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Frances McDormand als Fern sitzt im Camp mit anderen Nomaden auf Stühlen

Nomadland

Sechs Oscarnominierungen und letztendlich drei Auszeichnungen konnte Nomadland 2021 bei den 93. Academy Awards abstauben. Dabei ist der neue Film von Chloé Zhao kein makelloses Meisterwerk – warum, erfahrt ihr hier!

NOMADLAND (2021) HD Trailer

TitelNomadland
Jahr2020
LandUSA
RegieChloé Zhao
DrehbuchChloé Zhao
GenreDrama
DarstellerFrances McDormand, David Strathairn, Linda May, Charlene Swankie
Länge108 Minuten
FSKab 0 Jahren freigegeben
Verleih20th Century Studios
Das DVD Cover von Nomadland mit FSK 0 Aufkleber
Die DVD-Version von Nomadland © 20th Century Studios

Die Handlung von Nomadland  

Nachdem ihr Mann gestorben ist und ihre Heimatstadt Empire nach der Schließung des größten Arbeitgebers quasi von der Landkarte getilgt wurde, lebt Fern (Frances McDormand) in einem aus- und umgebauten Van. Mit ihm reist die schon 60-jährige durch die USA von Saisonarbeit zu Saisonarbeit, um das nötige Geld zum Leben zu verdienen. Putzen im Nationalpark, Pakete packen bei Amazon und was sich sonst noch so auf der Durchreise organisieren lässt.

Es ist ein einsames, entbehrliches, aber auch reizvolles Leben. Denn Fern ist alles andere als obdachlos, sondern lediglich „hauslos“. Sie lebt gewissermaßen den alten Traum der Pioniere, die die schier unendlichen Weiten Amerikas durchstreiften und dabei ein echtes Gefühl von Freiheit erlebten.

Freunde und Verwandte aus der Heimat hat sie zwar zurückgelassen, dafür findet sie immer wieder Zusammenhalt, Herzlichkeit und Freundschaft bei den großen alljährlichen Zusammentreffen der Nomaden in der Wüste im Süden der USA. So verbindet alle Camper die gemeinsame Hoffnung, dass man sich Jahr für Jahr „down the road“ gesund und munter wiederfindet…

Frances McDormand als Hauptfigur Fern schaut mit kurzen windzerzausten Haaren in die Kamera, hinter ihr weites unbebautes Land
Die herausragende Hauptdarstellerin von Nomadland: Frances McDormand © 20th Century Studios

Von Arthouse zu Marvel: Chloé Zhao

Mit gut einjähriger Verspätung dürfte es Anfang November endlich soweit sein und Eternals, der 26. Kinofilm des MCU, erscheinen. Dabei feiert mit Chloé Zhao eine Regisseurin und Drehbuchautorin ihr Debüt bei Marvel, die dem breiten Publikum noch kein Begriff sein dürfte.

Die in den USA tätige Chinesin brachte sich für den Blockbuster selbst ins Gespräch, als Visitenkarte dienten dazu quasi ihre ersten beiden Independent-Langfilme Songs My Brother Taught Me (2015) und The Rider (2017), die zu echten Festivallieblingen avancierten. Mit Nomadlandder noch kurz vor den Dreharbeiten zu Eternals im Winter 2019/2020 realisiert wurde, unterstreicht sie noch einmal ihre eigene markante Handschrift als Filmemacherin.

So erzählt Zhao vorzugsweise vom alltäglichen Leben von Menschen am Rande der Gesellschaft, auf die sonst kaum ein Licht fällen würde. Dabei setzt sie auf echte Geschichten beziehungsweise authentische Milieus – so authentisch, dass ihre Figuren meist von Laiendarsteller:innen gespielt werden, die wirklich dieses Leben führen. Entsprechend zurückhaltend, geradezu dokumentarisch-beobachtend bebildert die Kamera in Zhaos Filmen diese sozusagen nachgespielte Realität. Poetisch wird die Bildsprache nur, aber dann so richtig, wenn es um beeindruckende Naturaufnahmen geht. Es wird spannend zu sehen sein, ob und wie viel ihres persönlichen Stils in den Marvel-Blockbuster einfließen durfte. Nomadland ist in jedem Fall noch ein typischer Zhao-Film mit einer nicht unwichtigen Besonderheit im Cast.

Ein Superstar unter echten Nomaden

Statt voll und ganz auf Laiendarsteller:innen oder weitestgehend unbekannte Schauspieler:innen zu setzen, kommt Nomadland in der Hauptrolle (und einer Nebenrolle) doch mit großer Starpower daher. Einer der drei Oscars für Nomadland und zwar der für die beste weibliche Hauptrolle hat noch einmal dick unterstrichen, was ohnehin schon bekannt war: Frances McDormand ist eine fantastische Schauspielerin und wahrscheinlich sogar die beste dieser Zeit.

Frances McDormand als Fern sitzt im Camp mit anderen Nomaden auf Stühlen
Alleine auf der Straße, aber gemeinsam unter Gleichgesinnten im Camp © 20th Century Studios

Dass ihr bei ihrer besonderen Rolle keinerlei Allüren im Wege standen, bestätigen die Umstände der Dreharbeiten. Denn Zhao und ihr Team fuhren sechs Monate lang durch Teile der USA, um vor Ort mit echten Nomaden zu drehen und zu leben. McDormand, die selbst einmal davon träumte, als Aussteigerin alles hinter sich zu lassen, adaptierte diesen Lebensstil mit bemerkenswerter Bereitschaft. Außer David Straithairn (Godzilla, Lincoln) spielen Zhao-typisch alle weiteren Figuren sich selbst – und das mit absolutem Erfolg. Neben der herausragenden Schauspielkunst von Frances McDormand punktet hier die schiere Authentizität.

