Mit Locked kommt ein klaustrophobischer Thriller mit einem herausragenden Bill Skarsgård ins Heimkino. Und auch Fans von Anthony Hopkins dürfen sich auf ein Wiedersehen freuen. Ob diese geballte Ladung Schauspielkunst für einen spannenden Filmabend ausreicht, erfahrt Ihr hier.
Darum geht’s in Locked
Der Kleinganove Eddie (Bill Skarsgård) ist pleite. In Locked will er seine kleine Tochter Sarah (Ashley Cartwright) von der Schule abholen, braucht dazu aber ein Auto. Also muss er eins klauen. Da trifft es sich gut, dass ein luxuriöser SUV der Marke Dolus unverschlossen auf einem Parkplatz herumsteht. Eddie ergreift die Gelegenheit. Ein Fehler, wie er kurz darauf bemerken muss.
Der Wagen lässt sich von innen nicht mehr öffnen. Da er schalldicht ist, kann Eddie auch nicht um Hilfe rufen. Die verspiegelten Scheiben dienen einer Passantin nur dazu, ihren Lippenstift nachzubessern, während der gefangene Autodieb von innen verzweifelt an das Sicherheitsglas klopft. Dann klingelt das eingebaute Telefon. Der Anrufer ist William (Anthony Hopkins), dem der Wagen gehört. Ein Psychopath auf einem Rachefeldzug, der sämtliche Funktionen des SUV in Fernsteuerung übernimmt. Für Eddie beginnt ein mehrtägiger Horrortrip.
Klaustrophobische Thriller
Es ist eng in diesem Luxus-SUV, der einem Range Rover nachempfunden ist. Doch Locked ist nicht der erste Film, der sich mit dem Thema des Eingesperrtseins beschäftigt. In Berlin Syndrom von Cate Shortland muss eine junge Backpackerin erfahren, dass es aus der Wohnung ihres vermeintlichen One-Night-Stands kein Entkommen gibt. In Inside von Vasilis Katsoupis gerät der Kunstdieb Nemo (Willem Dafoe) in die Falle eines hermetisch abgeriegelten Luxus-Penthouses. Am engsten wird es indes für Ryan Reynolds in Buried – Lebendig begraben von Rodrigo Cortés, als er in einem Sarg erwacht.
Ganz so eng ist es für Eddie in Locked zwar nicht, aber viel fehlt daran nicht. Als Eddie merkt, dass er in dem SUV eingesperrt ist, versteht es Regisseur David Yarovesky (Brightburn: Son of Darkness) geschickt, dieses klaustrophobische Gefühle einzufangen. Ruhelos umkreist die Kamera im Inneren des Fahrzeugs den zunehmend zwischen Wut und Panik changierenden Gefangenen. Eine virtuos umgesetzte Bildsprache, welche die Gefühle Eddies spürbar werden lassen. Vielleicht einer der besten Momente des Films.
Locked in einem Köder
Der Name der fiktiven Automarke Dolus ist in Locked Programm. Man könnte natürlich mit einer einfachen Caesar-Verschiebung der Buchstaben „D“ und „L“ um jeweils acht Stellen im Alphabet einen sportlich-luxuriösen Lotus daraus konstruieren, doch das ist wohl eher zufällig. Denn die Bedeutung des Markennamens ist vielschichtiger. Im Bereich des Strafrechts bezeichnet Dolus den Vorsatz, die feste Absicht. Dies könnte sowohl auf Eddie als Autodieb wie auch auf William zutreffen. Die griechische Wurzel des Begriffs dolos indes ist deutlicher: Dort ist der Dolos die Personifikation der Täuschung und des Betrugs. Etwas freier formuliert, ließe sich Dolos auch als Köder bezeichnen. Und als genau solcher funktioniert der SUV in Locked.
William, der Eigentümer des Wagens, fordert Gerechtigkeit, wenn auch auf eine eigentümliche Weise. Dass das Firmenlogo am Dolus die Göttin der Gerechtigkeit mit Schwert und Waage zeigt, ist da ebenso stimmig wie das mächtig-drohende Graffiti eines dunklen Engels an einer Hauswand, als sich Eddie dem Fahrzeug nähert. Ironisch die Handlung kontrastierend taucht auch immer wieder ein Werbeträger mit wechselnden Motiven ins Bild: mal eine religiöse Warnung vor dem „Jugdement Day“, mal Reklame für Familienurlaub. Es sind viele dieser Kleinigkeiten, die zeigen, dass die Bildsprache von Yaroveskys Thriller wohl durchdacht ist.
Streetsmart vs. Establishment
Dabei ist Locked das Remake des bei uns eher unbekannten argentinischen Thrillers 4×4. Und viele Details hat Yarovesky dabei übernommen, etwa den Look Eddies mit blond gefärbtem Haar und einem pinkfarbenen Hoodie. Zum Vorspann serviert der Film neben Szenen mit Eddie auch kaleidoskopartig diverse Eindrücke des Lebens der urbanen Underdogs. Ein Milieu, in dem Eddie sich auskennt.
