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Stronger

Basierend auf der gleichnamigen Autobiografie, erzählt Stronger von Jeff Bauman. 2013 gelangte dieser durch den Anschlag auf den Boston-Marathon zu unfreiwilliger Berühmtheit. Jake Gyllenhaal spielt die Rolle eines Durchschnittsamerikaners, der beide Beine verlor und trotzdem damit noch mitten im Leben steht.

TitelStronger
Jahr2018
ProduktionslandUSA
RegieDavid Gordon Green
DrehbuchJohn Pollono, nach der Autobiografie von Jeff Bauman und Bret Witter
GenreDrama
DarstellerJake Gyllenhaal, Tatiana Maslany, Miranda Richardson, Clancy Brown, Nate Richman, Lenny Clarke, Richard Lane Jr.
Länge119 Minuten
FSKAb 12 Jahren freigegeben
VerleihStudioCanal

Die Handlung von Stronger

Jeff Bauman (Jake Gyllenhaal) ist ein absoluter Durchschnittstyp, der noch bei seiner alkoholkranken Mutter Patty (Miranda Richardson) wohnt. Mehr als alles andere ist er aber darum bemüht, seine Langzeitfreundin Erin Hurley (Tatiana Maslany) nach der inzwischen dritten Trennung zurückzugewinnen.
Um ihr zu imponieren, bastelt er ein Banner, mit dem er sie beim Boston-Marathon, an dem Erin als Läuferin teilnimmt, anfeuern will.
Doch wird Jeff, der an der Ziellinie steht, bei der Veranstaltung von einem jungen Unbekannten beinahe umgerannt. Gleich darauf explodieren die dort in zwei Rucksäcken deponierten Sprengsätze. Diese reißen zwei Menschen in den Tod und verursachen rund 260 Verletzte.

Unter ihnen: Jeff, der nach dem Aufwachen im Krankenhaus feststellen muss, dass ihm beide Beine amputiert werden mussten.
Trotzdem ist er noch fähig, dem FBI eine Beschreibung des Täters zu geben, welcher kurz darauf mittels landesweiter Fahndung gefasst werden kann.
Fortan entwickelt sich Jeff zur Symbolfigur der Stadt Boston und der Bürgerbewegung Boston Strong. Doch fühlt er sich zusehends unwohler in seiner Rolle als amerikanischer Held…

Reale Terroranschläge als Vorlage für Kinofilme

Es gibt in der jüngeren Gegenwartsgeschichte wohl kaum etwas, was das 21. Jahrhundert so sehr geprägt hat wie die Terroranschläge auf das World Trade Center in New York. Der 11.09.2001 veränderte die moderne Welt, wie wir sie kannten, für immer und ließ Historiker schon kurz darauf von einem Amerika vor und nach 9/11 sprechen.
Doch wo das US-Kino etwa während des Vietnamkrieges oder der Kubakrise stets mit Heldenpathos reagierte und die Geburtsstunde von John Rambo, Chuck Norris und Co. einläutete, tat man sich schwer mit der künstlerischen Aufarbeitung jener Ereignisse, die sich tiefer in die amerikanische Seele gefressen zu haben schienen als alles andere zuvor.

Vier Jahre sollte es dauern, bis sich mit Oliver Stone ausgerechnet ein Filmemacher aus dem linkspolitischen Lager dazu aufraffen konnte, sich den Begebenheiten mit World Trade Center zu stellen. Noch im selben Jahr verschob Regisseur Paul Greengrass (Captain Philips, Das Bourne Ultimatum) den Fokus. Er schilderte mit Flug 93 die letzten Stunden an Bord eine jener Maschinen, die in die Twin Towers rasten.

Mit der filmischen Trauerbewältigung um den Bombenanschlag auf den Boston-Marathon 2013 erleben wir nun Ähnliches. Während Peter Berg sich in Boston mit den Sicherheitskräften vor Ort befasste und daraus einen Actionreißer machte, wählt David Gordon Green mit Stronger zugleich die Perspektive des Zuschauers und Opfers.

Jeff Bauman (Jake Gyllenhaal) ©StudioCanal

Ist Stronger ein klassischer Fall von Oscar-Bait?

