Jo Nesbø’s Harry Hole ist die von Krimifans heiß erwartete Serienadaption der Erfolgsreihe. Macht Netflix dabei eine bessere Figur als die Adaption Schneemann mit Michael Fassbender?
Darum geht’s in Jo Nesbø’s Harry Hole
Harry Hole ist eine Geschichte um einen Serienmörder und den berühmten Antihelden Harry Hole aus der Feder Jo Nesbøs. In der ersten Staffel liefert sich Harry ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit seinem langjährigen Widersacher, dem korrupten Polizisten Tom Waaler. Harry ist ein brillanter, aber gequälter Ermittler der Mordkommission, der mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat. Während sich die beiden innerhalb der nicht immer klaren ethischen Grenzen des Strafrechtssystems bewegen, muss Harry alles daran setzen, um einen Serienmord aufzuklären und Waaler zur Rechenschaft zu ziehen, bevor es zu spät ist.

Auf bekannten Wegen
Nesbø hat selbst schon eingeräumt, dass sich seine Romanfigur Harry Hole an der ebenfalls weltbekannten Krimi-Ikone Harry Bosch von Michael Connelly orientiert – aber auch an all time icons des Genres à la Sherlock Holmes und Co. Entsprechend ist nach den inzwischen etwa zehn Staffeln Bosch/Bosch Legacy von Konkurrent Prime eigentlich die Stoßrichtung klar, in die man mit dieser neuen Adaption zielt: Ein unkonventioneller Detektiv ermittelt mit eigenwilligen Methoden, geht gern mal Alleingänge ein und hat den ein oder anderen wiederkehrenden Gegenspieler. So weit, so schablonenhaft. Doch wenn man anno 2026 noch mit einer so klassischen Krimiformel an den Start geht, dann muss an den Fällen, den Figuren oder dem Adaptionskonzept doch das gewisse Etwas dran sein, denn sonst würde man im über aller Maßen gefüllten Haifischbecken der Krimi-Procedurals sang- und klanglos untergehen.
Liegt es vielleicht an der Vorlage? Schließlich ist die Reihe von Nesbø äußerst erfolgreich, hat es insgesamt schon auf 13 Fälle gebracht, von denen interessanterweise der siebte bereits als Film mit Michael Fassbender – aber ohne Erfolg an Kassen und bei den Kritikern – adaptiert wurde und nun – wiederum interessanterweise – der fünfte Fall „Das fünfte Zeichen“ umgesetzt wird. Ähnlich unchronologisch bezüglich der Reihenfolge des Erscheinens der Vorlageromane sind aber zuletzt schon einige andere Projekte umgesetzt worden, beispielsweise die Reacher-Reihe und auch bei Bridgerton hielt man sich nicht an die von der Autorin erdachte Veröffentlichungsreihung.
Luther, Mørck, Hole
Vergleichbar mit seinen skandinavischen Kollegen Jussi Adler Olsen oder Stieg Larsson ist auch Jo Nesbø für seine tendenziell schonungslose, nihilistische und in Teilen auch reißerische Gangart bekannt. Das wird nun direkt auch im Einstieg von Harry Hole untermauert, wobei die britisch-norwegische Koproduktion sich damit natürlich auch nur dort einreiht, wo beispielsweise auch schon Die Brücke unterwegs war. Denn die Nordic-Noir-Thriller haben ein Faible für abgründige Figuren auf beiden Seiten der Medaille, weswegen – ähnlich wie der Adler Olsen-Kommissar Mørck – auch Nesbø’s Harry Hole wieder ein Typ ist, bei dem man schon viele Augen zudrücken muss, um zu akzeptieren, dass jemand, der so kaputt ist, noch im Polizeidienst aktiv sein kann.
In der Stilistik ist dann aber diese Serie sogar fast noch eher an der Dramaturgie und Charakterzeichnung des Londoner Pendants Luther dran, wobei dieser im Gegensatz zu Hole zwar einen ganz schönen Knacks weg hat, aber nicht gar so gerne zur Flasche greift…
Fast wie in Miami, aber doch in Norwegen
Was visuell die Macher dazu getrieben hat, ein derart gelbstichiges Colorgrading für eine Serie, die im hohen Norden spielt, zu wählen, wird wohl deren Geheimnis bleiben. Fest steht, dass Harry Hole wahlweise nach CSI:Miami, Dexter oder Nicolas Winding-Refn aussieht, wodurch aber Oslo natürlich in einem – wortwörtlich – ganz anderen Licht erstrahlt. Ob einem das gefällt oder nicht, mit der Visualität hebt sich diese Serie schon mal von anderen Skandi-Krimis ab.
Und dann kommt eben noch direkt das hinzu, womit man auch recht offensiv das Marketing der Produktion anheizt: Für die musikalische Gestaltung ist kein geringerer als Universaltalent Nick Cave verantwortlich, was tatsächlich nicht nur Etikettenschwindel ist, sondern tatsächlich für die Serie komplett stilprägend. Audiovisuell ist man damit also schon mal auf eigenen Wegen unterwegs, was mindestens mal für den Mut respektiert werden muss, sogar wenn man dieses Experiment geschmacklich als missglückt verortet. Mir persönlich haben Look and Feel nach ein paar Minuten der Eingewöhnung aber tatsächlich gut gefallen.

