Jude Law als Wladimir Putin – mit dieser Casting-Entscheidung sorgte Der Magier im Kreml schon vor deiner Premiere bei den Filmfestspielen in Venedig für Aufruhr. Hält die Romanverfilmung auch darüber hinaus Überraschungen bereit?
Darum geht’s in Der Magier im Kreml
Der amerikanische Auslandskorrespondent Rowland (Jeffrey Wright) erhält eine Einladung des ehemaligen russischen Politikberaters Wadim Baranow (Paul Dano) auf dessen Anwesen. Baranow eröffnet seinem Gast dort die Geschichte seines Lebens: von seinen Anfängen als Theaterregisseur bis hin zu seiner Fernsehkarriere, die ihn in Kontakt mit mächtigen Größen der Politik brachte. Eine Begegnung mit dem KGB-Agenten Wladimir Putin (Jude Law) verändert Baranows Leben. Fortan zieht er als Propaganda-Experte im Hintergrund die Fäden und verhilft Putin bei der Gestaltung eines neuen Russlands. Dabei schreckt er auch vor Manipulation, Täuschung und Gewalt nicht zurück.

Eine ganze Menge Magie
Falls die Academy sich für die kommende Oscar-Verleihung entschließen würde, die neue Kategorie „Meister Film“ einzuführen, so müsste sich die Konkurrenz dieses Streifens vermutlich mit einer bloßen Nominierung begnügen. Trotz einer respekteinflößenden Laufzeit von 156 Minuten erwartet das Publikum hier die wohl hektischste Geschichtsstunde aller Zeiten. Regisseur Olivier Assayas inszeniert Der Magier im Kreml mit der Energie eines Referendars, dessen fünfter Morgenkaffee mit Kokain gestreckt war. Über zweieinhalb Stunden bewirft er seine Zuschauer:innen mit Fakten, Daten, Zahlen, Namen und Ereignissen. Schon der kleinste Blick auf den Untertitel oder die Sitznachbar:innen im Kinosaal könnte gefährlich werden. Assayas verlangt uns höchste Konzentration ab und spult die komplexen Ereignisse, die zum Machtaufstieg Putins geführt haben, aus der Perspektive eines begeisterten Mitwissers ab. Viel mehr Film kann man für den Preis eines einzigen Kinotickets vermutlich überhaupt nicht bekommen.
Leider neigt Der Magier im Kreml trotz seines halsbrecherischen Tempos dazu, diverse seiner Ideen immer und immer zu wiederholen. Sicherlich bedürfen einige der nuancierten Sachverhalte in der Geschichte Repetition, um sie vollends verständlich zu machen. Gerade angesichts der epochalen Laufzeit beginnt das Gesäß im Polster doch zu schmerzen, wenn insbesondere die letzte Stunde zur bloßen Abarbeitung von Geschehnissen verkommt, die thematisch wenig zum Gesamtbild hinzufügt.
Ein blasser Rahmen
Ein weiteres Problem der gewählten Struktur ist die Rahmenhandlung rund um Jeffrey Wrights Figur. Wenngleich diese ihre Pointe in einer konsequenten Drehbuchentscheidung findet, die sich bewusst von der tatsächlichen Geschichte abgrenzt, dient sie bisweilen doch lediglich als Füllmaterial. Wrights Rowland und Danos Baranow unterhalten sich ausgedehnt über vergangene und kommende Plot-Entwicklungen und besprechen quasi den Film im Film selbst. Spätestens hier dreht Der Magier im Kreml dann eine Schleife zu viel. Dano spielt seine Rolle ausgezeichnet und sein unschuldiges Welpengesicht bietet einen interessanten Kontrast zur immer präsenter werdenden Skrupellosigkeit der Figur. Auch seine Erzählstimme aus dem Off funktioniert als Brücke zwischen den einzelnen Szenen. Doch wann immer die Kamera auf Baranows Anwesen zurückschneidet, zieht Assayas die Handbremse an.
