Für ihr letztes Katz-und-Maus-Spiel bekamen die zwei felligen Feinde gleich mehrere Nominierungen für die Goldene Himbeere. Droht uns mit Tom und Jerry: Der verlorene Kompass nun das nächste filmische Ärgernis der Kult-Charaktere? Hier erfahrt ihr, ob uns die beiden am Ende für die Blumen danken oder unseren Text wutentbrannt in Stücke reißen.
Der verlorene Kompass – Darum geht’s
Das ikonische Kater-Maus-Duo geht auf Zeitreise und setzt seine Jagd im alten China fort. Der Animationsfilm bietet versierten Tom-und-Jerry-Fans zahlreiche Referenzen auf die bekannte Kultzeichentrickserie und neuen, jungen Fans halsbrecherischen Slapstick in rasantem Tempo. Auf ihrer Reise stellt sich schnell die Frage, ob die Dauerrivalen Tom und Jerry ihren ewigen Zwist beiseitelegen und zusammenarbeiten können

Gegensätze ziehen sich an
Manchmal spielt das Leben mit dir gern Katz und Maus, immer wird’s was geben, einer der trickst dich aus. Wer wüsste das besser als Tom und Jerry, die sich seit über achtzig Jahren munter durch die Gegend jagen. Ihre Beliebtheit liegt im einfachen Konzept: Man nehme zwei Gegensätze und lasse sie gnadenlos aufeinander einprügeln. In kurzen Episoden bekommen sie ordentlich was auf die Omme, werden geplättet oder in Behältnisse verfrachtet, die eigentlich nicht genug Volumen für ihre Proportionen bieten.
Doch wo der Geist keine Gnade kennt, braucht es wenigstens einen nachgiebigen Körper. Bei einem Schlag auf den Kopf sehen sie nur kurz Sterne; ist mal wieder die Luft raus, können sie sich einfach wieder aufpumpen, und Platz finden sie auch in der kleinsten Hütte. Ihre Flexibilität macht sich die chinesische Produktion Tom und Jerry: Der verlorene Kompass nun zunutze und integriert sie in eine Story, in der eigentlich keinen Platz für sie ist.
Das Eckige im Runden
Dabei meine ich nicht, dass sie nun computeranimiert sind; auch ihr Umzug ins alte China ist kein Problem, denn die beiden waren schon früher in historischen Epochen unterwegs. Selbst gegen Geister, Hexen und Außerirdische mussten sie sich bereits zur Wehr setzen, da stört es auch nicht, dass sie diesmal in die chinesische Fabelwelt hineingezogen werden.
Trotzdem sind sie die Fremdkörper in ihrem eigenen Film. Die Welt um sie herum folgt nicht ihren Regeln. Das tierische- (Alp)Traumpaar sind daher die Einzigen, die nach der klassischen Cartoon-Logik funktionieren. Kein anderer Charakter hat Herzen in den Augen, wenn er verliebt ist, oder kann seinen Körper deformieren. Dankenswerterweise kam man nicht auf die Idee, Tom und Jerry ihre Probleme ausdiskutieren zu lassen. Doch da nur sie nonverbal kommunizieren, ergibt sich beim Zusammentreffen mit den anderen Charakteren kein stimmiges Gesamtbild.

