Der weiße Tiger eine der zentralen Botschaften ist, die mit unserem westlichen Werteverständnis permanent auf Kollisionskurs geht, ist die bedingungslose Akzeptanz des Platzes, den einem das Kastenwesen auch heute noch zuweist. Und so ist es eine Schicksalsbegegnung der etwas anderen Art, als Balram und Ashok erstmals aufeinandertreffen. Von da an ist sich der Dorfbewohner sicher, dass er diesem Mann dienen möchte.

Eine andere Welt und wie in einer anderen Zeit

Es ist nicht nur der Stadt-Land-Kontrast, den uns das Netflix Original eindrucksvoll mit Bildern zeigt, die das pulsierende Leben in einem Land, das unkontrollierbare Ausmaße angenommen zu haben scheint, in all seinen Farben auf den Punkt bringt. Der schmutzige Fluss, der zugleich die Lebensader der Landbevölkerung ist. Das Leben mit Huhn, Ziege und mindestens einem dutzend Familienmitgliedern in einer Lehmbehausung steht dem Luxus, sich zwischen zwei Fahrern entscheiden zu müssen, entgegen. Der weiße Tiger ist eben auch ein sozialkritischer oder gar globalisierungsskeptischer Film, der Tendenzen aufzeigen will, die wir in Westeuropa gerne auszublenden versuchen. Und obgleich die hässlichen Seiten des rückständigen Lebens in Indien gezeigt werden, verkommt das Drama nicht zu einem Versuch, nach Mitgefühl zu gieren. Es kommen nämlich durchaus auch Szenen vor, die das Potenzial, das im Subkontinent schlummert, andeuten.

Ich bin das neue Indien, Sir!

Schonungslos zeichnet die Geschichte einen Ausnahmefall nach, um auf die Regel aufmerksam zu machen. Doch um diese Ausnahme zu werden, muss Balram sich lange Zeit beugen. Wer jedoch mangels Bildung und Möglichkeiten gar nicht weiß, was so etwas wie Selbstverwirklichung sein soll, der ist froh, wenn er in einem System in der richtigen Bahn gehalten wird. Eindrucksvoll kommentiert Balram seinen eigenen Werdegang im Rückspiegel und zeigt auf, welcher Tropfen das Fass bei ihm zum Überlaufen gebracht hat. Wirklich faszinierend ist dabei auch, welche Demütigungen er bis dahin widerstandslos hinnimmt. Die Erklärungen liefert er aus dem Off meist direkt mit.

Adarsh Gourav verkörpert den Wandel seiner Figur in Perfektion

Warum hat mein Vater nicht verhindert, dass ich lebe wie ein Tier?

Die erzählerische Klammer von Der weiße Tiger ist ein Brief, in dem der gereifte Balram dem Premierminister von China seine Lebensgeschichte erzählt, um ihn von der zukünftigen Rolle Indiens auf der globalen Bühne zu überzeugen. Bis auf die Szenen aus frühester Kindheit deckt Gourav dabei einen großen Zeitraum in der Hauptrolle ab. Die Figur macht einen extrem spannenden Wandel durch. Das erstaunliche an seiner Darstellung ist, dass man ihm alle Stufen der Entwicklung komplett abnimmt. Am Beginn ist er ein unwissender, unsicherer, aber irgendwie doch optimistischer junger Mann, dem man allerdings schon ansieht, dass er sich mit dem für ihn vorgesehenen Platz in der Gesellschaft nicht ohne Einschränkungen arrangieren will. In ihm brodelt es. Er erzählt die Legende vom weißen Tiger und macht unmissverständlich deutlich, dass er sich in dieser Ausnahmerolle sieht.

Gleichzeitig dauert es aber, bis er sämtliche indoktrinierte Mechanismen des Kastenwesens infrage zu stellen vermag. Lange Zeit glaubt er noch, dass er die Rollenverteilung akzeptieren und wahren muss. Doch als es zum Schlüsselereignis kommt, das bei ihm die dunkle Seite nach außen kehrt, sieht man es schon im entschlossenen Blick von Gourav, dass von nun an die Demütigungen nicht mehr hingenommen werden und der Spieß umgedreht wird.

