Beziehungshorror ist der letzte Schrei! Mit Obsession steht nun der nächste Festival-Hype bereit, der schon vor Kinostart als „Horrorfilm des Jahres“ gehandelt wird. Doch gelingt es tatsächlich, Trauma- und Beziehungskino auf eine Weise zu verhandeln, die diesen enormen Vorschusslorbeeren gerecht wird – oder bleibt er seinem Publikum letztlich doch eine befriedigende Antwort schuldig?
Darum gehts in Obsession
Der hoffnungslose Romantiker Bear nutzt ein „One-Wish-Willow”, um seinen Crush für sich zu gewinnen. Dieser magische Gegenstand erfüllt Wünsche, wenn man ihn zerbricht. Zunächst scheint er genau das zu bekommen, was er sich schon immer wünschte. Doch schnell muss er feststellen, dass manche Wünsche einen finsteren, unheimlichen Tribut fordern.
Fluch und Segen
Horrorfilme, in denen Wünsche geäußert, mystische Pfeifen geblasen oder verhängnisvolle Karten gelegt werden, sind längst im Mainstream des Genre angekommen. Statt echter Neuerungen steht meist nur Oberflächenpolitur auf der Agenda: keine frischen Ideen, lediglich leicht veränderte Umstände dominieren das Geschehen. Das spricht vor allem ein jüngeres Publikum an, das sich mit gezückten Kinotickets nach schnellen Schocks und lauten Scares sehnt, ernüchtert jedoch oft jene, die bereits zu viel gesehen haben. Auf seine Ausgangslage heruntergebrochen kokettiert Obsession daher auffallend stark mit Genre-Einerlei wie Tarot, Whistle oder Countdown.
Von Talk to Me bis Together
Doch dann versetzt Regisseur Curry Barker das Publikum in eine Situation, die jeder kennt: die erste große Liebe. Das schüchterne Ansprechen, das permanente Gefühl, nicht gut genug zu sein. Die Nervosität vor dem ersten Treffen und all die Ängste und Erwartungen, die man sich selbst auferlegt und einredet. Dadurch entstehen nicht nur erstaunlich schnell eine emotionale Verbindungen zwischen Zuschauern und Figuren, sondern auch nachvollziehbare Parallelen, aus denen Empathie wächst. Gleichzeitig blickt Obsession mit einer naiven wie bemerkenswert pointierten Perspektive auf emotionale und soziale Unsicherheiten, in die das moderne Horrorkino nur selten vertiefend eintaucht.
Barker dockt gewissermaßen dort an, wo Together ansetzen wollte und Talk to Me seine funktionalsten Impulse fand. Er entwickelt daraus ein Werk, das den Finger spürbar am Puls der Zeit hält und sich seiner Zielgruppe bewusst nähert. Zwischen Jugenddebatten, sozialen Erwartungshaltungen, Schönheitsidealen und dem Druck moderner Selbstdarstellung entfaltet Obsession eine bemerkenswert treffsichere Beobachtung junger Menschen und deren emotionalen Abhängigkeiten. Gerade dadurch erinnert der Film stilistisch zwar immer wieder an das Debüt der Philippou-Brüder, schlägt in seinen Ambitionen, seinem Beziehungsdrama und seiner thematischen Vielfalt letztlich jedoch einen eigenständigeren Weg ein – der noch deutlich weiter geht.
Ein Wunsch wird wahr
Obsession liefert dabei genau jenes Bindeglied zwischen konventionellem Horrorfilm und modernem Kultkino – und schlägt damit erfolgreich die Brücke zwischen jungem Mainstream-Publikum und eingefleischten Horrorfans. Bei genauerem Hinsehen entfaltet sich die Prämisse um die aufgezwungene Liebe nämlich deutlich vielschichtiger, als es der erste Eindruck vermuten lässt, und führt vorschnelle Kritik ad absurdum. Denn in seinen Genremechaniken beweist Barker Mut zur Lücke und arrangiert vertraute Elemente zu etwas Neuem.
