Matthew Rhys hat mit The Americans ganz dicke Serienbretter gebohrt und zuletzt auch in The Beast in Me bewiesen, dass er es in der seriellen Erzählform weiterhin drauf hat. Jetzt kommt die neue Serie Widow’s Bay mit dem Darsteller zu Apple TV und wir fragen uns: Knüpft Rhys an beste Zeiten an?
Darum geht’s in Widow’s Bay
Widow’s Bay ist eine malerische Inselstadt 40 Meilen vor der Küste von Neuengland. Aber etwas lauert unter der Oberfläche. Bürgermeister Tom Loftis (Matthew Rhys) ist verzweifelt, seine strauchelnde Gemeinde wiederzubeleben. Es gibt kein WLAN, lückenhaften Mobilfunkempfang und er muss sich mit abergläubischen Einheimischen auseinandersetzen, die glauben, dass ihre Insel verflucht ist. Er möchte, dass diese Leute ihn respektieren. Das tun sie nicht. Sie halten ihn für weich und feige. Und er ist es. Aber Loftis ist entschlossen, seinem Sohn im Teenageralter eine bessere Zukunft aufzubauen und die Insel in ein Touristenziel zu verwandeln. Wie durch ein Wunder gelingt es ihm: Touristen kommen endlich. Leider hatten die Einheimischen Recht. Nach Jahrzehnten der Ruhe beginnen die alten Geschichten, die zu lächerlich schienen, um wahr zu sein, wieder zu passieren.

Die Zutaten sind wild – macht was draus!
Seit 2019 nun auf dem Markt, ist Apple TV doch inzwischen im Streaminggeschäft etabliert und kann auf Originals im niedrigen dreistelligen Bereich verweisen. Unter all den Stoffen gibt es jedoch nicht allzu viel, was in irgendeiner Form in Richtung Horror geht. Die Shyamalan-Show Servant ist mit Sicherheit dann noch die Serie, die am meisten Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte, aber sowohl die King-Adaption Lisey’s Story als auch Before mit Billy Crystal gingen sang- und klanglos unter. Dabei beweisen doch andere Streaming-Konkurrenten in Regelmäßigkeit, wie fruchtbar der Horror-Boden heute noch immer ist.
Auf dem Papier wird einem nun also Widow’s Bay zumindest mal als weiterer Genre-Eintrag verkauft, wobei auch da schon deutlich herausgestellt wird, dass man hier nun eher auf die leichter zugänglichere Form eines Hybriden aus Horror und Comedy setzt. Und in der Tat ist es schon oft gelungen, Grusel mit Lachen unter einen Hut zu kriegen, ohne dass sich die beiden Gegensätze gegenseitig aufgefressen hätten.
Jetzt sind die Zutaten dieser Produktion auf jeden Fall aber schon mal wild – und zeugen einmal mehr von Apple’s Wagnisbereitschaft: Mit Katie Dippold zeichnet eine Showrunnerin verantwortlich, die vor allem durch Comedy-Autorenschaft bislang auffiel. Immerhin hat sie nach ihren Arbeiten an The Heat oder Spy, jeweils mit Melissa McCarthy, mit der neuen Disney-Verfilmung zu Haunted Mansion schon einen Gehversuch in der Kombination der beiden Geschmacksrichtung gewagt – nur eben mit mehr als dürftigem Anklang.
Dann aber sind hier gleich mehrere Regisseure für Einzelfolgen an Bord, die doch noch mehr für Neugier sorgen dürften: Der Schöpfer der X-Trilogie Ti West ist genauso dabei wie ein Hiro Murai, der mit seinem speziellen Humor kongenial Atlanta mit Childish Gambino zum Hit machte, aber auch ein Andrew Young, der wiederum an Our Flag Means Death oder The Chair Company mitarbeitete. Viel unterschiedliche Expertise, aber wie kommen all diese Einflüsse denn nun in einer Serie zusammen, bei der pro Folge nur immer gut 30 Minuten zur Verfügung stehen?
