Der stahlharte Profi ist zurück. Kann der letzte Action-Autor Shane Black mit seinem ersten Prime-Projekt Play Dirty die netten Jungs vom Feuilleton überzeugen oder wird es von den Presse-Predatoren zerfleischt?
Das ist der Action-Thriller Play Dirty
Im Mittelpunkt des actiongeladenen Heist-Thrillers Play Dirty steht Parker (Mark Wahlberg), ein erfahrener Dieb, der gemeinsam mit Grofield (LaKeith Stanfield), Zen (Rosa Salazar) und einem eingespielten Team den größten Coup seines Lebens plant. Doch der Job führt sie direkt in einen gefährlichen Konflikt mit der New Yorker Mafia.

Welcome Back, Mister Black
Shane Black war einer der bestbezahlten Drehbuchautoren der 1990er-Jahre, weil er dem oft schematisch erzählten Action-Genre immer wieder einen neuen Spin verlieh. Seine Drehbücher waren damals so frisch und originell, dass sie ihrer Zeit schlichtweg voraus waren. Actionheldinnen, Metakommentare und schnelle, pointierte Dialoge lockten zu der Zeit kaum Zuschauer:innen in die Kinos. Last Action Hero, Tödliche Weihnachten und Last Boy Scout floppten, trotz prominenter Besetzung vor und hinter der Kamera.
Black gönnte sich anschließend eine zehnjährige Auszeit, bevor er 2005 mit seinem Regiedebüt Kiss Kiss Bang Bang ein fulminantes Comeback hinlegte – nur um sich abermals für acht Jahre aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Sein zweites Comeback mit Iron Man 3 war erneut triumphal: Mit seinem mutigen Ansatz öffnete er Tür und Tor für weitere Regieexperimente im Marvel Cinematic Universe. Es folgte noch der geniale The Nice Guys, bevor er mit Predator: Upgrade grandios scheiterte. Von diesem Schock scheint er sich bis heute nicht ganz erholt zu haben, denn bei seinem dritten Comeback geht er keine Risiken ein, sondern vertraut nur auf seine Markenzeichen.
Shanes Checkliste
Play Dirty basiert auf den hierzulande eher unbekannten Parker-Romanen von Donald E. Westlake, die er bis 2008 unter dem Pseudonym Richard Stark veröffentlichte. Bislang wurden sechs dieser Romane verfilmt, wobei die bekanntesten wohl Point Blank (1967), Payback (1999) und Parker (2013) sind. Wie schon bei Iron Man 3 macht er sich die Vorlage zu eigen. Doch sein Humor passt nur bedingt in diese von Gewalt und Rache geprägte Welt, und seine wiederkehrenden Elemente dienen eher dem Selbstzweck als der Geschichte. Beispielsweise spielt das übliche Weihnachtssetting für die Geschichte keine Rolle: Es trägt weder zur Atmosphäre bei noch schafft es einen Kontrast zur kalten, zynischen Gangsterwelt. Er hebt sich damit noch nicht einmal vom digitalen Einheitslook der Prime-Produktionen ab. Diese Herangehensweise spiegelt sich ebenfalls in der Figurengestaltung und den Dialogen wider.
Flachpfeifen statt Pfadfinder
Black hat eigentlich ein Händchen für Charakterdynamiken, doch dieses wichtige Element fehlt völlig. Stattdessen gibt es nur Witzfiguren oder Sprücheklopfer, die alles auf die leichte Schulter nehmen. Und warum auch nicht? Eine Schusswunde bremst sie kaum aus und erst wenn sie nackt an ein Ventil gefesselt werden, wirken sie für einen Moment verletzlich. Da hilft es auch nicht, dass sie uns die Bedrohung ständig eintrichtern, wir fiebern nicht mit ihnen mit und ihre finale Konfrontation erzielt nicht die beabsichtigte Wirkung.
Die Wahl der Darsteller:innen verstärkt diese Distanz. Wenn Parker nach großen Einführungsworten zum ersten Mal aus dem Schatten tritt oder eine an Skyfall erinnernde Titelsequenz bekommt – unterlegt mit einem Bond-ähnlichen Score von Alan Silvestri – weckt das Erwartungen, die Mark Wahlberg nicht erfüllen kann. Er funktioniert in den Actionszenen, doch ihm fehlt das Charisma eines Lee Marvin, Mel Gibson oder Jason Statham. Im Vergleich zu seinen Vorgängern überzeugt er nicht als eiskalter Einzelgänger, da er – genau wie sein Gegenspieler Toni Shalhoub – kaum Bedrohlichkeit ausstrahlt.
