Mit Unaufhaltsam steigt ein oscarprämierter Editor in den Regie-Ring. Dessen früherer Chef, Michael Mann, zeigte sich nach der Sichtung begeistert. Schließen wir uns diesem Urteil an?

Die Inhaltsangabe von Unaufhaltsam
Anthony Robles (Jharrell Jerome) ist der erfolgreichste Ringer seiner Schule – obwohl er nur ein Bein hat. Nach seinem Sieg bei den nationalen Highschool-Meisterschaften hofft er auf ein Stipendium an der renommierten Universität von Iowa, einer bekannten Talentschmiede für junge Ringer. Als seine Bewerbung abgelehnt wird, schreibt er sich an der Universität von Arizona ein und kämpft dort in einem anspruchsvollen Auswahlverfahren um seinen Platz im Ringer-Team.
Alles inklusive?
Wie inkludierend darf oder muss Sport sein? Spätestens alle zwei Jahre zu den Olympischen Spielen und den Paralympics wird diese Frage diskutiert. Bei den letzten Sommerspielen in Paris warb das Olympische Komitee für mehr Inklusion. Doch abgesehen von der Eröffnungsfeier gab es kaum Berührungspunkte zwischen beiden Veranstaltungen, obwohl Para-Athlet:innen sich mehr Überschneidungen wünschten. Gemeinsame Wettbewerbe oder gemeinsame Auftakt- und Abschlussveranstaltungen könnten den Paralympics die verdiente mediale Aufmerksamkeit verschaffen und die Leistungen der Athlet:innen stärker würdigen. Zwar nahmen in der Vergangenheit vereinzelt Para-Sportler:innen an den Olympischen Spielen teil. Doch „inklusive“ waren dabei dann nur Diskussionen, ob deren benötigte Hilfsmittel, wie beispielsweise Prothesen, einen unfairen Vorteil darstellen könnten.
Der amerikanische Ringer Anthony Robles kann auch ein Lied davon singen. Da er von Geburt an nur ein Bein hat, zweifelten Viele an seiner sportlichen Leistungsfähigkeit. Trotz oder wegen seines Handicaps – wie Kritiker behaupten würden – gelangen ihm außergewöhnliche Leistungen. Er nutzte seinen höheren Schwerpunkt aus und konnte so die Angriffe seiner Kontrahenten besser parieren. In seiner letzten Saison gewann er alle 36 Kämpfe und krönte sich mit dem Sieg bei den nationalen College-Meisterschaften. Er wurde weltweit bekannt und avancierte zu einem Vorbild für viele junge Menschen.
Jenny ringt mit…
Regieneuling William Goldenberg setzt mit Unaufhaltsam dieser Sportlegende ein filmisches Denkmal. Da ein ganzes Leben schlecht in zwei Stunden Film passt, konzentrieren sich seine Autoren auf die College-Zeit. Autobiografische Werke fallen meisten positiv durch ihre hochkarätige Besetzung auf und das Sportdrama ist keine Ausnahme: Michael Peña, Don Cheadle, Bobby Cannavale und zu guter Letzt Jennifer Lopez sind einige Hochkaräter im Cast.
Die drei Herren – schon oft in Nebenrollen besetzt – haben den Begriff „Supporting Actor“ verinnerlicht. Ob als seelische Stütze, anspruchsvoller Coach oder fieser Stiefvater: sie sind ideal gecastet und bringen die nötige Präsenz mit, selbst wenn sie diese Stereotypen vermutlich im Schlaf verkörpern könnten. Durch ihr unterstützendes Spiel ermöglichen sie Hauptdarsteller Jharrel Jerome eine Spitzenperformance, mit der er dem realen Anthony Robles auf beeindruckende Weise Tribut zollt.
… um Aufmerksamkeit
Jennifer Lopez scheint jedoch nicht ganz verstanden zu haben, wessen Leben hier verfilmt wird und drängt sich als Anthonys Mutter zu sehr in den Vordergrund. Dabei bemüht sich das Drehbuch auffällig, den Zuschauer:innen immer wieder einzuhämmern, wie entscheidend sie für die Erfolge ihres Sohnes gewesen sei. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die gute Jenny in Richtung Oscars schielt, denn ihre Schauspielkollegin Sandra Bullock durfte den Goldjungen für eine ähnliche Rolle in The Blind Side in Empfang nehmen.
Die Zeit, die ihr Handlungsstrang einnimmt, verrückt nicht nur den erzählerischen Fokus, sondern generiert auch erzählerische Lücken, die mit plumpen Dialogen gefüllt werden. So erfahren die Zuschauer:innen beispielsweise in einem Halbsatz, dass Anthony in seiner letzten Saison ungeschlagen blieb – eine Errungenschaft, die deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.