Schon was anderes – irgendwie
In der Tat ist es schwierig, Widow’s Bay zu greifen oder irgendwie einzuordnen. Im Kern reiht sie die neue Serie bei den Geschichten von kleinen, meist abgelegenen Ortschaften, in denen Mysteriöses vor sich geht, ein. Die ganze Serie spielt im titelgebenden Örtchen auf der Insel fernab vom Schuss, sowohl die Haupthandlung als auch die episodischen kleineren Nebengeschichten fokussieren sich auf ein überschaubares Kernensemble von Einheimischen, die jeweils (genretypisch) durch die Bank weg Marotten haben und irgendwo zwischen skurril und liebenswert zu charakterisieren sind. Das betrifft allen voran natürlich unseren Hauptcharakter, den Matthew Rhys in einer für ihn doch ungewohnt leicht verpeilten Weise verkörpert. Doch überzeugend macht der Star aus The Americans das allemal.
Viel interessanter, weil noch mehr charmant-überzeichnet sind jedoch die anderen Figuren aus dem Hauptcast. Vor allem Kate O’Flynn ist ein echter Scene-Stealer, während Stephen Root erneut nur wenige Momente braucht, damit man ihn als schrulligen Eigenbrötler ins Herz schließt. Über die ein oder andere kleine Gastrolle soll besser vorab nicht zu viel verraten werden, aber Apple TV lässt sich bekanntlich hierbei nicht lumpen…
Seemanns Garn und ein Hauch von echtem Grusel
Während die abgelegene kleine Insel bestimmt den ein oder anderen an sowas wie Shutter Island erinnern wird, so ist Widow’s Bay doch insgesamt selten wirklich gruselig. Man spielt mit dem ein oder anderen Jump Scare – mal mehr, mal weniger erfolgreich -, verwendet typische Spannungsmusik und hält sich mit Anspielungen an Genre-Klassiker auch nicht wirklich zurück. Doch der Kompaktheit der Folgen und der Inszenierungssicherheit der Regisseure zum Dank, ist die Serie trotz vieler vermeintlich bekannter Versatzstücke erstaunlich kurzweilig und bisweilen dann sogar doch überraschend.
Peu à peu wird hier der Vergangenheit auf die Spur gegangen und die Wahrheit herausgefunden. Das mitzuverfolgen macht doch wirklich Spaß, weil die Gags größtenteils sitzen und dabei die gruselige Grundstimmung nicht in Mitleidenschaft gezogen wird.

Netflix hat zuletzt zwei Serien released, die dem Feeling von Widow’s Bay gar nicht so unähnlich sind. Das Mystery-Element hier spielt sich doch sehr ähnlich wie in Something Very Bad Is Going To Happen aus und das Setting und die Verschrobenheit des dörflichen Lebens erinnern an How To Get To Heaven From Belfast – wenngleich die Neuengländer natürlich niemals so schrullig sein können wie die Nordiren. Als Anhaltspunkte, ob diese Apple TV-Serie nun etwas für einen sein kann, sind die beiden Referenzen gut geeignet. Wie es sich aber in diesem Fall im Verlauf der zehn Folgen entwickelt und ob das Pendel am Ende eher Richtung Horror oder Comedy ausschlägt, das müsst ihr selbst herausfinden – aber es lohnt sich!
© Apple TV
Unser Fazit zu Widow's Bay
Widow's Bay ist ein kleingehaltener, aber doch effektiv umgesetzter Genre-Hybrid aus Gruselgeschichte und schwarzer Comedy mit einem bestens aufgelegten Cast und einigen raffinierten Inszenierungseinfällen. Die Stimmung überwiegt zwar alles in allem die Originalität, aber dank der kurzweiligen Laufzeit sollte man der Miniserie auf jeden Fall eine Chance geben, wenn man gern Geschichten mit schrulligen Figuren und schrägem Humor mag.
Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen. Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern. Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