Ohne billige Jumpscares, ohne auserzählte Horror-Tropes und ohne die üblichen grimassierenden Fratzen entwickelt der Hypefilm einen Horror, der zunächst klassischen Regeln zu folgen scheint, diese jedoch konsequent unterwandert. Daraus entsteht eine unangenehme Intensität, die das Publikum regelrecht in die Ecke drängt: Immer wieder läuft einem der Schauer eiskalt über den Rücken, während sich über die gesamte Laufzeit hinweg regelmäßig Gänsehaut ausbreitet. Endlich darf Horror wieder mehr sein als eine banale Aneinanderreihung lauter Geräusche, hektischer Schnittfolgen und aufgeblähter Showreels.
Denn der Thriller baut seine Scares vor allem dadurch auf, dass alltägliche Situationen als Ausgangspunkt genutzt werden, die anschließend durch bizarre, überzeichnete und unmenschliche Eingriffe in puren Horror kippen. So wird aus einem normalen Date im Lokal oder einer harmlosen Sandwichpause auf der Arbeit urplötzlich ein Albtraum. Und gerade darin findet Baker den Schlüssel zum Erfolg: Er nimmt banale Schockeffekte aus der Gleichung und erzeugt Unwohlsein durch Seltsamkeit, Irritation und Entfremdung.
Milk & Serious
Barkers zweiter Langfilm brilliert dabei durch eine beklemmende Ausstrahlung, einer agilen, in den richtigen Momenten angenehm ruhigen Kamera und Bildkompositionen, die wie geschaffen für die große Leinwand wirken. Zwar erscheinen größere Kulissen und Schauplätze sichtbar limitiert, weshalb sich das Geschehen überwiegend in und um Wohnhäusern entfaltet. Logistisch holt Barker aus seinem mickrigem Budget jedoch erstaunlich viel heraus. Wenn die Kamera langsam durch Räume gleitet, auf Wänden, Figuren oder dunklen Lichtquellen verharrt, in denen lediglich Silhouetten angedeutet werden, entwickelt sich auf angenehm reduzierte Weise genau jene unangenehme Form des Horrors, die nicht durch Effekthascherei entsteht, sondern durch Geduld.
Einstellungen bleiben dabei bewusst stehen, während ein funktionaler und präziser Schnitt die Spannung verdichtet und dafür sorgt, dass das Publikum über die gesamte Laufzeit regelrecht unter Strom steht. Damit wirkt Obsession nicht nur wie die konsequente Weiterentwicklung von Barkers Erstling Milk & Serial, sondern hält für aufmerksame Fans auch einige clevere Anspielungen bereit.
Barker versteht das Genre. Man spürt seine Liebe zu Midsommar, Hereditary oder It Follows ebenso wie seine Faszination zum modernen Beziehungs- und Psychohorror. Doch der Horrorthriller verliert sich nie in Hommage-Kino oder einer simplen Copy-und-Paste-Anordnung bekannter Ideen. Stattdessen rekonstruiert er den sogenannten Elevated Horror auf durchdachte Weise: „Be careful what you wish for“ bekommt dadurch eine ganz neue Bedeutung.
Eine entlarvende Groteske
Horror wird hier nicht als plakative Metaphernparade verstanden, sondern zu ernst gemeintem, atmosphärisch dichtem Grusel stilisiert, der gleichermaßen verstört, berührt und durch den gezielten Einsatz absurden, teils sogar tragischen Humors immer wieder unerwartet zum Lachen bringt. Obsession variiert kontinuierlich in seinem Ton und arbeitet auffallend präzise mit cleverem Foreshadowing, das das Publikum aktiv fordert. Dabei werden Andeutungen gezielt genutzt, die die Zuschauer unbedingt verdrängen möchten, deren Konsequenzen jedoch unausweichlich erscheinen. Horror war deswegen selten so nahbar und unangenehm, so frustrierend und erschöpfend – ohne dabei den bitterbösen, gelegentlich sogar demaskierenden Humor aus den Augen zu verlieren.
