Josef Mengele, der „Arzt von Auschwitz“, steht wie kaum ein anderer für die Grausamkeit der NS-Verbrechen. Kirill Serebrennikov erzählt in Das Verschwinden des Josef Mengele nicht von dessen Taten im Lager, sondern von den Jahren der Flucht und Selbsttäuschung in Südamerika. Entstanden ist ein beklemmendes Porträt eines Mannes, der nie zur Rechenschaft gezogen wurde und doch unaufhörlich vor sich selbst davonläuft.
Darum gehts in Das Verschwinden des Josef Mengele
Das Verschwinden des Josef Mengele basiert auf dem Tatsachenroman von Olivier Guez und rekonstruiert die Fluchtjahre des berüchtigten NS-Arztes Josef Mengele nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Mengele, berüchtigt wegen seiner grausamen Experimente im Lager Auschwitz, gelingt mithilfe eines Netzwerks aus Unterstützern und finanzieller Rückendeckung durch seine Familie, unterzutauchen. Er lebt unter falschen Namen in Argentinien, wechselt über Paraguay nach Brasilien, wo er zunehmend gezeichnet von Krankheit, Alter und Isolation ein Leben im Schatten führt.

Eine atmosphärische Inszenierung
Regisseur Kirill Serebrennikov wählt für diese Geschichte eine optische und narrative Distanz, die oft beklemmend wirkt. Die Schwarz-Weiß-Ästhetik dominiert weite Strecken, setzt Mengele in Kontraste: Licht und Schatten, Sichtbares und Verborgene. Diese Technik ist nicht neu. So denkt man an der einen oder anderen Stelle an Filme wie Schindlers Liste. Der hier gesehene Film erzeugt Szenen, in denen er zwischen Filtern seiner Umgebung navigiert, wirken wie stumme Gebete seiner Selbsttäuschung, untermalt von zunehmend brüchiger Stimme und körperlicher Verfassung. Die Kameraarbeit (Vladislav Opelyants) inszeniert Mengele oft in weiten Einstellungen, isoliert im Raum – mal größer und mal kleiner – oder unter den Blicken der Umgebung – und jener, die ihn suchen.
Der Rhythmus des Films ist angemessen: Keine hektischen Actionszenen, keine heroischen Momente. Stattdessen lange Beobachtungen, stilles Leiden, Untertöne von Angst und Vermeidung. Wenn Dialoge geschehen, sind sie geladen — ein Sohn, der Fragen stellt; eine Familie, die schweigt oder bagatellisiert. Ein Moment, der besonders auffällt, ist das Wiedersehen mit Sohn Rolf in Brasilien: ein Treffen fast ohne Worte, voll Spannung und Schuld. Was aber immer bleibt, ist der abscheuliche Rassismus des Josef Mengele, der unter vielen Namen im Film zu sehen ist.
Starkes Schauspiel
August Diehl ist hier in einer absoluten Paraderolle zu sehen. Er trägt den Film qua seiner Aura, insbesondere seiner Mimik. Zudem spielt Diehl die Rolle des Mengele über eine Zeitraum von Jahrzehnten. Der Film beginnt 1956 und endet mit dem Tod im Jahr 1979. Einzig ein paar Rückblenden zeigen sein brutales Wirken in Auschwitz. Im Laufe dieser Jahrzehnte zeigt Diehl einen Wandel, den Verfall und die Selbstrechtfertigung der Taten. Wer daran glaubt, dass dieser jemals Reue empfindet, wird enttäuscht werden.
Das sensationelle Schauspiel wird dankenswerterweise nicht durch Sensationslust gebremst. Somit kann Diehl sein Schauspiel frei von Effekten vortragen und sich entfalten. Mehr denn je schwebt aber die drückende Frage, wie jemand weiterlebt, der solch ein unfassbares Leid verursacht hat, über die gesamte Laufzeit in den Köpfen der Zuschauer. Als Katalysator dieser Frage wirkt dann Mengeles Ankunft in München und Günzburg im Jahre 1956 zu einem Familienbesuch: Er reist wie selbstverständlich in die Bundesrepublik Deutschland ein. Und später wieder aus. Was bleibt ist wütende Verwunderung. Ein „Warum“?

