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Pain Hustlers

Die Opioid-Krise in den Vereinigten Staaten hat nicht nur große wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen für die Amerikaner mit sich gebracht, sondern inzwischen auch mehrere fiktionalisierte Verfilmungen angestoßen. Trägt auch Pain Hustlers etwas zur Aufarbeitung bei oder verfehlt David Yates tonal sein Ziel?

Pain Hustlers | Emily Blunt und Chris Evans | Offizieller Teaser | Netflix

TitelPain Hustlers
Jahr2023
LandUSA
RegieDavid Yates
DrehbuchWells Tower
GenreKrimiKomödie
DarstellerEmily Blunt, Chris Evans, Catherine O’Hara, Chloe Coleman, Jay Duplass, Brian d’Arcy James, Amit Shah, Aubrey Dollar, Willie Raysor, Andy Garcia
Länge122 Minuten
Altersempfehlungab 16 Jahren freigegeben
StreamingdienstNetflix
Poster zu Pain Hustlers
Poster zu Pain Hustlers © Netflix

Pain Hustlers – Die offizielle Handlungsangabe

Liza Drake (Emily Blunt) ist eine alleinerziehende Mutter, die gerade ihren Job verloren hat und mit den Nerven am Ende ist. Durch eine Zufallsbegegnung mit dem Pharmareferenten Pete Brenner (Chris Evans) kommt sie zwar wirtschaftlich wieder auf einen grünen Zweig, gerät dabei jedoch in ein ethisches Dilemma, da sie immer tiefer in gefährliche kriminelle Geschäfte verstrickt wird. Als ihr Boss (Andy Garcia) immer unberechenbarer wird, sich der Gesundheitszustand ihrer Tochter (Chloe Coleman) verschlechtert und sie sich immer mehr der verheerenden Folgen, die das Unternehmen verursacht, bewusst wird, muss Liza ihre Entscheidungen überdenken.

Andere Perspektive, gleiche Krise

In kurzem Abstand sind in den letzten Monaten bereits zwei Netflix-Produktionen erschienen, die sich der Opioid-Krise auf sehr unterschiedliche Weise annäherten: Painkiller als leicht überdramatisierte, aber im Kern doch fast dokumentarische Aufarbeitung und die Flanagan-Serie The Fall of the House of Usherdie sich dem Thema mit Horror-Anstrichen und im Gewand einer Poe-Verfilmung widmete. Nun kommt Harry-Potter-Regisseur David Yates daher und schnappt sich einige namhafte Stars, um sich dem Pillen-Skandal mit satirischer, vielleicht sogar zynischer Note anzunehmen. Das erinnert doch auf den ersten Blick stark an ebenfalls von Netflix stammende Filme der letzten Jahre, bei denen auch große Gesellschafts-/Wirtschaftskrisen mit einer Mischung aus Kriminalgeschichte und schwarzem Humor unterhalten und irgendwie auch informieren sollten.

Sowohl beispielsweise The Laundromat, als Aufarbeitung der Panama-Papers-Geschichte, als auch I Care a Lotwo Rosamunde Pike den Finger in die Wunde der marodierten Sozialsysteme der USA legte, hatten mir ihrer tonalen Mischung eher verhaltene Publikums- wie Kritikerreaktionen hervorgerufen. Diese Experimente waren Netflix wohl nicht Warnung genug, denn tatsächlich versuch auch Pain Hustlers exakt auf diese Weise nun zu punkten.

Möchte gerne Big Short sein, …

… schlägt dabei aber übers Ziel hinaus – und am Thema vorbei. Das fängt schon beim Schauspiel an. Seit seinem Avengers-Ruhestand setzt Chris Evans zu sehr auf seine Person als Alleinstellungsmerkmal und vergisst dabei, dass Schauspielen mehr ist als Selbstinszenierung. Vergleicht man seine Rolle hier mit den allzu offensichtlichen Vorbildern, Leo DiCaprio in Wolf of Wall Street oder Christian Bale in The Big Short, dann fällt doch schnell und unangenehm auf, wie viel Evans hier hinter seinen Kollegen zurückstecken muss. Die Selbstironie wirkt immer aufgesetzt und gekünstelt, viele Sätze klingen wie abgelesen. Nachdem bereits The Gray Man offenbarte, dass Evans im Gegensatz zu vielen ebenfalls für ihre Erscheinung verpflichteten Superhelden-Klassenkameraden in Sachen Nuanciertheit limitiert ist und Emotionen nur mit den großen Gesten statt über feines Spiel auszudrücken vermag, festigt Pain Hustlers diesen Eindruck.

