2023 arbeitete Leonie Benesch noch im Lehrerzimmer, jetzt ist sie die titelgebende Heldin in einem Krankenhaus. In unserer Kritik erfahrt ihr, ob sich der Film lohnt!

Heldin – Darum geht’s
Pflegefachkraft Floria arbeitet mit großer Leidenschaft und Professionalität in der Chirurgie eines Schweizer Krankenhauses. Bei ihr sitzt jeder Handgriff, sie hat selbst in Stresssituationen immer ein offenes Ohr für ihre Patient:innen und ist im Notfall sofort zur Stelle – idealerweise. Doch in der harten Realität ihres oft schwer kalkulierbaren Alltags sieht das meist anders aus. Als Floria an diesem Tag ihre Spätschicht antritt, fällt auf der voll belegten, unterbesetzten Station eine Kollegin aus.Trotz aller Hektik umsorgt Floria eine schwerkranke Mutter und einen alten Mann, der dringend auf seine Diagnose wartet, ebenso fürsorglich und routiniert wie den Privatpatienten mit all seinen Extrawünschen. Aber dann passiert ihr ein verhängnisvoller Fehler und die Schicht droht, völlig aus dem Ruder zu laufen. Ein nervenzerrender Wettlauf gegen die Zeit beginnt …
Ein authentisches Auge
Wer sich ein Ticket für einen Film über eine Krankenpflegerin mit dem Titel Heldin kauft, der erwirbt natürlich auch immer ein gewisses Pathos mit dazu. Angenehmerweise vermag es Regisseurin Petra Volpe dennoch, den Schmalz zumindest ein wenig im Zaum zu halten. Außer dem durchgängig auffälligen Dudel-Soundtrack, der Szenen eher entkräftet als stützt, und einem stilistisch recht verwirrenden Ende, bei welchem dann doch kurz die Hand des Kitsches das Ruder übernimmt, gibt sich der Film überraschend trocken und geradeheraus. Leonie Beneschs Darstellung der Protagonistin ist mehr als überzeugend, und auch wenn sie einige emotionale Ausbrüche im Verlauf der Handlung erleidet, hält sie sie stets auf einem angenehmen Level. Mehr noch, sie spielt sogar diejenigen Gefühle überzeugend, die ihre Figur zu verstecken versucht. Ein solch reifer Ansatz ist mehr als angemessen und wiegt schlussendlich schwerer als störende, nichtsdestotrotz aber verschmerzbare pathetische Grundzüge.
Herausgehoben gehört zudem Volpes starkes Drehbuch, das sich dem Thema mit einer höchst angenehmen Empathie nähert. Zwar zeigt uns Heldin die Welt eines Krankenhauses aus den Augen einer Pflegerin, er findet aber auch Mitgefühl für die Patient:innen. Die meisten kleineren Gefallen, um die Floria gebeten wird, sind an und für sich gesehen nicht absurd. Mal benötigt der Schwerkranke Schmerzmittel aufgrund starker Beschwerden, mal erhält eine Frau eine Behandlung nicht nach genau abgestimmtem Zeitplan. Erst zusammen ergeben sie ein Puzzle, das unsere Hauptfigur jeden Moment zum Überkochen bringen könnte. Auch für eine zuerst als unerträglich eingeführte Rolle kann der Film Verständnis aufbringen. Eine würdevolle Behandlung ist etwas, das wir uns im Hospital für uns und unsere Lieben alle wünschen. Auf der Schwelle von Leben und Tod sind Emotionen kompliziert und Zündschnüre kurz. Heldin versteht dies und verzichtet weitgehend auf karikatureske Situationen, mit deren Überspitzung man es sich hätte einfach machen können.
Verpasste Chancen
Sicherlich lässt schon die Kurzbeschreibung des Films Ideen im Kopf aufflackern, die die mögliche Präsentation betreffen. Eine visuelle Umsetzung dieses Drehbuchs könnte viele verschiedene Stile bedienen. Ob ein One-Take-Ansatz wie in Yes, Chef! oder pures Tempo ohne Notbremse wie in einem Werk der Gebrüder Safdie, Petra Volpe standen einige potenzielle Methoden zur Verfügung. Leider wählt sie die simpelste und gelinde gesagt uninteressanteste. Optisch hat Heldin leider nicht sonderlich viel zu bieten. Die Einstellungen sind kaum abwechslungsreich, die Bilder oft beliebig, der Schnitt unspektakulär. Ein schnellerer Rhythmus, um Dialogszenen zu intensivieren, oder aber im Gegenteil länger stehende Shots mit flotteren Kamerabewegungen wären sinnigere Alternativen gewesen. Dieser leidenschaftslose Mittelweg übersetzt weder die Hektik des Betriebs noch die aufkochenden Gefühle der Hauptfigur in eine greifbare visuelle Sprache. Volpe inszeniert ihr gekonnt verfasstes Drehbuch mit der Raffinesse eines soliden ZDF-Fernsehfilms. Das Ergebnis ist keinesfalls miserabel, aber doch eine Verschwendung von Potenzial.
