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Tom Sturridge als Morpheus a.k.a. Dream zwischen Wellen

Sandman

Kaum ein Comic übt auf die Leser seit Erscheinen so eine Faszination aus, wie die Vorlage der neuen Netflix-Fantasyserie Sandman. Ist es dem Streamingdienst gelungen Neil Gaimans ikonischem Werk gerecht zu werden?

Sandman | Offizieller Trailer | Netflix

TitelSandman
Jahr2022
LandUSA
RegieJamie Childs, Mike Barker, Mairzee Almas, Andrés Baiz, Coralie Fargeat, Louise Hooper
DrehbuchAllan Heinberg, Neil Gaiman, David S. Goyer, uvm.
GenreSerien (Fantasy)
DarstellerTom Sturridge, Boyd Holbrook, Patton Oswalt, Vivienne Acheampong, Gwendoline Christie, Charles Dance, Jenna Coleman, David Thewlis, Stephen Fry, Kirby Howell-Baptiste, Mason Alexander Park, Donna Preston, Vanesu Samunyai, John Cameron Mitchell, Asim Chaudhry, Sanjeev Bhaskar, Joely Richardson, Niamh Walsh, Sandra James Young, Razane Jammal
Länge10 Folgen jeweils ca. 60 Minuten
FSKab 16 Jahren freigegeben
VerleihNetflix
Das Poster zeigt Dream im Mittelpunkt und die anderen Figuren rundherum angeordnet. Sandman
Das Poster zur Comicverfilmung © Netflix

Sandman  – Die offizielle Handlungsangabe

In einer vielschichtigen Mischung aus modernem Mythos und düsterer Fantasy, bei der zeitgenössische Literatur, historisches Drama und Legende nahtlos miteinander verwoben sind, erzählt Sandman von den Menschen und Orten, die mit dem Traumkönig Morpheus in Berührung kamen. Dieser steht vor der großen Aufgabe, die kosmischen und menschlichen Fehler auszubügeln, die er in seiner unermesslichen Existenz begangen hat.

Spoilerfreie Kritik zu Staffel 1 von Sandman

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der ganzen ersten Staffel der neuen Serie. Die Kritik soll dazu dienen, den Lesern eine Hilfestellung bei der Entscheidung zu geben, ob sich auf Basis des Gesamteindrucks hierzu ein Blick lohnt. Trotzdem wird auf Handlungsdetails und überraschende Wendungen, die vor allem Nicht-Kenner der Vorlagen wirklich beeindrucken können, natürlich nicht näher eingegangen. 

Mutiger Ansatz – inhaltlich und audiovisuell

Verfilmungen von Vorlagen – sei es nun ein Anime oder ein Comic – mit Kultstatus sind nie ohne Fallhöhe. Die Adaption von Cowboy Bebop  stieß vor nicht allzu langer Zeit auf wenig Gegenliebe, während auf der anderen Seite mit der Cuphead Show ziemlich der Nerv der Fans getroffen werden konnte. Netflix Arbeit in diesem Bereich ist ein ständiges Auf und Ab. Die Freibeuter und Strohhutbandenanhänger sahen ihr geliebtes Schiff in der Realfilmversion von One Piece bereits mit den ersten Infohappen sinken und auch die weltweite Fangemeinde von Sandman hielt ihre Skepsis nicht hinter dem Berg. Speziell bei diesem Projekt kommt noch eine gefühlt endlose Tour de Force der Entwicklung hinzu, ehe sich letzten Endes der Streaminggigant in Kooperation mit den Studios von Warner Bros. der DC-Comic-Vorlage widmen konnte. Wurde, was lange währt, nun aber gut?

Wenn man den Machern eines schon innerhalb weniger Minuten nicht vorwerfen kann, dann ist es mangelnder Mut. Angefangen bei der Besetzung der ikonischen Figuren über einen sehr – positiv ausgedrückt – gewöhnungsbedürftigen Look bis hin zu einem Erzählrhythmus, der sich auch schwer an gängigen Konventionen orientiert. Diese Serie wird die Zuschauerschaft spalten. Die Macher haben, angesprochen auf die ersten sechs Folgen der Serie, schon betont, dass diese für sie wie sechs kurze, einzeln zu betrachtende Filme seien. Nachdem man die Episoden gesehen hat, weiß man, dass hier nicht übertrieben wurde. Doch leider sind diese sechs „Kurzfilme“ auch ziemlich inkonsistent im Bezug auf ihre Qualität.

Für Nichtkenner der Vorlage überfordernder Einstieg

Sandman ist eines dieser literarischen Werke, dass schon gerne mal als „unverfilmbar“ eingeordnet wurde. Und schon in den ersten Folgen gibt es mehrfach Szenen in denen man merkt, dass daran womöglich doch mehr dran war, als Netflix lieb sein dürfte. Beim Versuch der Vorlage so treu wie möglich zu bleiben, greift man immer wieder auf filmische Mittel zurück, die dafür aber eher ungelenk und deplatziert wirken. Dadurch wirkt die Inszenierung mitunter prätentiös. Und je weniger man sich mit der Vorlage bislang auseinandergesetzt hat, desto stärker bleibt dieser Eindruck auch über weite Strecken haften.

Für das Mainstream-Publikum ist diese Adaption nicht geschaffen. Man hat sich auch keinerlei Mühe gegeben den Nicht-Kennern etwas entgegen zu kommen, in dem man beispielsweise zur Vereinfachung Figuren, die teilweise mehrere Namen haben, auf einen dieser zu reduzieren. Es gibt auch einige Erklärdialoge oder gar ganze Sequenzen, die den Status Quo aus dem Off beschreiben. Nichtsdestotrotz hält man sich auch gern mal an „Show, don’t tell“. Ohne sich nicht zumindest vor dem Einstieg mit der Materie rudimentär vertraut zu machen, wird man allein von der massiven Informationsflut und dem komplexen World Building in den ersten Folgen komplett überrumpelt.