Mac und Guffin
Ebenso wenig Platz haben sie in der eigentlichen Geschichte. Primär geht es um den Phoenix-Meister, der vor Hunderten von Jahren auf die Erde verbannt wurde. Dummerweise benötigt er für seine Rückkehr in den Himmel einen verschollen geglaubten Kompass. Sein Widersacher Mega-Rat ist ebenfalls hinter dem Relikt her, weil er mit dessen Hilfe die Herrschaft über die goldene Stadt erlangen möchte. Tom und Jerrys Aufgabe besteht letztendlich nur darin, den MacGuffin in die Handlung einzubringen.
Nachdem sie in China angekommen sind, weiß Regisseur und Autor Zhang Gang nicht recht, was er mit ihnen anfangen soll, und drängt sie – besonders gegen Ende – immer mal wieder aus der Geschichte. Ansonsten feuern sie ihre hinlänglich bekannten Comedy-Routinen ab. Diese sind nett anzusehen, besonders wenn Tom mal wieder als Alltagsgegenstand missbraucht oder von einer Harfe zerteilt wird. Die Kreativität und Dynamik früherer Tage darf man jedoch nicht erwarten. Alterungsprozesse lassen sich wohl auch im Cartoon nicht aufhalten.
Wo Kulturen kollidieren
Den Grund für den Clash der Kulturen kann man wohl nicht nur damit erklären, dass Zhang Gang schon immer mit dem ungleichen Duo zusammenarbeiten wollte. Vielmehr wirkt das Ganze wie ein Marketingstunt, um Eltern, die Tom und Jerry aus der Kindheit kennen, gemeinsam mit dem Rest der Familie ins Kino zu locken.
Ihren Kindern dürften Tom und Jerry dagegen herzlich egal sein – sie würden wohl lieber ein zweites Mal in den Super Mario Galaxy-Film gehen, als sich auf den Nostalgietrip ihrer Eltern einzulassen. Zhang Gang ist sich dessen bewusst und tut alles, um die eigentliche Zielgruppe – Kinder zwischen sechs und zehn Jahren – zu unterhalten. Es gibt ordentlich Eyecandy, viel Action, nette Popsongs und eine Rap-Einlage, die Boomern das Wort „Cringe“ entlocken wird. Besonders gelungen sind dabei ein Kampf auf einem trojanischen Tom sowie eine Befreiungsaktion im Hauptquartier der Ratten.

Die Geschichte – darin dürften sich alle Generationen einig sein – interessiert kaum; sie dient lediglich dazu, das bunte Geschehen mehr oder weniger sinnvoll miteinander zusammenzuklammern. Das Setting mag für westliche Verhältnisse abgedreht sein, doch die allseits bekannte Storystruktur mit ihren generischen Charakteren wird wohl kein Kind, das mehr als einen Film gesehen hat, überraschen oder verzücken. Eltern, die wegen Tom und Jerry mit ihren Sprösslingen ins Kino gegangen sind, werden vermutlich die kurze Auszeit mehr genießen als den Film und sich dabei hoffentlich an das deutsche Titellied von Udo Jürgens erinnern: „Es blühen Herbstzeitlosen, sagen tröstend zu mir: Was macht das schon, wenn ich einmal verlier?“
© 24Bilder/ Splendid Film
Unser Fazit zu Tom und Jerry: Der verlorene Kompass
Falls es noch Hardcore-Fans von Tom und Jerry gibt, würden diese nach der Sichtung wohl vor den Verantwortlichen den mitgebrachten Blumenstrauß zertreten, das Drehbuch zerreißen und ihnen die selbstgebackene Torte ins Gesicht drücken. Ihre lieben Kleinen dagegen werden nicht verstehen, warum Mama oder Papa sich nicht an den bunten Bildern und der Action erfreuen können. Nur eines haben beide gemeinsam: Nach einer Woche wird sich niemand mehr an Tom und Jerry: Der verlorene Kompass erinnern – dazu ist das Ganze, trotz abgedrehtem Setting, zu generisch.
Stefan ist in der Nähe von Wolfenbüttel beheimatet, von Beruf Lehrer und arbeitet seit Mai 2024 bei Filmtoast mit. Seit seiner Kindheit ist er in Filme vernarrt. Seine Eltern haben ihn dankenswerterweise an Comics und Disneyfilme herangeführt. Bis zu seinem 8. Lebensjahr war es für ihn nicht nachvollziehbar, wie man Realfilme schauen kann. Aber nach der Sichtung des Films Police Academy und natürlich der Star Wars- Filme hat sich das geändert. Natürlich waren in seiner Kindheit auch die Supernasen, die Otto- und Didifilme Pflichtprogramm, denn worüber sollte man sonst mit den Anderen reden? Deswegen mag er einige dieser Filme bis heute und schämt sich nicht dafür.
Stefan setzt sich für die Erhaltung der Filmwirtschaft ein. Sei es durch Kinobesuche, DVD/ Blu- Ray/ UHD oder Streaming, je nach dem welches Medium ihm geeignet erscheint. Sein filmisches Spektrum und seine Filmsammlung hat sich dadurch in den letzten 30 Jahren deutlich erweitert, weswegen er sich nicht auf ein Lieblingsgenre festlegen kann.

