Erst im Zuge von Dawn of the Dead wurde George A. Romeros Frühwerk Crazies in Deutschland flächendeckend bekannt. Dabei ist sein Pandemie-Thriller in der aktuellen Lage alles andere als veraltet.

Die Handlung von Crazies
Romeros Zombie-Kanon habe ich bereits ausführlich beleuchtet (hier nachzulesen: Night, Dawn, Day, Land, Diary und Survival of the Dead), dieses Mal widme ich mich erneut einem Frühwerk des Zombie-Meisters. Bereits in Crazies thematisiert Romero sein allseits beliebtes Thema rund um Kritik am Militärapparat und politischer Kontrolle:
Ein von der US-Regierung entwickeltes Virus gelangt durch einen Flugzeugabsturz in die Trinkwasserversorgung des Städtchens Evans City. Der hoch gefährliche Stoff lässt dem menschlichen Organismus nur zwei Alternativen: entweder die Infizierten werden zu hemmungslosen Psychopathen oder sie versterben an der Infektion. Das Militär bringt den Ort kurzerhand unter seine Kontrolle, stellt die Einwohner unter Quarantäne und sorgt notfalls mit Waffengewalt dafür, dass niemand den Ort verlässt…

Romeroscher Pessimismus
Bereits die Inhaltsangabe lässt Parallelen zu Romeros Zombiefilmen vermuten. Vielmehr atmet Crazies den Hauch der romeroschen Gesellschaftkritik und mutet so fast wie eine Blaupause zu seinem späteren Meisterwerk Dawn of the Dead an. Hier wie da sind es weniger die direkten Auswirkungen der Krise, die die Menschheit an den Abgrund treiben, sondern die Unfähigkeit der Menschen zu kooperativem Handeln und deren mangelhafte Kommunikation.
Und wie auch in seinen späteren Werken findet Romero die Schuldigen für das Versagen: die Politik und das Militär. Nicht umsonst werden die einzelnen Soldaten in ihren ABC-Anzügen als gesichtslose Masse inszeniert, die nur austauschbare Erfüllungsgehilfen sind. Entsprechend der damaligen außen- und innenpolitischen Ströme der USA hat sich Romero nach Night of the living Dead erneut an ein heißes Eisen gewagt und den Finger in die gesellschaftlichen Wunden der Vereinigten Staaten gelegt.
Untermalt wird das heillose Durcheinander und Versagen auf administrativer Ebene dabei ironischerweise mit schnittiger Marschmusik, die eher zu gleichgeschalteten Paraden passen würde, als zu dem Chaos, welches sich in Evans City ausbreitet. Gemäß Romeros kritischer Sichtweise scheitert der Vertuschungsversuch seitens des Militärs. Zwar endet Crazies relativ offen, doch es wird angedeutet, dass kleinere Atombomben angefordert werden, um der Lage auf radikalste Weise doch noch Herr werden zu können. Col. Peckem (Lloyd Hollar) wird schlussendlich in die nächste Stadt versetzt, da er sich in Evans City angeblich durch sein rationales Handeln verdient gemacht hätte…

Die Flüchtigen
Das 2010 erschienene Remake konnte nicht nur das dickere Budget (20.000.000$ gegen Romeros magere 275.000$) auffahren, sondern auch eine ganze Riege bekannter Gesichter vor der Kamera versammeln. Auch wenn Romeros ursprüngliche Message zugunsten der eines spannenden und unterhaltsamen Survival-Thrillers gekippt wurde, kommt man nicht umhin zu attestieren, dass hier klar die besseren Darsteller vor der Linse agierten.
Dennoch finden sich auch in Romeros Version einige Schauspieler, die man etwa in anderen Werken des Altmeisters sehen konnte. Richard Liberty beispielsweise kann man knappe 10 Jahre später als exzentrischen Wissenschaftler Dr. Logan in Day of the Dead wiederentdecken. Oder Richard France, der zuvor bereits in There’s always Vanilla mitwirkte und in Zombie erneut als Wissenschaftler einen Auftritt hat. Lynn Lowrys markantes Antlitz konnte man darauf 1975 unter der Regie von David Cronenberg in Shivers entdecken, in welchem sie zum wiederholten Male eine aufreizende Rolle… bekleidet. Auch in weiteren Rollen hat sie dem Horrorgenre weiterhin die Treue gehalten.
Lane Carroll hingegen konnte sich im Filmgeschäft weniger etablieren, sodass sie in Crazies sogar ihre letzte Rolle mimte. Zuvor konnte man sie in Hercules in New York und Romeros There’s always Vanilla sehen. Wirklich in Erinnerung bleibt aus dem Cast jedoch leider niemand, nicht einmal die beiden kernigen Hauptfiguren David (Will MacMillan) und Clank (Harold Wayne Jones).