Die Besetzung des Komikers Keegan-Michael Key als Gangster zementiert den Eindruck fehlender Ernsthaftigkeit: Er und der Rest von Parkers Bande sollen Profis sein, verhalten sich aber wie Kinder. Wie es besser geht, zeigt der Beginn: Dort arbeitet Parker mit einer Crew zusammen – unter anderem dargestellt von Thomas Jane und Sebastian Carr –, die genau diese fehlenden Aspekte mitbringt und sogar ohne große Einführung als Gruppe funktioniert.

Einzig Lakeith Stanfield als Grofield und Rosa Salazar als Zen dürfen im Laufe der Geschichte mehr Facetten zeigen und heben sich damit positiv vom Rest des Ensembles ab. Aber selbst ihnen gelingt es nicht, eine überzeugende Verbindung zu den anderen Charakteren aufzubauen oder die mit bemühtem Humor aufgeladenen Dialoge authentisch rüberzubringen.
Action hat er nicht verlernt
Sobald Action einsetzt, findet Black schnell zu alter Stärke zurück. Besonders beeindruckend ist die Pre-Credit-Szene, die geschickt mit der Erwartungshaltung des Publikums spielt und mit einer einfallsreichen Verfolgungsjagd auf einer Rennbahn aufwartet. Beim zweiten Überfall auf einen Zug funktioniert diese Vorgehensweise ebenfalls noch gut, weil aus dem Gegensatz zwischen Planung und Ausführung ein eindrucksvolles Chaos, mit sichtbaren Effekten, entsteht. Der dritte Überfall verläuft hingegen zu vorhersehbar: Das Prinzip ist inzwischen durchschaut und den Twist kennt man aus vielen anderen Heist-Filmen. In Sachen Gewalt übertreibt er ebenfalls. Die Schießereien sind gut inszeniert, aber spätestens nach dem zehnten Kopfschuss verlieren sie an Wirkung. Er täte gut daran, bei seinem nächsten Projekt den eigenen Regelkatalog aufzubrechen, um so sein Publikum wieder zu überraschen.
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Unser Fazit zu Play Dirty
Weniger Shane Black wäre bei Play Dirty mehr gewesen. Auf der einen Seite wertet seine Regie die typische Streaming-Ware auf. Andererseits lassen er und seine Co-Autoren sich zu wenig auf das Ausgangsmaterial ein und drücken diesem auf Biegen und Brechen ihre eigenen Stempel auf. Das funktioniert in den Actionszenen gut, im Zusammenspiel der Figuren jedoch nicht. Herausgekommen ist dennoch ein solides Spektakel mit stimmigem Score, das kurzfristig unterhält, auf lange Sicht jedoch wohl in Vergessenheit gerät.
Play Dirty ist ab dem 1. Oktober auf Prime Video zu sehen.
Stefan ist in der Nähe von Wolfenbüttel beheimatet, von Beruf Lehrer und arbeitet seit Mai 2024 bei Filmtoast mit. Seit seiner Kindheit ist er in Filme vernarrt. Seine Eltern haben ihn dankenswerterweise an Comics und Disneyfilme herangeführt. Bis zu seinem 8. Lebensjahr war es für ihn nicht nachvollziehbar, wie man Realfilme schauen kann. Aber nach der Sichtung des Films Police Academy und natürlich der Star Wars- Filme hat sich das geändert. Natürlich waren in seiner Kindheit auch die Supernasen, die Otto- und Didifilme Pflichtprogramm, denn worüber sollte man sonst mit den Anderen reden? Deswegen mag er einige dieser Filme bis heute und schämt sich nicht dafür.
Stefan setzt sich für die Erhaltung der Filmwirtschaft ein. Sei es durch Kinobesuche, DVD/ Blu- Ray/ UHD oder Streaming, je nach dem welches Medium ihm geeignet erscheint. Sein filmisches Spektrum und seine Filmsammlung hat sich dadurch in den letzten 30 Jahren deutlich erweitert, weswegen er sich nicht auf ein Lieblingsgenre festlegen kann.