Held und Antiheld
Überhaupt ist Harry Hole ein Spagat zwischen Bewährtem und Experimentierfreude. So treffen der Grunge-Look und -Sound was das Inhaltliche angeht dann doch auf viel aus dem Kaputter-Cop-vs-alte-Nemesis-Setzbaukasten. Hole ist dabei kein so ekelhafter Charakter wie Carl Morck in der aktuellen Version, gespielt von Matthew Goode in Dept. Q. Er ist feinfühliger, ein Familienmensch mit einem gewaltigen Trauma auf der Seele, stoisch, eigenbrötlerisch, aber kein zynischer Unsympath. Der gebürtige Deutsche Tobias Santelmann verleiht dieser Rolle durch seine schwer zu greifende Aura von Beginn an eine spannende Unnahbarkeit, ohne es aber auf eine Hassliebe des Publikums wie bei Morck oder Dr. House anzulegen. Grundlegend aber fällt schon auf, dass man die Protagonisten in den neueren Netflix-Krimis ähnlich aufbaut.
Und tatsächlich ist einmal mehr auch hier – mutmaßlich verstärkt durch die namhafte Besetzung – die eigentlich interessantere Figur, weshalb man dranbleibt, der Gegenspieler des guten Cops, der Psychopath und unberechenbare Ex-Kollege Waaler, gespielt eben von Joel „Rick Flag“ Kinnaman. Kinnaman hat ja nicht erst mit seiner DC-Rolle bewiesen, dass er als Grund zum Einschalten funktioniert. Der gebürtige Schwede hat schon The Killing maßgeblich aus der Masse an Krimiserie hervorstechen lassen, hat in Altered Carbon als Actionheld reüssiert und trägt inzwischen seit fünf Staffeln die Apple TV-Serie For All Mankind als Charakterdarsteller und emotionales Herz. Nun aber ist er hier – vergleichbar mit einem sonst auch immer liebenswürdigen Mads Mikkelsen in Hannibal – als boshafter, nahezu diabolischer Antagonist DAS Highlight der Serie – und macht einmal mehr eine ansonsten eher grundsolide Produktion doch zum außergewöhnlichen Erlebnis.

Klassisches Katz-und-Maus-Spiel mit Härten – und Längen
Die Serie spielt zu einem großen Teil in der Nacht und in dunklen Räumen, im künstlichen Licht wird die Atmosphäre umso düsterer. Damit verstärkt man den Fakt, dass es hier keine astreinen Heldenfiguren gibt, dass die beiden augenscheinlichen Gegenspieler Hole und Waaler jeweils im Grauraum zwischen Moral und Recht agieren. Auch das ist jetzt im Thrillerbereich nicht dessen Revolution, aber Harry Hole macht handwerklich so viel richtig, dass man vor allem, wenn man eben nicht allzu viel Vergleichbares schon gesehen hat, dem Bann hier sehr leicht erliegen kann. Diese Staffel fühlt sich immer wieder nach einer True Detective-Story an, bei der die Hauptfiguren einerseits kooperieren müssen, andererseits sich in einem Katz-und-Maus-Spiel gegeneinander befinden.
Es gibt also neben den polizeilichen Interna, dem Privatleben der Protagonisten, dem eigentlichen Fall eines mutmaßlichen Serienkillers noch weitere Fraktionen, beispielsweise die Medienvertreter, wodurch zwar das darstellerische Duell zwischen Santelmann und Kinnaman vordergründig ausgespielt wird. Doch allein, dass man beispielsweise in Nebenrollen Peter Stormare und Jesper Christensen dabei hat, zeugt davon, dass man doch langfristig eine Ensemble-Serie aufzubauen versucht. Und dafür nimmt man sich in dieser vermeintlichen Auftaktstaffel viel Zeit, sodass streckenweise auch mal Geduld gefragt ist, vor allem wenn es in Rückblicken und Visionen fast schon ätherische Dimensionen annimmt.
© Netflix
Unser Fazit zur ersten Staffel Jo Nesbøs Harry Hole
Die zahlreichen genannten Referenztitel im Text sollten klargemacht haben, wie schwer es inzwischen ist, im Krimi-Bereich noch innovativ zu sein. Wirklich innovativ will Jo Nesbø's Harry Hole auch maximal auf der audiovisuellen Ebene sein und ist hier mindestens schon mal stimmig unterwegs. Inhaltlich ist vieles altbekannt, aber trotzdem (wieder) packend, weil man mehr die Thriller- als die Krimi-Elemente ausspielt und dabei ein abgründiges Psychoduell liefert, das trotz der ein oder anderen Länge über die neun Folgen hinweg vor den Bildschirm bannt. Ein Großteil der Meriten geht hier natürlich auf die Kappe der beiden Hauptdarsteller, aber zum Glück spielt die norwegisch-britische Koproduktion auch aus, dass man einen wahrhaft illustren Cast versammeln konnte.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