Ein melancholisch leiser Film

Im Großen und Ganzen besitzt Nomadland keine klar ausdefinierte Handlung, die über verschiedene Entwicklungsschritte auf ein Ziel zuläuft. Als groben zeitlichen Rahmen begleiten wir Fern für etwa ein Jahr, wie sie verschiedene Gelegenheitsjobs übernimmt. Die Kamera ist ihr stetiger, unscheinbarer Begleiter, der einerseits die Enge im Van, aber andererseits die majestätische Weite des amerikanischen Hinterlandes einfängt.

Eine nacktbadende Frances McDormand, eine an einen Zaun mitten im Nirgendwo pinkelnde Frances McDormand, eine gefühlt minutenlang über einen Campingplatz schlendernde Frances McDormand – Nomadland zeigt diesen banalen Alltag mit einer ungekünstelten Selbstverständlichkeit. Mit jeder Minute sollen die Zuschauer:innen tiefer in diesen ungewöhnlichen Lebensstil hineinsinken. Aus unzusammenhängenden Episoden setzt sich so mosaikartig ein Gesamtbild von Ferns Leben als Nomadin zusammen.

Laiendarstellerin Linda May im Halbdunkeln mit Sonnenuntergang im Hintergrund
Linda May – eine Laiendarstellerin, die sich selbst spielt © 20th Century Studios

Die vorherrschende Stimmung im Film ist allerdings sehr gedrückt, auch wenn der Zusammenhalt unter den Camper:innen durchaus zu rühren weiß. Wenn Fern ganz alleine auf einem Parkplatz Silvester feiert oder mal wieder den erstbesten, niederen Job annehmen muss, den sie finden kann, durchweht den Film eine belastende Schwere. Nomadland ist also ein ruhiger, schwermütiger und einfach spezieller Film, der von vorneherein ausschließt, jedem Menschen zu gefallen.

Ein romantisierender, unpolitischer Film

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass Nomadland strenggenommen kein originärer Stoff ist, sondern auf dem Buch Nomadland – Surviving America in the Twenty-First Century von Jessica Bruder basiert. In diesem zeichnet die angesehene Journalistin anhand des auch im Film gezeigten Nomadenlebens ein erhellendes Bild von der Schattenseite der amerikanischen Wirtschaft. Denn erschreckend viele Amerikaner:innen im Rentenalter, egal ob sie in ihrem Berufsleben in Politik, Lehramt oder im Gastgewerbe tätig waren, müssen ihren Lebensabend durch Saisonarbeit finanzieren. So bildet sich ein riesiger Pool an Wanderarbeiter:innen, den ganz prominent auch Amazon für logistische Tätigkeiten in den riesigen Lagern nutzt.

Ein weißer Van fährt auf einer einsamen Straße im unbebauten Land
Ein Leben im Van und auf der Straße © 20th Century Studios

Dass Zhao in ihren Filmen gerne Außenseiter:innen, Randgruppen oder gesellschaftlich Benachteiligte in den Fokus stellt und damit in der breiten Öffentlichkeit sichtbar macht, erscheint vor diesem realen Hintergrund deutlich problematischer als bisher. Denn so stolz, widerstandsfähig und sympathisch die Nomaden in ihrem anspruchsvollen Leben dargestellt werden, so hallt doch die systemkritische Frage im Hinterkopf, wer von diesen älteren Menschen dieses Leben führen muss, sich dazu genötigt oder zumindest durch Umstände dazu gedrängt sieht. Gerade Amazon bleibt hier – trotz der erschreckenden Einblicke in die Arbeitsbedingungen in Bruders Buch – vollkommen kritikfrei.

Diese Diskrepanz, ein solches ungewöhnliches Leben zu würdigen und es eigentlich gleichzeitig in Frage stellen zu müssen, umschifft Nomadland weitestgehend durch seinen Überhang an atemberaubenden Landschaftsaufnahmen, die das schillernde Freiheitsgefühl „on the road“ untermalen. Am Ende war es Zhaos persönliche Entscheidung, ihren Film nicht zu politisch zu machen. In einer Zeit, in der die USA in tiefen politischen Grabenkämpfen steckt, wollte die Immigrantin lieber existenzielle Themen ansprechen, die uns alle als Menschen miteinander verbinden.

Unser Fazit zu Nomadland 

Trotz ihrem Aufstieg zur Marvel-Regisseurin bleibt Chloé Zhao in Nomadland noch einmal ihrem etablierten Stil treu: Mit größtenteils Laiendarsteller:innen und dokumentarisch-beobachtender Kamera führt sie uns das entbehrliche, aber dennoch erfüllte Leben von amerikanischen Wanderarbeiter:innen vor Augen. Dabei trumpft Frances McDormand als Fixpunkt im bunten Treiben zwischen Pickups, Vans und Wohnwagen wieder ganz groß auf.

Leider verliert sich Nomadland in der zweiten Hälfte ein Stück weit in seinen poetisch anmutenden Naturaufnahmen, ohne wirklich noch etwas Neues zu erzählen. Dabei schmerzt es zudem, dass Zhao sich lieber für eine romantisierende Betrachtung dieser gesellschaftlich Benachteiligten entscheidet und die so brisante politische und wirtschaftliche Dimension der Buchvorlage nahezu unbespielt lässt.

Nomadland ist am 30. September auf DVD & Blu-ray erschienen!

Unsere Wertung:

 

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© 20th Century Studios

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