Nun wäre die Geschichte von Jeff Bauman natürlich wie geschaffen für das Kino.
Die Mär vom amerikanischen Jedermann aus der Arbeiterschicht, der doch bloß seine Freundin an der Ziellinie anfeuern wollte und durch die Bombenexplosion beide Beine verlor. Das klingt schlicht nach einer Begebenheit, wie Hollywood sie kaum besser hätte schreiben können als das Leben selbst.
Wenig überraschend haftete an Stronger daher schon vor seiner Veröffentlichung der Vorwurf des Oscar-Baits, allem voran für Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal.
Ein auf den ersten Blick sicherlich nicht vollkommen unberechtigter Einwand und womöglich auch einer der Gründe für den Misserfolg des Films. Dieser floppte mit einem mageren Einspielergebnis von knapp acht Millionen Dollar weltweit.
Doch auch wenn nicht zuletzt die Trailer auf eine “Hollywoodisierung” der Ereignisse schließen lassen, so tut man dem eigentlichen Film damit Unrecht.

David Gordon Green, der zwischen zotigen Kifferkomödien wie “Ananas-Express” und “Your Highness” auch immer wieder Ausflüge ins Dramafach unternahm (Die Wahlkämpferin, Manglehorn) und diesen Monat in Halloween noch der Horrorlegende Michael Myers neues Leben einhaucht, beschwört mit Stronger nämlich zum Glück keinen amerikanischen Heldenmythos herauf.
Das mag für einen Streifen aus dem Independentsektor gar nicht mal ungewöhnlich sein, bedeutet in diesem Fall aber ungleich mehr.
Jeff Bauman ist jemand, der durch den Vorfall rasch zu unfreiwilliger Berühmtheit gelangte und sowohl von Medien als auch seinem familiären Umfeld immerzu in die Öffentlichkeit gedrängt wurde. Aus ihm in einem Biopic, basierend auf seiner Autobiografie “Stronger”, einen klassischen amerikanischen Helden zu machen, wäre geradezu einem Verrat an seiner Person gleichgekommen.

Emotional ja, pathetisch nein

Skriptautor John Pollono und Gordon Green verweigern sich jedoch weitgehend dieser Herangehensweise. Hier gibt es keine pathetischen, mit Klavierklängen untermalten Zeitlupenexzesse oder dergleichen. Das einschneidende Ereignis, den Anschlag auf den Boston-Marathon, verhandelt der Film bereits nach wenigen Filmminuten. Gordon Green inszeniert ihn konsequent weg: kurz, bündig und mehr als nüchternen Schreckmoment statt reißerisches Action-Inferno.

Erin (Tatiana Maslany) läuft den Boston Marathon. ©StudioCanal

Auch danach, etwa bei der Abnahme der Verbände von den notdürtig amputierten Beinstümpfen, spart sich Stronger unnötig unappetitliche Details. Kameramann Sean Bobbitt hält sein Objektiv zwar ähnlich im Moment fest wie schon im Sklavendrama 12 Years a Slave. Allerdings verbannt er das Geschehen in die Unschärfe und schafft damit im Vordergrund umso mehr Raum für emotionale Klarheit.

Jake Gyllenhaal – eine oscarverdächtige Performance

Verlassen kann sich Gordon Green in solchen Szenen aber ohnehin ganz auf seinen Hauptdarsteller. Jake Gyllenhaal (Life, Okja) kommt mit seinem immer noch recht jugendlichen Aussehen dem echten Jeff Bauman nicht nur erstaunlich nahe, er liefert auch eine in allen Belangen starke Performance ab.

Obwohl Jeff nach außen hin die Situation erstaunlich gut zu meistern und zu akzeptieren scheint, dabei auch immer wieder trockenen Humor beweist – z.B. wenn er sich einmal mit “Lieutanant Dan” aus Forrest Gump vergleicht – so gehen ganz andere Momente förmlich unter die Haut. Wenn Jeff in der – natürlich alles andere als barrierefreien – Wohnung seiner Mutter immer wieder stolpert, zusammenbricht, seine Schmerzensschreie auf dem Boden der Tatsachen erstickt. Gyllenhaal gelingt es hier mit Bravour, sein wahres Innenleben offenzulegen und mit seinem intensiven Spiel zu berühren.

