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    Ennio Morricone – Der Maestro

    Andreas Krasseltvon Andreas Krasselt27. April 2023Keine Kommentare7 min Lesezeit
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    Ennio Morricone dirigiert in seinem Arbeitszimmer. Er ist von hinten zu sehen.
    Arbeitswut: Ennio Morricone komponierte am Schreibtisch. Hier dirigiert er für die Anfangssequenz von Ennio Morricone - Der Maestro in seinem Arbeitszimmer. © 2023 Plaion Pictures
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    Mit Ennio Morricone – Der Maestro legt Regisseur Guiseppe Tornatore eine beeindruckende Hommage an das musikalische Genie Morricone vor, der nicht nur die Filmmusik des italienischen Genrekinos nachhaltig geprägt hatte. Ob das auch für diejenigen interessant ist, für die Filmmusik nur eine Nebensache ist, erfahrt Ihr in unserer Rezension.

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    Das Cover der 4-Disc-Special-Edition von Ennio Morricone - Der Maestro zeigt den Komponisten von hinten mit hinter dem Rücken verschränkten Armen, in den Händen hält er einen Taktstock.
    Das Cover der 4-Disc-Special-Edition von Ennio Morricone – Der Maestro. © 2023 Plaion Pictures

    Die Handlung von Ennio Morricone – Der Maestro

    Eine Künstlerbiografie beginnt immer Anfang. Das ist auch bei Ennio Morricone – Der Maestro nicht anders. Bei zweieinhalb Stunden Laufzeit kann sich Giuseppe Tornatore in seiner Dokumentation über das Leben des Komponisten auch leisten, etwas länger in Kindheit und Jugend zu verweilen. So dauert es fast eine halbe Stunde, bis der Film an den Stationen ankommt, für die Morricone noch heute berühmt, beliebt und unvergessen ist: bei seiner Filmmusik. Doch natürlich sind die Jahre davor für ein Verständnis dieser außergewöhnlichen Karriere unverzichtbar.

    Ennio Morricone stammte aus einfachen Verhältnissen, weswegen er sich wohl auch später, als er Komposition am Konservatorium in Rom studierte, unter den dort versammelten Söhnen der Oberschicht etwas deplatziert vorkam. Sein Vater war Trompeter, spielte mit einer Blaskapelle in Varietés. Und er verlangte von seinem Sohn, der eigentlich Arzt werden wollte, seinen Lebensunterhalt ebenfalls mit diesem Blasinstrument zu verdienen. Schon als Junge stand Ennio daher mit seinem Vater auf der Bühne. Dennoch strebte er nach Höherem. Am Konservatorium in Rom studierte er bei dem etablierten Komponisten Goffredo Petrassi, zu seinen musikalischen Vorbildern zählte vor allem Igor Strawinsky.

    Ennio Morricone - Der Maestro beim Dirigieren.
    Mit Gefühl: Ennio Morricone beim Dirigieren. © 2023 Plaion Pictures

    Mit Orchesterwerken und Kammermusik erlangte er erste Meriten in der musikalischen Avantgarde Italiens. Das machte allerdings nicht satt. Geld verdiente er sich mit wachsendem Erfolg aber als Arrangeur von populären Schlagern. Ein künstlerischer Spagat, der dazu führte, dass Ennio Morricone – Der Maestro erst im hohem Alter die verdiente Anerkennung auch als Komponist ernsthafter Musik erhielt. Erst 1961 schrieb der 1928 geborene Morricone seine erste Filmmusik. 1964 begann mit dem Score zu Für eine Handvoll Dollar die Zusammenarbeit mit Regielegende Sergio Leone. Der Rest ist Geschichte.

    Aus Vertrautheit wächst intime Nähe

    Es gibt mehrere Regisseure, die ab der ersten Begegnung vorwiegend oder sogar ausschließlich mit Morricone zusammenarbeiteten. Neben Leone gehörte auch Giuseppe Tornatore dazu, etwa mit seinen Meisterwerken Cinema Paradiso oder Die Legende vom Ozeanpianisten. Da lag es nahe, ihm auch die Arbeit an dieser filmischen Biografie zu übertragen, die noch zu Lebzeiten des am 6. Juli 2020 verstorbenen Komponisten begonnen wurde. Aus der Vertrautheit der beiden Künstler erwächst in Ennio Morricone – Der Maestro eine fast intime Nähe, die schon mit den ersten Bildern deutlich wird: Ein Metronom gibt den Takt vor, dann sieht man Morricone beim Frühsport in seinem Wohnzimmer, bei der Gymnastik, dann mit konzentrierter Miene beim Komponieren am Schreibtisch.