Gerade im Anbetracht dessen, wie viel Zeit der Film auf die Gegenwartsebene aufwendet, wirkt die finale Note dann erschreckend zahnlos und beinahe selbstverständlich. „Das war’s?“ ist eine Frage, die sich wohl viele Zuschauer:innen stellen dürften, nachdem Der Magier im Kreml das Crescendo offenbart, auf das er stundenlang hingearbeitet hat. Der kalt-logische, unzeremonielle Punkt, den Assayas und Co-Autor Emmanuel Carrère am Schluss der Geschichte setzen, ist im Gesamtkontext der einzig sinnige. Dennoch könnte er ein Publikum, das klassischere Plot-Strukturen gewohnt ist, auch vor den Kopf stoßen.
Wo ist Wladimir?
Den aufmerksamen Leser:innen dürfte an dieser Stelle nicht entgangen sein, dass Jude Laws Wladimir Putin in dieser Kritik bisher kaum Erwähnung fand. Tatsächlich tut das Marketing, das die Darstellung des russischen Präsidenten durch eine Hollywood-Größe als Hauptverkaufsargument anpreist, Assayas‘ Film zumindest größtenteils Unrecht. Putin ist nach jeder Definition des Begriffes eine Nebenfigur in Der Magier im Kreml. Der titelgebende Strippenzieher ist und bleibt Baronow. Dessen an Zauberei grenzende Methoden passen sich zwar immer leicht an die Herrschaftsstruktur an, der er untergeben ist, schlussendlich steht jedoch seine Propagandamaschine klar im Vordergrund.

Laws solide, aber vorwiegend reduzierte Performance reiht sich dagegen unauffällig in ein insgesamt stimmiges Ensemble ein. Zeitreisende aus dem Jahr 1800, denen sämtliche Namen im Film kein Begriff sind, dürften eher Politiker Boris Beresowski als herausragenden Akteur in Baronows Machtspielchen identifizieren. Will Keens fast tragisch angelegte Figur fungiert als Spiegel zu Danos unantastbar scheinendem Spindoctor und demonstriert, wie nah Glanz und Ungnade in einer Autokratie liegen können.
© Constantin Film
Unser Fazit zu Der Magier im Kreml
Ambitionierte Projekte wie dieses verdienen ein Publikum. Wenn die Marketingabteilung dafür die Bedeutung einer Rolle aufbauschen muss, um mehr Augen auf die Leinwand zu richten, kann daran berechtigte Kritik geübt werden. Doch da ein zweieinhalbstündiges Politdrama sicherlich genügend Schwierigkeiten an den Kinokassen haben dürfte, kann man ob des Brimboriums um Jude Laws Putin kaum wirklich wütend sein. Auch abgesehen von seinen wenigen Szenen ist Der Magier im Kreml ein im höchsten Maße unperfektes Werk, das mit Sicherheit mindestens zwei Überarbeitungen gebraucht hätte, um wirklich zu glänzen. Trotz struktureller Schwächen überzeugt der Kern des Films, der die Mechaniken von Macht untersucht, durch hohes Tempo, Faktendichte und gutes Schauspiel. Ein gewisser Grad der Überforderung ist aber vorprogrammiert.
Filmverrückter aus Leidenschaft, Oscar-Trivia-Lexikon auf zwei Beinen und vermutlich der Hauptgeldgeber aller Düsseldorfer Kinos. Jeden Dienstagmittag bastelt Luca sich gewissenhaft sein Wochenprogramm zusammen und gibt renommierten Klassikern dabei dieselbe Chance wie hoffnungslosem Müll. Für ihn gibt es keinen schöneren Ort auf der Erde als das Innere eines Kinosaals. Seit inzwischen zwei Jahren schreibt er Kritiken für Filmtoast und schaut auch ab und zu mal frech im Podcast vorbei, wenn niemand ihn aufhält. Wenn er nicht gerade über die diversen Gründe philosophiert, warum "Brügge sehen … und sterben?" der beste Film aller Zeiten ist, oder sich über die Sieger:innen der vergangenen Preissaison echauffiert, versucht er, seine DVD-Sammlung abzugrasen, von der noch immer ein schockierender Anteil originalverpackt ist.

