Nicht lange ließ es auf sich warten, bis nach dem erfolgreichen 28 Years Later bereits der Nachfolger in den Startlöchern stand. Back-to-back gedreht, Nia DaCosta ersetzt Schöpfer Danny Boyle auf dem Regiestuhl – kann sie anknüpfen?
Davon handelt die Fortsetzung:
Nach einem schweren Verlust hat der zwölfjährige Spike (Alfie Williams) die Sicherheit seiner einstigen Gemeinschaft hinter sich gelassen, um sich dem undurchsichtigen Kult-Anführer Sir Jimmy Crystal (Jack O’Connell) und seinen Anhängern anzuschließen. Bald erkennt er allerdings, dass diese den Infizierten in puncto Grausamkeit kaum nachstehen. Parallel dazu stößt der ehemalige Arzt Dr. Ian Kelson (Ralph Fiennes) auf eine Entdeckung, die die postapokalyptische Welt ein weiteres Mal ins Wanken bringen könnte, während er sich zunehmend dem rachsüchtigen Alpha Samson (Chi Lewis-Parry) nähert.
Diabolisch im Trainingsanzug
Im apokalyptisch isolierten Großbritannien muss sich der junge Spike, vom Vater getrennt und der Mutter Lebewohl sagend, der Gruppe mit den blonden Perücken und Trainingsanzügen anschließen. Inspiriert vom britischen DJ und Sexualstraftäter Jimmy Savile nennen sich alle Mitglieder schlicht „Jimmy“ – von Jimmimia (Emma Laird) über Jimmy Ink (Erin Kellyman) bis hin zu Jimmy Jimmy (Robert Rhodes). Schon diese makabre Persiflage lässt jenen perfiden Humor und die sadistischen Tendenzen erahnen, die unter der Führung von Sir Jimmy Crystal herrschen, wie er sich selbst getauft hat.
Das Ende von 28 Years Later sorgte für Verwirrung, als die Bande den vereinsamten Spike aufliest. Nun wird deutlich, dass es sich weniger um eine friedvolle Peergroup als vielmehr um eine satanistische Sekte handelt. Um sich zu beweisen, muss Spike einen der Jimmys auswählen; nur wenn er ihn im Zweikampf tötet, wird er aufgenommen.
Als Spike mit seinem Vater die ersten Schritte auf dem Festland wagt, hatte er sich die Welt lauter zombieähnlicher Wütender und Alpha-Tiere zwar grausam vorgestellt – dass jedoch Menschen derart unbarmherzig und brutal agieren können, wird in The Bone Temple zur einschneidenden Lektion. Passiv bleibt er fast durchgehend, während die „Jimmys“ andere Überlebende knebeln, foltern und für Jimmy Crystals mutmaßlichen Vater, Satan höchstpersönlich, rituell opfern. Gemein haben sie alle: Sie wurden ideologisiert und folgen stur einer höheren Gewalt.
Good Guy Kelson
Während sich 28 Years Later von einem turbulenten Survival-Horror zu einem feinfühligen Drama mit Gedanken an den nahenden Tod, ein filmisches memento mori, entwickelte, schlagen die Machenschaften der „Jimmys“ nun ins Gegenteilige um. Für Humanismus steht erneut der einst verteufelte Dr. Ian Kelson, mit sanfter Stimme und den Geschiedenen im titelgebenden Knochentempel eine letzte Ehrung zuteilwerdend.
In The Bone Temple lehrt er nicht nur über Liebe und Tod, sondern auch über Freundschaft und Vertrauen. Es sind diese wahnwitzigen Entwicklungen, die sich von herkömmlichen Blockbuster-Franchises abheben und echte Wagnisse eingehen: Nicht nur Menschen erhalten bei Kelson ihre letzte Ehre, auch die Wütenden sieht er noch nicht als endgültig verloren an. Der vom Alpha-Virus betroffene Samson, auf Rache getrimmt und auf der Suche nach seinem Baby, erhält eine besondere, überraschend meditative und stellenweise ironisierte Rolle. Wir sind nicht verdammt, auch wenn wir isoliert sind und uns das Vertrauen fehlt; Erinnerungen an eine Pandemie werden wach, in der wir nicht immer einen Schritt aufeinander zu, sondern oft zwei voneinander weg gegangen sind.