Ensemble-Kunst im Horror-Märchen
Auch die Darstellerriege ist brillant: Protagonist Michael Johnston verkörpert den introvertierten, verpeilten Nerd innerhalb der Freundesgruppe hervorragend. Geprägt von einer folgenschweren Fehlentscheidung, die ihn nicht mehr loslässt, trägt seine Figur eine permanente innere Zerrissenheit mit sich. Das zerrt sichtbar an ihm, entfremdet ihn zunehmend von seinem Umfeld und vernebelt seine Wahrnehmung der Wirklichkeit. Johnston vermittelt dieses Verlorensein – den Kampf gegen die eigenen Dämonen – mit beeindruckender Selbstverständlichkeit und bindet das Publikum spürbar an seine Darstellung. Auch Cooper Tomlinson, den eingefleischte Barker-Fans bereits aus früheren Kurzfilmen und seinem Spielfilmdebüt kennen dürften, funktioniert als emotionales Bindeglied zwischen zwischen Pro- und Antagonist. Zwar wirken einige Dialoge – insbesondere in seinen Szenen – stellenweise etwas hölzern, aufgesetzt und bewusst jugendlich geschrieben, überzeugen jedoch innerhalb der Gruppendynamik des Films.
Das eigentliche Glanzlicht ist jedoch Inde Navarrette. Sie liefert eine der diabolischsten, unterhaltsamsten und gleichzeitig erinnerungswürdigsten Figuren des modernen Horrorfilms ab. Mit ihrem Grinsen – das problemlos als Bewerbung für die nächsten Smile-Filme durchgehen könnte –, ihrer eigenwilligen Körpersprache, ihren Bewegungen, Geräuschen und unberechenbaren Taten verführt und verstört sie das Publikum gleichermaßen. Dabei kommen ihr nicht nur die stimmungsvoll inszenierten Schockmomente zugute, sondern vor allem ihre intensive Präsenz, mit der sie sich regelrecht ins Gedächtnis von Genrefans einbrennt. Letztlich ist sie der entscheidende Faktor, der Obsession zu dem macht, was er ist.
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Unser Fazit zu Obsession
Dass Curry Barker zu den spannendsten neuen Stimmen des Horrorkinos zählt, steht mit Obsession endgültig fest. Denn das hier wirkt nicht wie ein einzelner Achtungserfolg, sondern wie der nächste große Schritt auf der Karriereleiter. War Milk & Serial bereits ein kreatives Aufleuchten im Found-Footage-Kino, setzt Obsession als potenzieller moderner Kult-Horror die Leinwand in Brand. Dank nahbarer Themen, toller Darstellerleistungen und effizient geschriebener Figuren entsteht zunächst charmant wirkender Teenie-Klinsch, der spätestens zur Halbzeit in ausufernden und brutalen Terror umschlägt. Barker koppelt dabei nahezu jede inszenatorische Entscheidung unmittelbar an die Wahrnehmung des Publikums und erschafft daraus eine Kette intensivster Horrorszenen, die sich zu einer kompromisslosen Tour de Force ums Überleben zuspitzt.
Schon seit jungen Jahren filmverrückt: Viel zu früh Genrefilme aller Art konsumiert und mit 14 Jahren begonnen, regelmäßig Kino+ zu schauen – obwohl er zu diesem Zeitpunkt kaum einen der besprochenen Filme selbst gesehen hatte. Geprägt wurde seine Leidenschaft maßgeblich von seiner Oma bei Star Wars: The Clone Wars und dem Schauen „alter Schinken“ vor der Glotze, seinem Vater und seinem großen Bruder mit dem er alles teilte – außer eine gleiche Meinung. Film-Begeisterung wurde beim Schauen von E.T., Jurassic Park, Zurück in die Zukunft und Indiana Jones und der Tempel des Todes entfacht, die bis heute zu den Lieblingsfilmen gehören – ab diesem Moment war klar: Filme werden ihn ein Leben lang begleiten. Er versucht, wöchentlich ins Kino zu gehen, ist sich dabei aber nie zu schade, auch den trashigsten DTV-Untiefen von Action bis Horror eine Chance zu geben oder auch mal ins indische Kino abzudriften. Bekannt aber vor allem für eines: „Alle geben 4 oder 5/5 – und er gibt ’ne 1/5, du weißt genau, da is‘ er, der Louis.“