William nennt ihn Streetsmart. Und in den Dialogen zwischen dem Gefangenen und seinem Bewacher blitzen gelegentlich sozialkritische Töne auf. Es ist hier der überlegene Kapitalist, der arrogante und ignorante Vertreter der weißen Oberschicht, der sich im Kampf gegen die aufmuckenden Underdogs zur Wehr setzt. Ursachen der sozialen Verelendung sind ihm egal. Er sieht sich als Opfer verbrecherischen Handelns und befindet sich wie einst Charles Bronson als Paul Kersey in Ein Mann sieht rot auf einem Rachefeldzug. Doch anders als Kersey, der in dem umstrittenen Klassiker von Michael Winner zumindest teilweise als gebrochener Mann dargestellt wird, ist William in Locked nur ein eiskalter Egomane, ein Psychopath.
William ist ein Sadist, der Freude dabei empfindet, Eddie zu quälen. Er verpasst ihm Elektroschocks, setzt ihn Hitze und Kälte aus. Eddie leidet unter Durst und Hunger, verletzt sich bei vergeblichen Ausbruchversuchen. Der sozialkritische Aspekt wird letztlich nur angeschnitten, bleibt somit oberflächliches Beiwerk. Da hätte sich deutlich mehr draus machen lassen. Doch ein klassenkämpferisches Lehrstück verkauft sich halt nicht so gut an den Kinokassen, auch wenn es einen vielleicht entlarvenden Blick auf ein Stück US-amerikanisch-kapitalistischer Wirklichkeit werfen könnte. So bleibt ein rasant inszenierter Spannungsthriller mit sozialpolitischer Attitüde als Alibifunktion.
Anthony Hopkins lässt auf sich warten
Wer sich nun einen gewohnt imposanten Auftritt von Anthony Hopkins verspricht, muss sich gedulden und zunächst für die längste Zeit mit seiner Stimme vorlieb nehmen. Sofern man auf die Originalfassung zurückgreift. Denn William kommuniziert mit Eddie übers Telefon. Erst im letzten Drittel von Locked taucht der Altstar in persona auf, dann aber mit gewohnter Souveränität. Doch der eigentliche Star ist Bill Skarsgård, der hier nach Es und Nosferatu endlich mal Gesicht zeigen darf. Seine Darstellung Eddies, der Verzweiflung, der Wut, des allmählichen Verfalls ist sensationell. Allein schon wegen seiner One-Man-Show ist Locked sehenswert.
Dennoch leidet der Film an der ein oder anderen Länge. Daran ändert sich auch nichts, als Locked im letzten Drittel an Fahrt aufnimmt, dabei allerdings stark an Glaubwürdigkeit verliert. Etwas Straffung hätte dem Streifen gut getan und Phasen von Langeweile vorgebeugt. Auch das Ende ist letztlich vorhersehbar, typisch us-amerikanisch und damit eher enttäuschend.
Unser Fazit zu Locked
Mit teils virtuoser Kameraarbeit gelingt es Locked klaustrophobische Spannung zu erzeugen. Die Thriller-Handlung auf dem beengten Innenraum eines SUV überzeugt vor allem durch die schauspielerische Leistung Bill Skarsgårds. Dennoch trüben Längen den ansonsten positiven Eindruck.
Locked erscheint am 1. August 2025 als DVD und Blu-ray sowie digital.
© Leonine Studios
Andreas lebt im Raum Hannover. Er ist Journalist und fest angestellter Redakteur bei einer Tageszeitung – und nebenbei Musiker in einer Bluesrock-Band. Bei Filmtoast schreibt er seit 2019 Rezensionen. Filmfan ist er, seit er im zarten Alten von sechs Jahren von seiner Mutter jeden Sonntag in die Kindervorstellung des Stadtteilkinos abgeschoben wurde (so was gab es damals noch). Lieblingsgenre: Western, insbesondere die italienische Variante. Daher ganz klar der Lieblingsfilm: Spiel mir das Lied vom Tod, den er mit 12 schon dreimal im Kino gesehen hatte. Aber es gibt kaum ein Genre, dem er nichts abgewinnen kann. Weitere Favorites: Der Tod in Venedig, Im Zeichen des Bösen, 2001 sowie Leichen pflastern seinen Weg. Tja, und sein Guilty-Pleasure-Favorite ist Predator 2 von dem total unterschätzen Stephen Hopkins. Filme guckt er zwar gerne im Kino, ist aus Zeitmangel aber auf das Heimkino gewechselt, weshalb seine private Filmsammlung auch mehr als 1000 Titel umfasst.