    Regisseur Giuseppe Tornatore hält die Szenenklappe vor dem Interview mit Morricone für seinen Film Ennio Morricone - Der Maestro.
    Intime Gespräche: Im Interview mit Ennio Morricone will Regisseur Giuseppe Tornatore (rechts) dem Geheimnis des musikalischen Genies auf die Spur kommen. © 2023 Plaion Pictures

    Die Kamera ist immer ganz dicht dran am Maestro. Dazwischen schneidet Tornatore Statement von Freunden und Wegbegleitern, die ein erstes Licht auf Morricone werfen. „Er ist rätselhafter, als man denkt“, sagt der Liedermacher Gino Paoli. „Ich habe ihn schon immer geliebt“, beteuert Quincy Jones. „Er war immer sehr ernst und so gedankenverloren“, erinnert sich Sängerin Miranda Martino. „Ennio Morricone war ein Wunder“, sagt Regisseur Bernardo Bertolucci. Viele weitere Aussagen sind in diesem Prolog zu hören, noch viel mehr folgen im Verlauf des Films. Doch zunächst setzt das ein, worum es geht: die Musik. Dazu Bilder von fast magischer Schönheit. Zu typischen Morricone-Klängen sieht man den Maestro von vorn in seinem Arbeitszimmer ein unsichtbares Orchester dirigieren. Dann Schnitt auf die sich bewegenden Hände in subjektiver Perspektive, dann Schnitt auf den dirigierenden Komponisten vor einem Orchester. Einfühlsamer lässt sich in das Leitmotiv von Ennio Morricone – Der Maestro nicht einführen.

    Mehr Hommage als Biografie

    Denn es geht Tornatore nur vordergründig um eine Biografie, um eine Dokumentation des Lebenslaufes. Er will das Geheimnis dieser Musik ergründen, die sich aus so grundverschiedenen Quellen zusammensetzt. Morricones Mutter habe ihm gesagt, er müsse schöne Melodien schreiben, wenn er berühmt werden wolle. Und genau diesen schönen Melodien, die mit ihrer emotionalen Tiefe weltweit die Kinogänger berührten, wurde er auch berühmt. Doch sind sie eben nur ein Teil der Medaille.

    Regisseur Quentin Tarantino im Gespräch mit Giuseppe Tornatore.
    Ein großer Fan: Regisseur Quentin Tarantino (rechts) vergleicht Morricone im Gespräch mit Giuseppe Tornatore mit Schubert und Beethoven. © 2023 Plaion Pictures

    Seine Wurzeln in der modernen Klassik, der elektronischen Musik Stockhausens und insbesondere der komponierten Geräusche eines John Cage sind so unüberhörbar wie entscheidend für seinen ganz persönlichen Stil. Schon bei seinen Schlagerarrangements experimentierte Morricone entsprechend mit dem Klappern einer Konservendose oder einer Schreibmaschine als Instrument. In seinen Filmmusiken insbesondere bei den Westernthemen integrierte er Peitschen, Glocken, das Schlagen auf einen Amboss mit Pfeifen und Kojotengeheul. Er habe das Prinzip der Zwölftonmusik auf die tonale Musik übertragen, sagt er in Ennio Morricone – Der Maestro.

    Ennio Morricone – Der Maestro und der Kontrapunkt

    Wie kaum ein anderer konnte er sich in Situationen und Szenen eines Films einfühlen, und diese mit emotionaler Tiefe und Authentizität ausstatten. Er war ein Meister des Kontrapunktes und liebte es, unterschiedliche Themen miteinander zu verschränken, so dass sie trotz aller Verschiedenheit ein harmonisches Ganzes ergaben. Er arbeitete oft nach dem Prinzip von drei Noten in einem Dreivierteltakt, die mit wechselnden Akzenten gespielt werden. Eine Wiederholung, die aber nie ganz gleich ist. Deshalb klingen seine Melodien oft einfach. Doch dahinter verbergen sich sehr komplexe Strukturen.

