Seid ihr auf der Suche nach einem netten Restaurant irgendwo im Nirgendwo? The Last Stop in Yuma County lockt mit leckerem Rhabarberkuchen und blauen Bohnen. Reicht das für eine gute Bewertung auf Yelp?

Die Inhaltsangabe von The Last Stop in Yuma County
Eine Tankstelle in einem fast verlassenen Wüstenkaff hat kein Benzin mehr. Den Kunden bleibt nichts anderes übrig, als im angeschlossenen Diner auf den Tankwagen zu warten, denn die nächste Tankstelle ist 100 Meilen entfernt. So treffen dort die Kellnerin Kelly (Jocelin Donahue), ein Handelsvertreter für Küchenmesser (Jim Cummings) und zwei flüchtige Bankräuber (Richard Brake; Nicholas Logan) unfreiwillig aufeinander. Als weitere Gäste dazustoßen, droht die bereits angespannte Situation völlig außer Kontrolle zu geraten.
Ist das noch Punkrock?
Regisseur und Autor Francis Galluppi war ursprünglich Schlagzeuger in verschiedenen Punkbands und hat – untypischerweise für diese Stilrichtung – eine Musikhochschule besucht. Ein gebrochenes Handgelenk führte zum Wechsel zu einer anderen Kunstform. Statt aufs Schlagzeug einzudreschen, drehte er Kurzfilme. Das nötige Know-how eignete sich der Ex-Musiker über Youtube und durch das Analysieren unzähliger Filme an. Bei dieser Herangehensweise fallen sofort Parallelen zu einem anderen filmverrückten Autodidakten auf: Es ist daher nicht verwunderlich, dass Galluppi sich auch inhaltlich an Quentin Tarantinos Werken orientiert.
Genau wie beim Vorbild spiegeln sich filmische Einflüsse in dem Erstlingswerk wider. So findet man unter anderen im heißen Sand von Yuma County die Fußspuren von Hitchcock, Peckinpah, der Cohen-Brüder – und natürlich Tarantino. Das geht sogar so weit, dass es keine eigens komponierte Musik gibt, sondern nur diegetisch eingesetzte Popmusik aus den 70ern. Selbst Schriftart und Farbton der End Credits erinnern an Reservoir Dogs. Auch wenn einige dieser eingebrachten Elemente forciert wirken – ein Charakter zitiert zum Beispiel sinnlos Filme – und die eigene Handschrift noch nicht zu erkennen ist, ergibt sich aus dem ganzen Potpourri von Einflüssen trotzdem etwas Neues. Vielleicht ist dies ein Grund, warum Sam Raimi ihn als Regisseur für einen kommenden Ableger des Evil Dead– Franchise ausgewählt hat.
Hitchcocks Bombenidee
Die Grundidee von The Last Stop in Yuma County ist eine Variation von Hitchcocks berühmter Suspense-Theorie. Die Zuschauer:innen wissen zwar von einer Bombe unter dem Tisch, aber die Spannung generiert sich aus dem fehlenden Wissen des Explosionszeitpunkts. Der Tisch ist hier ein Diner und für Bombenstimmung sorgen zwei gewaltbereite Bankräuber, die sich wortwörtlich aus dem Staub machen wollen; leere Tanks und ein verunglückter LKW voller Kraftstoff. Die Situation ist perfekt konstruiert; aus dem Wissen der unausweichlichen Eskalation ergibt sich die Spannung. Dabei ist vor allem die Struktur des Drehbuchs bemerkenswert: Erzählerische Ausschweifungen werden ausgespart, die Charaktere auf ein nötiges erzählerisches Minimum reduziert.
Die gut gecasteten Schauspieler:innen stellen ihre puristischen Figuren glaubhaft dar und haben – bestimmt nur rein zufällig – mit den Cohens bzw. Tarantino zusammengearbeitet oder passen zumindest rein äußerlich in deren Filmkosmos. Nur im Falle der männlichen Hauptfigur wird auf den Kollegen Jim Cummings gesetzt – selbst Autorenfilmer im Independent-Bereich (Thunder Road; Der Wolf von Snow Hollow). Dementsprechend müssen sich die Charaktere mit bereits bestehenden Ikonen messen und ziehen dabei den Kürzeren, da sie weder eine besondere Persönlichkeit haben noch unverwechselbare Attribute aufweisen. Die Bedrohung knapp 90 Minuten aufrechtzuerhalten, gelingt nur mit Abstrichen, sodass es im zweiten Drittel zu kleinen Längen kommt. Andere Regisseure würde das mit erzählerischen Spielereien überbrücken. Dadurch verpufft leider teils eine Wende, die überraschend mit erzählerischen Gewohnheiten brechen soll.

Unser Fazit zu The Last Stop in Yuma County
Mit The Last Stop in Yuma County zeigt Autodidakt Francis Galluppi viel Chuzpe. Statt sich langsam ans Medium heranzutasten, produziert er mit wenig Geld ein Werk, das sich nicht nur deutlich an bekannten Regisseuren orientiert, sondern gar den Vergleich nicht scheut. Dabei wird deutlich, dass er die grundlegenden Mechanismen für gute Filme verinnerlicht hat. Die staubige, schwüle Atmosphäre von Arizona wird mit passenden Bildern und Musik in die Wohnzimmer transportiert, die Anspannung im Diner ist spürbar. Trotzdem fehlt es (noch) etwas an inszenatorischer Eigenständigkeit, um nicht ständig an bessere Vorbilder zu erinnern.
The Last Stop in Yuma County ist ab dem 15.11.2024 im Heimkino erhältlich.
© Pandastorm Pictures
Stefan ist in der Nähe von Wolfenbüttel beheimatet, von Beruf Lehrer und arbeitet seit Mai 2024 bei Filmtoast mit. Seit seiner Kindheit ist er in Filme vernarrt. Seine Eltern haben ihn dankenswerterweise an Comics und Disneyfilme herangeführt. Bis zu seinem 8. Lebensjahr war es für ihn nicht nachvollziehbar, wie man Realfilme schauen kann. Aber nach der Sichtung des Films Police Academy und natürlich der Star Wars- Filme hat sich das geändert. Natürlich waren in seiner Kindheit auch die Supernasen, die Otto- und Didifilme Pflichtprogramm, denn worüber sollte man sonst mit den Anderen reden? Deswegen mag er einige dieser Filme bis heute und schämt sich nicht dafür.
Stefan setzt sich für die Erhaltung der Filmwirtschaft ein. Sei es durch Kinobesuche, DVD/ Blu- Ray/ UHD oder Streaming, je nach dem welches Medium ihm geeignet erscheint. Sein filmisches Spektrum und seine Filmsammlung hat sich dadurch in den letzten 30 Jahren deutlich erweitert, weswegen er sich nicht auf ein Lieblingsgenre festlegen kann.

