Regisseur Richard Linklater arbeitet wie am Fließband und veröffentlicht nun knapp einen Monat nach Nouvelle Vague seinen nächsten Film in den deutschen Kinos. Mit Blue Moon war Hauptdarsteller Ethan Hawke kürzlich sogar bei den Oscars vertreten. Wir sagen euch, ob sich der Kinobesuch lohnt.
Darum geht’s in Blue Moon
Es ist ein besonders niederschmetternder Abend für Broadway-Songtexter Lorenz Hart (Ethan Hawke). Das neue Stück seines langjährigen Kooperationspartners, des Komponisten Richard Rodgers (Andrew Scott), das erstmals ohne sein Zutun verfasst wurde, feiert große Premiere. Und Hart weiß: Oklahoma! wird ein gewaltiger Hit. Deprimiert zieht er sich an die Bar des legendären Sardi’s-Restaurants zurück, wo der trockene Alkoholiker in Tiraden ausbricht und andere Besucher:innen in Gespräche verwickelt. Nur ein Gedanke hält ihn bei Laune. Heute trifft er nämlich die Studentin Elizabeth (Margaret Qualley) wieder, der er vollends verfallen ist. Nach einem gemeinsamen Wochenende möchte er ihr nun seine Liebe gestehen. Doch der Erfolg von Oklahoma! nagt an ihm, und je später der Abend wird, desto verlockender sehen die Schnapsflaschen auf dem Tresen aus.

Ein Scherz auf Harts Kosten
Kommt ein absurd kleiner Mann in eine Bar. Was wie der Beginn eines abgedroschenen Witzes klingt, ist Prämisse, Inhaltsangabe und Zusammenfassung von Richard Linklaters neuestem Werk zugleich. Die Legende des Independent-Kinos kehrt mit Hauptdarsteller Ethan Hawke zum skriptlastigen Dialogfeuerwerk der gemeinsamen Before-Trilogie zurück und konstruiert Blue Moon als eine einzige lange, ununterbrochene Plauderszene zwischen Hawkes Lorenz Hart und Personal sowie Besucher:innen des Sardi’s. Das Endresultat ist schwungvoll und unterhaltsam, wenngleich ein wenig sperrig. Durch die limitierte Szenerie und Stilistik bleibt die emotionale Strahlkraft von Blue Moon über knapp 100 Minuten konstant, ohne in irgendeine Richtung auszuschlagen. Wer hier an einer beliebigen Stelle den Kinosaal für fünf Minuten verlässt, kehrt vermutlich zurück, ohne irgendetwas verpasst zu haben. Jedes Gespräch fährt diverse Schlenker, bevor es ans Ziel kommt; der ganze Film wirkt wie von Lorenz Hart selbst blumig ausformuliert.
Nicht genug kann man nun Robert Kaplows Debüt-Drehbuch dafür gratulieren, dass es trotz inhärent repetitiver Natur selten wirkt, als knote es eine Schleife zu viel. Die theatralisch anmutenden Dialoge sind glänzend geschrieben und treffen präzise Beobachtungen zur Hauptfigur und dem US-amerikanischen Showbusiness der 1940er. Kaplow balanciert sein begrenztes Ensemble auf der Nasenspitze des narzisstischen Protagonisten und füllt den Stil seiner Zeilen mit ebenso viel Subtext wie die Zeilen selbst. Harts schwülstiger Monolog entlarvt sein brüchiges Selbstbewusstsein erst im Kontrast zu Richard Rodgers‘ professionellem Geschäftsjargon oder Barkeeper Eddies plumpem Desinteresse. Herzzerreißend erscheinen schlussendlich dann Elizabeths phrasenhafte Reaktionen auf die Liebesbekundungen des Lyrikers. Auch für sein Skript erntete der Film eine hochverdiente Oscar-Nominierung.
Kennt ihr noch Stuart Little?
Das von Broadway-Größen hochfrequentierte Sardi’s protzt mit seiner Bilderwand, auf der Karikaturen prominenter Besucher:innen in Reih und Glied verewigt sind. Neben Rodgers und Hart beobachten auch Zeichnungen von Broadway-Größen wie Stephen Sondheim und Oscar Hammerstein II den Speiseraum. Und trotz aller Qualitäten des Schreibstils fühlt Blue Moon sich beizeiten an, als habe der Regisseur seine Kamera 100 Minuten lang stumpf über diese Wand gleiten lassen. Linklaters Vorliebe für faules Referenzkino, die sich im drei Monate später uraufgeführten Nouvelle Vague noch stärker äußern sollte, fällt hier bereits negativ auf. Gewiss ist ein Maß an Anspielungen im Setting der 1943er Theaterszene zu erwarten. Störend wirkt vielmehr, wie ungeschickt und holzhammerartig diese bisweilen ins Drehbuch eingetrampelt werden.