Mason Alexander Park als Desiree im schwarzen Kleid vor rotem Untergrund.
Mason Alexander Park als Desire © Netflix

Nicht jede Folge überzeugt, aber die starken dafür umso mehr

(Disclaimer: Wir bekommen von Netflix zu Serie manchmal einen Screener bei dem die Postproduktion noch nicht endgültig abgeschlossen war. Dementsprechend bezieht sich in einem solchen Fall die Beurteilung auf den Status Quo der digitalen Nachbearbeitung zum Zeitpunkt an dem der Rezensent die Produktion sehen konnte)

Wie oben bereits geschrieben schwankt die Güte der Folgen auf mehreren Ebenen. Und auch die Effekte aus den Rechnern sind mal mehr, mal weniger gelungen. Insgesamt ist die Optik schon auf ihre Art innovativ und ein spannender Ansatz, um der Ästhetik der Vorlage näher zu kommen. Das resultiert dann unter anderem in der Verwendung von Fish-Eye-Objektiven, wodurch einige Bilder verzerrt und viele Charaktere unmenschlich lang gestreckt aussehen. Hat man sich hieran aber einmal gewöhnt, hat diese visuelle Spielerei, genau wie die Dutch Angles oder die schlafwandlerischen Kamerabewegungen durchaus ihren Reiz. Diese Stilmittel passen sehr gut zur Grundthematik und dem Setting von Sandman. Und dies ist nun mal das Träumen – und Träume können surreal sein.

Die teils pro Folge abgeschlossenen Geschichten in den ersten Folgen werden zwar von der Handlung rund um Hauptfigur Dream verbunden. Trotzdem sind die Einzelgeschichten der Episoden nicht alle gleich interessant. Auch in der Tonalität unterscheiden sich die Kurzgeschichte. Die besseren hiervon gehen emotional wirklich nahe und regen zum Nachdenken über philosophische Fragen an. Die schlechteren hingegen wirken dann fast wie billige Kopien aus anderen Fantasyserien und sorgen dafür, dass die Serie im Gesamten einen inkonsistenten Eindruck hinterlässt. Ab der siebten Folge konzentriert man sich dann aber doch mehr auf Dream und Rose Walker. Dann spielt die Comicadaption ihre philosophische Prämisse – die Gefahr sich in Traumwelten zu verlieren – voll aus.

Sandman eher blass, die Begleiter ambitioniert

Einer der großen Kritikpunkte der eingeschworenen Fangemeinde an der Besetzung betraf die Wahl von Tom Sturridge als Titelfigur. Und leider muss man den Befürchtungen zumindest ein Stück weit recht geben: Der Darsteller gibt sich sichtlich Mühe etwas außerweltliches in seiner Darbietung zu verkörpern. Er wirkt mitunter emotional erkaltet und distanziert und passt eigentlich so auch zur Vorlage. Und trotzdem ist es nunmal für eine Serie wie ein Stock in den Speichen, wenn die Hauptfigur rein gar keine Sympathien verströmen kann.

Zum Glück ist der Cast von Sandman aber gespickt mit äußerst interessanten Schauspieler:innen, die dieses Manko etwas abfedern können. Zu loben sind insbesondere Kirby Howell-Baptiste, die die zu einer weiblichen Figur adaptierte Version des Todes spielt und Boyd Holbrook (Logan) als entflohener, manifestierter Albtraum, Corinthian, der wie kaum ein anderer derzeit binnen weniger Szenen glaubhaft das Publikum von seinem Wahnsinn zu überzeugen weiß. Und David Thewlis, der mit seiner manischen Suche nach absoluter Wahrhaftigkeit die Welt ins Chaos stürzen will, legt wie in Fargo eine Performance an den Tag, die einen beim Zuschauen auch zu jeder Zeit ein unbehagliches Gefühl einzuflößen weiß. Der gesamte Cast ist allerdings so groß, dass man gar nicht alle guten Leistungen herausstellen kann ohne den Rahmen zu sprengen.

Mason Alexander Park als Desire übermenschlich groß zwischen den Wolken im Himmel. Sandman
Mason Alexander Park als Desire © Netflix

Unser Fazit zu Sandman

Sandman ist ambitioniert und wird deswegen nicht allen schmecken. Am langen Weg bis die Haupthandlung richtig Fahrt aufnimmt werden sich ebenso die Geister scheiden, wie an der stoischen Hauptfigur. Doch die visuelle Gestaltung passt exzellent zur Traumwelt-Thematik, der Cast ist gespickt mit talentierten Schauspieler:innen und die philosophischen Fragen, die schon die Vorlage so herausragend gemacht haben, werden auch hier im Verlauf auf innovative Art verhandelt. Die erste Staffel macht Lust auf mehr, lässt einen beim Schauen selbst in Traumwelten versinken und gibt der ein oder anderen mythologischen oder historischen Erzählungen eine neue Perspektive. Gaimans Comics sind schwer ins Bewegtbild-Medium zu übertragen. Das haben schon American Gods oder Good Omens gezeigt. Aber allen Befürchtungen zum Trotz ist das, was man hier aus der Vorlage gemacht hat, eine der interessantesten Fantasyserien der letzten Jahre geworden, die ihr Potenzial womöglich erst in den nächsten Staffel voll ausspielen kann.

Die erste Staffel von Sandman ist ab dem 5. August komplett bei Netflix abrufbar!

Unsere Wertung:

 

 

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