Dennoch flackert auch hin und wieder das Versprechen kompetenterer Regiearbeit auf. Hervorzuheben ist ohne Frage das Auge für Details in Kostümen, Sets und Maske. Die Herrichtung der vielen Patient:innen ist liebevoll umgesetzt, und man bekommt fast den Eindruck, dass Volpe tatsächlich Krankenakten für jede:n einzelne:n erstellt hat, um ihre Situation adäquat einzufangen. So ist beispielsweise auf der Hand einer älteren Dame die Einstichstelle eines Zugangs zu sehen, obwohl der Fokus im Bild an einer völlig anderen Stelle liegt und dieses Detail streng genommen nicht absolut notwendig gewesen wäre. In solchen Entscheidungen zeigt sich Hingabe zur Filmkunst. Die Regisseurin ist also gewiss nicht untalentiert, vielleicht fehlt ihr schlicht und ergreifend das Gespür für effektive Bilder – oder die nötige Erfahrung. Jeder Versuch einer höher stilisierten Präsentation wie etwa in den finalen Einstellungen ist eher deplatziert und gekünstelt. Andere Filmschaffende hätten aus demselben Skript mit wenigen Anpassungen Gold machen können.
Schwächen im Schauspiel
Ein weiterer kleiner, aber auffälliger Makel ist die Regie der Performances. So gut Benesch in der Titelrolle funktioniert, so schwach wirken bisweilen andere Darbietungen. Sonja Riesen als ihre nicht minder gestresste Kollegin verdattert zum Beispiel mit eigenwilligen Zeilenbetonungen und verkauft auch anspruchsvollere Schauspielmomente nicht überzeugend. In einer der letzten Szenen in Heldin, in welcher sie und Floria in ein kathartisches Lachen ausbrechen, könnte der Unterschied nicht sichtbarer sein. Wo Benesch den Ausbruch authentisch und befreiend spielt, wirkt Riesen vielmehr wie eine Lachyoga-Anfängerin.
Seltsam ist auch die Tatsache, dass einige Darsteller:innen nach den Dreharbeiten neu synchronisiert worden zu sein scheinen – mutmaßlich wegen einer schweizerdeutschen Einfärbung, die auch in entsprechenden Schweizer Tatort-Folgen ähnlich befremdlich synchronisiert wird. Manchmal passen Lippenbewegungen nicht einmal ansatzweise zu den Dialogschnipseln, zu denen sie gehören sollten. Auch dieser Aspekt ruiniert den Film selbstverständlich nicht, aber erscheint doch ablenkend und störend.

© Tobis Filmverleih
Unser Fazit zu Heldin
Wenngleich Heldin mit Sicherheit nicht die beste Version seiner selbst nicht, ist Petra Volpe eine positive Überraschung gelungen. Statt vor Kitsch triefender Seichtheit gönnt er seinem Publikum einen authentischen und interessanten Blick auf einen anstrengenden Alltag. Das Prädikat „zutiefst menschlich“ wird oft an möchtegern-humanistischen Schund vergeben, der Emotionen lediglich vortäuscht, um Feuilletonist:innen zu locken. Hier trifft es allerdings weitgehend tatsächlich zu. Eine starke Hauptdarstellerin und ein wirklich kompetentes Skript bügeln die ab und zu etwas faltigen Bilder mehrheitlich glatt. So vergeht der Film mit einer Laufzeit von knackigen 92 Minuten angenehm schnell und wirkt auch nach, wenn der Kinosaal schon geräumt ist.
Heldin läuft seit 27. Februar 2025 in unseren Kinos.
Filmverrückter aus Leidenschaft, Oscar-Trivia-Lexikon auf zwei Beinen und vermutlich der Hauptgeldgeber aller Düsseldorfer Kinos. Jeden Dienstagmittag bastelt Luca sich gewissenhaft sein Wochenprogramm zusammen und gibt renommierten Klassikern dabei dieselbe Chance wie hoffnungslosem Müll. Für ihn gibt es keinen schöneren Ort auf der Erde als das Innere eines Kinosaals. Seit inzwischen zwei Jahren schreibt er Kritiken für Filmtoast und schaut auch ab und zu mal frech im Podcast vorbei, wenn niemand ihn aufhält. Wenn er nicht gerade über die diversen Gründe philosophiert, warum "Brügge sehen … und sterben?" der beste Film aller Zeiten ist, oder sich über die Sieger:innen der vergangenen Preissaison echauffiert, versucht er, seine DVD-Sammlung abzugrasen, von der noch immer ein schockierender Anteil originalverpackt ist.