Genau genommen hatten wir mit der Opiod-Krise gar nichts zu tun.

Da tut einem dann Emily Blunt fast leid. Denn die Quiet-Place-Darstellerin nimmt ihre Rolle hier extrem ernst, versteht die Geschichte tatsächlich als Sozialdrama – und steht damit nahezu allein auf weiter Flur. In dieser zweistündigen Produktion kollidieren diametrale Tonarten, stellvertretend machen dies die beiden Stars im Cast deutlich. Während Evans die fast schon satirische Seite des Films als Persiflage der Branche verkörpert und damit wie in einem Adam-McKay-Werk spielt, könnte man Blunts Figur fast in einer Todd-Haynes-Verfilmung wie Vergiftete Wahrheit sehen.

Amit Shah als Paley, Emily Blunt als Liza und Chris Evans als Brenner
Amit Shah als Paley, Emily Blunt als Liza und Chris Evans als Brenner © Netflix

Vergebene Chance, verschwendete Zeit

Auch die ebenfalls Big Short entliehenen Off-Erklär-Einschübe wirken eher unfreiwillig bemüht und deplatziert. Der Humor funktioniert kaum und die Story leidet unter der Unausgewogenheit extrem. Das wird weder dem Thema, also der Opiod-Krise und dem Sozialgefälle in den Staaten, gerecht noch kann man sich in die individuellen Schicksale einfühlen. Die Dynamik zwischen Blunt und Evans funktioniert bisweilen sogar noch ganz gut. Der Film legt immer wieder den Finger in die Wunde der Bereicherungssucht vieler US-Amerikaner und der Skrupellosigkeit der ganzen Wirtschaft. Das Herzstück, also die Mutter-Tochter-Beziehung von Blunt und Chloe Coleman, kommt dadurch aber unter die Räder, der emotionale Anker fällt damit aus.

Sich den moralischen Dilemmata aus einer eher schwarzhumorigen Richtung zu nähern hätte Potenzial gehabt, da man von quasi-dokumentarischen Pharma-Branchen-Anklagen schon genug gezeigt hat. Doch, wie beschrieben, legt sich David Yates nie wirklich fest, was sein Film eigentlich sein soll. So ist er am Ende vor allem auch zu lang, zäh und eigentlich überflüßig.

Unser Fazit zu Pain Hustlers

Auch wenn man einen Star-Cast begeistern konnte, um mit einer Branche oder gar einem Wirtschaftssystem abzurechnen, reichen satirische Einschübe und eine nicht greifbare Familiengeschichte nicht aus, um Pain Hustlers zu einem weiteren sinnvollen Beitrag in der Opioid-Debatte zu machen. Leider ist der Film eine herbe Enttäuschung. Das Bitterste ist, das man am Ende sogar Netflix-Abonnenten eher noch die Serie Painkiller nahelegen muss, wenn man nach Dopesick das Thema aus einer weiteren Perspektive erkunden will.

Pain Hustlers läuft seit dem 27. Oktober 2023 bei Netflix!

Unsere Wertung:

 

 

 

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Zuletzt aktualisiert am 22. Oktober 2023 um 12:02 . Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.
Pain Hustlers: Crime and Punishment at an Opioid Startup Originally published as The Hard Sell
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© Netflix

Jan Werner

Daheim in Oberfranken und in nahezu allen Film- und Serienfranchises, schaut Jan mehr als noch als gesund bezeichnet werden kann. Gäbe es nicht schon den Begriff Serienjunkie, er hätte bei über 200 Staffeln im Jahr für ihn erfunden werden müssen.

Doch nicht nur das reine Konsumieren macht ihm Spaß, das Schreiben und Sprechen über das Gesehene ist mindestens eine genauso große Passion. Und so ist er inzwischen knapp fünf Jahre bei Filmtoast an Bord und darf hier seine Sucht, ähm Leidenschaft, ausleben. Die wird insbesondere von hochwertigen HBO- und Apple-Serien immer wieder aufs Neue angefacht und jeder Kinobesuch hält die Flamme am Lodern.

Es fällt Jan, wie ihr euch bestimmt wegen der Masse an Geschautem vorstellen könnt, schwer, Lieblingsfilme, -serien oder auch nur Genres einzugrenzen. Er ist und bleibt offen für alles, von A wie Anime bis Z wie Zack Snyder.

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