    Ennio Morricone, hier mit seiner Frau Maria, erhält 2016 einen Stren auf dem Hollywood Walk of Fame.
    Späte Anerkennung: Ennio Morricone, hier mit seiner Frau Maria, erhält 2016 einen Stren auf dem Hollywood Walk of Fame. © 2023 Plaion Pictures

    Das haben auch seine Kollegen erst spät erkannt, wie in Ennio Morricone – Der Maestro deutlich wird. Weshalb Morricone in der Welt der gehobenen Musik lange Zeit nicht anerkannt wurde. Ernsthafte Komponisten rümpften die Nase und hielten das Schreiben von Filmmusik für nicht vereinbar mit ihrer Würde. Diese Einschätzung änderte sich erst in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, etwa als Morricone für die Musik zu Mission von Roland Joffé zum zweiten Mal für den Oscar nominiert wurde. Bis die Oscar-Academy endlich den Wert Morricones anerkannte und würdigte, sollte es aber noch dauern. 2007 erst überreichte ihm Clint Eastwood den Ehrenoscar für sein Lebenswerk. Und neun Jahre später, 2016, bekam er die Trophäe endlich auch für eine konkrete Filmmusik, für den Score zu Quentin Tarantinos The Hateful Eight.

    Das Private kommt etwas zu kurz

    Bei dem strengen Fokus auf das musikalische Genie kommt in Ennio Morricone – Der Maestro zwangsläufig auch einiges zu kurz. Seine Frau Maria, die als Erste alle Kompositionen zu hören bekam, und von deren Urteil es abhängig war, ob er sie weiterleitete, wird nur gelegentlich erwähnt. Auch die Kinder der beiden kommen nicht vor. Bei aller Intimität vermeidet Tornatore das Private. Auch Bruno Nicolai, der eine Art Adlatus Morricones gewesen sein muss, wird gar nicht erwähnt. Dabei hatte Nicolai nicht nur als Komponist sehr stark in Morricones Stil gearbeitet, sondern auch zahlreiche der Kompositionen des Maestros für die Filmaufnahmen dirigiert.

    Unser Fazit zu Ennio Morricone – Der Maestro 

    Giuseppe Tornatores Ennio Morricone – Der Maestro ist eine meisterhafte Hommage an einen der größten Komponisten des 20. Jahrhunderts, der zwar für seine Filmmusik berühmt wurde, dessen darüberhinausgehende Kompositionen im Bereich der sogenannten ernsten Musik aber nicht weniger herausragend sind. Die gut zweieinhalbstündige Dokumentation bietet zahlreiche Interviews und tiefschürfende Informationen zu Morricones Arbeit und Arbeitsweise. Für Fans seiner Musik eine Entdeckungsreise mit vielen neuen Erkenntnissen – auch für diejenigen, für die Filmmusik nur nette Untermalung von Filmbildern ist. Für Morricone jedenfalls gilt: Die Musik ist mehr als der Soundtrack, sie ist der Dialog des Films. Ein paar Einblicke in das Privatleben mehr hätten allerdings helfen können, dem Rätsel Morricone noch näher zu kommen.

    Ennio Morricone – Der Maestro ist am 27. April 2023 auf DVD und Blu-ray sowie als 4-Disc-Special-Edition erschienen. DVD und Blu-ray enthalten als Bonusmaterial unter anderem zwei längerer Features, darunter ein etwa 30-minütiges Interview mit Giuseppe Tornatore, etwa sechs Minuten Backstage-Material und knapp zwei Minuten O-Ton Morricone. Die Special-Edition enthält außerdem neben der Blu-ray noch den Film in der 4K-UHD Fassung, eine Blu-ray mit einem Konzertmitschnitt und die Soundtrack-CD. Ein Unboxing-Video dazu findet Ihr auf unserem Youtube-Channel.


    © Plaion Pictures

    Andreas Krasselt

    Andreas lebt im Raum Hannover. Er ist Journalist und fest angestellter Redakteur bei einer Tageszeitung – und nebenbei Musiker in einer Bluesrock-Band. Bei Filmtoast schreibt er seit 2019 Rezensionen. Filmfan ist er, seit er im zarten Alten von sechs Jahren von seiner Mutter jeden Sonntag in die Kindervorstellung des Stadtteilkinos abgeschoben wurde (so was gab es damals noch). Lieblingsgenre: Western, insbesondere die italienische Variante. Daher ganz klar der Lieblingsfilm: Spiel mir das Lied vom Tod, den er mit 12 schon dreimal im Kino gesehen hatte. Aber es gibt kaum ein Genre, dem er nichts abgewinnen kann. Weitere Favorites: Der Tod in Venedig, Im Zeichen des Bösen, 2001 sowie Leichen pflastern seinen Weg. Tja, und sein Guilty-Pleasure-Favorite ist Predator 2 von dem total unterschätzen Stephen Hopkins. Filme guckt er zwar gerne im Kino, ist aus Zeitmangel aber auf das Heimkino gewechselt, weshalb seine private Filmsammlung auch mehr als 1000 Titel umfasst.

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