So fokussiert DaCostas Fortsetzung eher Ralph Fiennes’ faszinierende Figur, statt Spikes Entwicklung konsequent voranzutreiben. Es bleibt abzuwarten, inwiefern dieser sich von den einschlägigen Erlebnissen erholen kann – oder ob er einen ähnlichen Pfad einschlägt wie Jimmy Crystal, der einst in einer Kirche mitansehen musste, wie sein Vater von den Wütenden aufgefressen wurde und selbst nichts anderes kennt als die apokalyptische Welt. Eine hassenswerte, egomanische und psychotische Figur, für die man keinerlei Verständnis aufbringen kann, deren Entstehungsbedingungen sich jedoch nicht gänzlich ausblenden lassen.
Dr. Kelson hingegen kennt noch das „vergangene Leben“. In einer Szene erzählt er, dass er sich kaum noch daran erinnert. In seinem unterirdischen Gemach stehen alte Fotografien und Erinnerungstücke, regelmäßig legt er dort eine Schallplatte auf. Popkultur wird hier generell zur tragenden Motivation, zur Verarbeitung wie auch zur Bekämpfung des Erlebten. Britische (Kultur-)Historie wurde bereits in Boyles Vorgänger filmisch seziert. Eine der Jimmys führt einen Teletubbies-Tanz auf, während ihre Opfer gegeißelt werden. Überlebenskampf, Kultur, Ideologie und Religion rücken eng zusammen.
Konventioneller inszeniert
Besonders deutlich wird dies in einer wahnwitzigen, infernalischen Szene, als die Jimmys schließlich auf Dr. Kelson treffen und Iron Maiden durch die knochige Konstruktion dröhnt. Dass DaCosta eindringliche Sequenzen inszenieren kann, zeigte sie schon mit ihrer Neuauflage von Candy Man. In dieser Szene kulminiert virtuos die Paranoia der apokalyptischen Welt. Unentscheidbar bleibt, ob göttliche Ordnung oder menschliche Manipulation regiert, Vertrauen wird zur Illusion, Rationalität zur Utopie. Das Ende der Welt unterscheidet sich von den Urinstinkten nur noch durch ihre musikalische Einschreibung. Der Knochentempel fungiert als Exil gescheiterter Existenzen: Die einen sehen darin das Massenlager eines Verrückten, andere das Meisterstück eines satanischen Propheten.
Und trotz diebischer Freude an all den kuriosen Entwicklungen lässt sich konstatieren, dass 28 Years Later: The Bone Temple dennoch ein typischer Mittelteil einer Franchise-Trilogie ist. Die Geschichte verläuft zuweilen elliptisch wie im ersten Film, der jedoch mit ästhetischer Entfesselung und überraschend emotionalen Momenten aufwartete. Nia DaCosta inszeniert konventioneller und oszilliert zwischen brutal-diabolischen Einzelszenen und der transhumanistischen Beziehung zwischen Dr. Kelson und Alpha Samson. Tonal bleibt das Werk nicht immer einheitlich, doch vielleicht kann es das auch nicht sein, in einer heruntergekommenen Welt, in der man entweder den Verstand verliert oder zu betäubenden Mitteln greift.
Spannend bleibt, wie Spike sich nach der Abkoppelung von seinen Eltern und den traumatischen Erlebnissen weiterentwickeln wird – und welche etablierten, neu ausgerichteten und jüngst (oder wieder) eingeführten Figuren in Zukunft noch aufeinandertreffen. Wut scheint es in den Augen der Übriggebliebenen sowieso immer zu geben.
© Sony Pictures Entertainment
Unser Fazit zu 28 Years Later - The Bone Temple
An Danny Boyles inszenatorische Wucht und emotionale Sorgfalt kommt Nia DaCostas Fortsetzung zwar nicht heran, allerdings kann 28 Years Later: The Bone Temple mit diabolischen Einzelszenen, wahnwitzigen Entwicklungen und diebischer Freude an den Charakteren überzeugen. Diese Horror-Franchise bereitet so viel Freude, weil sie sich selbst nicht geißelt und tonal nicht immer festnageln lässt.