Selbst in den entscheidenden Kämpfen – Anthonys großen Momenten – sorgt die Regie dafür, dass Lopez genug Aufmerksamkeit bekommt. Das geht sogar so weit, dass sie auf der Tribüne als einzige eine weiße Kopfbedeckung trägt, um bei Schnitten auf die Zuschauermassen stets herauszustechen. Ihre darstellerische Leistung als fünffache Mutter in sozial prekären Verhältnissen ist nicht schlecht, doch ihr Spiel ist oft zu gewollt und übertrieben. Ständig kämpft sie mit den Tränen und presst so viele unterschiedliche Gefühlsausbrüche wie möglich in eine Szene. Dabei vergisst sie völlig, dass weniger oft mehr ist.
Bekanntes Regelwerk
Spätestens nach Rocky laufen Sportdramen nach bestimmten Regeln ab. Unaufhaltsam verdeutlicht gleich zu Beginn, dass sein Protagonist wortwörtlich in die Fußstapfen des großen Vorbildes treten will. Durch den angesprochenen Fokuswechsel wird aber der Weg zum Triumph zu wenig vorbereitet, sodass die typischen Jubel-Momente des Genres nicht ihre volle Wirkung entfalten. Der typische Endkampf, die Rivalität der beiden Gegner und das kathartische Moment kommen scheinbar aus dem Nichts.
Das ist sehr schade, denn wenn sich Goldberg innerhalb des Regel-Rings bewegt, liefert er sehr starke Szenen ab. Die obligatorischen Trainingsmontagen und die Ringkämpfe sind überzeugend und packend inszeniert – kein Wunder, denn der echte Anthony Robles stand nicht nur beratend zur Seite, sondern wurde auch als Double eingesetzt. Man möchte sofort von der Couch aufspringen und in der nächsten Muckibude vorstellig werden.
Selbst der abgenutzte kritische Moment, in dem die Träume des Helden zu scheitern drohen, funktioniert wunderbar. Die damit verbundene heroische Rückkehr löst bei uns den gewünschten pawlowschen Reflex aus, sodass die Rocky-Faust unwillkürlich nach oben schnellt. Solange sich konsequent an die Genrekonventionen gehalten wird, dient dies der Atmosphäre und wir sind bereit, in diese Welt einzutauchen – auch mit dem Wissen um die dramaturgische Verzerrung realer Ereignisse.

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Unser Fazit zu Unaufhaltsam
Anders als sein Protagonist steht Unaufhaltsam am Ende nicht als verdienter Champion da. Das liegt weder am schauspielerischen Talent der Darsteller:innen, noch an mangelnder Regiekompetenz oder dem schematischen Ablauf von Inspirations-Kino. Es fehlt die Fokussierung auf die Hauptfigur. Ein Rückbesinnen auf eine schnörkellose Erzählweise nach bekannten Regeln hilft nicht nur den Filmemachern, sondern steigert auch die Attraktivität auf Zuschauerseite, denn eine Bühnenmitte bietet nun mal – anders als eine Ringmatte – keinen Platz für zwei, zumindest in einem Biopic.
Unaufhaltsam ist seit dem 16. Januar 2025 auf Amazon Prime Video zu sehen
Stefan ist in der Nähe von Wolfenbüttel beheimatet, von Beruf Lehrer und arbeitet seit Mai 2024 bei Filmtoast mit. Seit seiner Kindheit ist er in Filme vernarrt. Seine Eltern haben ihn dankenswerterweise an Comics und Disneyfilme herangeführt. Bis zu seinem 8. Lebensjahr war es für ihn nicht nachvollziehbar, wie man Realfilme schauen kann. Aber nach der Sichtung des Films Police Academy und natürlich der Star Wars- Filme hat sich das geändert. Natürlich waren in seiner Kindheit auch die Supernasen, die Otto- und Didifilme Pflichtprogramm, denn worüber sollte man sonst mit den Anderen reden? Deswegen mag er einige dieser Filme bis heute und schämt sich nicht dafür.
Stefan setzt sich für die Erhaltung der Filmwirtschaft ein. Sei es durch Kinobesuche, DVD/ Blu- Ray/ UHD oder Streaming, je nach dem welches Medium ihm geeignet erscheint. Sein filmisches Spektrum und seine Filmsammlung hat sich dadurch in den letzten 30 Jahren deutlich erweitert, weswegen er sich nicht auf ein Lieblingsgenre festlegen kann.