Fazit
In Zeiten von Verschwörungstheorien, einer weltweiten Pandemie, ausgelöst durch ein gefährliches Virus und einer gewissen Skepsis gegenüber den Staatsgewalten erscheint Romeros Crazies tatsächlich weit weniger aus der Zeit gefallen, als es das Produktionsjahr im ersten Moment vermuten ließe. In puncto Schauspielführung und Pacing mag Crazies heute tatsächlich weniger überzeugen, aber Romeros Hintergedanken und sein durchaus außergewöhnlicher Schnitt lassen sein Frühwerk auch in der heutigen Zeit überzeugend wirken.
„Die Armee ist für niemanden ein Freund. Wir wissen’s. Wir waren drin.“
Darüber hinaus schnürt Capelight für den Interessenten wieder einmal ein tolles Paket. Denn neben der Standard-Veröffentlichung im DVD-Amaray bekommt der geneigte Sammler auch die Möglichkeit eines Mediabooks. Neben dem informativen Booklet hält es nicht nur den Hauptfilm auf Blu-ray, sondern zusätzlich noch Romeros Frühwerke There’s always Vanilla und Season of the Witch bereit. Alle drei Filme liegen in neuer Restauration vor, die beiden letzteren Filme bekommen außerdem ihr erstes Release in Deutschland spendiert.
Crazies ist seit dem 19. März 2021 im Handel erhältlich!
© Capelight Pictures
Tobi ist bereits gute 7 Jahre an Bord und teilt so fast 20% seiner Lebenszeit mit Filmtoast. Wie es ursprünglich dazu kam ist so simpel wie naheliegend. Tobi hatte unregelmäßig auf Seiten wie Schnittberichte Reviews zu Filmen verfasst und kam über diverse facebooksche Filmgruppen und –diskussionen in Berührung mit dem damaligen Team von Filmtoast (die Älteren erinnern sich: noch unter dem Namen Movicfreakz) und wurde daraufhin Teil dessen.
Thematisch ist er aufgeschlossen, seine feste Heimat hat er jedoch im Horrorfilm gefunden, da für ihn kein anderes Genre solch eine breite Variation an Themen und Spielarten zulässt. Kontroverser Ekelschocker, verstörender Psychothriller oder Elevated Horror – fast alles ist gern gesehen, auch wenn er zugeben muss, dass er einen Sweet Spot für blutrünstig erzählte Geschichten besitzt.
Tobi geht zum Lachen jedoch nicht (nur) in den blutverschmierten Keller, sein Herz schlägt unter anderem bei Helge Schneider, dänischem schwarzen Humor oder den Disyneyfilmen seiner Kindheit höher.
Kinogänge vollzieht er am liebsten im städtischen Programmkino, zum Leidwesen seiner filmisch weniger affinen Freunde, meidet er große Kinoketten wie der Teufel das Weihwasser. Am liebsten geht er seiner Filmleidenschaft jedoch in den eigenen vier Wänden nach, um den viel zitierten Pile of Shame seiner physischen Filmsammlung abzuarbeiten.
Tobi lebt in Sachsen-Anhalt, ist beruflich in einer stationären außerklinischen Intensivpflege verankert und hat mit der Begeisterung zum Film und dem Schreiben darüber den für sich perfekten Ausgleich zum oftmals stressigen Arbeitsalltag gefunden.