Schwarz-Weiß als Stilmittel
Die schwarz-weiße Optik mit gelegentlichen Farbtupfern funktioniert als Spiegel von Erinnerung, Schuld und Verdrängung. Die Orte der Verfolgung und das Untertauchen. Ein Dschungel und die Städte sind im Film alle Teil eines labyrinthischen Wegs, an dessen Ende kein großer Schluss liegt. Diese Inszenierung trägt perfekt dazu bei, dass man den paranoiden Zerfall eines einst so selbstbewussten und arroganten Nazis in seiner vollständigen Pracht entblößt. Auch die Kamera macht es einem leicht, in dieser drückenden und düsteren Atmosphäre ebenfalls paranoid zu werden. Gerade die ersten Minuten einer erneuten Flucht lösen ein Gefühl des Unwohlsein beim Zuschauer aus.
Doch nicht alles läuft Rund
Das Verschwinden des Josef Mengele spannt einen großen zeitlichen Bogen. Das ist nichts Neues, aber hier nicht immer optimal umgesetzt. Gerade die ersten rund zwanzig Minuten und im weiteren Verlauf immer mal kleinere Abschnitte wirken zu schnell getaktet. Zu hektisch. Ob es an der Flucht liegt? Gut möglich. Aber zu viele schnelle Szenen und Ortswechsel waren noch nie dienlich. Durch diese Ausdehnung bleiben einige Szenen, Stationen und Entwicklungen skizzenhaft. Auch die inneren Beweggründe Mengeles bleiben so ab und an nur befriedigend ergründet. Ebenso leidet das Tempo ein wenig unter dieser Breite. So gibt es Strecken in denen für Minuten in der Beobachtung verweilt wird, wie etwa bei Mengeles Isolation. Manche Szenen hätten durch Straffung mehr Dynamik erhalten.
Antisemitismus in Reinform
Die wahrscheinlich am schwersten zu ertragenen Szenen sind aber nicht der Verfall oder die vielen einzelnen Fluchten. Es ist vielmehr die Reinform des Antisemitismus. Wir hören und sehen über die gesamte Laufzeit einen Josef Mengele, alias Gregor, alias Pedro, wie er die Verbrechen gegen die Juden damit begründet, eine Mücke ja auch zu zerquetschen, wenn diese uns sticht.
Immer wieder werden wir Ohrenzeugen von weiteren abscheulichen Vergleichen zwischen Tierwelt und Juden. Und es werden die typischen Verschwörungen ausgespielt. In diesen Szenen spürt man am besten, dass hier niemals eine Reue zu erkennen sein wird. Und gerade diese Monologe sind brutal und teilweise nur schwer zu verdauen, und machen diesen Film nicht zu einem Unterhaltungswerk für einen Samstagnachmittag. Auf diese Art von Leinwand-Porträt muss man sich einlassen können – und wollen.

Am Ende der Tod, und nun?
Es ist kein Geheimnis, dass sich Josef Mengele nie juristisch verantworten musste. Im Film wird er ins offene Meer in Brasilien gejagt, und stirbt dort. Im Abspann wird dem Zuschauer mitgeteilt, dass Josef Mengele unter falschem Namen in Embu, Brasilien beigesetzt wurde. Am 21. Juni 1985 ergaben Ermittlungen der Polizei Sao Paulo’s, dass das Skelett in Embu zu Mengele gehört. Im Jahr 1992 wurde diese Annahme durch DNA-Analysen bestätigt.
©DCM/Lupa Film, CG Cinema, Hype Studios
Unser Fazit zu Das Verschwinden des Josef Mengele
Das Verschwinden des Josef Mengele ist keine einfache Kost. Der Film fordert den Zuschauer heraus mit Fragen, die bleiben: nach Verantwortung, Erinnerung, nach Täterschaft auch jenseits des Krieges. Serebrennikov gelingt es, aus dem Stoff ein bedrückendes Portrait über den berüchtigten NS-Arzt zu machen, der versucht, sich zu verstecken – nicht nur vor der Welt, sondern auch vor sich selbst. Trotz seiner gewissen Länge überwiegt was der Film leistet: Einen Beitrag zur Aufdeckung eines Verbrechens ohne direkte Schockszenen. Vielmehr mit Schatten und Schweigen auf eine eindrückliche brutale und stille Art.
Im Film heißt es: „Die Vergangenheit existiert nicht.“ Dieser Film ist der perfekte Gegenbeweis.
Das Verschwinden des Josef Mengele läuft hierzulande ab dem 23. Oktober in den Kinos.
Pascal, Jahrgang 1998, lebt an der malerischen Nordsee und ist seit Ende 2024 Teil von Filmtoast. Er bringt dort seine Leidenschaft für Film und Serie ein – mit einem besonderen Fokus auf die handwerklichen Aspekte: Schnitt, Ton, Musik und Schauspiel stehen für ihn im Zentrum der Betrachtung. Beruflich ist Pascal als Kaufmann in der (Tiefkühl-)Logistik tätig, wo Struktur und Präzision genauso zählen wie in der Welt des Films. Serien wie House of Cards, The Morning Show und Infiltration gehören zu seinen Favoriten, während sein Filmspektrum von Blockbustern wie Inception und Star Wars bis hin zu Arthouse- und Independent-Produktionen reicht. Besonders beeindruckt hat ihn 1917, insbesondere in Bezug auf Schnitt und Kameraarbeit. Und wenn es um Soundtracks geht, steht für Pascal Hans Zimmer – allen voran mit seiner Komposition für Interstellar – ganz oben auf der Liste.