So führt Hart etwa ein längeres Gespräch mit dem Essayisten E. B. White, dessen Stil er verehrt. Im Laufe dieser Unterhaltung verweist Hawkes Figur auf eine Maus, welche ihm in seinem heimischen Apartment wiederholt in die Falle geht. Obwohl er jene Maus immer wieder einfängt und vor die Tür setzt, kehrt sie zu ihm in die 19. Etage zurück. Schließlich bricht Hart die Konversation ab und geht, doch die Kamera beobachtet weiterhin White. Dieser überlegt kurz, scheint dann einen Geistesblitz zu haben. Unmissverständlich von der Linse verfolgt zückt er Papier und Stift und schreibt sich etwas auf.
Selbst Leser:innen, denen der Name kein Begriff ist, dürften es schon ahnen: E. B. White ist der Autor des berühmten Kinderbuches Stuart Little, das sich ebenso um eine freche Maus dreht. Die Brisanz, mit der die Kamera das Notizheft des Schriftstellers einfängt, evoziert beinahe die verachtenswerten Fingerzeige eines Marvel- oder Star-Wars-Blockbusters. Momente wie dieser treten ständig auf. Linklater zwinkert mit den Augen, bis das Lid reißt. Das wirkt nie wirklich witzig und oft verzweifelt. Eine solch befremdliche Komik der Anbiederung hätte das ansonsten starke Buch kein bisschen nötig gehabt.

Einhundert Prozent Hawke
Fokussierter und schlicht besser ist Blue Moon, wenn das Bild voll und ganz Lorenz Hart – oder eher: Ethan Hawke – gehört. Trotz einer Größe von nicht viel mehr als 1,50 Metern, die durch verschiedene Effekt- und Perspektivspielereien dargestellt wurde, dominiert der Oscar-Anwärter jedes Gespräch. Dazu trägt nicht nur die schiere Wortzahl seiner Zeilen bei, sondern auch die wirklich exzellente Darstellung, die nach Jahren wieder daran erinnert, dass Hawke einer der herausragenden Schauspieler seiner Generation ist. Insbesondere seine unheimlich ausdrucksstarke Mimik gehört hervorgehoben. Man beachte die präzise Kontrolle über seine Gesichtsmuskulatur, durch die er in vereinzelten Szenen sogar seine Augenbrauen subtil zittern lässt. Auch bombastischere Ausbrüche, die die theaternahe Natur des Skripts unterstreichen, beherrscht Hawke, ohne dass er je zu sehr ins Kitschige abgleitet.
Das Ensemble, welches die hartförmige Sonne im Zentrum von Blue Moon umkreist, kann dabei durchaus standhalten. Obwohl die einzelnen Rollen bewusst eher als vorbeiziehende Gesichter statt Kernfiguren angelegt sind, machen sich mehrere der Cast-Mitglieder ihre knappe Leinwandzeit zunutze. Margaret Qualleys Darbietung der Elizabeth ist wohl das Highlight; die in den vergangenen Jahren omnipräsente Schauspielerin tritt hier mit einer Sprachmelodie und Kadenz auf, die wir bisher noch nicht von ihr gehört haben. Der auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnete Andrew Scott bildet als Richard Rodgers derweil einen gelungenen Gegensatz zum schwätzenden Hart und setzt seine kürzliche Strähne hervorragender Leistungen fort.
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Unser Fazit zu Blue Moon
Richard Linklater präsentiert einen weiteren unaufgeregten, aber effektiven Eintrag in seine Filmografie. Auch wenn seine Ethan-Hawke-Soloshow wohl wenige Toplisten des Jahres anführen wird, gelingt ihm ein sympathisches Werk, dessen Hauptdarsteller es in eine völlig neue Sphäre hebt. Robert Kaplows Drehbuch bietet ausreichend Nährboden für Schauspiel, das die gesamte Szenerie verputzt und keine Krümel übriglässt. Auch durch die reduzierte Kameraarbeit wirkt Blue Moon dabei nie aggressiv oder großspurig in seiner Präsentation. Ähnlich wie das entspannte Pianoklimpern, das sich in die Geräuschkulisse eines gemütlichen Barbesuchs eingliedert, erzeugt dieser Film eine angenehme Grundstimmung und geht glatt über die Bühne. Lediglich die ungelenken Referenzen, die von Zeit zu Zeit zu stark in den Vordergrund gestellt werden, hinterlassen einen faden Beigeschmack.
Filmverrückter aus Leidenschaft, Oscar-Trivia-Lexikon auf zwei Beinen und vermutlich der Hauptgeldgeber aller Düsseldorfer Kinos. Jeden Dienstagmittag bastelt Luca sich gewissenhaft sein Wochenprogramm zusammen und gibt renommierten Klassikern dabei dieselbe Chance wie hoffnungslosem Müll. Für ihn gibt es keinen schöneren Ort auf der Erde als das Innere eines Kinosaals. Seit inzwischen zwei Jahren schreibt er Kritiken für Filmtoast und schaut auch ab und zu mal frech im Podcast vorbei, wenn niemand ihn aufhält. Wenn er nicht gerade über die diversen Gründe philosophiert, warum "Brügge sehen … und sterben?" der beste Film aller Zeiten ist, oder sich über die Sieger:innen der vergangenen Preissaison echauffiert, versucht er, seine DVD-Sammlung abzugrasen, von der noch immer ein schockierender Anteil originalverpackt ist.

