Desktop-Thriller wie Searching und Missing haben sich einen festen Platz auf den Genre-Festplatten gesichert und das Publikum mit angemessener Spannung überrascht. Mit Fluch aus der Tiefe fährt nun eine Horror-Variante des bekannten Laptop-Films hoch. Doch gelingt der Sprung vom Bildschirm direkt unter die Haut – oder stehen alle Zeichen auf Error?

Fluch aus der Tiefe – Darum geht’s
Hannahs Mann, ein Militäroffizier, ist in der Türkei stationiert. Die Mutter von zwei Söhnen nutzt die Zeit für einen Trip nach Tokio. Während ihres Aufenthalts ertrinkt ihr jüngerer Sohn beinahe in einem See. Der Unfall hat zur Folge, dass sich der Junge immer seltsamer benimmt. Bei der Suche nach Antworten stößt Hannah auf ein japanisches Volksmärchen über schreckliche Dämonen, und schon bald sind sie und ihre Kinder dem Terror der Yokai ausgesetzt.
Neuinterpretation von Exorzismus-Klischees
Seitdem William Friedkin 1973 mit Der Exorzist einen guten Grundstein für ein Horror-Subgenre gelegt hat, ist diese Art von Film bis heute erhalten geblieben. Mal mehr, mal weniger funktional und innovativ, wurden neue Einflüsse und weitergedachte Ideen – abseits von The Exorcist 3, der als positives Beispiel aus dem Sumpf der Exorzistenfilme hervorragt – jedoch schnell an ihre Grenzen geführt. Und obwohl es immer wieder gelungene Genrevertreter gibt, überrascht nur selten etwas wirklich. Fluch aus der Tiefe ändert das zumindest marginal: denn Regisseurin Pablo Absento findet immer wieder angenehme Genrebrüche, die auf durchdachte Weise japanische Horror-Mythologie mit klassischem, teilweise sehr stereotypem Exorzismus kreuzen – und das wird visuell im angenehm ausgespielten Desktop-Prinzip angereichert. Der frische Streifen findet darin immer wieder starke Momente, in denen Figuren tiefer in den anspannenden Horror hineingezogen werden und sich intensivierenden Herausforderungen stellen müssen.
Regisseurin Absento gelingen dabei einige schöne Bilder. Teilweise wirkt der Film jedoch sehr unglaubwürdig, was die zeitliche Dimension betrifft, konstruiert und absurd, sogar unlogisch. Gibt man sich jedoch dem angenehm-trashigen, aber dennoch ernst und atmosphärisch erzählten Verlauf hin, erfüllen die kurzen 87 Minuten genau ihr Ziel: ein ausgefeiltes Konzept, kurzweilige Unterhaltung und spannungsgeladene Szenen mit kreativem Überbau – auch wenn sich Abnutzungserscheinungen und gewisse Längen nicht vermeiden lassen.
Missing is missing
Versiert ist Absentos Langfilmdebüt dennoch durchgehend. Das Desktop-Prinzip à la Searching funktioniert erstaunlich gut und ist geschickt mit dem Horror-Thriller-Element verbunden. Besonders das Spiel mit Bildformaten, wechselnden Perspektiven von FaceTime-Calls bis Überwachungskameras gelingt. Auch das Suchen nach Quellen und Lösungsansätzen macht Freude, weil die Figuren immer wieder glaubwürdig in einem unglaubwürdig Konzept konfrontiert und mitgerissen werden. Die Beschränkung auf die limitierende Benutzeroberfläche funktioniert überraschend gut: Fluch aus der Tiefe wirkt dadurch selektiv, unaufgeregt und auf das Wesentliche reduziert.
Der Horror entsteht nämlich zunächst durch die tiefen Abgründe der Möglichkeiten, das Internet zu nutzen. Es sind Bilder, Videos und Artikel, die die Grundidee atmosphärisch anreichern. Nur verlässt sich Absento entweder zu sehr darauf – oder eben nicht genug. Viele Momente sind durchaus stimmungsvoll, gehen aber nicht weit genug, um nachhaltig zu überzeugen. Ein streckenweise richtig gelungener Genrebeitrag, der sich allerdings zu sehr auf seinen Ideen ausruht.