Der unermüdliche Jeff Bauman (Jake Gyllenhaal) wird als Symbol einer verwundeten Stadt gefeiert. ©StudioCanal

Noch eindringlicher gelingt das aber in einer Schlüsselszene des Films. Beim Besuch eines Stadions soll Jeff symbolisch als Überlebender im Rollstuhl die Fahne schwenken.
Doch bricht mit den jubelnden Massen der Bürgerbewegung Boston Strong, die sich nach dem Anschlag formierte, auch das erlittene Trauma über ihn herein.
Obwohl dieser Moment ihn endgültig zur strahlenden Gallionsfigur verklären könnte, gewährt uns Stronger unmittelbar danach schonungslos den Blick hinter die Kulissen, wo Jeff plötzlich die Freundin von sich stößt und wahnhaft seinen früheren Schockzustand imitiert.

Die starken Nebendarsteller von Stronger

Neben dem preisverdächtig aufspielenden Jake Gyllenhaal, dem hier natürlich die meiste Aufmerksamkeit zuteil kommt, wissen aber auch die übrigen Darsteller zu gefallen.
Miranda Richardson als alkoholkranke Mutter Patty mag etwas überzeichnet agieren. Sie ist aber dennoch glaubwürdig als resolutes Familienoberhaupt, dass ihren Sohn unbedingt im Rampenlicht wissen will.
Als ihr klarer Gegenpol fungiert Erin. Die eher unbekannte Tatiana Maslany – manchen eventuell aus der Serie Orphan Black ein Begriff – überzeugt hingegen als fürsorgliche Exfreundin. Sie stellt ihr eigenes Leben mit einem Mal hinten an, verzweifelt bisweilen aber auch an Jeff.
Besonders im Zusammenspiel mit Gyllenhaal prallen ihr Pflichtgefühl und ihre Wut mit seiner Emotionspalette aus Hoffnung, Trotz und blankem Selbstmitleid zusammen und bringen starke Momente hervor.
Diese lebensnahe Aufrichtigkeit kann sich Stronger bewahren, sie hilft dem Film über so manche Länge hinweg und bleibt selbst dann bestehen, als David Gordon Green auf den allerletzten Metern schließlich doch noch mit großer Geste große Gefühle beim Publikum hervorlocken will.

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Das Fazit zu Stronger

Stronger ist zwar ein erzählerisch konventionelles Biopic, das aber dennoch überzeugt. Mit dem nötigen Feingefühl, Respekt sowie hervorragenden Darstellern liefert David Gordon Green ein unaufdringliches Drama ab, das zu Unrecht vom Kinopublikum verschmäht wurde. Und bei dem sich vielleicht jetzt umso mehr die Gelegenheit bietet, es angemessen zu würdigen.

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© Studiocanal Filmverleih

Dom Karnage

Name: Dominik König
Alter: 26
Bei Movic Freakz seit: Juni 2017
Aufgabengebiete: Film- und Serienkritik, Filmmusikrezeption
Bevorzugte Genres: Science Fiction (Cyberpunk), Fantasy, (Psycho-)Thriller, (schwarze) Komödie, Satire
Lieblingsfilme: Memento, Arsen und Spitzenhäubchen, The Dark Knight, Das Schweigen der Lämmer, There Will Be Blood, Die Truman Show, Zodiac – Die Spur des Killers, Der große Diktator, Die 12 Geschworenen, Prinzessin Mononoke
Über mich: Abspannsitzenbleiber, Originaltongucker wie Synchronverfechter. Fantasy- und Science Fiction Geek mit einer Vorliebe für verschachtelte Psychokisten, grelle Satire und bittersüße Ironie. Wannabe-Kritiker und Journalismusstudent. Als Kind der 90er träume ich von einer Zeit, als Trailer noch nicht den halben Film verrieten, visuelle Effekte nur ein Hilfsmittel waren und Hollywood wirklich mal die (Alb-)traumfabrik war. Dennoch sehe ich mich keineswegs als einer dieser "früher war alles besser" Pessimisten und kann mich am zeitgenössischen Kino ebenso erfreuen wie an als unumstößlich verklärten Klassikern. So bin ich ein Liebhaber von Filmen jeden Alters, unterschiedlichster Herkunft und Genres, ausgenommen die der Heimatfilmwelle der Nachkriegszeit und deren Reinkarnation in Form von Til Schweiger. Als Befürworter intelligenten Mainstreams glaube ich felsenfest an eine sinnstiftende Verschmelzung von Unterhaltung und Kunst im Medium Film und dabei an die fortwährende Auseinandersetzung mit sich selbst, Gott und der Welt. Und natürlich, dass Spaß und Anspruch sich nicht gegenseitig ausschließen müssen. Also: Why So Serious?

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