Balram steht vor dem Auto seines Herren zusammen mit diesem. Ashok hält eine rote Tasche in der rechten Hand. Über den beiden leuchten einige Neonröhren.
Balram wird als Fahrer von Ashok in neue Welten eingeführt © Netflix

Fernab der klassischen Rollenverteilung

Neben dem Erzähler können auch Rajkummar Rao und ​Priyanka Chopra überzeugen. Was wiederum eine Stärke des Films ist, ist die Ambivalenz der Figuren, die man in vielen vergleichbaren Geschichten wesentlich schematischer schwarz-weiß erzählen würde. Nicht nur, dass Balram eine Entwicklung eher zum Bösen hin durchmacht. Die Reichen in Form von Ashok und seiner Freundin sind alles andere als Ausbeuter der armen Bevölkerungsschichten. Das sorgt dafür, dass man trotz der Sympathien für Balram viele seiner Entscheidungen missbilligt. Ashok ist sogar objektiv betrachtet wahrscheinlich mehr interessiert daran, am Status Quo tatsächlich was zu ändern, während Balram lediglich versucht, den Beweis anzutreten, dass man aus dem System ausbrechen kann. Die Mittel, die beide Parteien dabei anwenden, sind fragwürdig und unterstreichen nur die Aussage des Films, dass doch alles so festgefahren ist, sodass ohne Regelbrüche weder das System geändert werden kann, noch dem System zu entkommen ist.

In Der weiße Tiger erstickt jedes Lachen im Keim

Immer wieder streut die Erzählstimme sprachliche Bilder ein, die durchaus treffend sind und zugleich aufgrund ihrer simplen Bildhaftigkeit für Schmunzeln sorgen. Trotzdem sind viele der Szenen, in denen man unter anderen Umständen lauthals lachen würde, hier sehr unangenehm anzuschauen. Dies liegt an der hohen Realitätsnähe, die durch die doch teils schonungslos nüchterne Darstellung entsteht. Wenn beispielsweise Balram mit Mitte 20 das erste Mal bestimmte Hygienestandards lernt, dann kann man sich gut vorstellen, dass hunderten Millionen Indern tatsächlich noch fremd ist, was bei uns seit Dekaden alltäglich ist. Die Lektionen für den Protagonisten sind schmerzhaft für ihn und für den Zuschauer, auch oder gerade weil man sich ertappt dabei fühlt, dass man es nicht glauben kann, dass heute noch Menschen so leben müssen.

Unser Fazit zu Der weiße Tiger

Das neue Original aus Indien ist kein Wohlfühlfilm wie Slumdog Millionär, sondern ein sozialkritischer Augenöffner. Einige Szenen sind hart anzusehen, zum Lachen gibt es kaum etwas. Der Werdegang von Balram ist zwar bemerkenswert, aber die Wahl seiner Mittel ist mindestens einmal diskutabel. Sehenswert ist Der weiße Tiger allerdings allemal, gerade weil der Slumdog-Mythos hier in all seine Einzelteile zerpflückt wird.

Getragen wird die Verfilmung des Romanbestsellers von einem Hauptdarsteller, der es exzellent schafft, mit der Darstellung seiner Figur erst ein Bollwerk an Sympathien aufzubauen, das aufgrund von diversen Tabubrüchen allerdings immer mehr zu bröckeln beginnt. Dass jemand mit so etwas durchkommen kann und sogar darauf seinen Erfolg begründet, ist nur einer von vielen Mechanismen der globalisierten Gesellschaft, die hier demaskiert werden. Doch dass der Zeigefinger hier nur zwischen den Zeilen erhoben wird, ist die große Stärke des Films.

Abschließend kann man festhalten, dass das Drama sicherlich keine leichte Kost ist, aber einen willkommenen Kontrast zu den vielen uninspirierten Actionfilmen im Netflix-Portfolio darstellt.

Der weiße Tiger ist ab dem 22. Januar 2020 bei Netflix abrufbar.

Unsere Wertung:

 

 

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