Doch gerade Gotham-Star Ben McKenzie trägt den Plot überzeugend. Seiner Figur nimmt man die Zerrissenheit zwischen beruflichem Druck als Militärmitglied und familiärer Tragik in jeder Sekunde ab. Er steht zwischen den Seiten und muss sich entscheiden: Familie oder Karriere? Subtile Aspekte seiner Figur – etwa eine Vorgeschichte mit Alkohol und anderen Drogen, was auf ein Suchtproblem hindeutet – werden implementiert. Das lässt die ohnehin angespannte Familiensituation nicht leichter erscheinen. Nur leider wird keine Figur in auserzählt, wie die von McKenzie. Auch die Kinderdarsteller und Bojana Novaković als Mutter spielen solide, bekommen jedoch keinen richtigen Inhalt. Sie verkörpern den Horror einer bröckelnden Familienbeziehung zwar glaubhaft und treiben die Handlung sinnvoll voran, nur packen ihre Figuren nicht ausreichend genug.
Digital Ghost: A Japanese Myth
Fluch aus der Tiefe basiert auf japanischen Mythen. Zwar ist am Ende beinahe irrelevant, was den Jungen besessen hat und wo der Ursprung der Mythologie herkommt, weil Absento seinen Debütfilm in einem klassischen Exorzismus-Schauermär enden lässt, obwohl das vorherige Ergründen durchdachter war und anderes hoffen lies. Es wird ein Mythos erzählt, der Standbilder in Videos verzerrt, sich in den Pixelanhäufungen hängender Frames offenbart – und das funktioniert dank der Langsamkeit erstaunlich gut. Leider beginnt der Film ab dem Moment zu zerbrechen, in dem eine Figur einen Mönch aufsucht, der den Mythos offenlegt.
Ab diesem Punkt ist nichts mehr eigenständig oder originell: Ob klassische „Wir suchen nach Lösungen“-Szenen am Laptop oder Handy – wie schon in Slender Man in der Bibliothek oder unzähligen anderen Filmen – leiden alle unter dem gleichen Problem: Sobald man versucht, alles zu erklären, wird es langweilig oder sogar peinlich. Fluch aus der Tiefe ist dabei bei weitem keiner der schlimmen Vertreter, und seine kurze Laufzeit rettet noch vieles. Doch das subtile, visuelle Erzählen geht in diesen Momenten verloren, ebenso wie die schöne Idee des japanischen Mythos.

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Unser Fazit zu Fluch aus der Tiefe
Absentos Debütfilm positioniert sich qualitativ irgendwo zwischen Missing und Searching. Solide gespiel, bis zum letzten Akt spannend und schön inszeniert, verliert sich Fluch aus der Tiefe leider in allzu abgenutzten Elementen. Wird anfangs noch spannend mit Unwissenheit und sozialen Problemen umgegangen, die auf den Figuren lasten, wird dies später zugunsten generischen Horrors fallen gelassen. Ein Abarbeiten von Genre-Checkboxen. Einige solide Idee und die Essenz des Konzepts, Desktop-Horror mit Exorzismus-Qualen zu verbinden, retten das Projekt noch über die Ziellinie - wenn auch mit nicht unerheblichen Abern.
Fluch aus der Tiefe ist ab Ende April in Deutschland im Heimkino zu sehen.
Schon seit jungen Jahren filmverrückt: Viel zu früh Genrefilme aller Art konsumiert und mit 14 Jahren begonnen, regelmäßig Kino+ zu schauen – obwohl er zu diesem Zeitpunkt kaum einen der besprochenen Filme selbst gesehen hatte. Geprägt wurde seine Leidenschaft maßgeblich von seiner Oma bei Star Wars: The Clone Wars und dem Schauen „alter Schinken“ vor der Glotze, seinem Vater und seinem großen Bruder mit dem er alles teilte – außer eine gleiche Meinung. Film-Begeisterung wurde beim Schauen von E.T., Jurassic Park, Zurück in die Zukunft und Indiana Jones und der Tempel des Todes entfacht, die bis heute zu den Lieblingsfilmen gehören – ab diesem Moment war klar: Filme werden ihn ein Leben lang begleiten. Er versucht, wöchentlich ins Kino zu gehen, ist sich dabei aber nie zu schade, auch den trashigsten DTV-Untiefen von Action bis Horror eine Chance zu geben oder auch mal ins indische Kino abzudriften. Bekannt aber vor allem für eines: „Alle geben 4 oder 5/5 – und er gibt ’ne 1/5, du weißt genau, da is‘ er, der Louis.“

